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Doktortitel Nicht mehr eindeutig

Der umstrittene Marxist Hans Heinz Holz wurde vor 18 Monaten zum Professor in Marburg berufen, ist aber noch immer nicht ernannt. Grund: Es ist offen, ob er jahrelang zu Unrecht den Doktortitel geführt hat.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Vor eineinhalb Jahren wurde Deutschlands umstrittenster Marxist. Dr. Hans Heinz Holz, 45, auf einen Lehrstuhl in Marburg berufen. Doch ob er zum Professor ernannt wird, ist offener denn je. Darüber entscheidet in diesem Monat de facto das Oberlandesgericht in Frankfurt -freilich ohne es bis heute zu wissen.

Von einem Urteil dieses Gerichts in Sachen Holz macht Hessens SPD-Kultusminister Professor Dr. Ludwig von Friedeburg, 48, es abhängig, ob er den Wissenschaftler zum Professor für Sozialphilosophie ernennt.

Das Frankfurter Oberlandesgericht ist die zweite Instanz im Rechtsstreit zweier Bundesbürger, die fast nichts mehr gemeinsam haben als ein Stück Vergangenheit in Leipzig mit dem Philosophen Ernst Bloch, 87. Der einstige Bloch-Hilfsassistent Dr. Günther Zehm ist heute leitender »Welt«- Redakteur und gilt bei seinen Gegnern als Kalter Krieger gegen den Osten. Der einstige Bloch-Doktorand Holz, von seinen Widersachern als westlicher Parteigänger der SED eingestuft, war bis 1971 jahrelang freiberuflich als Publizist und Philosoph tätig und vertritt seither in Marburg Lehrstühle, zunächst einen für Politologie, jetzt einen für Philosophie.

Strittig ist im Rechtsstreit der ungleichen Bloch-Schüler vor allem, ob Holz 1955/56 in Leipzig den Doktortitel erworben und ob er ihn seither geführt hat und führen durfte.

Von zwei Behauptungen, die Zehm aufgestellt hatte und derentwegen er von Holz als »Lügner« bezeichnet wurde, erklärte das Marburger Landgericht eine für unwahr: Es habe kein formelles Promotionsverfahren für Holz in Leipzig 1955/56 gegeben. Hinsichtlich der anderen Behauptung kam das Gericht aber zu dem Schluß, daß Zehm »nicht die Unwahrheit gesagt, also nicht gelogen »hat, sondern die Wahrheit gesagt hat, wenn er behauptet hat, von einer Promotion des Beklagten (Holz) durch den Philosophen Ernst Bloch im Jahre 1956 in Leipzig könne keine Rede sein«. Denn, so stellte das Landgericht in seinem Urteil fest, Holz sei »die Doktorwürde weder im Jahre 1955 noch im Jahre 1956, sondern erst mehr als zehn Jahre später verliehen worden. Ob der Beklagte das zur Promotion seinerseits Erforderliche im Jahre 1956 bereits getan hatte und aus welchem Grund es nicht zur Promotion kam, ist ohne Belang«. Holz wurde dazu verurteilt, öffentlich zu widerrufen, Zehm sei ein Lügner, und legte Berufung ein.

Holzens Chancen, in Marburg Professor zu werden, verminderten sich dadurch, daß in dem Marburger Prozeß die Behauptung Zehms unwidersprochen blieb, Holz habe seit 1956 den Doktortitel geführt. Dementsprechend stellte das Gericht als Tatbestand fest: »Er (Holz) veranlaßte, daß er in der im Jahre 1956 erschienenen Ausgabe des Nachschlagewerkes »Who's Who in Germany« sowie in der englischen Ausgabe des gleichen Werkes aus dem Jahre 1964 als »Dr. phil.« bezeichnet wurde.« Außerdem habe er sich in einer 1956 erschienenen Festschrift »Dr. Hans Heinz Holz« genannt.

Durch den Marburger Prozeß klärten sich manche Details auf dem ungewöhnlichen Holz-Weg zum Doktortitel. Holz hatte zwar im Westen studiert, war aber mit der Promotion 1954 in Mainz gescheitert -- nach eigener Version aus politischen, nach der Version seines damaligen Doktorvaters Gottfried Martin aus wissenschaftlichen Gründen.

