Zur Ausgabe
Artikel 46 / 151
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

VERBRECHEN Nichts gelernt

Wieder einmal entsprang ein psychisch kranker Verbrecher - und löste eine neue Debatte über den deutschen Strafvollzug aus.
Von Irina Repke und Steffen Winter
aus DER SPIEGEL 45/2000

Weiße Blumen schwammen zum Gedenken an die Opfer auf dem Rhein, Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth zeigte Verständnis für die Bürgerängste. 1,2 Millionen Deutsche verlangten per Unterschriftenliste im Dezember 1996 einen besseren Schutz der Gesellschaft vor Sexualstraftätern.

Vor vier Jahren fanden sie überall offene Ohren. Die siebenjährige Natalie war in Bayern von einem einschlägig Vorbestraften ermordet worden, wenige Tage nach der Aktion wurde die zehnjährige Kim aus dem niedersächsischen Varel umgebracht. Die Balance zwischen sicherer Verwahrung der Täter und Therapie, erklärten Experten aller Parteien, werde neu justiert.

Doch in der vergangenen Woche zeigte sich, dass Politik und Justiz nichts dazugelernt haben - den 60 Jahre alten Berliner Johannes B. kostete es das Leben. Er wurde Donnerstagabend von dem entflohenen Gewaltverbrecher Frank Schmökel in Strausberg, rund 20 Kilometer östlich der Hauptstadt, mit einem Spaten erschlagen. Der Kinderschänder brauchte wohl das Auto, einen grünen Hyundai Pony, 70 Mark Bargeld, die Papiere und die EC-Karte des Rentners, um seine Flucht fortsetzen zu können.

Die Nachricht vom Tod des gehbehinderten Berliners belebte die alten Reflexe neu. Der Polizeichef von Frankfurt (Oder), Dietmar Weist, erkannte: »Dort läuft eine lebende Zeitbombe herum.« Und Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU), sonst ein Hardliner, stellte mit Rücksicht auf den Koalitionspartner SPD lapidar fest: »Wenn ein solcher Verbrecher durch die Gegend läuft, kann man nicht sagen, wir haben alles richtig gemacht.«

Doch der zuständige Sozialminister Alwin Ziel (SPD) schloss persönliche Konsequenzen vorerst aus, sein Staatssekretär Herwig Schirmer trat statt seiner zurück. Eine Sonderkommission der Landesregierung berät seit dem Wochenende wieder einmal, wie die Opfer besser zu schützen seien.

Im Fall Schmökel wurde offenbar falsch gemacht, was falsch zu machen war - als habe es die Morde an Natalie und Kim nie gegeben. Der Gewaltverbrecher war statt im Strafvollzug in der Landesklinik Neuruppin untergebracht, obwohl ihn ein Gutachter als »nicht therapierbar« eingestuft hatte. Die Gewalt-Karriere des schon zu DDR-Zeiten auffällig gewordenen Rinderzuchtarbeiters spricht für diese Diagnose.

Mit 16 wurde Schmökel wegen Rowdytums und Körperverletzung verurteilt. 1988 dann erstmals wegen versuchter Vergewaltigung. Schon damals wollte er zum ersten Mal ausbrechen. Die Amnestiewelle 1989 brachte auch ihm die Freiheit. 1993 erhielt er wegen Vergewaltigung und sexuellen Missbrauchs eines Kindes mit Todesfolge fünf Jahre und sechs Monate Haft.

Weil er während einer Flucht im April 1994 die zwölfjährige Christine W. vergewaltigte und fast zu Tode würgte, wurde die Haftstrafe auf 14 Jahre aufgestockt. Viermal noch flüchtete Schmökel in drei Jahren.

Dennoch wurden seine Haftbedingungen immer weiter gelockert. Seinem Mandanten, sagt Anwalt Karsten Beckmann, »wurde damit kein Gefallen getan«. Schmökel, der nur einen Schulabschluss der achten Klasse hat, besitze allerdings die Gabe, so Beckmann, den Therapeuten vorzugaukeln, er mache Fortschritte. Er selbst habe »bis gestern geglaubt, mein Mandant ist nicht gemeingefährlich«.

Im brandenburgischen Strafvollzug mit seinen überalterten Gefängnissen sind Pannen beinahe obligatorisch. Im Maßregelvollzug entkamen allein zwischen 1994 und 1998 aus den Landeskliniken 32 psychisch Kranke, einer verübte während seiner Flucht im Oktober 1998 zwei Raubmorde. Da vor der Wende in den DDR-Psychiatrien keine Straftäter eingesessen hätten, klagt ein Arzt, seien viele Mitarbeiter auch heute noch nicht vorsichtig genug: »Die denken nicht daran, dass sie es mit gefährlichen Mördern zu tun haben.«

So war es wohl auch bei Schmökel, der sogar seine kranke Mutter in Strausberg besuchen durfte. Dabei stach er einen Pfleger nieder und verschwand. Ähnlich wie vor knapp zwei Jahren der Gewaltverbrecher Dieter Zurwehme, der die Polizei neun Monate narrte und auf seiner Flucht vier Menschen ermordete sowie zwei Mädchen zu vergewaltigen versuchte, tauchte Schmökel spurlos unter - bis er einem Psychiater der Klinik am Donnerstagabend die Bluttat an dem Rentner telefonisch beichtete.

Der Flüchtige war von Johannes B. offensichtlich in der Bungalow-Anlage überrascht worden und hatte sofort zugeschlagen. Unter dem Fahndungsdruck - ihm waren am Freitag rund 500 Polizisten, Bundesgrenzschutzbeamte sowie Zielfahnder auf den Fersen, Hubschrauber überflogen selbst nachts mit Infrarot-Kameras die Wälder - fühle er sich offenbar, glaubte ein Polizeipsychologe, wie ein »Tier im Käfig«, ein anderer erklärte, in dem zu vermutenden »affektiven Erschöpfungszustand« folge Schmökel unberechenbaren, »fast animalischen Instinkten«.

Auch die besten Gesetze, sagte Süssmuth vor vier Jahren, könnten nicht alle Taten verhindern. Die mörderische Flucht von Frank Schmökel wird die Debatte neu entfachen. IRINA REPKE, STEFFEN WINTER

Zur Ausgabe
Artikel 46 / 151
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.