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Artikel 30 / 62

Nichts wäre schlimmer als der Sieg

2. Fortsetzung Der Kampf gegen Schmutz und Korruption
aus DER SPIEGEL 31/1967

Ich begegnete den jungen Deutschen auf dem Universitätsgelände von Hué. Sie waren am Abend zu Gast bei einem deutschen Medizin-Professor und seiner Frau -- er leitete die medizinische Fakultät. Ich erlebte einen rechten deutschen Abend mit vietnamesischem Schnaps, frisch gezuckertem Ingwer, Robert Schumann vom Tonband, Erinnerung an Karl Jaspers (der Professor hatte bei ihm in Heidelberg studiert), Kunstbuchern, die zu Rat gezogen wurden, um Beispiele bayrischen Rokokos und rheinischer »Doppelkirchen« nachzuschlagen.

Am nächsten Morgen, einem Sonntag, führten mich die jungen Leute zum Lepra-Haus von Hu& Sie hatten es sauberzumachen und ein Wenig menschlicher einzurichten versucht: ein einstöckiges Gebäude, mitten im Dreck, das einst als Schweinestall gedient haben mag -- jetzt diente es als Unterkunft für siebzig Menschen, Leprakranke und ihre Familien.

Die Deutschen hatten elektrisches Licht installiert, einen direkten Zugang zu dem Lepra-Schuppen angelegt, die Innenwände geputzt; viel mehr konnten sie nicht tun, solange die Aussätzigen dort hausten. Wolfgang, ein großer, rötlicher und rundgesichtiger Elektro-Ingenieur aus Köln, inspizierte die verrosteten Verschläge, die von Löchern übersät waren, die

© 1967 Mary McCarthy. Der von Klaus Harpprecht ins Deutsche übersetzte Text erscheint im Verlag Droemer/Knaur.

* Links: Südvietnams Gesundheitsminister Tran Van Luy. Rechts: Bonns Botschafter Dr. Wilhelm Kopf.

verschmierten Wände, den nackten Boden, den dunklen Schlafsaal, in dem sich die Frauen drängten.

Er sah, daß eine der elektrischen Anlagen nicht funktionierte, und seufzte nur. Dann führte er mich nach draußen, tim mir die überlaufende Senkgrube -- unmittelbar an der Außenmauer des kleinen Speiseraums -- zu zeigen. Von der überschwappenden Jauchegrube und der Latrine (nur wenige Meter davon entfernt) stieg barbarischer Gestank auf.

Auf der anderen Seite -- an der Außenwand der Küche, in der das Essen aufgewärmt wurde -- häuften sich die Abfälle. Hühner staksten um den Müllhaufen, und einige Enten paddelten im schmutzigen Wasser, das sich in einem Gartenloch gesammelt hatte. Wolfgang und seine Freunde waren entmutigt. per vietnamesische Chef des Hospitals von Hué hielt von ihren Bemühungen nicht das geringste: »Warum macht ihr das für die Aussätzigen? Sie sind alle Vietcong.«

Die jungen Malteser, Burschen und Mädchen, planten eine Verlegung der Aussätzigen in eine anständige Unterkunft. Sie hatten sich den Pavillon eines alten Hospitals gesichert, der nach Meinung der Stadtverwaltung für Kranke nicht mehr taugte. Sie zimmerten, verlegten Drähte, malten und verputzten -- die Außenfront leuchtete nun in blassem Gelb.

Sie installierten Ventilatoren, die sie selber kauften, weil ihnen der Hospital-Chef, wie sich herausstellte, altes Gerät anzudrehen versucht hatte

für einen höheren Preis, als die neuen auf dem Markt kosteten. Kaum war sie angeschlossen, wurde die gesamte Ventilations-Anlage gestohlen, an einem Wochenende; die Polizei nahm an, von dem Elektriker des Hospitals. Also von vorn beginnen.

Bis es soweit sein würde, hausten die Aussätzigen noch immer im alten verdreckten Lepra-Haus, mitsamt ihren Familien und einigen Kindern -nach der vietnamesischen Gewohnheit, gleich die ganze Sippe unterzubringen. Wolfgang vertraute mir an, zwei der Lepra-Männer seien wohl Simulanten, die es vorzogen, unter den Aussätzigen zu leben und die eigenen Häuser zu vermieten -- ein in der Tat extremer Fall von Durchstecherei.

Von der Regierung empfingen sie eine tägliche Ration Reis, ein bißchen Fleisch und gelegentlich ein paar Bananen. »Nicht genug«, sagte Wolfgang und schüttelte den Kopf. In einer kleinen Werkstatt webten einige der Kranken jene breiten blassen Hüte in konischer Form, die eine Besonderheit von Hué sind; sie sollten auf dem Markt verkauft werden.

Am Tag unseres Besuchs wurde das vietnamesische Neujahr gefeiert -- so fanden wir niemand an der Arbeit. Die Männer spielten Karten (manchen fehlte ein Finger). Die Frauen hockten oder streckten sich auf den Holzbetten, die keine Überzeuge bedeckten; eine lag im Sterben. Man zeigte uns die kleinen buddhistischen und katholischen Altäre, die für das Fest geschmückt waren.

