Zur Ausgabe
Artikel 16 / 82

WEISSBUCH Nicht nur Schießen

aus DER SPIEGEL 21/1970

Kanzler Willy Brandt, Bundeswehr Oberbefehlshaber im Verteidigungsfall, schlug sich wacker für seinen Stellvertreter in Friedenszeiten: »Wir sind nicht dazu da, ihm das Geschäft zu erschweren.«

Die Adressaten der Kanzlermahnung saßen am Montagabend vergangener Woche in der Messe- und Viehauktions-Halle zu Saarbrücken -- als »linkes Drittel« ("Die Welt") des SPD-Parteitages.

Den verteidigten Verteidigungsminister hatte Brandt gleich neben sich am erhöhten Vorstandstisch. Der Bundeskanzler: »Hier hat im Rahmen unserer Regierung einer eine wichtige Aufgabe -- wohl mit die schwierigste -übernommen: Helmut Schmidt, der in diesen Tagen mit seinem Weißbuch in die Öffentlichkeit geht.«

Die unbestimmte Datierung des Parteichefs war korrekt. Zwar hatte Wehrminister Schmidt mit der frühzeitigen Enthüllung einiger fortschrittlicher Passagen den zum Angriff auf ihn entschlossenen Linken in Saarbrücken Wind aus den Segeln nehmen wollen. Doch der volle Text (siehe Auszug Seite 36) wird erst an diesem Mittwoch den Bonner Parlamentariern und der Presse zugehen.

So war es nicht verwunderlich, daß -- ebenfalls am vorigen Montag -- die Reaktion der CDU/CSU auf den Schmidt'schen Vorab-Druck mager ausfiel. Bewaffnet mit einem hastig zusammengestoppelten und entsprechend fehlerhaften Papier präsentierte sich der Wehrexperte der Christenunion, Egon Klepsch, den Journalisten.

Ohne das seit Tagen bei seinem Fraktionschef Rainer Barzel ruhende Exemplar des Weißbuches gelesen zu haben, stellte Klepsch dennoch »eine kontinuierliche Fortsetzung der von Adenauer und Strauß eingeleiteten und geprägten, von v. Hassel und Schröder weitergeführten Sicherheitspolitik« fest, »die in der Vergangenheit von der SPD härtestens bekämpft wurde«.

Logische Folge: »Helmut Schmidt hat sich hiermit als vernünftiger, abwägender Mann erwiesen.« Und »Glück«, fand Klepsch, hat Schmidt auch, nämlich das, »im Parlament keine Ohne-mich-Opposition vorzufinden«.

Weniger selbstgefällig, dafür überraschend distanziert fiel die am folgenden Mittwoch vom freidemokratischen Koalitionspartner vorgetragene Wertung aus. FDP-Experte Kurt Jung, einziger Platzhalter seiner Fraktion im Verteidigungsausschuß des Bundestages. zeigte angesichts bevorstehender Wahlen In den Ländern deutliche Reserve gegenüber SPD-Reservehauptmann Schmidt.

Zum Ringen um Parteiprofil kam der Groll wegen einiger alter FDP-Forderungen, die der übermächtige Partner in den Koalitionsverhandlungen des Vorjahres abgeschlagen hatte.

Die Trägermittel für nukleare Waffen der Bundeswehr etwa, deren Verschrottung die Freien Demokraten im Wahlkampf 1969 propagierten, sind auch laut Weißbuch weiter ein »Muß«, »solange der potentielle Gegner und die Streitkräfte der Verbündeten darüber verfügen«.

Gänzlich unzufrieden war Freidemokrat Jung mit den vorsichtigen Formulierungen des Weißbuches zur Dauer der Wehrpflichtzeit. Seit langem hält die FDP zwölf Monate für genug.

In der Tat: Nur mühselig läßt sich aus dem 406-Seiten-Wälzer herauslesen, was Schmidt zu diesem Thema in seiner »Bonbon-Auswahl für Saarbrücken« (Klepsch) verkündete, daß nämlich Bonn die Dauer des Grundwehrdienstes verkürzen will. Lediglich von Sachzwängen ist die Rede. Eine Experten-Kommission soll nun noch einmal prüfen, ob deutsche Jungmänner künftig schneller die Kasernen verlassen dürfen.

Immerhin konzedierte der Liberale Jung in seiner kritischen Bestandsaufnahme des Weißbuches Schmidt gute Arbeit bei der Durchleuchtung der Armee: »Die Probleme der Bundeswehr liegen jetzt deutlich vor aller Augen.« Aber: »Lösungen zur langfristigen Beseitigung der Engpässe sind noch nicht gefunden.«

Die Soldaten wird das wenig kümmern. In Kantinen und Kasinos dürften der von einem Planungsstab unter dem Hamburger Journalisten und Strategie-Experten Theo Sommer ("Die Zeit") flüssig geschriebene Band vielmehr wie ein Krimi gelesen und seine Verfasser als Stimmungskanonen gefeiert werden.

