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GESELLSCHAFT / HOMOPHILE Nicht wundern

aus DER SPIEGEL 37/1970

Nur zwanzig Zuhörer waren dabei, als jüngst im Frankfurter »Haus Dornbusch« eine deutsche Minderheit den Aufbruch in die Öffentlichkeit wagte: Die »Interessenvereinigung Deutscher Homophiler e. V.« (IDH) hatte zu »ernsthafter Diskussion« über die gesellschaftliche Rolle von Lesbierinnen und Homosexuellen geladen.

Im September und Oktober wollen die Homophilen in sieben weiteren Großstädten von München bis Hamburg für die »absolute Gleichberechtigung« der Gleichgeschlechtlichen streiten. Denn, so IDH-Vorsitzender Horst Bohrmann, 36 ("Natürlich bin ich homosexuell"): »Wir geben uns nicht damit zufrieden, gesetzlich akzeptiert oder gar nur toleriert zu werden.«

Es ist der erste Versuch, die von gesellschaftlichen Vorurteilen bedrängten Homophilen der Bundesrepublik straff zu organisieren und für die sozialen wie rechtlichen Fährnisse eines Außenseiterdaseins stark zu machen: 46 Prozent der westdeutschen Bürger sind nicht einmal bereit, Homosexuelle zu tolerieren. Von seiner Wiesbadener Bundesgeschäftsstelle aus müht sich IDH-Chef Bohrmann, die auf Diskretion bedachten Gleichgesinnten für öffentliche Agitation zu mobilisieren.

Den Berliner »Schutzverband Deutscher Homophiler« sowie Splittergruppen in München und Hamburg forderte er zur Verbrüderung auf. Dem ehemaligen Mönch und Ex-Chefredakteur des Homophilen-Magazins »Him«, Udo J. Erlenhardt, hatte er »freundschaftliche Zusammenarbeit« angeboten, doch kam kein enger Kontakt zustande, weil -- so Bohrmann -- Erlenhardt »sehr egozentrisch« sei.

Verlagskaufmann Bohrmann, der auch Frauen für den IDH anwerben möchte, plädiert für Lokale, in denen gleichgeschlechtlich Liebende beider Geschlechter verkehren. Vorbild: dei Frankfurter Nachtklub »Camelot« im Stadtteil Sachsenhausen, der von einem männlichen und einem weiblichen Homophilen in einer Art Gütergemeinschaft betrieben wird.

Der rührige Bohrmann schrieb 265 Gaststätten an, deren Inhaber schon Mitglieder oder wenigstens Sympathisanten der IDH sind, vor allem in Frankfurt, Berlin, München und Hamburg, aber auch in einigen Provinzstädten. Die Wirtsleute sind gebeten, sich an der IDH-Mitgliederwerbung zu beteiligen, »da ein großer Teil homoerotischer Menschen Ihre Lokale frequentiert«. Später sollen die Gastronomen ein IDH-Emblem als Empfehlung an ihren Etablissements anbringen.

In seinen IDH-Mitteilungen offeriert Bohrmann außerdem

* Sprechstunden ("auch für Nichtmitglieder") nebst psychologischer Beratung per Brief oder Telephon;

* einen Urlaubs- und Reisedienst für 1971 mit Möglichkeiten, »sich kennenzulernen und auszutauschen«.

Vor allem aber sollen die Homophilen, die sich zur IDH bekennen, Rechtsschutz jeder Art erhalten, etwa »In Fällen von Erpressungsversuchen«, bei Verlust der Wohnung oder des Arbeitsplatzes, sofern die homosexuelle oder lesbische Veranlagung Ursache ist Dem IDH-Vorstand gehört deshalb der Anwalt Wolfgang Junker aus dem westfälischen Olpe an. Seine »reichen Erfahrungen kommen uns allen zugute«, preist Bohrmann im Rundbrief.

Um Rechts-Rat können westdeutsche Homophile noch immer leicht verlegen werden, obschon seit dem 1. September 1969 der alte Strafgesetzbuch-Paragraph 175 weggefallen ist, der jegliche sexuelle Handlung zwischen erwachsenen Männern (nicht aber Frauen) unter Strafe stellte. Denn auch der reformierte Paragraph sieht Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren für homosexuellen Umgang mit Jugendlichen bis zu 21 Jahren vor, für jegliche »Unzucht mit Abhängigen« (die bei Heterosexuellen nur geahndet wird, wenn »Ausnutzung der Amtsstellung« vorliegt) und für männliche Prostitution jeder Art.

Daß die Neufassung des Gesetzes längst nicht zu einer Revision der öffentlichen Meinung über gleichgeschlechtlich Liebende geführt hat, mußte IDH-Vorsitzender Bohrmann am eigenen Leibe spüren.

Vor dem Frankfurter Arbeitsgericht hat der Kaufmann den Hamburger Heinrich Bauer-Verlag ("Quick«,

»Neue Revue« auf eine Abfindung und Schadenersatz verklagt, weil er als Leiter einer Werbekolonne fristlos entlassen worden war. Der Arbeitgeber-Vorwurf: Bohrmann habe junge Werbe-Mitarbeiter »zur widernatürlichen Unzucht mißbraucht«.

Bohrmann bestreitet und hat inzwischen den Bauer-Verlag-Beauftragten Fred Vullgraff und den Bauer-Anwalt Herbert Krupke bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft wegen Beleidigung angezeigt.

Zwar gibt Vullgraff »unumwunden zu«, Bohrmann als »schwules Schwein« bezeichnet zu haben, doch kann, so Vullgraffs Anwalt Krupke vor dem Arbeitsgericht in Frankfurt, Männern wie Bohrmann »nur eine ebenso krankhaft veranlagte Person männlichen Geschlechts Verständnis entgegenbringen«. Deshalb dürfe sich Bohrmann »nicht wundern, wenn sein Verhalten, mit dem er sich im öffentlichen Leben brüstet, beanstandet und dementsprechend auch betitelt wird«.

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