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»Nichts ist vergessen«

Wie Kohls Geschichtsbild auf die Sowjet-Union wirkt *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Aussitzen lasse sich der Ausfall nicht, hieß es angesichts der Bußunfähigkeit des Kanzlers vorige Woche im Moskauer ZK. Bis zu einer wirklichen Entschuldigung kann der beleidigte Michail Gorbatschow die Bundesrepublik nicht besuchen. Dabei ist der sowjetische Parteichef, der selbst etwas Deutsch spricht, vermutlich höchst neugierig auf jenes Volk, das Rußlands Geschichte so nachhaltig beeinflußt hat.

Von dem Mann, der zur Zeit die Deutschen-West repräsentiert, konnte sich Gorbatschow kurz einen Eindruck machen, als er ihn voriges Jahr bei der Beerdigung des Amtsvorgängers Tschernenko traf. Kohl, der hernach »vorsichtigen, aber nicht naiven Optimismus« äußerte, beeindruckte den Kremlherrn nicht, wie aus dessen Beraterkreis zu hören war: Da sei kein Funke übergesprungen, er wisse ihn nicht genau einzuschätzen.

Deutschen gegenüber hat auch ein Michail Gorbatschow, der bei Kriegsende 14 Jahre alt war, eine besondere Empfindlichkeit. Nach Tschernobyl beschuldigte er die Bundesrepublik zu Unrecht einer »zügellosen antisowjetischen Kampagne": Bonn habe in dem Unglück »lediglich eine weitere Möglichkeit« gesehen, den Ost-West-Dialog zu behindern, das Atomwettrüsten zu rechtfertigen und »grünes Licht für weitere Kriegsvorbereitungen zu geben«.

Die Schärfe beweist, daß zwischen Russen und Deutschen auch über 40 Jahre nach Kriegsende und über 15 Jahre nach dem Ausgleichsvertrag von Moskau noch lange nicht alles im reinen ist.

Und Kohl rechtfertigte Moskauer Unmut schon vor seiner Goebbels-Entgleisung. Als erster deutscher Kanzler besuchte er das alljährliche Treffen von Vertriebenen aus dem Sudetenland und verlangte auf diesem Forum Wiedergutmachung von der UdSSR für Tschernobyl-geschädigte Bauern.

So haben Sowjetpropagandisten alten Typs die Deutschen gern: einfältig, unsensibel und begehrlich. Die Furcht vor einer unterstellten Neigung zur Revanche bringt allemal die Sowjetbürger hinter ihre Regierung. Das alte Gespenst »Revanchismus« belebte die »Iswestija« im Juni mit der Nachricht, daß »Nachfolger Hitlers« in der Bundesrepublik, nämlich 22100 westdeutsche Neonazis in 78 Gruppierungen, mit 150 Waffen und 12000 Patronen binnen eines Jahres 812 Schwerverbrechen begangen hätten.

Andererseits, so die Sowjetagentur »Tass« vorige Woche, befänden sich in der Bundesrepublik 1300 Demokraten »hinter Gittern«, fünf Millionen Gastarbeitern seien die »elementaren Menschenrechte« entzogen ("unwiderlegbare Realität"), »die demokratische Presse wird verfolgt«, fortschrittliche Kulturschaffende wie Günter Wallraff »wurden gezwungen, das Land zu verlassen«.

Dieses Deutschen-Bild ist den Sowjetbürgern vertraut, das Heldenepos »Großer Vaterländischer Krieg« - eigentlicher Triumph der KPdSU - entläßt sie nicht aus den schmerzlichen Erfahrungen mit den Deutschen.

Anders als in Amerika und sogar in der Bundesrepublik weiß so gut wie jeder Bürger der UdSSR, wer Goebbels war - einer der drei Spitzen-Nazis, der intellektuelle Hetzer neben dem eher lächerlichen Göring nach dem Teufel Hitler. Seine Propaganda, lehrt die Große Sowjetenzyklopädie gründete sich »auf das Predigen des Rassismus sowie das Preisen von Gewalt und Eroberungskrieg, charakterisiert durch Demagogie und eine nie dagewesene Tatsachenverfälschung«.

So ungeheuerlich ist der Vergleich Gorbatschow-Goebbels für die Sowjet-Union, daß Moskau zögerte, die Beleidigung zu veröffentlichen. Sie muß, wenn sie bekannt wird, beim größten Volk Europas die Besorgnis wecken, die Deutschen hätten schon die Lehre der Geschichte vergessen, die in Rußland allemal präsent ist.

Sowjetbürgern wird ständig ins Gedächtnis gerufen, daß der deutsche Überfall von 1941 rund 20 Millionen Tote gekostet hat. 1710 Städte und 70000 Dörfer mehr oder weniger zerstörte, 31850 Industriebetriebe und 98000 Kolchosen verwüstete. 65000 Kilometer Bahngleise, 84000 Schulen, 43000 Bibliotheken, 427 Museen wurden nach sowjetamtlichen Angaben zerstört, insgesamt zwei Drittel des Volksvermögens im besetzten Gebiet.

Über drei Millionen sowjetischer Kriegsgefangener kamen in deutschen Lagern um, vier Millionen »Ost-Arbeiter« wurden ins Reich deportiert. Die Opfer können das nicht so leicht verdrängen wie die Täter.

