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SPD Nicht schlecht als zweiter Mann

Von Antje Vollmer
aus DER SPIEGEL 37/1993

Vollmer, 50, ist Grünen-Politikerin und lebt als Publizistin in Berlin.

Er hat unerschütterliche Fans, manchmal nicht sehr viele. Er hat zahlreiche Kritiker, die sind ihm treu. Nur das Saarland steht überzeugt und ohne zu wanken hinter ihm. Kein anderer Politiker beschäftigt das Gefühlsleben der Republik so wie Oskar Lafontaine.

»Ihm fehlte nur der Sinn fürs Solide«, hat Rudolf Augstein klassisch formuliert, der über keinen lebenden Politiker empörtere Kommentare geschrieben hat. Na, so was, von »Hans-Jochen« Vogel müsse er sich das wohl sagen lassen, meint Lafontaine großzügig, aber von »Rudi Augstein«? Na ja.

So viele Ersatzväter wie der Saarländer hat keiner, die alle einen permanenten Erziehungsauftrag an ihm wahrnehmen. Manchmal fragt er sich: »Was wollen die eigentlich von mir?«

Das Erstaunen über die eigene Wirkung hat er mit Boris Becker gemeinsam. Sie lieben ihn, die Medien, und am meisten lieben sie es, ihn zu jagen. Zu Beginn des Sommers 1992, nach der Affäre um seine Rentenbezüge, hätten sie ihren Schmuck-Stier beinahe erlegt.

Niederlagen machen einsam. Wer einmal aus diesem Brunnen schlürfte, kommt meistens nicht zurück. Bei Lafontaine ist nicht einmal das ganz sicher. Fragt sich nur, welchen Eingang er nehmen wird, wenn er denn wiederkommt.

»Der Oskar«, sagt ein Saarbrücker über seinen Landesvater, »der gebt keen Bundeskanzler - der will sei Lebe genieße.« Somit wird eine Eignungsklausel für das Amt aufgestellt, die nachdenklich macht. Und dann ist da noch etwas: »Der Scharping, der kann dem Oskar das Wasser nicht reichen.«

Der Scharping. Wie war das eigentlich beim Showdown zwischen Rudolf Scharping und Oskar Lafontaine, als der eine schon Parteivorsitzender war, nicht zuletzt wegen der mit Bedacht gegebenen satten Mehrheit der Saarländer, die ihren Oskar dabei mitwählen wollten? Dreimal haben die beiden sich getroffen. Am Ende war klar: Der Jüngste der Enkel hat nun beide Ämter in der Hand, Parteivorsitz und wohl auch Kanzlerkandidatur. Und er traut sie sich zu.

»Da ist nichts zurückgeblieben«, sagt Lafontaine. Seitdem suchen alle nach Anzeichen bei ihm, daß es inwendig doch lodert. »Sind Sie nicht verbittert, Herr Lafontaine?«

Nein, tut ihm leid, nicht verbittert. Es lodert auch nichts. »Ich hatte doch die schlechteren Karten«, sagt er. Daß sich Scharping, noch keine ganze Legislaturperiode im Amt und unerprobt in den Feuertaufen der Medienattacken, womöglich übernimmt, soll er in den Gesprächen zu bedenken gegeben haben.

Genaugenommen, war alles weit vorher entschieden. Wenn Johannes Rau als amtierender Vorsitzender ihn aufgefordert hätte oder die Gruppe der anderen Enkel, das wäre eine Basis gewesen. Betrogen fühlt er sich nicht von Scharping, es gab keine Absprachen, also sind auch keine gebrochen worden. Fairneß kann man von ihm erwarten, und die wird Scharping auch kriegen.

Nach fast den gleichen vorsichtigen Worten sucht auch Scharping, wenn er seine Haltung zu Lafontaine beschreibt. Die neue Nummer Eins und die neue Nummer Zwei verhalten sich zueinander, als seien sie zu ihrer Überraschung in ein neues architektonisches Arrangement versetzt, in dem eine halboffene Tür Rätsel aufgibt: Öffnen oder schließen? Und wer geht zuerst hindurch?

Niemand ist in der Politik, jedenfalls zu Zeiten von schwierigen Neuanfängen, erfolgreicher als die gleichgeschlechtlichen Zweierpärchen: Brandt und Bahr, Gorbatschow und Jakowlew, Clinton und Gore. Im Saarland hatte Lafontaine diese Konstellation mit Reinhard Klimmt. Gemeinsam haben sie die SPD von der Basis her so aufgebaut, daß selbst der selige Wehner sein Vergnügen dran gehabt hätte. Aber Scharping kennt nicht die Konstellation politischer Zwillinge. Er sagt, er sei noch nie Tandem gefahren.