Damit sich meine Eindrücke ergänzten, führten mich die Malteser rasch durchs Irrenhaus von Hué, den sogenannten »psychiatrischen Flügel« des Hospitals. Die Lebensbedingungen waren schrecklicher als in der Lepra-Anstalt. Normale Kinder verrückter Mütter trieben sich in der schmutzigen, vernachlässigten Frauenabteilung herum; ein depressives Weib saß schreiend auf dem Bett. Halbverfallene Trennwände, die Mauern von Fliegendreck verkleistert. Von Pflegerinnen nichts zu sehen.

Keiner der Patienten war gewaschen oder gekämmt. Am Eingang der Abteilung für schwere Fälle lagen alte Blechdosen im Schmutz. Einer der Irren starrte durchs Guckloch. Die Tür war -- verschlossen, niemand konnte passieren, denn es gab keine Wärter, wenigstens an jenem Tage nicht. Früher seien die Zustände schlimmer gewesen, sagten die Malteser, die Regierung habe in dieses Loch politische Gegner gesteckt.

Das Lepra-Haus von Hué und dieses Irrenhospiz bereiteten mich auf die »provisorischen« Flüchtlingslager von Hoi An vor. Das erste jener Lager hatte man ein halbes Jahr zuvor etabliert; es zählte 1500 Köpfe. Mit einem deutschen Doktor lief ich durch die Reihen der Gemeinschaftshütten.

Wir gelangten an einen Tümpel, drei oder fünf Meter breit; einige Enten schwammen zwischen Konservenbüchsen und anderem Abfall herum: die einzige Wasserversorgung, 700 Menschen schöpften hier ihr Trink-, ihr Wasch-, ihr Kochwasser. Auf der anderen Seite des Lagers (das zweigeteilt war) ein anderer Ententeich, vielleicht ein wenig größer: die Wasserstelle für 800 Menschen.

Es gibt keine sanitären Einrichtungen, gleichviel welcher Art. Frauen und Kinder verrichten ihre Geschäfte, wo sie wollen. Kehricht und Schmutz werden vor die Hütten geleert. Der Fußboden in den Hütten ist gestampfter Lehm, die Dächer sind aus Stroh -- sie brennen schnell.

Doch die Zeitschrift »The Reporter« berichtete unter dem Datum vom 12. Januar ihren Lesern: Vom Chef der vietnamesischen Flüchtlingsbehörde« Dr. Que -- einem »Arzt«, den die Praxis »gebildet« habe -, seien Standard-Maßnahmen für die sanitäre und medizinische Aufsicht in den Flüchtlingslagern ausgearbeitet worden. Das ist schon recht, doch was unter dem »Standard« zu verstehen sei, verriet der Autor nicht. Sein Artikel schien wahrhaft ein unmittelbares und ungefiltertes Produkt von »Informationsgesprächen« zu sein.

Es ist schwer, vom Elend und Schmutz jenes ersten Lagers ein deutliches Bild zu vermitteln, weil das Auge sich weigert, allzu genau hinzublicken -- als müsse es die Menschen, die solche Erniedrigung dulden, mit sich allein lassen. Frauen standen gedrängt in den Eingängen, um uns vorübergehen zu sehen. Einige liefen auf den Doktor zu und fragten nach Medikamenten.

Doch die meisten betrachteten uns mit einem Trotz, der uns daran hindern sollte, sie zu betrachten. Hautkrankheiten grassierten, besonders unter den Kindern; Krankheiten der Kopfhaut, der Augen, Symptome von Unterernährung, schlechte Zähne von Betel beschmiert und oft nur noch Stummel. Die meisten der Flüchtlinge

wie üblich Frauen, Kinder und einige Großväter -- starrten vor Dreck. Doch wie sollten sie sich waschen?

Die Kinder trugen keine neuen Pyjamas amerikanischer Herkunft wie in Phu Cuong; ihre Kittel und Hosen waren alt, abgetragen und bis zur Farblosigkeit verschmutzt. Der Tagessatz für Lebensmittel betrug zehn Piaster pro Familie (50 Pfennig), von Zeit zu Zelt ergänzt durch ein wenig Reis -- nach Auskunft des Doktors weit weniger als das Existenzminimum.

Ein paar Familien hatten Gemüsegärten angelegt; Salat, Kraut und chinesischer Senf wuchsen aufs Geratewohl mitten im Unrat. Das half ein wenig. Es gab ein paar Schweine, Hühner und die Enten. Neben der gelegentlichen Gärtnerei bot sich keine Arbeit. Kein Acker, der bebaut werden konnte, nichts.

Die Malteser hatten eine mechanische Säge installiert. Sie hofften, damit den älteren Männern, die noch in guter körperlicher Verfassung waren, ein wenig Arbeit zu verschaffen und den Jungen ein paar handwerkliche Fertigkeiten beizubringen. Doch dem jungen Zimmermann, der in Deutschland seinen Job aufgegeben hatte, um hier ein Jahr lang zu helfen, erlaubt es die bürokratische Sturheit der Vietnamesen nicht, Lehrlinge zu beschäftigen.

Dieser große und blasse Mensch, ein Urbild deutscher Gewissenhaftigkeit, ja, eine holzgeschnittene Figur aus den Volksmärchen des Schwarzwalds, werkte allein im Provinz-Hauptquartier vor sich hin und zimmerte perfekte Regale zusammen, während ihm von draußen eine faulenzende Kompanie der »Volks-Streitkräfte« in schwarzen Pyjamas grinsend und kichernd zusah.