Ohne je in Leipzig studiert zu haben. wurde er dort im Sommer 1955 Doktorand bei Bloch, der seine Arbeit über »Herr und Knecht bei Leibniz und Hegel« mit »summa cum laude« bewertete. Die zunächst für Juli 1955 festgesetzte mündliche Prüfung wurde abgesagt und später von Bloch für überflüssig erklärt. Gleichwohl erhielt der Doktorand keine Promotionsurkunde, weil sich -- so übereinstimmend Bloch und Holz heute -- im Herbst 1956 die Ungarn-Krise ereignete und sein Doktorvater in Ungnade fiel. Holzens Promotion wurde »nicht mehr de jure ratifiziert« (Bloch).

Auch weitergehende Pläne konnten nicht realisiert werden: Holz zu habilitieren (die Arbeit lag Bloch schon vor) und ihm einen Lehrauftrag für Griechische Philosophie zu geben. »Wenn Bloch damals in Leipzig geblieben wäre«, erinnert sich Holz sogar, »wäre ich vermutlich zwei Jahre später in Leipzig sein Nachfolger geworden.«

In den folgenden Jahren, auch nachdem Bloch 1961 in den Westen übergesiedelt war, bemühte sich Holz darum, aus Leipzig die Promotionsurkunde zu erhalten. Aber erst 1968 einigten sich Holz und die Leipziger Philosophische Fakultät darauf, das Promotionsverfahren neu aufzunehmen und die 1955er Doktorarbeit zu übernehmen. Holz wurde in Philosophie und Germanistik mündlich geprüft und verteidigte seine Dissertation. Einer der Gutachter war Alfred Kosing (heute Professor am Institut für Gesellschaftswissenschaften des SED-Zentralkomitees), der als Dekan am 15. Januar 1969 die Promotionsurkunde ausstellte.

Daß Holz seither der Doktortitel zusteht, wird von niemandem bezweifelt. Aber ob er ihn vorher führen durfte und geführt hat, wird schon öffentlich erörtert, seit Holz für ein akademisches Amt ins Gespräch gekommen ist. Ende 1970 scheiterte der Versuch, ihn in Bern zu habilitieren, 1971 der Versuch. ihn nach West-Berlin zu berufen.

Anfangs war die Titel-Frage freilich nicht der wichtigste Aspekt ·des Holz-Problems. Zunächst ging es vor allem darum, ob er sich wissenschaftlich zu wenig und politisch zu eindeutig ausgewiesen habe.

Der Streit um seine Qualifikation führte zu unterschiedlichen Urteilen. Auch darüber, welcher Richtung des Marxismus der potentielle Professor Holz zuzuordnen ist, gehen die Ansichten auseinander. Für Bloch etwa bietet Holz »eine höchst undogmatische und den Reichtum des philosophischen Erbes in seiner Fülle aufnehmende Version des Marxismus, die gerade durch ihre Differenziertheit von der orthodoxen Schulphilosophie des Marxismus sich unterscheidet«. Der Frankfurter Politologe Iring Fetscher hingegen nennt Holz einen »stets an der Ost-Berliner Orthodoxie orientierten Parteimarxisten«. Holz selbst versteht sich als Marxist-Leninist.

Gegen den Widerstand der hessischen CDU und des konservativen »Bundes Freiheit der Wissenschaft« berief Kultusminister von Friedeburg den in Bern nicht habilitierten und in Berlin nicht berufenen Holz nach Marburg. Er hatte weder politische noch wissenschaftliche Bedenken, dem Vorschlag der Marburger Philosophischen Fakultät zu folgen. Über die Qualifikation lagen ihm Gutachten der Philosophen Bloch, Theunissen, Scholem und Plessner vor, die allesamt positiv ausgefallen waren. Und politisch stellt Holz für Friedeburg kein Problem dar, auch nachdem Kultus-Beamte sich in die Holz-Schriften vertieft hatten: Er gehört nicht der DKP an und rief weder zur Gewalt auf, noch stellt er das Grundgesetz in Frage.