Das Erstaunlichste an Oskar Lafontaine ist, daß der Mensch so intakt ist. Ein unwahrscheinlicher Fall: Er wirkt wie einer, der als Kind nie geschlagen worden ist - und nicht einmal das kann historisch korrekt sein, nicht beim Geburtsjahr 1943, nicht, wenn einer sich und den Zwillingsbruder durch die Pachtener Fischergasse geboxt hat, nicht, wenn er im Bischöflichen Konvikt in Prüm die Segnungen der katholischen Stiftserziehung genießen durfte.

Von wegen Jesuitenzögling. Die Jesuiten erzogen die Elite. Prüm, das war durchschnittlicher, leicht verwahrloster Wald-und-Wiesen-Katholizismus, durchsetzt mit allerlei Nazi-Lehrern und diesen subtilen Straf- und Regelsystemen, die schon einen normal begabten Schüler treffsicher mit einem lebenslangen Trauma versehen.

Dauerüberwachte Riesenschlafsäle, zugefrorene Waschschüsseln, Andacht ohne Frühstück, Redeverbot bei Tisch, Süßigkeitenrationierung, peinlichste Kontrolle des Taschengeldes, ausgewählte Radiosendungen, Kinoverbot, Auspeitschen mit Lederriemen beim Stehlen von Obst aus dem Konviktsgarten, ständige Ermahnung, Priester zu werden, Ausgangssperren, gestaffeltes Präfektensystem der älteren Schüler mit Sondervollmachten gegenüber den Jüngeren . . . Punkt für Punkt ein System der Schurigelei, als käme alles aus dem Lehrbuch der schwarzen Pädagogik.

Prüm, das war auch eine Falle - der einzig mögliche Weg zum Abitur, zu den kostbaren Freiheitsräumen des Wissens. Dieses Traumziel für die Zwillinge Hans und Oskar kostete die Mutter, der Vater war gefallen, fast ihren ganzen Monatslohn als Sekretärin. Noch so ein Dämpfer, der Auflehnung erschwerte, Geburtskonstellation von Oskar, dem Zögerer, dem gebremsten Rebellen. Keiner der Mitschüler ist ohne Beschädigung aus dieser Anstalt hervorgegangen, anders Oskar Lafontaine. Er schüttelt diese Jahre ab - und weg sind sie.

Alle Charismatiker haben eines gemeinsam: Sie haben eine innere Schutzhaut, die sie unverletzlich und auf unerklärliche Weise unabhängig macht. In dieser Schutzhaut wächst das Gefühl des Besonderen heran, das die Uneingeweihten als Egomanie deuten. Dieses Unzerstörbare ist einfach da und Grundbedingung der rätselhaften Anziehungskraft, die von solchen Menschen ausgeht. Ist diese Schutzhaut weg, ist der Kern des Charismas zerstört.

Als Adelheid Streidel, die kranke Messerstecherin, im April 1990 mit einem scharfen Schnitt in den Hals des Kanzlerkandidaten zielte, da war dies, außer dem nackten Überlebenskampf, die entscheidende Frage: Hält diese innere Schutzhaut? Bleibt das traumhaft sichere Gefühl der eigenen Unzerstörbarkeit?

Willy Brandt, der andere Charismatiker und Hedonist in der SPD, kannte dieses Gefühl. Aber von Zeit zu Zeit verlor es sich bei ihm bis zur Unkenntlichkeit und wich einem Zustand bleierner Melancholie. Je älter er wurde, desto mehr glich seine Patriarchenrolle in der sozialdemokratischen Großfamilie alttestamentlichen Vorbildern: dem altersblinden Isaak, dem eine List seiner Frau Rebekka den falschen Sohn zum Segnen unterschob, oder dem König Saul, der in seinen Depressionen Speere nach dem jungen David schleuderte.

Zeitweise stand Oskar Lafontaine Brandt näher als dessen eigene Söhne. Zwischen den beiden gab es mehr als eine komplizierte politische Verwandtschaft, es gab schüchtern-vorsichtige Annäherung und echte Verehrung bis zu eiseskalter Nicht-Beziehung. Genaugenommen, war es ein Geniestreich des Alten, das, was zwischen ihm und den Jungen in der SPD bestand, als Großvater-Enkel-Konstellation in eine Form zu gießen, die ihn selbst schonte, die Emanzipation der Enkel aber extrem erschwerte.

