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RUNDFUNK / HESSEN Nicht scharf genug

aus DER SPIEGEL 6/1971

Seit die Christlichen Demokraten in Bonn nicht mehr regieren, fühlen sie sich von Fernsehen und Hörfunk zurückgesetzt. Das will die CDU nun ändern. Mit Gutachten, Programm-Analysen und politischer Pression will sie der »bösartigen Einseitigkeit« (CDU-MdB Ernst Müller-Hermann) in der Funk- und Fernsehberichterstattung ein Ende machen.

Generalsekretär Bruno Heck bestellte beim Sozialwissenschaftlichen Institut der Konrad-Adenauer-Stiftung eine Expertise über die »Chancengleichheit in den Nachrichtensendungen des Deutschen Fernsehens«, die der Partei-Führung attestierte: In der ARD und im ZDF wird über die sozialliberale Koalition viermal so oft berichtet wie über CDU/CSU. Mit minuziösen Inhaltsanalysen will die CDU überdies Einseitigkeiten in den TV-Nachrichten und politischen Magazinen nachweisen. In Bayern versucht die CSU, nach dem Fernsehen nun auch den Rundfunk in die Hand zu bekommen (SPIEGEL 52/1970).

Im benachbarten Hessen hat sich die christliche Union, seit zwanzig Jahren in der Opposition, gleichfalls gegen ihren Heimatsender erhoben. Denn der Hessische Rundfunk, klagt der stellvertretende Landesvorsitzende Walter Wallmann, steuert einen »gefährlichen linkssozialistischen Kurs« und »betreibt eine absolut regierungsfreundliche Nachrichtengebung«.

Die Hessen-Welle erschien der CDU Im letzten Herbst, während des Landtagswahlkampf es, so knallig rot, daß sie das Programm erstmals systematisch überwachen ließ. Ein Abhörmann kontrollierte die aktuellen Fernseh- und Hörfunksendungen ein Vierteljahr lang mit Stoppuhr und Tonband auf »ausgewogene Berichterstattung«.

Die Kontrolle ergab -- nach Meinung der CDU -- ein für die Christdemokraten eklatantes Nachrichtendefizit. In sieben Wochen, so bemängelten sie, seien dem Kabinett Osswald und der regierenden SPD 150 Hörfunk-Minuten eingeräumt worden, der CDU hingegen nur 50. Im Fernsehen seien die Sozialdemokraten über hundertmal zu Wort gekommen, die Union nur 42mal.

Das war der CDU bei weitem nicht genug. CDU-Landeschef Alfred Dregger verurteilte im Wiesbadener Parlament »Form und Methode der Landespolitischen Berichterstattung«, setzte den Intendanten des Hessischen Rundfunks, Werner Hess, mit Protestschreiben unter Druck und gab ein Weillbuch über die »Linkspolitik« auf der Frankfurter Frequenz in Auftrag. Im Programmausschuß des Funkhauses meuterten gleichzeitig CDU-Sympathisanten gegen den »schlechten demokratischen Stil«; Wallmann protestierte gegen die »Nachrichtenmanipulation« in den aktuellen Beiträgen.

Aber auch in anderen Programmsparten entdeckte die CDU eine Tendenz nach links. Wenn im Jugendfunk über Hasch, Hippies und Black Power diskutiert wurde, wenn die Redakteure des satirischen Pop-Magazins »Musikladen« über den Tod des Kapitalismus sinnierten, wenn die deutsche Schule, diese Institution der Klassengesellschaft, angegriffen wurde, sorgten sich die Partei-Christen sofort um Staat und Demokratie und schimpften über Funk-Mitarbeiter, »die nicht mehr auf dem Boden der Verfassung stehen«.

Im Frankfurter Funk-Haus werden solche Attacken der Opposition vorläufig nicht ernst genommen. Intendant Hess: »Die wollen den Sender in Mißkredit bringen.« TV-Chefredakteur Wolf Hanke: »Wo sind wir denn radikal? Etwa im Blauen Bock?« Mit ihrer Polemik, meint Hanke, will die CDU ein großes Ziel erreichen: »die Entpolitisierung der Massenmedien, weil man mit einer unpolitischen Bevölkerung nachher ganz anders arbeiten kann«.

Beistand bei diesem Unternehmen findet die CDU bei den konservativen Programmdirektoren des Hessischen Rundfunks. Hörfunk-Chef Henning Wicht, 50, entließ beispielsweise den Redakteur des Pop-»Musikladens« wegen seiner politischen Satiren und verbot dem Moderator des Teenager-Magazins »T 4« linke Kommentare.

Fernseh-Chef Hans Otto Grünefeldt, 55, SPD-Mitglied und ehemals Schlagertexter ("Mein Schatz, du kannst nicht richtig küssen"), ließ das kritische Arbeitgeber-Porträt »Teilen und Herrschen« vom Programm streichen und kürzte den unternehmerfeindlichen TV-Report »Die Kinder der Gastarbeiter« um polemische Passagen. Und seit der industriefreundliche Sozialdemokrat die Redakteure des Kultur-Kaleidoskops »Titel, Thesen, Temperamente« wegen einer »links manipulierten« Analyse des »Bundes Freiheit der Wissenschaft« rügte, darf das Magazin nur noch unpolitische Kunstbetrachtungen senden.

Gleichwohl, den hessischen Christdemokraten ist diese Zensur noch immer nicht scharf genug. Am Dienstag dieser Woche wollen sie -- in einer Konferenz mit den leitenden Angestellten des Hessischen Rundfunks -- zum letztenmal versuchen, eine »ausgewogene Berichterstattung« durchzusetzen. Gelingt das nicht, werden sie, wie der mittelhessische CDU-Führer Wallmann ankündigte, »alle gesetzlichen Möglichkeiten ausschöpfen« -- bis zur Klage vor dem Bundesverfassungsgericht.

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