Zur Ausgabe
Artikel 9 / 35
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

NACHWUCHS Nichts in Sicht

aus DER SPIEGEL 8/1955

Schauplatz: Ein Schlauchboot im Atlantik, mit zwei Mann besetzt. Der eine, dem von einem Arm nur ein eiternder Stumpf geblieben ist, stöhnt: »''Wenn ich diesen verfluchten Arm nicht hätte, könnte ich es noch lange aushalten. Aber so? Zähl mal meinen Puls!'' - Der andere zählte ... ''Hundert'', sagte er. Er hatte 120 gezählt.«

Der »Andere«, ein schiffbrüchiger deutscher Seemann, treibt im Kriegsjahr 1943 mit dem »Einarmigen«, einem abgestürzten amerikanischen Piloten, in der Wasserwüste dem sicheren Tod entgegen. So will es Jens Rehn in seinem Erstling »Nichts in Sicht"*). Das ist ein Protokoll von der »Endgeschichte zweier Leben«, die der Autor fast im Anonymen beläßt. Seine beiden Helden heißen bei ihm nur »der Einarmige« und »der Andere«, Namen spielen keine Rolle für Rehn, der eine Grenzsituation registrieren will.

Zu diesem Stoff wurde Jens Rehn (Jahrgang 1919) während der Kriegsgefangenschaft in Kanada von Mitgefangenen angeregt, die in einer ähnlichen Schlauchboot-Situation das Glück hatten, nach mehreren Tagen gerettet zu werden. Rehn selbst, während des Krieges U-Boot-Kommandant, wurde 1943 bei der Versenkung seines Bootes als Überlebender aus dem Atlantik gefischt.

Rehn wendet in seinem Buch eine eigentümliche Technik an. Das Grauenhafte der Situation bringt er meist dadurch zum Ausdruck, daß er es verschweigt. An die Stelle einer dramatisierenden Ausbeutung verzweiflungsvoller Höhepunkte setzt er scheinbar leidenschaftslos lexikographische, lehrbuchhafte Darlegungen. Auf der Gummi-Insel der Todgeweihten ereignen sich keine Gefühlsausbrüche. Statt dessen gibt Rehn knappe, sachliche Definitionen von der Beschaffenheit und der Strapazierfähigkeit der menschlichen Haut, von der Bekömmlichkeit und dem Salzgehalt des Meerwassers, von Durst, von Halluzinationen.

Einmal, als der »Einarmige« seinen Verletzungen bereits erlegen ist, zeichnet Rehn die Hoffnungslosigkeit des »Anderen« mit den Worten: »Er wußte, daß er nie aufstehen würde. Er versuchte jedoch noch, die Kimm auszumachen und den Horizont zu überblicken. Es war aber nichts in Sicht.«

Doch statt nun dem Chaos der Gefühle nachzugehen, beleuchtet Rehn wenige Zeilen danach die hoffnungslose Lage im Lexikon-Stil: »Unter dem Begriff Hoffnung versteht man einen auf etwas Bestimmtes ausgerichteten Wunsch, gleichgültig, ob dieser Wunsch erfüllbar ist oder nicht. Die Hoffnung ist eine der stärksten Triebfedern des Lebens und in Grenzfällen sogar mit dem Selbsterhaltungstrieb identifizierbar. Die gebräuchlichsten Religionen haben ihre Gottesbegriffe und Glaubenssätze stets innig mit den ihnen zusagenden Hoffnungsaspekten verwoben.«

Für so viel bewußte Zurückhaltung fand Friedrich Luft in der »Neuen Zeitung« kurz vor ihrem Tod das Urteil: »Der Autor macht keine Faxen ... Er geht mit Mitteln der bewußten Nüchternheit auf einen Bezirk zu, der sonst mit Pathos, mit dem hochgeschraubten Wort leichter gewonnen

*) Jens Rehn: »Nichts in Sicht«; Hermann Luchterhand Verlag, Berlin; 144 Seiten; 7,80 Mark. wird.« Das Resultat seiner Rezension: »Mag sein, daß uns da eine neue Stimme zuwächst.«

Dieser Stimmenzuwachs kommt allerdings nicht von ungefähr. Seit reichlich drei Jahren wird dieses bewußte literarische Pianissimo in Berlin von einem Dutzend in der »Gruppe der 12« zusammengeschlossenen jungen Autoren geübt, zu denen auch Rehn, mit bürgerlichem Namen Otto Luther, gehört. Diese »Zwölf«, zu denen bisweilen zehn, bisweilen auch fünfzehn junge Autoren gehören, haben sich nicht einem neuen Kunstprogramm, sondern ausschließlich sachlicher »Werkstattarbeit« verschrieben. In Abständen von drei bis vier Wochen treffen sie sich in Privatwohnungen, um ihre Arbeiten gegenseitig zu überprüfen und von »Faxen« zu reinigen. Mehrere der Gruppenmitglieder haben es schon zu beachtlicher literarischer Anerkennung gebracht.

Entdeckt wurde die Gruppe bereits 1952 von Carl Zuckmayer, der anläßlich eines Aufenthaltes in Berlin die »Zwölf« besuchte und zwei von ihnen an dem ihm kurz zuvor verliehenen Goethe-Preis teilhaben ließ. Die damals von Zuckmayer Ausgezeichneten waren Johannes Hendrich und Ingeborg Drewitz.

Hendrich, nur ein Jahr jünger als Rehn, hat in den letzten Jahren in Berlin regelmäßig Hörspiele placiert. Das Presse-Echo ist bezeichnend für den »Gruppen«-Geist: »Die Szenerie ist leergefegt von Sentimentalitäten und schwülstiger Rede«, schrieb der Funkkritiker der »Neuen Zeitung« zu Hendrichs Hörspiel »Das andere Gesicht«, das nach der Erstsendung durch den Rias im März 1955 vom Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart übernommen werden wird. Von Ingeborg Drewitz wird demnächst in Krefeld ein Orpheus-Drama »Stadt ohne Brücke« uraufgeführt.

In dem Buch-Erfolg ihres Mitgliedes Rehn will die »Gruppe der 12« eine weitere Bestätigung für ihre These sehen, daß es dem literarischen Nachwuchs heute weniger an leidenschaftlichen Programmen als an absolut unpathetischer Kleinarbeit fehlt.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 9 / 35
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.