Auch der Streit um den Doktortitel schien eine Ernennung zum Professor nicht zu behindern. Bei der offiziellen Berufungsverhandlung mit Friedeburgs Beauftragtem, dem Regierungsdirektor Abels, versicherte Holz am 19. Mai 1971, er habe den Doktortitel vor 1969 nicht geführt.

Im selben Monat allerdings verbreitete er in einem Interview bereits eine andere Version. Auf die Frage, oh er sich 1956 bei den eigenen Angaben für das Nachschlagewerk »Who"s Who in Germany« als »Dr. phil.« bezeichnet habe, wich Holz einem Ja oder Nein aus und schloß seine längere Antwort: »Ich hielt mich ... für berechtigt, den Titel zu führen.«

Ein paar Wochen später gab er sogar auf die simple Frage, ob er den Doktortitel im Briefkopf gehabt habe, nur eine unscharfe Antwort: »Nicht daß ich wüßte. Es wäre durchaus nicht ausgeschlossen.«

Weil die öffentliche Erörterung andauerte, verlangte Friedeburg im September 1971 von Holz die schriftliche Bestätigung, daß er den Doktortitel vor 1969 nicht geführt habe. Holz ließ ihn sieben Monate lang warten.

Dann erhielt der Kultusminister kurz hintereinander das Urteil des Landgerichts Marburg in Sachen Zehm/Holz (mit Datum vom 12. April) und die Erklärung von Holz (mit Datum vom 24. April). Und weder in dem einen noch in dem anderen Schriftstück wird noch ausgeschlossen, daß Holz den Doktortitel vor 1969 geführt hat.

Nach Lektüre des Urteils mochte Holz in der schriftlichen Erklärung für Friedeburg die Frage, ob er den Doktortitel vor 1969 geführt hat, nicht mehr verneinen.

Der womöglich für seine Ernennung oder Nicht-Ernennung entscheidende Satz: »Zur Frage, ob ich den Titel gelegentlich aktiv geführt habe, kann ich nach sechzehn Jahren aus unvollständiger Erinnerung nicht mehr eindeutig Stellung nehmen.« Hingegen könne er »mit Gewißheit« versichern, »daß ich den Doktor-Titel im Verkehr mit amtlichen Stellen nicht geführt habe«.

In seinem Brief gibt Holz einen Beweis für die »ungewöhnliche Wendigkeit der Gedankenführung«, die ihm der Gutachter Theunissen attestiert hatte. Denn wie immer er das Problem auch besieht, stets bestätigt sich sein Schluß: »Die Frage einer möglicherweise unerlaubten Titelführung braucht keine Rolle zu spielen.«

Denn selbst wenn Friedeburg annehmen sollte, daß Holz sich zu Unrecht D.r. Holz nannte, so müsse er ihm doch wohl nach Paragraph 59 des Strafgesetzbuches den »subjektiv guten Glauben« zugestehen, weil er stets vom rechtmäßigen Erwerb des Titels überzeugt gewesen sei. Aber auch wenn ihm der gute Glaube nicht zugebilligt werde, ist Holz laut Holz nicht verloren. Dann trete ja »gegebenenfalls die Verjährungsfrist« ein.

Dazu Friedeburg: »Strafrechtlich ist die Sache tatsächlich verjährt. Aber es geht ja nicht darum, ob wir Herrn Holz bestrafen, sondern ob wir ihn zum Professor ernennen. Das ist für Kultusminister und Kabinett eine Frage des Ermessens.«

Zu einer Prognose über den Ausgang des Falles waren weder Holz noch Friedeburg bereit, zumal das Urteil des Frankfurter Oberlandesgerichts noch aussteht. Unterschiedlich bewerten sie die Affäre. Holz: »Die Frage meiner Ernennung sehe ich nach wie vor als Politikum.«

Friedeburg sieht sie weniger politisch: »Auch wenn Herr Holz morgen in die CDU eintreten würde, wäre das Problem seines Doktortitels nicht gelöst.«

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