Daß bislang eher Zweifel als Zuversicht, eher Resignation als Rauhbautzigkeit hinter bundesdeutschen Kasernenmauern herrschten, davon hatte Schmidt sich in den letzten Monaten überzeugen können.

Auf acht Regionaltagungen mit 1300 Offizieren, 200 Unteroffizieren und 180 zivilen Bundeswehr-Verwaltern hatte der Minister zur mündlichen Kritik gebeten, alle anderen Soldaten durften ihm schreiben. 3559 Briefe mit mehr als 5000 Einzelfragen forderten die frisch auf der Hardthöhe installierten Gegner des Papierkrieges zur Materialschlacht.

Fünf Hauptthemen drängten sich bei der Auswertung der Papierflut zur Behandlung im Weißbuch-Kapitel »Die Sorgen der Soldaten« auf: > Fürsorge und Betreuung,

* Versorgung,

* Unterbringung und Familienwohnungen,

* Mängel bei der Ausbildung ("Gammeldienst") und

* das Übermaß der Bürokratisierung.

Die zwölf Stabsplaner verdeutlichten die Sorgen der Staatsbürger in Uniform mit teilweise grotesken Beispielen. So kann »kaum jemand« unter den Soldaten »Zuständigkeiten und Ansprüche ohne eingehende Beratung übersehen«, weil »die Behörden und Einrichtungen, die in der Bundeswehr Betreuungs- und Fürsorgeaufgaben wahrnehmen«, zu zahlreich sind.

»Allein im Bundesministerium der Verteidigung«, rügt das Weißbuch, »sind zur Zeit sieben Referate damit befaßt.« Ein »Handbuch für Personalbearbeitung der Truppe« soll helfen. Und: »Alle Leistungen werden angemessen erhöht.«

Von 422 Kasernen der Bundeswehr stehen, so zählten Schmidts Zivilstrategen ab, mehr als die Hälfte (221) schon seit Wehrmachts- und Besatzungszeiten. Die Quartiere für Bundesdeutschlands Waffenträger entsprechen denn auch »teilweise nicht den Bedingungen, die für andere Berufsgruppen längst selbstverständlich geworden sind«.

In der 1913 gebauten Leopold-Kaserne von Amberg zum Beispiel wohnen zehn Wehrpflichtige auf einer Stube. Vorschrift: sechs. Vier bis fünf Unteroffiziere teilen sich ein Zimmer, »das noch nicht einmal eine Waschgelegenheit hat«.

Im Unterricht verstehen die Rekruten nicht ihr eigenes Wort, viel weniger den Lehrer, weil die Räume »direkt über Werkstätten« liegen, aus denen »Arbeitslärm« heraufdröhnt. Unten wiederum sind die »technischen Anlagen zum Teil veraltet«, so daß »die betrieblichen Sicherheitsbestimmungen nicht mehr voll eingehalten werden können«.

Noch schlechter geht es den Luftwaffensoldaten einer einsam gelegenen Nike-Raketen-Einheit, die »obwohl der Dienst von drei Kampfbesatzungen in Schichten geleistet wird«, zu »18 Mann auf einer Stube« schlafen und die »gewöhnlich kaltes Essen« bekommen, »weil die Küche zu weit entfernt liegt«.

600 Millionen Mark will Sozialdemokrat Schmidt bis 1976 ausgeben, um die Misere der Uralt-Bauten und Einödstandorte zu beheben. Bis auf zwei Stellen hinter dem Komma genau rechneten seine Hilfsstrategen aus, wieviel »Gebühr« (Wohnraum) den Landsern demnächst zusteht: »Mannschaften (längerdienend), bisher 5,4 Quadratmeter je Raum, fünf Mann. Neue Gebühr: 6,75 Quadratmeter je Raum, vier Mann.«

Die Hardthöhen-Equipe ist fest entschlossen, den derzeitigen Bau-Boom in der Bundesrepublik noch einmal kräftig anzuheizen. Projektiert sind:

* Apartment- und Boarding-Häuser für unverheiratete Feldwebel und Offiziere,

* neue Kasernen,

* 27 000 Wohnungen für Soldatenfamilien bis 1973 sowie

* von 1974 bis 1980 jährlich weitere 3000 Wohnungen.

Der unvermeidliche Dauergalopp der Baupreise schreckt die Bundesverteidiger nicht. Allein 1969 bezahlte die Armee 83 Millionen Mark Trennungsgeld -- das meiste davon an murrende Soldaten, die lieber am Garnisonsort eine Wohnung für ihre Familien gehabt hätten, auf dem freien Markt aber »Mieten bis zu 500 Mark im Monat und Heizungskosten bis zu 900 Mark im Jahr, heute in Großstädten nichts Ungewöhnliches« (Weißbuch) nicht bezahlen können.

