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SCHWEDEN Nichts mehr zu bieten

Nichtstuer blockieren die Universitäten, die Bildung sinkt, die Zahl der Examen geht zurück: Katastrophe einer einst gefeierten revolutionären Hochschulreform.
aus DER SPIEGEL 31/1979

Immer mehr Schweden strömen an Universitäten und Hochschulen: 113 000 studierten im Wintersemester 1976/77, jetzt sind es 150 000, im kommenden Wintersemester werden es 180 000 sein.

Aber immer weniger Schweden legen ein Hochschulexamen ab. Ihr Grundstudium in Physik beispielsweise beendeten im vergangenen Jahr nur 30 Studenten gegenüber 200 vor zehn Jahren, das Hauptstudium in Nordischer Sprache schlossen drei Studenten ab -- im Vergleich zu 33 eine Dekade zuvor.

Und immer weniger schwedische Studenten haben eine ausreichende Qualifikation. 55 Prozent der angehenden Volksschullehrer, so fand das »Institut für praktische Pädagogik« der Universität Göteborg in einem Test an 3500 Kandidaten, konnten »terrass« (Terrasse), 40 Prozent »tunt tyg« (dünner Stoff) nicht fehlerfrei buchstabieren.

Vor allem aber: Schwedens Studenten werden immer älter. 58 Prozent aller künftigen Volksschullehrer waren bei Studiumsbeginn 1977 älter als 30 Jahre -- im Vergleich zu acht Prozent nur zwei Jahre zuvor.

»Die Universitäten befinden sich in einer ernsten Krise«, sagte Sten Johansson, Professor am Stockholmer Institut für Sozialforschung. Die angesehenen wissenschaftlichen Bibliotheken der amerikanischen Universitäten Yale und Missouri wie auch die Washingtoner »Library of Congress« kündigten den Austausch von Doktorarbeiten mit der Universität in Lund auf -- die Schweden hatten nichts mehr zu bieten.

Ursache der Misere an Schwedens Hochschulen ist eine vor knapp zwei Jahren durchgeführte Hochschulreform, die das sozialdemokratische Stockholmer »Aftonbladet« damals als »Weltsensation« pries.

Heute muß Kultusminister Jan-Erik Wikström zugeben: »Die durchgreifende Hochschulreform hat Schwierigkeiten geschaffen.« Und das konservative »Svenska Dagbladet« spricht gar von einem »hochschulpolitischen Bankrott«. Die Schwierigkeiten der deutschen Universitäten muten harmlos an im Verhältnis zu dem, was in Schweden geschah.

Dabei sollte die Reform, die der damals für Erziehung und Unterricht zuständige Minister und spätere Sozialistenchef Olof Palme 1968 in Auftrag gegeben hatte, das schwedische Hochschulwesen grundlegend neu ordnen: Die Universitäten, die in den 60er Jahren dem Ansturm und den Ansprüchen der bildungshungrigen Nachkriegsgeneration nicht mehr gewachsen waren, sollten durch eine Hochschule neuen Typs ersetzt werden.

An den neuen Unis wollte man nicht mehr allein die theoretisch gut geschulte, aber in Wirtschaft und Verwaltung immer weniger gefragte akademische Elite alter Prägung heranzüchten, sondern Abiturienten gezielt auf Berufe vorbereiten und bereits Berufstätige für höhere Aufgaben umschulen -- eine Super-Gesamthochschule mit nur wenigen großen Zentren.

Alle staatlichen und kommunalen Hochschulen wurden den Universitäten in Göteborg, Lund, Linköping, Stockholm, Uppsala und Umeä zugeordnet. Zur Universität in Göteborg gehören seither beispielsweise neben den klassischen Fakultäten etwa die Pädagogische Hochschule, eine Ausbildungsanstalt für Freizeitpädagogen' die Sozial-, die Journalisten- und Musikhochschule, eine Theaterakademie sowie das »Staatliche Institut für Höhere Ausbildung von Krankenschwestern«.

An den sechs regionalen Gesamthochschulen ist möglich, wovon Arbeiter und Angestellte mit Volksschulbildung in anderen Ländern nur träumen: Sie dürfen studieren, ohne zuvor eine dem Abitur entsprechende Prüfung nachgeholt zu haben.