Die Malteser waren voller Abscheu. »Vielleicht werde ich einfach ein paar Flüchtlinge einziehen«, sagte der Baron aus dem Rheinland, ein Landwirtschaftsspezialist, der das Team anführte. Was diese Deutschen in Ihrer nächsten Umgebung beobachteten, erfüllte sie mit christlicher Entrüstung, und sie hielten mit ihr durchaus nicht hinterm Berg.

»Allerdings«, bemerkte milde ein kanadischer Jesuit, »nichts könnte gegensätzlicher sein als die Vietnamesen und die Deutschen.« Er hatte genau verfolgt« wie die Deutschen in der medizinischen Fakultät von Hué sich bemühten, wenigstens ein paar Schritt Boden gegen Verdreckung und gegen die Korruption der Ortsverwaltung zu gewinnen.

Die Vietcong, meinte er, hätten das Hospital innerhalb von 24 Stunden gesäubert: Sie würden die Oberschieber einfach an die Wand stellen, ein Verfahren, das ihm -- als Mann, freilich nicht als Gottesmann -- ganz angemessen zu sein schien. Den priesterlichen Pflichten gehorsam, riet er zur Geduld.

Die Malteser hatten allen Anlaß, empört zu sein. Freien Willens hatten sie sich eine Aufgabe gewählt, von der sich erwies, daß sie Herkules- und Sisyphusarbeit in einem war. Diese deutschen Jungen und Mädchen, vor allem Wolfgang, der Elektriker, waren die einzigen Westler, die den kleinen, zerbrechlichen Vietnamesen mit wahrer Freundlichkeit und wahrem Mitleid begegneten.

Sie klopften begütigend auf die Schultern der Aussätzigen, sie halfen respektvoll einem alten Mann auf die Beine, damit er die Inschriften an einem buddhistischen Altar zu erklären vermochte Du Zigarette bettelte ein noch sehr kleiner Vietnamesen-Junge einen der Malteser an; der wies ihn freilich zurück. Sogleich fügte er entschuldigend hinzu: »Das Rauchen ist nicht gut für sie.

Das nächste Lager, das sie mir zeigten, war in drei Sektionen geteilt, eine katholische, eine buddhistische und eine der Cao-Dai-Sekte. Alles in allem etwa 4500 Menschen.

Es existierte länger als ein Jahr und zählte zu den »besseren«, das heißt: Die Hütten waren mit Blechdächern gedeckt, die Böden zementiert, die Gemüsegärtnerei ein wenig ausgedehnter, die Setzlingsbeete mit Salat, Kraut, Senfgemüse, Bohnen, Zwiebeln und Tomaten ordentlicher und gepflegter.

Eine Art von Lagerselbstverwaltung hatte sich im Gang der Monate gebildet. Freilich blieb auch hier Wasser das große Problem. Man hatte schließlich einen Brunnen gegraben. Als wir an ihm vorbeikamen, beugte sich der Arzt über den Rand, schnüffelte und verzog sein Gesicht. »Ist es verseucht?« Er nickte. »Kochen sie das Wasser ab?«

»Wir haben es ihnen gesagt. Und dann warten wir, was passiert.« Er hob resigniert die Schultern.

Hier gab es ein paar Schweine, auch ein paar Ferkel, ein paar Hühner mehr, dazu einige Enten. In den Feldern hinter dem Lager grasten Wasserbüffel, die den Flüchtlingen gehörten. Doch auch in diesem Lager jeder Schritt Boden von Unrat <übersät. Keine Latrinen, wiederum Hautkrankheiten, Augenkrankheiten, jede Art von Schorf und Grind und Krätze, aufgetriebene Bäuche, Leiber, die nur Haut und Knochen waren, rachitische Erscheinungen.

Keine Schule und keine Arbeit, abgesehen von den Hantierungen in den winzigen Gärtchen zwischen den aneinandergedrängten Hütten. Da und dort waren Blumen gesät, Dotterblumen. Der Arzt, ein Mann in den Fünfzigerjahren, hatte den Eindruck, die katholische Sektion sei ein wenig geordneter als die buddhistische, doch ich nahm keinen Unterschied wahr.

Die Kinder schienen disziplinierter als in den anderen Lagern; dort wurde der Doktor gelegentlich scharf, um die Meute davon abzuhalten, mich anzurempeln (keineswegs nur im Spiel). Hier warf man mir keine Steine nach wie in einem der »befriedeten« Dörfer, als der Informationsoffizier gerade nicht herschaute.

Das Lagerquartier der Cao-Dai-Sekte zu besichtigen, blieb uns keine Zeit, weil unser Arzt alarmiert wurde: ein Fall von Pest in einer benachbarten Siedlung. Er fuhr davon. Eine der deutschen Frauen stand in der Provinzverwaltung vor der Toilette für mich Wache -- es gab weder Schloß noch Licht. Und der Weg zurück in einem Rot-Kreuz-Wagen zum Air-

* Malteser Franz Josef Ochtendung (l.) und Hans Jost (4. v. l.).

Force-Stützpunkt Da Nang würde lang sein.

