»Nicht humaner als Giftgas«
Die Neutronenbombe ist die Kombination einer Kern-Verschmelzung mit einer Spaltbombe. Das Verhältnis von Spaltung zu Verschmelzung variiert leicht zwischen den Versionen für die Lance-Rakete, die Acht-Zoll- und die 155-mm-Granate. Die Vorgänge bei der Explosion sind jedoch jeweils dieselben. Die Kern-Spaltung zündet die Kern-Verschmelzung. Die Verschmelzung setzt viele schnelle Neutronen frei (daher »Neutronenbombe"). Dies ist der fundamentale Unterschied zwischen der Neutronenbombe und anderen Atomwaffen geringer Wirkung, bei denen die Spaltung dominiert.
Die Hauptsorge vieler Nato-Militärexperten ist ein Blitzkrieg der Sowjets oder des Warschauer Pakts im nördlichen Westdeutschland. Nach unseren Kenntnissen über das sowjetische RÜstungspotential ist zu vermuten, daß solch ein Angriff, falls er tatsächlich eintritt, Tausende von Panzern als Hauptstoßkraft dieser Offensive erfordert. Einige Militärfachleute sind der Meinung, daß die Nato solch einer Offensive nur mit nuklearen Waffen begegnen kann. Dies ist ein heiß diskutierter Streitpunkt.
Jahrelang haben die Militärs darauf hingewiesen, daß ein Einsatz der normalen Atomwaffen in West-Europa unsinnig sei, besonders wegen ihrer relativ hohen Sprengkraft. Einige von ihnen sind weit stärker als die Atombombe auf Nagasaki am Ende des Zweiten Weltkriegs, die eine Sprengkraft von 20 Kilotonnen (KT) hatte.
Sie wären zwar geeignet, einen sowjetischen Panzerangriff abzuwehren. aber die bisherigen Atomwaffen würden ebenso Nato-Scldaten und deutsche Zivilisten töten, außerdem weite Bereiche in Deutschland zerstören und verseuchen. Die direkte und die Rest-Strahlung würde die Besetzung und Bewohnbarkeit des betroffenen Gebietes fu lange Zeit unmöglich machen.
Mit der Neutronenbombe dagegen verfolgt das Militär eine andere Taktik: Die gegnerischen Soldaten werden in ihren Panzern getötet, anstatt daß die Panzer selbst zerstört werden. Diese Möglichkeit bieten die Sprengköpfe mit verstärkter Neutronenstrahlung.
Die Strahlendosis wird gemessen in »rad"*. Ein »sofortiges und dauerhaftes Lahmlegen«, wie es kürzlich bei Versuchen an Affen erzielt wurde erfordert 8000 Grad. Da moderne Panzer
* rad = radation absorbed dose: Maßeinheit für die durch Strahlung aufgenommene Energie.
einen Strahlenschutz etwa von einem Faktor 0,5 haben, müssen die Panzer einer direkten Strahlungsstärke von 16 000 rad ausgesetzt werden.
Eine Person, die einer Strahlung von 8000 rad ausgesetzt war, wird innerhalb von fünf Minuten gelähmt. Sie bleibt unfähig, irgendwelche Aufgaben zu erfüllen, die eine Bewegung erfordern, bis sie nach ein oder zwei Tagen stirbt.
3000 rad lähmen ebenfalls innerhalb fünf Minuten, das Opfer erholt sich jedoch teilweise in der nächsten halben Stunde. Es ist aber weiterhin zu völliger Hilflosigkeit verdammt und stirbt nach vier bis sechs Tagen.
650 rad führen innerhalb zwei Stunden zu starken Beeinträchtigungen der Körperfunktionen. Medizinische Behandlung mag hier schon sinnvoll sein. Wahrscheinlich ist aber ein qualvolles Dahinsiechen mit körperlichem Verfall, der mit dem Tod nach ein paar Wochen endet.
Diese fürchterlichen Wirkungen beruhen auf der Ionisationswirkung der Strahlung im biologischen Gewebe, hervorgerufen durch die indirekte Wirkung der Neutronen. Die Ionisation zerstört zum Beispiel die komplizierten organischen Moleküle in den Chromosomen, bläht den Zellkern auf, vergrößert die Viskosität der Zellflüssigkeit und die Durchlässigkeit der Zellwand. Symptome von Strahlenschäden sind Brechreiz, unkontrollierte Bewegungen und Lähmungen. Der Tod tritt meist durch Aussetzen der Atmung ein.