Denn zum Studium berechtigt schon das Abgangszeugnis einer Volksschule, aber auch jede schlichte Berufserfahrung von vier Jahren. Selbst Wehrdienst und die Pflege eigener Kinder, also praktisch herkömmliche Haushaltsarbeit, werden dazu anerkannt.

Studienwillige Berufstätige müssen lediglich 25 Jahre alt sein und über Englischkenntnisse verfügen, die dem Unterrichtsstand nach zwei Jahren Gymnasium entsprechen.

Allerdings, für jene Studiengänge, die zu traditionell akademischen Berufen wie Lehrer, Arzt, Anwalt, Volkswirt und Diplomingenieur führen, werden dem Abitur vergleichbare Kenntnisse verlangt -- doch nur in Fächern, die für das entsprechende Fachstudium unerläßlich sind.

Trotz dieser Einschränkung ist damit mehr als jeder dritte Berufstätige für das eine oder andere Studium qualifiziert. Überdies genügt für die Zulassung zu vielen Studiengängen und Fortbildungskursen schon die bloße Versicherung des Bewerbers, daß er über die geforderten Kenntnisse verfügt.

Um den Berufstätigen Zutritt auch zu den begehrtesten, mit Numerus clausus gesperrten Studiengängen wie Medizin, Jura oder Betriebswirtschaft zu sichern, klügelte das zentrale staatliche »Amt für Universitäten und Hochschulen« ein kompliziertes Quotensystem aus.

Auf Druck der Gewerkschaften wird dabei Studienbewerbern eine Tätigkeit in Verbänden und Vereinen gutgeschrieben. Mit diesem Extrabonus sollten aktive Mitglieder der Arbeiter- und Angestelltengewerkschaften, aus den Freikirchen, den Jugend- und Sportverbänden belohnt werden, aus denen die Sozialdemokraten einen Großteil ihrer Stammwähler rekrutieren. Die Gewerkschaftsvertreter erhielten zudem mit regionalen und kommunalen Repräsentanten die Mehrheit in den sechs neu eingerichteten Regionalausschüssen, die -- den Fakultäts-, Fachbereichs- und Institutsräten übergeordnet -- Umfang und Art des Studienangebots entscheidend mitbestimmen. Die Reform, so gab die sozialdemokratische Zeitung »Arbetet« die Auffassung der zentralen Landesorganisationen der Gewerkschaften wieder, sei eine »Weiterentwicklung der Demokratie«.

Das sahen die Betroffenen ganz anders. Der Vorsitzende des Studentenausschusses der Universität Lund' Anders Frostell, sagt über die Reform: »Der reine Blödsinn.« Selbst der ehemalige sozialdemokratische Kultusminister Bertil Zachrisson, der das Hochschulgesetz 1975 im Reichstag vorgelegt hatte, fürchtet nun, die »Schreibtischreform« drohe die Hochschulen in die »reine Katastrophe« zu stürzen.

Katastrophal sind die Verhältnisse schon heute in den berufsorientierten Studiengängen und Kursen der Philosophischen, Wirtschafts-, Sozial- und Naturwissenschaftlichen Fakultäten. Dorthin strömen nun Bildungshungrige, die gar nicht vorhaben, ihr Studium abzuschließen.

Etwa 75 Prozent aller Studienanfänger, ermittelte das »Statistische Zentralamt« (SCB) in Stockholm, hätten nicht die Absicht, ein Examen abzulegen.

So fiel denn die Zahl der erfolgreichen Grundstudienprüfungen in einem Hauptfach von 26 000 im Jahre 1970 auf knappe 8500 im vergangenen Jahr. Der liberale Stockholmer »Dagens Nyheter« stellte fest: »Immer mehr studieren immer weniger.«

Die geringe Anzahl an Grundstudienexamen, die den Zwischenprüfungen an deutschen Universitäten vergleichbar sind, löste Besorgnis selbst im staatlichen »Universitäts und Hochschulamt« aus. Sein Sprecher, der sonst die Folgen der Reform als Kinderkrankheiten zu verniedlichen pflegte, gab zu: »Die Entwicklung muß als drastisch betrachtet werden.«

Das gilt vor allem für jene Studenten, die die Zulassung ihrer Berufserfahrung verdanken -- immerhin schon jeder vierte aller Eingeschriebenen. Ein Drittel von ihnen fängt sogar mit dem Studium nie an oder verläßt die Universität schon nach wenigen Wochen.