Auf der Fahrt bemerkte ich zu dem Baron, wie entsetzlich die Lebensbedingungen selbst in den »besseren« Lagern seien -- ich entdeckte keinen allzu deutlichen Unterschied zu den Zuständen in den Dörfern, in denen wir uns miteinander umgeschaut hatten. Auch die Siedlungen in anderen Gebieten Vietnams, die ich allein besuchte, zeigten kaum ein anderes Bild. Wasser und Arbeit, sagte er, darauf komme es an.

In den Lagern herrschten dieselben-Krankheiten wie in den Dörfern; nur, die Überbelegung erhöhe die Gefahr von Epidemien. Die Leute hätten keine Arbeit, also auch weniger zu essen. Und ein anderer Makel der Lager: Die Leute in den Dörfern schauten auf die Flüchtlinge -- 150 000 allein in dieser Provinz! -- voller Verachtung herab; sie wollten nichts mit ihnen zu tun haben.

Die Dorf-Häuser schienen in der Tat da und dort ganz sauber zu sein, Wege und Gelände freilich waren so verdreckt und verkommen wie in den Lagern. Ich fragte mich, ob das in Vietnam immer so gewesen sei. Der Baron wußte es nicht.

Doch ich meinte, es sei kaum wahrscheinlich, daß die Vietnamesen, die immerhin im Ruf eines fleißigen Volkes stehen, sich jahrhundertelang mit diesen deprimierenden Lebensbedingungen abgefunden haben sollten. Vielmehr gewann ich den Eindruck, der Sturz in diese erniedrigende Lage sei vor nicht zu langer Zeit geschehen -- wie übrigens auch die Degeneration zum Analphabetentum.

Nach Auskunft von Donald Lancaster, einem englischen Experten für indochinesische Geschichte, soll früher auch die Landbevölkerung des Schreibens und des Lesens durchaus kundig gewesen sein. Die Franzosen hätten es ihr im 19. Jahrhundert mit Vorbedacht ausgeprügelt.

Wie auch immer, das eine ist klar genug: Ehe die Amerikaner kamen, warf niemand verrostete Coca-Cola- oder Bier-Büchsen und leere Whisky-Flaschen hinters Haus. Das hatten sie eingeführt. Dieser unzerstörbare Unrat unserer Massenwirtschaft schwamm in den Sümpfen und Bächen, lag über Feldern und an Straßenrändern verstreut, überzog mit seiner Häßlichkeit das einst schöne Land.

Früher hatte die Erde »natürlichen« Abfall, den Mensch und Tier hinterließen, wie Kompost in sich aufgenommen und verschwinden lassen: Fischgräten, Hühnerknochen, Reisschoten, Eierschalen, Gemüsereste, Exkrete. Der American Way of Life bescherte der asiatischen Landschaft jenen entstellenden Schutt unserer Industrieweit, den keine Erde zu verdauen vermag.

Wünscht man einen Vergleich nach asiatischen Maßen? Es genügt, sich ein Touristen-Visum für das benachbarte Kambodscha zu besorgen: Die Bevölkerung dort ist bei weitem nicht so fleißig, doch selbst in den ärmsten Quartieren der Hauptstadt und in den entlegensten Dörfern wird man Sauberkeit finden.

Die Landschaft im Umkreis der großen amerikanischen Stützpunkte in Vietnam ist eine riesengroße Müllgrube: sie erinnert an den Schweinestall der Aussätzigen mit seiner Jauchegrube -- nur, die Aussätzigen sind zu arm, um sich Miller's High-Life-Bier leisten zu können; man mißtraut ihnen zu sehr ("politisch verdächtig«!), um ihnen Konserven aus den Armee-Überschüssen zu schenken.

Sogar die B-52-Bomber werden das »Gelände« nicht »sterilisieren« können, denn Blechbüchsen und Dosen brennen nicht. Man kann sie flachpressen, und so setzt sich in den ländlichen Bezirken von Vietnam eine Form der Pop Art durch: Nicht nur in Flüchtlingslagern werden die neuen Hauswände aus flachgehämmertem Konservenblech gefügt.

Hier und dort entstehen helle Muster -- Bier, Ginger Ale, Coca-Cola im Wechsel mit dem schmucklosen weißen Blech der Corned-Beef-Büchsen und der Suppendosen von der Firma Campbell. Doch würde auch jede Hütte und jeder Schuppen in Vietnam mit dem neuen Baumaterial renoviert -- es würde kaum genügen, den ganzen Abfallhaufen abzutragen, diese Fäkaliensammlung unserer Zivilisation, die wir in jenem Land zurücklassen werden.

Der Abfall wird mit der Zahl unserer Truppen wachsen. Von einer anderen Art Schutt nicht zu reden. Als wir Da Nang näher kamen, wies der Baron auf Trümmer, die nicht weit von der Straße lagen: Ein amerikanischer Bomber war hier vor wenigen Monaten abgestürzt; beim Aufschlag wurden 81 Menschen einer Siedlung getötet.

Die Ursache des Unglücks war mechanischer Art; das bedeutet womöglich, daß die Toten nicht als Kriegs-, sondern als Unfallopfer verbucht wurden. Auch Kinder, die sich an den Benzinöfen verbrennen (Kerosin ist knapp) oder bei einem Feuer in den Flüchtlingshütten mit den Strohdächern und Pappdeckelwänden Brandwunden holen, werden sorgsam von den Napalm-Verletzten unterschieden.