Die Wahrheit ist, daß die Enkel Söhne waren, aber keine Väter vorfanden, die dies auch sein wollten. Das Wegtauchen der Väter und ihre Wiederkehr in anderer Gestalt: als Großvater, Ersatzvater, Zuchtmeister oder konkurrierender Mit-Jugendlicher ist einer der _(* Am 25. April 1990 in Köln-Mülheim. ) Grundkonflikte der 68er Jahre.

1987, als Willy Brandt die kleinkarierte Debatte um seine griechische Pressesprecherin leid war, hat er in Norderstedt im Kreis der Enkel Lafontaine als seinen Nachfolger vorgeschlagen. Es war das erste Mal, daß dieser sich verweigerte.

Damals sagte er, daß alle, wie sie da im Präsidium saßen - Brandt, Eppler, Bahr, Vogel -, sich niemals einem Parteivorsitzenden Lafontaine loyal zu- oder gar unterordnen würden. War das nun Oskar, der Zögerer, oder Oskar, der Realist?

»Ich wußte, daß ich noch nicht soweit war«, sagt er heute. »Erst 1990 wußte ich ebenso, daß ich denen entwachsen war und von der Politik für das kommende Jahrzehnt vielleicht mehr verstand als die Altherren-Riege der SPD, die sich als Wählerinitiative für Helmut Kohl zusammengefunden hatte.«

Die deutsche Vereinigung ist der scharfe Schnitt im Leben des Oskar Lafontaine: der 3. Oktober 1990 auf der Treppe des Reichstags, als Willy Brandt ihm als einzigem nicht einmal die Hand gab, weil er die Wiedervereinigung, seinen Lebenstraum, mit Oskar Lafontaine nicht gemeinsam feiern wollte.

Eine gewisse Zurückhaltung in nationaler Euphorie erwirbt man sich mit der Geburt, als reine Überlebenstüchtigkeit. Allein die Mutter machte zu ihren Lebzeiten fünf Währungsumstellungen mit, im Krieg wurde das Haus zerstört. Praktisch sind die Zwillinge Hans und Oskar schon mit einem doppelten Trauerfall auf die Welt gekommen. Das Vaterland hat der Mutter, Katharina, zuerst ihren eigenen Bruder, Oskar, und dann auch noch den Mann, Hans, genommen.

Länger als andere Frauen mußte sie auf die Todesnachricht warten: Die guten Deutschen hatten den gefallenen deutschen Soldaten, den Bäcker Hans Lafontaine, seines Namens wegen als »Franzosen Lafontaine« beerdigt. Grenzlandschicksale.

Im Jahr der deutschen Einheit war Lafontaine gegen die schnelle Währungsunion, für eine politische Konföderation als Übergang zur staatlichen Einheit, für Rücksichtnahme auf Gorbatschows Reformmodell, um die chaotische Entwicklung in Osteuropa zu stabilisieren, für die Konzentration aller Kräfte auf die soziale Abfederung des Prozesses, in dem zwei so unterschiedliche Wirtschaftssysteme aufeinandertrafen.

Seine Kritik an der übereilten Währungsunion hat er mit Karl Otto Pöhl durchgesprochen, mit Jacques Delors, sogar mit Helmut Schmidt. Für die realistische Einschätzung der sozialen Begleitumstände brauchte er keine Denkhilfe, den Geschmack der Armut hatte er noch im Mund.

Aber wo war seine Partei in dieser Zeit? Warum half sie ihrem größten politischen Talent nicht aus mit dem, was er nicht im Blut haben konnte?

Dieser einsame Wahlkampf war sein Gesellenstück, meint er. Ein Gesellenstück ohne Lehrwerkstatt, im freien Fall gefertigt. Ein unvollendetes Kunstwerk.

Mit Willy Brandt ist er am Ende doch noch zu einem freundlichen Abschied gelangt. Als Brandt ins Krankenhaus kam, hat Lafontaine ihm geschrieben, sie redeten auch wieder miteinander.

Wenn Hans-Jochen Vogel und Oskar Lafontaine aufeinandertreffen, dann legen sie sich regelmäßig mit dem feinsten chirurgischen Silberbesteck gegenseitig die Nerven bloß. Beispiel: Sonderparteitag zum Asyl. Da kann die interessanteste junge Genossin am Rednerpult stehen und in einer Leidenschaft ohnegleichen die führenden Genossen anflehen, vom Asylkompromiß zu lassen - der Saarländer ist längst zu einer verpanzerten Salzsäule erstarrt und sieht nur eins: wieder eine Kontroverse mit Vogel.