Die übrigen zeigen wenig Eile. 40 Prozent, so ergab eine Untersuchung an den Fakultäten der Universität Lund' hatten nach dreieinhalb Semestern erst die Scheine eines normalen Semesters erworben.

Denn die Teilzeitstudenten arbeiten meistens auch nach Studienbeginn weiter' nicht wenige sogar ganztägig, weil kaum einer auf den in den Berufsjahren erreichten Lebensstandard verzichten will.

Gleichzeitig aber verdrängten die Umschüler immer mehr Abiturienten: Seit Berufserfahrung für die Zulassung ausreicht' kommen nur 15 Prozent der angenommenen Bewerber der angesehenen Stockholmer Medizinischen Hochschule »Karolinska Institutet« vom Gymnasium, alle mit dem höchstmöglichen Abiturnotendurchschnitt von fünf Punkten.

Für die Berufstätigen reichte bereits ein früheres Abgangszeugnis mit einem Notendurchschnitt von 3,2 Punkten. Die notwendigen Punkte erzielten sie durch berufliche Qualifikation, häufig aber auch dank Anrechnung ihrer organisatorischen Tätigkeit in Verbänden

* In Stockholm.

oder Vereinen -- für den späteren Arzt eine kaum verwertbare Erfahrung.

Das Durchschnittsalter der Studienanfänger stieg mit der Zahl der berufstätigen Studenten. Am »Karolinska Institutet« war jeder zweite Neuimmatrikulierte älter als 28 Jahre, der älteste 51 Jahre. Das Durchschnittsalter der Studienanfänger in Rechtswissenschaft schnellte in Stockholm gar auf 32 Jahre.

Ebenfalls nicht im Sinne der Reformer war, daß der Anteil der Medizinstudentinnen am Institut von 55 Prozent im Sommersemester 1977 auf 40 Prozent im Wintersemester abglitt. Grund: Die weiblichen Bewerber konnten ihre Zulassungspunkte sehr viel seltener als ihre männlichen Konkurrenten durch nachgewiesene organisatorische Tätigkeiten in Sport-, Hundezüchter- oder Gesangsvereinen aufbessern.

Manche Schwedinnen wußten sich zu helfen. Sie gründeten Bridgeclubs und Liederkränzchen und verteilten wichtige Vereinsposten unter sich.

Die Schüler an den Gymnasien zogen nach. Sie bilden Arbeitsgemeinschaften für Basteln, Briefmarkensammeln und Amateurphotographie, in denen es viele Funktionärsposten, aber kaum einfache Mitglieder gibt. Ein nüchterner Universitäts-Beamter: »Eine wahnwitzige Zulassungsbestimmung. Was da alles anerkannt wird, ist kaum zu glauben.«

Folge dieser Aufnahme-Normen: Am »Karolinska Institutet« fiel die Hälfte dieser neuen Studenten nach dem ersten Semester durch die Prüfungen.

Auch ein anderes Reformziel blieb unerreicht: breite Bildung für alle. Zur Hochschule strömten, so ermittelten Forscher der Universität Lund, zu 90 Prozent mittlere und höhere Angestellte, vor allem Beamte, Lehrer, Offiziere und Hausfrauen mit akademischer Vorbildung. Das sozialdemokratische »Aftonbladet« klagte: »Die Arbeiter nahmen die Chance, an der Universität zu studieren, nicht wahr.«

Ein Gutachten des »Universitäts- und Hochschulamtes« kam denn auch zu einem Schluß, der für die Reformer katastrophal war: »Die Reform trägt eher dazu bei, die Bildungskluft in der Gesellschaft zu vergrößern, statt sie zu verkleinern.«

Mit korrigierten Zulassungsbestimmungen wollen Schwedens Bildungspolitiker ihre Reform nun retten, beispielsweise durch einen Extrabonus für Frauen.

Doch das wird die Uni-Misere eher verschlimmern. Soziologie-Professor Sten Johansson, sonst durchaus für den Fortschritt, fordert die Rückkehr zur guten alten Zeit: »Weg mit der Bürokratie! Weniger Konferenzen und mehr Seminare! Weniger Vorlesungen, aber dafür mehr Studien und strengere Prüfungen!«

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