Das Flugzeugwrack lag inmitten der Überreste des Dorfes, eine Tragfläche geknickt, die Nase in einem Hausdach begraben. Niemand hatte daran gedacht, die Bomber-Leiche zu verscharren. Eine zweite sei nur wenige Meilen entfernt, sagte der Baron. Er war nicht sicher, wie viele Menschen bei diesem Absturz erschlagen wurden.

Zurück im Pressequartier des Marine-Infanterie-Korps: Martini on the Rocks, Steaks, Rosé-Wein, Kognak. Hinter der Theke des Restaurants ein Schild: »Hast du deine wöchentliche Malaria-Pille geschluckt? Bediene dich selber.«

Die Männer waren nett, wirklich nett, Offiziere und Mannschaften. Sie erkundigten sich, was ich angeschaut, was ich interessant gefunden hätte. Die Verhältnisse seien unaussprechlich, sagte ich; ich erwähnte die Wasserversorgung (aus dem Ententümpel) im ersten Lager. Sie nickten, zogen ihre Stühle heran, als seien sie froh, daß ihnen endlich jemand ein Licht über das gemeine Elend der Lager aufsteckte.

Sie wären keine Amerikaner, hätte sie die Schilderung des verschmutzten Wassers nicht empört; sie wären auch keine Amerikaner, hätte es ihnen nicht wohlgetan, daß die deutschen Malteser sie lobten: Die Marine-Infanteristen, erzählte mir der Baron, hätten sich beim Transport und bei der Versorgung von Verwundeten als überaus hilfreich bewährt.

Diese Aufgeschlossenheit unterschied die Männer des Marine-Infanterie-Korps von den Zivilbürokraten in Saigon. Sie, stellte ich fest, wollten nichts von den Lebensbedingungen in den Lagern wissen. Sie hörten nach den ersten Worten einfach nicht mehr zu, griffen zum Telephonhörer ("Entschuldigen Sie mich einen Augenblick") oder starrten abwesend in die Ferne, als dächten sie über weit Wichtigeres nach, vielleicht über Statistiken des Vietcong-Terrors.

Merkwürdig freilich auch die Reaktion der Soldaten. Sie zeigten Interesse, gewiß, aber eher wie die Bürger zu Hause: »Ach, was Sie nicht sagen!« -, als blätterten sie in einer Nummer des Magazins »National Geographie« und stießen auf Notizen über eine Stadt, die sie auf ihrer Weltreise oder einer Geschäftsreise flüchtig durchstreift hatten.

Ein milder Wunsch riet ihnen auch hier, »auf dem laufenden zu sein«, ein Nachrichten-Magazin zu abonnieren und mit düsterem Blick auf die Photos von den Überschwemmungen in Florenz zu starren.

Die Zivilbeamten in Saigon führten sich wie eine Mannschaft von Werbeagenten auf, die zweifelhafte Aktien unter die Leute zu bringen versuchen. Die Militärs andererseits -- die Männer des Marine-Infanterie-Korps zum Beispiel -- blieben seltsam unberührt. Sie schienen es durchaus nicht für notwendig zu halten, Amerikas Anwesenheit in Vietnam oder gar ihren eigenen Anteil an den Konflikten zu rechtfertigen.

Es kümmerte sie nicht im geringsten, wie man der Welt diesen Krieg »verkaufte« (in Wahrheit sind sie auch nicht seine Verkäufer, sondern eher sein Produkt). Der Oberst zum Beispiel stellte auf seinem Kommandoposten mit der größten Direktheit fest: »Wir haben die Flüchtlinge geschaffen.« Kein Offizieller in Zivil würde es wagen, das zuzugeben, übrigens ganz zu Recht.

Die Militärs erzählten Geschichten über Geschichten aus dem Nähkästchen, von Korruption und von den Diebereien der Vietnamesen -- nach ihrer Meinung die Regel und keine Ausnahme. Sie kritisierten das Chieu-Hoi-Programm, sie mokierten sich über die ARVN (die südvietnamesische Armee); doch sie nahmen keineswegs zur Kenntnis, daß sich damit die öffentliche Begründung der amerikanischen Intervention ins Nichts auflöst.

Die Informations-Offiziere spüren sensibler, wie gefährlich diese drastische Offenheit ist, und sie versuchen, ihren Vorgesetzten zuvorzukommen, wenn es nur möglich ist.

Eines Morgens in einem Delta-Dorf fragte ich einige Offiziere, was die örtliche Verwaltung wohl in Sachen Landreform unternommen habe. Ein Hauptmann. der das Gespräch führte, klappte eilig den Mund auf und begann, seine Zahlen herunterzubeten. Der Oberst schnitt ihm das Wort ab: »Überhaupt nichts.«

»Wie viele Flüchtlinge kehrten nach Rach Kien zurück?«

Der Informations-Offizier: »Etwa 1000.« Ein Major der kämpfenden Truppe eine halbe Stunde danach: Und dennoch: Wenn es auch Auftrag der Informations-Offiziere ist, nicht aufzuklären, sondern zu tarnen, nicht zu unterrichten, sondern zu verbergen, sind sie womöglich auf ihre Weise ehrlicher als die Offiziere der Truppe, die mit der Wahrheit um sich werfen.