Auch zweitrangigen Sorgen des Soldaten-Alltags rücken Schmidts eierköpfige Stabsplaner zuleibe. 57 Schwimmhallen, Saunas ("sind kein Luxus") für rund 28 Millionen und Hobby-Shops für geschätzte 30 Millionen Mark stehen auf dem Programm.

Wehrpflichtige -- ob empfindlich in diesem Punkt oder nicht -- bekommen »künftig bei der Einstellung keine gebrauchte Unterwäsche mehr ausgehändigt«. Nach 18 Monaten Dienstzeit drängt diese in Zukunft vielmehr auf den freien Markt, zusammen mit »Kampfstiefeln in ungebräuchlichen Größen«, von denen zum Erstaunen der Bonner Verwalter in einem Wehrbereich so viele lagern, daß sie »für die nächsten 388 Jahre ausreichen würden«.

Lassen sich Fürsorge, Bauten und Versorgung mit dem 20-Milliarden-Etat des Verteidigungsressorts dergestalt verbessern -- vor der bundesrepublikanischen Geographie kapitulieren selbst die quieken Wehr-Autoren. Der Mangel an Übungsplätzen für die Landstreitkräfte (und Schießplätzen für die Luftwaffe) ist nicht zu beheben. Vor allem im Heer bedeutet das: Kasernendienst oder -- Rekruten-Jargon -- »Gammeldienst«.

Nicht weniger als dreieinhalb Seiten des Sommer-Kompendiums beschäftigen sich mit dieser meistgehaßten Form der Wehrpflicht-Erfüllung. Nach einleitender Erkenntnis, daß »der Begriff »Gammeldienst' in- und außerhalb der Bundeswehr zu einem Schlagwort geworden ist«, rügen die zumeist akademisch geschulten Schmidt-Gehilfen: »Seine Unbestimmtheit erhöht seine Gängigkeit.« Und: »Er eignet sich hervorragend als Aufhänger für jede Art von Diskussion und Kritik unter Soldaten.«

Zwar »prüft« die Hardthöhe nun, wieweit die Belastung durch das weithin als Gammeldienst empfundene Wacheschieben »verringert werden kann«. Aber: »Der militärische Dienst kann nicht nur aus beliebten Ausbildungsarten wie Sport und Schießen bestehen.«

Im übrigen, so räumt die Sommer-Truppe ein, sei »verständlich, wenn ausgebildete Soldaten die bloße Aufrechterhaltung von Bereitschaft als Gammeldienst empfinden. Objektiv hingegen stellt sie die Erfüllung des Auftrages dar«.

Mehr Zuversicht als in der Frage des monotonen Kasernentrotts zeigt das Weißbuch für den Kampf gegen den Papierkrieg. Bereits der Verlust eines Handschuhs, für den ein Soldat nicht freiwillig Schadenersatz leisten mag, treibt gemeinhin in der Truppe den militärischen Amtsschimmel zu flotter Gangart.

Die Einheit muß einen Schadensbericht verfassen, häufig »auch mehrere schriftliche Rückfragen der Wehrbereichs-Verwaltung beantworten«. Um Sachschäden unter 100 Mark zu regulieren, entstehen so »Personalkosten, die fast das Fünffache der Schadensersatzleistungen ausmachen«. In Zukunft werden deshalb schlampige Soldaten »bei Bagatell- und Kleinschäden« nicht mehr zur Kasse gebeten -- das Inkasso kommt zu teuer.

Auch am Zahlschalter arbeitet die Bundeswehr kostspielig: »Um 80 Fallschirmspringern monatlich ihre Zulage anzuweisen, sind im Jahr immer noch über 4900 Unterschriften erforderlich.« Dies, obwohl aus der Truppe schon vor Jahren -- sogar prämiierte -- Rationalisierungsvorschläge kamen.

Neben den Bürokraten der Bundeswehrverwaltung, die für diese Auswüchse zuständig sind, tadelt Chefschreiber Helmut Schmidt auch die Militärs. Künftig wird finanzielle Verantwortung nach unten delegiert. Aber: »Delegation kann nur funktionieren, wenn umgekehrt die Bereitschaft in der Truppe besteht, Verantwortung zu übernehmen.« Hinter der verbreiteten »Absicherungsideologie verbirgt sich« für den Minister »oft nur Verantwortungsscheu«.

Bei sich selbst kann Schmidt eine solche Regung nicht feststellen. Die Frage nach der Erfüllbarkeit ·des anspruchsvollen Weißbuch-Programms beantwortete der Minister voller Optimismus: »Was an Plänen im Weißbuch steht, werden wir auch in Angriff nehmen.«

Kanzler Brandt vor dem Parteitag: »Wir sind dazu da, dem sozialdemokratischen Verteidigungsminister bei seiner Arbeit zu helfen.«

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 16 / 82
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.
Merkliste
Speichern Sie Ihre Lieblingsartikel in der persönlichen Merkliste, um sie später zu lesen und einfach wiederzufinden.
Jetzt anmelden
Sie haben noch kein SPIEGEL-Konto? Jetzt registrieren