»Niemand ist vergessen, nichts ist vergessen«, steht auf dem Leningrader Piskarjow-Friedhof, auf dem die meisten der 600000 während der deutschen Blockade Getöteten ruhen. Und dann kommt einer daher, der mit dem Ideologen dieses Völkermords ("Zerstampft den Kommunismus!") den Generalsekretär der KPdSU von 1986 gleichsetzt.

Das wirkt in sowjetischer Sicht schließlich auch als unverschämte persönliche Beleidigung eines Mannes, der das nicht verdient hat - an sich schon ein Sakrileg.

Gerade Gorbatschow sucht die Sowjet-Union von den Relikten der Vergangenheit zu befreien - demnächst kommt der erste Film ("Beichte") in die Sowjetkinos, der die Stalin-Ära als eine Zeit des Schreckens darstellt, mit Bezügen zu jeder anderen Diktatur. Sowjetkenner Kohl aber hat sein Urteil über Gorbatschow schon gefällt: »Ich bin kein Narr. Ich halte ihn nicht für einen Liberalen.«

Vor allem aber trifft Kohls Analogie die Opfer deutschen Herrenmenschentums - sie setzt sie mit den Tätern gleich gemäß der alten Schablone vom »Totalitarismus": Nationalsozialismus gleich Sowjetsystem.

Kohls Geschwätz hat einen höchst empfindlichen Punkt im Selbstverständnis etablierter Einparteienstaaten getroffen: die scheinbare Ähnlichkeit der Herrschaftsformen unter Hitler und unter Stalin. Die Empfindlichkeit der Betroffenen geht so weit, daß »Xinhua«, die Agentur des kommunistischen China, den »modernen kommunistischen Führer in Kohls »Newsweek«-Interview vorsichtshalber als »modernen polilischen Führer« wiedergab.

Aus »Newsweek« erfuhren die Sowjetbürger, daß der Deutsche ihren Chef aber nicht nur mit Goebbels gleichsetzte, sondern sogar mit Hitler und mit Stalin. Über den Gipfel von Reykjavik klirrte es in den Kreml:

»Wir Deutschen haben eigene Erfahrungen mit Konferenzen dieser Art, wo sich Spitzenleute treffen und denken, daß sie nun über das Schicksal von Völkern zu entscheiden hätten. Wir erinnern uns an die jüngste Geschichte. Teheran, Jalta und 1938 München - Chamberlain, Daladier. Die zwölf Stunden, die das Schicksal der Welt entschieden. Wir haben die Folgen erlebt.«

Zum »Gespött« (so die Londoner »Financial Times") machte Kohl mithin den Versuch der Westmächte, das deutsche Raubtier durch Aushändigung des Sudetenlands an Hitler-Deutschland zu besänftigen und den großen Krieg zu vermeiden. Kohl verglich dies hilflose, aber ehrenwerte Unterfangen mit Rußlands Kriegsbeute nach dem teuer erkauften Sieg über ebendieses Raubtier.

Und dann war der Sowjetführer auch noch »einer aus meiner Generation, es ist wichtig, daß er nicht mehr zur Kriegsgeneration gehört«. Großmütig läßt der Deutsche das Haupt der Sowjet-Union teilnehmen an seiner dubiosen »Gnade der späten Geburt«. Und er erteilt Ratschläge, wie Rußland zu regieren sei.

Mit zwei Methoden lasse sich das ineffektive Sowjetsystem heilen - einmal mit der »Peitsche« nach Stalins Art, die der späte Deutsche für »nicht sehr populär oder erfolgreich« hält, zum anderen im Stil von Ungarns Kadar oder Chinas Teng Hsiao-ping, und »irgendwo dazwischen« werde Gorbatschow seinen Platz finden.

Zehn Tage brauchte das Politbüro, um auf diesen Schlag zu reagieren und zu veranlassen, daß neue Gesprächskontakte bis auf weiteres nicht mehr geknüpft werden. Dem Außenminister Schewardnadse legte das oberste Machtgremium der KPdSU sogar nahe, sein Treffen mit Genscher vorige Woche in Wien zu meiden; Gorbatschow-Freund Schewardnadse hielt sich nicht daran.

Der Sowjetöffentlichkeit blieb zunächst einmal vorenthalten, wie der potentielle »Partner Nr. I« (so der ZK-Deutschlandexperte Nikolai Portugalow) »im gemeinsamen Haus Europa« (so Gorbatschow) über den bedeutendsten Mitbewohner denkt. Im »Tass«-Kommentar zur Bundestagsdebatte vom Donnerstag wurden Kohls Ausflüchte nicht erwähnt.

Daß Moskaus Propagandamaschine dermaßen vorsichtig auf die Provokation des deutschen Kanzlers reagierte, zeigt außer tiefer Verletztheit auch, wie sehr Moskau an der politischen Strategie des Ausgleichs mit Westeuropa festhält für den Fall, daß mit den USA nichts mehr läuft.

Moskau kann die Deutschen trotz ihrer Entgleisungen dabei nicht ausplanen - aber die nun entstandene Kälte werden sie noch lange zu spüren bekommen.

Beim traditionellen Kreml-Empfang zum Jahrestag der Oktoberrevolution am vorigen Donnerstag bot der beleidigte Gorbatschow dem deutschen Botschafter Jörg Kastl einen Vorgeschmack.

Während der Generalsekretär mit anderen westlichen Botschaftern beim Begrüßungsdefilee herzlich, manchmal mehrere Minuten lang plauderte, reichte er Kastl nur kurz die Hand und wandte sich dann dem nächsten Gast zu.

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