Anders: Die unverblümten Obristen und die sympathischen Majore sind nicht fähig, sich selber deutlich zu machen, daß in Vietnam -- anders als im Zweiten Weltkrieg oder im Korea-Krieg -- die Wahrheit nicht gesagt werden darf, es sei denn, sie kann nicht mehr unterdrückt werden. Auch dann muß das Unterste zuoberst gekehrt, muß die Wirklichkeit umstilisiert werden, zum Beispiel: »Das Problem des Erfolges schließt auch das Problem der Inflation ein.«

Wer lügt, wer hier die Wahrheit verkleistert, gibt sich selber wenigstens darüber stumme Rechenschaft in einem Winkel seiner Seele, während der aufrichtige Troupier sich noch immer hinter der Überzeugung verbarrikadiert, er kämpfe in einem Krieg, in dem ein ehrenhafter Offizier noch den Mund aufmachen kann.

In Wirklichkeit ist er uneinsichtiger, ja verschlossener als ein doppelzüngiger US-Bürokrat in Saigon, der seine Antworten parat hat, ehe er gefragt wird; der ohne Zucken die chemische Formel (harmlos für Mensch und Tier) für die Entlaubung des Dschungels offeriert und ungerührt verkündigt, jene Waffen würden jetzt in der entmilitarisierten Zone eingesetzt -- als habe er keinen Schimmer davon (entschlüpfte es seinem Gehirn?), daß er zuvor bekanntgegeben hat, die Zone würde schon seit geraumer Zeit regelmäßig bombardiert.

Er weist die Bitte nach einigen Ziffern über die zivilen Verluste mit der Bemerkung zurück, es gebe unglücklicherweise keine. Dafür bietet er seine Statistiken des Vietcong-Terrors. Oder er annonciert wie Lyndon Johnsons Sonderbeauftragter der versammelten Presse: »Ich spüre eine neue Brise des Vertrauens in der Luft.«

Er will damit seine optimistische Beurteilung der Lage ein wenig abstützen -- sonst nichts. In Vietnam machte ich die Entdeckung: Wer sich ein »image« andressiert, weiß nach geraumer Zeit nicht mehr, wie er in Wirklichkeit aussieht. Die Wahrheit, die andere an seiner Nasenspitze ablesen, ist für ihn selber unsichtbar geworden.

Ein Beispiel für diese entlarvende Blindheit mag zeigen, was ich meine. Im Büro der OCO (Behörde für Zivil-Operationen) in Saigon bot man mir eine frisch getippte Liste der Terrorakte an, die von den Vietcong während der vorhergehenden Woche begangen wurden -- der Leser wird inzwischen ahnen, daß solche Materialien die Lieblingslektüre der Informations-Offiziere und Sprecher zu sein scheinen: das und Ziffern über die Infiltration, damit man den »background« richtig sieht.

Als ich die Liste überflog, bemerkte ich, daß auch ein Überfall auf einen amerikanischen Armeeposten aufgeführt war. »Ist das Terrorismus?« fragte ich und zeigte auf jene Zeile im Verzeichnis. Der Beamte prüfte den Fall. »Nein, das gehört nicht hierher«, räumte er ein und starrte verwirrt auf das Schreibmaschinen-Blatt wie jemand, der aus einem Traum erwacht.

»Das werden wir korrigieren müssen«, fügte er frisch hinzu. Er hatte mir seine Zahlen guten Glaubens gegeben; er erkannte daran keinen Falsch. Ein Angriff auf eine Einheit der amerikanischen Truppen war für ihn hinterlistig und feige, auch in Zeiten des Krieges.

Die Terror-Statistiken, die an die Zeitungen ausgegeben werden, schließen mit sachter Selbstverständlichkeit auch Entführung und Mord von sogenannten »Aufbauarbeitern für die Landgebiete« ein. Das hört sich für jeden grausam an, der nicht weiß -- doch in Saigon weiß es jeder -, daß »Rural Construction« nur ein anderer Name für die »Revolutionary Development«-Einheiten ist.

Jene »Arbeiter« werden in Spezialschulen paramilitärisch ausgebildet und gedrillt. Ihr Auftrag: »Reinigung« der »befriedeten« Dörfer. Die Einheiten zählen je 59 Mann, davon sind 34 bewaffnet; sie haben Attacken der Vietcong. zurückzuschlagen. Plötzlich besann man sich der alten Bezeichnung. Das war ein Wink für die Presse, auf Lügen zu lauern, die nicht lange auf sich warten lassen würden. Warum, fragt man, brüten sie jetzt gerade diese Statistiken aus? Was steckt dahinter? Was führen sie im Schild? Ihre Ausflüchte (so leicht durchschaubar!) begegnen bitterem Abscheu, aber auch Mitleid -- Mitleid für eine verquatschte Nation, die zu glauben scheint, sie habe es mit Lochkarten und Kopiermaschinen zu tun. Selbst ein Computer, der ein Gedächtnis hat, freilich keine Vernunft, würde dabei erröten.

Major Be ließ das R wie eine Kanonenkugel rollen: »Il faut une revolution!« sagte er. Wir waren in der Schule von Vung Tau. Signore Liuzzi, der einstige italienische Generalstabschef, hörte ihm mit einem Ausdruck verzögerter Überraschung zu, als ginge ihm langsam ein Licht auf.