Das Ziel der Neutronenbombe ist, die Strahlendosis über ein großes Gebiet zu verteilen, viel weiter als eine gleichstarke Spaltbombe. Dies ist der Grund, warum einige Militärexperten die Neutronenbombe vorziehen.
Das stärkste für die Neutronenbombe sprechende Argument -- aus der Sicht der Nato -- war, daß die Neutronenbombe die Nebenwirkungen bei einer nuklearen Explosion vermindere, daß also die Druck-, Hitze- und radioaktiven Wirkungen weniger dominierend wären. Einige Bürger, vor allem in Friedensgruppen, verabscheuen gerade diesen Aspekt der Waffe. Sie sehen in der Neutronenbombe den Todesstrahl, der Leben tötet und die toten Dinge schont.
Sowohl die militärische Rechtfertigung als auch die Verteufelung durch die Friedensgruppen sind irreführend.
Neutronenbomben, in denen gegenüber taktischen Atomwaffen die Fusion überwiegt, sind nicht etwa fast eine reine Wasserstoffbombe, wie es in vielen Berichten der Massenmedien heißt. Die Sprengköpfe bis ein KT für die Acht-Zoll-Granaten haben eine Verteilung Spaltung/Verschmelzung von etwa 50:50. Die Sprengsätze für die Lance-Rakete haben etwa 40 Prozent Spaltung und 60 Prozent Verschmelzung. Der Zwei-KT-Sprengkopf für die Acht-Zoll-Granate hat etwa 70 bis 75 Prozent Verschmelzung. Diese Waffen sind -- mit anderen Worten -- etwas »schmutziger«, als viele ihrer Fürsprecher und Gegner annehmen.
Der Gedanke, daß die Neutronenbombe einen Nuklear-Krieg steuerbar macht, besteht darin, daß zu einem »begrenzten Nuklear-Krieg« zwei gehören. Die Sowjetunion scheint weder die Möglichkeit noch den Willen zu haben, da mitzuspielen. Von ihren 3500 taktischen Atomwaffen, die für einen Angriff in Europa bereitliegen (bei der Nato sind es 7000) haben die meisten wohl eine Sprengkraft über 20 KT.
Etwa 600 Fernlenkgeschosse haben Sprengkräfte zwischen 500 KT und drei Megatonnen. Sowjetische atomare Fernlenkwaffen sind weit weniger genau als die amerikanischen. Für sie ist es also schwierig, wenn nicht gar unmöglich, gezielte Angriffe durchzuführen, wie sie für eine wirksame »Schadenseingrenzung« nötig sind.
In den sowjetischen Vorstellungen einer Kriegführung scheinen die feinen Unterschiede von »taktischen Nuklear-Kriegen« nicht klar zu sein. die die amerikanischen Militärs oft machen. In der sowjetischen Literatur gibt es meist keine Unterscheidung zwischen einem taktischen und einem umfassenden Atom-Krieg.
In sowjetischen Plänen für einen taktischen nuklearen Krieg erscheinen nirgends Begriffe wie »punktgenaue Treffsicherheit« oder »ausgewählte Ziele«. Massiertes Sperrfeuer, Löcher in die Nato-Verteidigung reißen und dann mit schweren Panzern durchbrechen (deren Bau und Oberflächen-Material gewissen Schutz gegen nukleare Wirkung bieten), das scheinen die sowjetischen Maßnahmen für einen taktisch-nuklearen Angriff zu sein. Falls die Nato Neutronenbomben gegen Panzer einsetzt, werden die Sowjets höchstwahrscheinlich mit eigenen Atomwaffen zurückschlagen. Nach einer amerikanischen Studie über sowjetische militärische Aktionen wird »eine Reihe von Gegenschlägen erwartet, einschließlich nuklearer Angriffe, falls der erste Panzerdurchbruch mißlingt«.
Die Sowjets würden die »Nebenwirkungen« auf die westdeutsche Bevölkerung kaum stören. Auch wenn das der Fall wäre, würden sie wegen der hohen Wirkung und der schlechten Treffsicherheit ihrer Waffe kaum etwas gegen die unausweichlichen Konsequenzen tun können.
Auch vor einer sowjetischen Vergeltung würde schon viel Schaden durch die Neutronenbomben der Nato angerichtet, auch wenn Druck, Hitze und Radioaktivität der einzelnen Bomben beschränkt sind. Nach einer Verlautbarung des amerikanischen Verteidigungsministeriums von 1977 sollte deshalb -- falls es zu einem Einsatz von Nuklearwaffen in Europa kommt -- »solch eine Aktion die Sowjetunion veranlassen, den Konflikt sofort zu beenden. Die Entschlossenheit einer solchen Aktion und der Schock-Effekt sollten die Sowjetunion bewegen, ihre Aktivitäten sorgsam zu überlegen«.
