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»Nicht über Augen, Ohren und Kragen«

aus DER SPIEGEL 15/1972

SPIEGEL: Herr Wörner, der Wehrbeauftragte des Bundestages hat in seinem neuesten Bericht die nachlassende Disziplin der Bundeswehr beklagt. Teilen Sie, der designierte Verteidigungsminister einer CDU/CSU-Regierung, die Meinung von Schultz?

WÖRNER: Schultz hat ein präzises Bild der Lage gegeben. Sicher verfügt die Bundeswehr noch immer über ein gutes, wenn nicht gar ausgezeichnetes junges Offizier- und Unteroffizierkorps; aber ein Verfall der Disziplin ist in Teilen der Truppe ganz deutlich. Und was mich besonders besorgt macht: Diese Tendenz ist steigend, das heißt, es handelt sich um einen gefährlichen Trend.

SPIEGEL: Hätten Sie als Chef auf der Hardthöhe Helmut Schmidt in Sachen Disziplin etwas vorzuhalten?

WÖRNER: Es wäre falsch, Schmidt allein das anlasten zu wollen, was sicher in erster Linie eine Folge der Unruhe in der ganzen jungen Generation ist. Aber Schmidt hat sich diesem Trend nicht hinreichend widersetzt, er hat durch einige Äußerungen dazu beigetragen, daß diese Schwierigkeiten zunahmen. Er hat zu weit nachgegeben, er hat den Vorgesetzten nicht im nötigen Ausmaß den Rücken gestärkt, und er ist darum nach meiner Auffassung an dieser Entwicklung mitschuldig.

SPIEGEL: Welche Äußerungen meinen Sie?

WÖRNER: Ich denke etwa an die Äußerung, die er bei einem Interview mit der »Bild«-Zeitung machte, es sei ihm völlig egal, was auf dem Kopf wachse, entscheidend sei, was unter der Schädeldecke stecke. Oder ich denke an die Befehle, die er vertreten hat, etwa an die zwei Erlasse zur Haar- und Barttracht, die auch der Wehrbeauftragte mit Recht kritisiert.

SPIEGEL: Kommen wir auf die bundesdeutsche Gesellschaft zurück. Wollen Sie die Bundeswehr gegen diese Entwicklung abschirmen?

WÖRNER: Die Bundeswehr ist ein Bestandteil dieser demokratischen Gesellschaft. Man kann und soll sie nicht von dieser Gesellschaft abkapseln und unter eine Käseglocke stellen. Wenn ich dem unheilvollen Trend steuern will, dann muß ich auf der einen Seite ansetzen an den Schulen und dort die Wehrbereitschaft der Bevölkerung vorbereiten; zum zweiten muß ich stärker, als das gegenwärtig der Fall ist, die Rolle des Soldatischen betonen, die Rolle der Disziplin, und zwar nicht in Form irgendeines veralteten Kasernenhofdrills, sondern in Form einer sinnvoll erläuterten und ausgedehnten militärischen Zweckgemeinschaft, die sich am Kampfauftrag orientiert.

SPIEGEL: Wie sollen die Schulen Ihrem Anspruch gerecht werden und mehr Wehrbereitschaft propagieren?

WÖRNER: Es geht nicht um Propaganda für die Bundeswehr, es geht um sachliche Aufklärung. Ich stelle immer wieder fest, daß schon die Funktion der Abschreckung ihrem gedanklichen Hintergrund nach nicht gewußt oder nicht begriffen wird. Damit fängt es an. Zweitens stelle ich einen erschreckenden Mangel an Information über die Kräfteverhältnisse in dieser Welt fest. Drittens stelle ich fest, daß über den Aufbau und den demokratischen Charakter dieser Armee nicht genug gewußt wird.

SPIEGEL: Woher wollen Sie denn Lehrer für Ihre Wehrkunde nehmen?

WÖRNER: Ich gebe mich keinen Illusionen hin: So etwas erreicht man nicht von heute auf morgen. Aber ganz sicher ist, daß wir schon in der Lehrerbildung ansetzen müssen. Ich kenne die Abneigung gerade an pädagogischen Hochschulen gegenüber der Bundeswehr, der Rolle der Verteidigung überhaupt. Hier muß unser Staat seine Möglichkeiten nutzen, seinen künftigen Beamten so viel an Information zu vermitteln, wie er das für nötig hält. Wir müssen, so unbequem das auch sein mag, den Lehrern einfach zumuten, in den Schulen Sachaufklärung über die Bundeswehr zu leisten.

SPIEGEL: Derzeit wollen weder die Lehrer noch die Schüler einen Unterricht, der Ihren Vorstellungen entspricht.

WÖRNER: Das mag sein, ich bestreite das nicht, nur ist das kein Argument, auf einen solchen Unterricht zu verzichten. Es gibt manches Unbequeme, was wir dem Schüler, und manches Unbequeme, was wir dem Lehrer zumuten und auch in Zukunft zumuten müssen. Wenn ein Lehrer meint, er könne das nicht tun, gibt es Jugendoffiziere der Bundeswehr, die ganz sicher in sachlicher Weise über diese Bundeswehr aufklären werden.

SPIEGEL: Würden Sie als Verteidigungsminister die Bundeswehr reorganisieren, um die Disziplin zu festigen?

WÖRNER: Ich glaube nicht, daß man die Bundeswehr in ihrer Organisationsform ändern muß. Die rechtlichen Möglichkeiten reichen aus. Es kommt darauf an, daß man dem Vorgesetzten Mut macht, ein bestimmtes Auftreten und ein Mindestmaß von soldatischer Ordnung durchzusetzen. Wenn das im Augenblick schleift, dann einfach deshalb, weil sich viele Offiziere von der politischen Führung im Stich gelassen fühlen.

SPIEGEL: Müssen die Wehrpflichtigen befürchten, daß Sie nach einem Machtwechsel 1973 die Offiziere anhalten werden, härter durchzugreifen?

WÖRNER: Es ist dies nicht eine Frage der Härte, sondern der Konsequenz, mit der man seine Vorstellungen durchsetzt. Die Ausbildung sollte in jeder Armee hart sein. Es geht um ein unerläßliches Maß, ich wiederhole das, es geht um ein unerläßliches Maß an Disziplin. Dieses Mindestmaß an Disziplin empfinde ich nicht als eine Zumutung an den Wehrpflichtigen.

SPIEGEL: Und ein Verteidigungsminister Wörner würde dieses angebliche Mindestmaß durchsetzen?

WÖRNER: Ich glaube, daß ich dazu in der Lage wäre und daß ich auch von meiner Partei gestützt würde, wenn ich das Maß an soldatischer Ordnung, Disziplin und an soldatischem Auftreten durchzusetzen versuchte, das eine Armee braucht, wenn sie funktionsfähig bleiben und ihrer Aufgabe der Abschreckung gerecht werden soll.

SPIEGEL: Und was wird mit Helmut Schmidts großzügigem Haarerlaß? Würden Sie ihn rasch revidieren?

WÖRNER: Ich würde mich daran nicht festbeißen. Da ich dem Ganzen lediglich symptomatischen Charakter zumesse, würde ich allerdings als eine der ersten Maßnahmen diese Frage neu regeln. Ich empfinde das österreichische Modell als gut: nicht über die Augen, nicht über die Ohren und nicht über den Kragen.

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