Der gedrungene, breitgesichtige Vietnam-Major führte kein militärisches Kommando der NLF (National Liberation Front, wie ·sich die politische Organisation der Vietcong nennt), sondern war Chef des Schulungsprogramms der Revolutionary-Development-Organisation: Er bildete antikommunistische Kader aus. Major Be berichtete, auf französisch, in einem kleinen Klassenzimmer dem General und mir von seiner Arbeit.

Im Nachbarraum unterzog sich sein Assistent, Mr. Chau, mit einer Mannschaft der Fernseh- und Radio-Gesellschaft NBC der gleichen Aufgabe -- in Englisch. Der magere und schmächtige Mr. Chau hatte an der Sorbonne englische Literatur studiert und seine Doktorarbeit über Virginia Woolf geschrieben. Er trug weite schwarze Baumwollhosen und eine enge schwarze Tunika, die an ein Chorhemd erinnerte.

Major Be, der sich mit fremden Sprachen weniger vertraut zeigte, erschien in einem schwarzen Hemd mit offenem Kragen und schwarzen Hosen. Die Aufmachung der beiden schien symbolisch für die Ziele ihres Programms zu sein.

Die Schule zählte nun 3000 Kader -- ein Kader freilich besteht aus je einem Mann. Nach dem Abschluß des Trainings sollten die Mannschaften (jede 59 Köpfe) mit der »Aufbauarbeit« in den Dörfern beginnen, auch sie schwarz uniformiert, ganz im Stil der Vietcong, die ihrerseits die Arbeitskleidung der armen Bauern kopieren.

Freilich, die Landbevölkerung der Gebiete, die von der Regierung in Saigon kontrolliert werden, bediente sich längst einer bunten Sammlung aller nur möglichen Kleider, auch Baseball-Mützen, Shorts und jener kurzärmligen Unterhemden, die man T-shirts nennt. Sie hielten die Aufmachung der »R. D.« (Revolutionary Development)-Mannschaften für ab bern, hörte ich von einem vietnamesischen Medizin-Studenten: Wenn sie nur diese blöden Pyjamas auszögen, würden die Leute sie nicht mehr auslachen.

Major Be war hartnäckig: »Vraiment une révolution.« Der italienische General warf mir einen fragenden Blick zu: »Qu'est-ce qu'il veut dire par ca?« murmelte er. Auch mir war nicht deutlich, was Major Be mit der Feststellung meinte, das Land brauche eine Revolution. Doch ich stimmte ihm zu, was immer er darunter verstand.

Wie monoton, von morgens bis abends und überall die gleichen Geschichten von Schiebereien und Diebereien auf Kosten der Armen zu hören.

Erst gestern hatte ein ungewöhnlich freimütiger OCO-Vertreter von der Verteilung einer AID-Kleiderspende erzählt: Die besten Stücke seien natürlich von der vorgesetzten Behörde geklaut worden, und sie gelangten nie zu den Bedürftigen. Ja, die armen Familien müßten erst bei der Regie-

* Nach einem Sprengstoffanschlag auf die US-Botschaft im März 1965.

rung ihre Notlage nachweisen, um »unterstützungsberechtigt« zu werden, sagte er traurig. »Soll das heißen, daß sie für den Nachweis zahlen müssen?« Statt einer Antwort schaute er mich schweigend an.

Dennoch, die Informationsgespräche über das »R. D.«-Programm, die ich in Saigon absolvierte, hatten mich kaum auf die Begegnung mit einem doktrinären Theoretiker wie Major Be vorbereitet, der sich nun sichtlich an seinem Thema erwärmte und uns versicherte, die Gesellschaft Vietnams sei »complètement corrompue«.

Die herrschende Klasse, sagte er (während die Augen des Generals immer größer wurden), habe die Gesetze immer für ihre eigenen Interessen mißbraucht. Dann schritt er, nach einem Blick auf die Uhr, weiter zu Fakten und Ziffern.

Das Programm begann im Dezember 1965. 28 000 Kader befanden sich nun im Einsatz. Die Schulungskurse dauern zwölf Wochen. In dieser Zeitspanne hat jeder Kader elf »Aufgaben« zu bestehen und zwölf »Stufen« zu ersteigen. Nach dem Abschluß haben die Kader-Mannschaften in ihrem zugewiesenen Dorf je elf »Kriterien« zu etablieren (und durchzuhalten).

Setzten sie neun weitere »Kriterien« durch, dann verwandelte sich das »Dorf des Alten Lebens« in ein »Dorf des Neuen Lebens«. Die Ergebnisse der Aktion waren bisher nicht eben eindrucksvoll, aber das Programm befand sich im Vormarsch »dans la bonne direction«.

General Liuzzi war noch nicht lange genug im Land, um der seltsamen Terminologie ganz folgen zu können. Wenn zum Beispiel von einem »Aufbau-Dorf« die Rede war, dann meinte man nicht ein neu erbautes, sondern ein ehemaliges Vietcong-Dorf, das politisch gründlich genug »bearbeitet« wurde, um nun als Saigonfreundlich zu gelten.

»Wiederaufbau-Dörfer« nannte man die schon einmal »aufgebauten«, die leider rückfällig geworden waren, also einer zweiten Bearbeitung bedurften. Diese Formel fiel allerdings, weiß der Himmel warum, in Ungnade. Nun sprach man von »konsolidierten Dörfern«. Hier wie dort sollte das Endziel »das wahre Dorf des Neuen Lebens« sein.