In Hintergrundgesprächen kann er ergriffen von dem sprechen, was andere offenbar immer noch nicht sehen: daß die jetzt verantwortliche Politikergeneration die Völkerwanderungen und Chaosströme vorherbedenken muß, die uns bevorstehen. Darauf die Partei vorzubereiten und gegenzusteuern, hatte er sich gemeinsam mit Björn Engholm vorgenommen. Das bestimmte damals schon seinen Vorstoß gegen die »Deutschtümelei« der Aussiedleranwerbung. Jetzt hat er Vogel als den im Visier, der sich jedem Kompromiß in den Weg stellt.

Radar verquer, irgend etwas ist da falsch gepolt. Den Kurzschluß im Verhältnis zwischen dem Parteichef und dem Kandidaten nach der Wahlniederlage im Dezember 1990 mußten alle kommen sehen. Daß die ganze Partei kein Mittel fand, dort Schutzschalter einzubauen, spricht nicht für ihr Krisenmanagement.

Albern und ein bißchen empörend findet Lafontaine Vogels Vorwurf, er habe immer gekniffen, wenn er hätte zupacken müssen. Wer war es denn, der 1990 nach der Volkskammerwahl, die der SPD katastrophale Ergebnisse gebracht hatte, dennoch zustimmte, Kanzlerkandidat zu werden? Und das, obwohl andere, die er alle gefragt hatte, nicht mehr wollten: Brandt, Vogel, Engholm, Momper?

Und hat er sie nicht wieder gefragt, damals im Juni 1990, nach dem Attentat, ob jetzt nicht der günstigste Zeitpunkt wäre, die Kanzlerkandidatur an einen zu geben, der von der schnellen staatlichen Einigung mehr überzeugt sei als er? Er war doch nicht blind für die Gesamtsituation! Und als Brandt zum zweiten Mal abgewinkt habe, hat er sich da etwa verweigert weiterzumachen, trotz des Attentats?

Nein, von denen will er sich da nichts vorwerfen lassen. Für den kleinen Kreis seiner Freunde allerdings war ein ganzes Generationen-Projekt erst verloren, als er, am Tag nach der Wahl, ermüdet und verletzt vom Verhalten seiner Partei und einer bösen Attacke Willy Brandts auf den »Verlierer«, das Angebot ablehnte, Parteivorsitzender der SPD zu werden. Das war der Tag, als die 68er auf die Macht verzichteten.

Hätte Vogel diese Reaktion voraussehen und damit vermeiden können? Hätte er sie vermeiden wollen? Und weiß Lafontaine inzwischen, daß dies seine größte, wenn auch begreifbare Fehlentscheidung war?

»Dafür, daß nach meinem Verzicht Björn Engholm den Parteivorsitz übernommen hat, dafür fühlte ich mich verantwortlich, das prägte unser ganzes Verhältnis«, sagt er. Das muß reichen als Antwort auf eine schwierige Frage.

Jetzt ist das Prinzip Selbstverantwortlichkeit eingeführt bei den Enkeln. »Ich bin gar nicht so schlecht als zweiter Mann«, verkündet er seelenruhig. Mit ihm wird weiter zu rechnen sein.

Als Helmut Kohl zum Kanzler gewählt wurde, soll in der Reihe der CDU-Präsiden einer geflüstert haben: »Der Dümmste von uns ist es geworden.« Abgesehen davon, daß dieser Spruch eines Klugen sich langfristig auch als dumm herausgestellt hat - muß es denn wirklich immer der Beste des Jahrgangs, der Riegenführer sein, der ein Land regiert?

»Muß nicht sein«, sagt Lafontaine, »obwohl ich immer gedacht habe, es nützt der Stabilität eines Landes, wenn es sich mit den politischen Führungsfiguren seiner Zeit identifizieren kann.«

Wenn man die Rolle von Strauß in Bayern, Biedenkopf in Sachsen, Stolpe in Brandenburg, Lafontaine im Saarland, Rau in Nordrhein-Westfalen und die von Adenauer und Brandt für die alte Bundesrepublik bedenkt - es ist was dran. Y

»Die deutsche Vereinigung ist der scharfe Schnitt im Leben Lafontaines.«

»Der einsame Wahlkampf war sein Gesellenstück - im freien Fall gefertigt.«

* Am 25. April 1990 in Köln-Mülheim.

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