Als Abschreckung müßte die Nato nicht nur einige Dutzend Panzer stillegen. Um auf die Kreml-Führung nachhaltigen Eindruck zu machen, wäre noch einiges mehr nötig. Aber wieviel mehr? Bei einer Offensive rollen sowjetische Panzer in zwei Angriffswellen vor. Die Panzer in der ersten Reihe haben 75 Meter Abstand voneinander bei nichtnuklearen, 100 Meter bei nuklearen Situationen. Die zweite Panzerwelle rollt drei Kilometer hinter der ersten. Der Warschauer Pakt hat für eine militärische Auseinandersetzung in Mitteleuropa -- und dort würde wahrscheinlich der erste Kampf bei einem Krieg zwischen den beiden Großmächten stattfinden -- 20 000 Panzer bereitstehen.
Die Erwartungen der Militärs, daß die Neutronenbombe kaum Nebenschäden anrichtet, hängen jedoch davon ab, daß die Bombe ganz gezielt, möglichst nur im Einzelangriff, eingesetzt wird. Wenn jedoch die Nato einen eindrucksvollen Anteil der ersten Panzerwelle stoppen will, ohne Panzer der zweiten Welle zu behelligen, so würde eine solche Aktion einige hundert dieser Bomben erfordern.
Unter diesen Umständen könnte die induzierte Strahlung den Boden erheblich schädigen. Die Zahl der Toten und dem Tode Geweihten wäre auf jeden Fall enorm hoch, auch wenn der Nuklear-Krieg sehr begrenzt bliebe.
Darüber hinaus ist ein sinnvoller Einsatz der Neutronenbombe von grundsätzlichen militärischen Überlegungen her zweifelhaft. Ein Panzer, der mit einer wenige Millimeter dicken Folie eines borhaltigen Materials überzogen ist, kann die Durchdringung der Neutronen auf die Hälfte reduzieren. Wenige Zentimeter eines wasserstoffhaltigen Materials haben den gleichen Effekt.
Ein Zentimeter und weniger Wasser könnte den Panzer genauso wirksam schützen, als wenn er hinter einem Hügel stände.
Die Kosten für Neutronenbomben sind ungeheuer hoch. Der Sprengkopf für die Acht-Zoll-Granate kostet etwa 750 000 Dollar. Anstatt zwei Acht-Zoll-Granaten mit Neutronensprengköpfen könnten die USA drei M-60-Panzer, etwa 50 Panzer-Abwehr-Granaten sowie über 5500 Granaten der konventionellen Artillerie kaufen. Das heißt, wenn die USA verstärkt in Neutronenbomben investieren, wird die Nato mit einer ungewöhnlich kostspieligen Waffe ausgerüstet, die vielleicht nie zum Einsatz kommt.
Gewichtige Argumente gegen die Neutronenbombe:
* Die Neutronenbombe ist eine auch nicht annähernd so »saubere« Waffe, wie sie von ihren Fürsprechern gern gesehen wird. > Sie ist bestimmt gefährlich in der Hinsicht, daß ihre Entwicklung zu der irrigen Ansicht führt, ein nuklearer Krieg könne sicher begrenzt und kontrolliert geführt werden.
* Die Neutronenbombe ist nicht humaner als chemische (Giftgas-) Bomben, deren Einsatz schon seit langem durch internationale Verträge verhindert ist.
* Die Neutronenbombe hat kaum einen größeren militärischen Nutzen
als irgendeine andere nukleare Waffe kleiner Wirkung.
* In dem Ausmaß, wie die UdSSR mit einem Neutronenbomben-Einsatz durch die USA bei einem Krieg rechnet, wird in extremen Spannungssituationen ein nuklearer Sofortschlag der Sowjets herausgefordert. Vielleicht entsteht dadurch erst der Anlaß zu einem europäischen Krieg.
Jedenfalls gibt es keinen Grund zur Annahme, die Neutronenbombe verringere in irgendeiner Weise die Wahrscheinlichkeit, daß ein taktischer Atom-Angriff sich zu einem umfassenden atomaren Krieg ausweitet oder daß ein Neutronenbomben-Einsatz den sowjetischen Gegenschlag mildere.
Insgesamt gesehen gibt es viele und vielschichtige Argumente gegen die Neutronenbombe. Für sie spricht hingegen wenig.