Natürlich konnten die »Aufbau-Dörfer« nur Rückfälle erleiden, weil die »Infrastruktur« der Vietcong nicht gründlich genug und bis zur Wurzel ausgemerzt wurde. Das war die Hauptaufgabe der Kader des Major Be: die Beseitigung der Infrastruktur, das heißt die Durchführung von Säuberungen.

Major Be, um gerecht zu sein, redete selber nicht von der Infrastruktur, doch die amerikanischen Informations-Offiziere in Saigon führten die Vokabel recht häufig im Mund.

Das Wort ist zu frisch geprägt, um in meinem Lexikon verzeichnet zu sein, aber im amerikanisch-vietnamesischen Jargon wirkt es jetzt schon wie eine abgedroschene Phrase, denn jeder wirft bei jeder Gelegenheit damit um sich, bei Tisch- und Informationsgesprächen, in Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln.

Es hat vor allem eine Bedeutung: Wer es -- ob kurz und bündig oder feierlich und salbungsvoll -- in die Konversation zu streuen versteht, beweist eine geradezu wissenschaftliche und hochaktuelle Kenntnis der kommunistischen Untergrund-Taktik. Andere Begriffe der Psycho-Krieger wie »Organisation« oder »Zelle« besagen längst nicht »dasselbe.

Und es ist keineswegs ein Privileg der Auserwählten -- etwa der fortgeschrittenen Politologen in Harvard oder der Regierungstechniker von Princeton. Das Wort ist vielmehr so demokratisch wie ein Groschen für die Untergrundbahn. Man wäre nicht überrascht, wenn ein einstiger Volksschüler, der sich früh von seinem Pult verdrückte, beim Waffenreinigen vor sich hin murmeln würde: »Wir werden dem Charlie die Infrastruktur schon hochnehmen, was?«

Für unsere Propaganda-Experten, die gern vom »gesichtslosen« Vietcong schreiben (und gelegentlich ihre Artikel mit Photos des Feindes illustrieren), schmeckt die Formel von der Infrastruktur nicht nur nach »intimer und zugleich knallharter Information; sie regt vermutlich auch das Stichwort »Infrarot« an und erweckt die Assoziation von »unsichtbaren Strahlen« im politischen Spektrum, gerade jenseits der Rot-Werte.

Major Be und Mr. Chau sind die vietnamesischen Abziehbilder jener politischen Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten, die der idiotischen Kraftprobe auf der Erde Asiens den Stempel ihres Vokabulars und ihrer Denkarbeit aufgeprägt haben.

Die politische Wissenschaft, wie sie an den großen Universitäten Amerikas gelehrt und studiert wird, erfährt hier die erste Anwendung auf den Krieg -- und sie scheint dabei in die Nachbarschaft der Science-fiction, der utopischen Romane und Zukunftsfilme zu geraten.

Davon hat im Zweiten Weltkrieg kaum einer sich träumen lassen, obwohl die Geheimdienstapparate OWI (Office of War Information Kriegsinformationsamt) und OSS (Office of Strategic Services = Amt für strategische Dienste) auch einige Professoren und Intellektuelle engagiert hatten. Doch keiner dachte daran, die Nazis zu »studieren«, um »ihnen das Handwerk abzuschauen. Nur die Physiker wurden zur Hilfstruppe des Verteidigungsministeriums und der wehrwissenschaftlichen Forschung Amerikas.

Das Phänomen allerdings, dem wir heute konfrontiert sind, ist für unsere Zukunft (falls wir eine haben) bedrohlicher als »Dr. Strangelove**, denn die Bombe kann geächtet, ja verboten werden, aber geht das auch mit dem menschlichen Gehirn?

Dieses Problem stammt freilich aus den Zeiten des Kalten Krieges, als

* Überläufer des Vietcong, die im Lager Chieu Hoi ideologisch umerzogen und als Propagandisten für das Regime in Saigon ausgebildet werden.

** Hauptfigur des gleichnamigen amerikanischen Films (deutscher Titel: »Dr. Seltsam oder: wie Ich lernte, die Bombe zu lieben"), In dem ein Verrückter versucht, eine Atombombe auf Moskau abzuwerfen.

man die Wissenschaft der »Kreml-Astrologie« entdeckte. Unter den Mikroskopen der Universität und mit dem Lehrmaterial, das Überläufer in die Freie Welt herüberschleppten, studierte man das Verhalten des Gegners. Doch praktische Experimente waren den Experten versagt, bis der Krieg in Vietnam für ein Laboratorium sorgte, in dem die akademischen B-52-Maschinen und Lazy-Dog-Raketen getestet werden können.

Wer die Operation der politischen Wissenschaft in Vietnam betrachtet, zumal in ihrer engen Umschlingung mit den Schwesterdisziplinen Anthropologie und Soziologie, fragt sich mißtrauisch, ob dieser Bildungszweig für etwas anderes als für den Krieg konstruiert sei. Der Begriff einer »reinen« politischen Wissenschaft scheint hier von jeder Aktualität so entfernt wie die friedliche Nutzung der Atomenergie von der Realität.

Die paramilitärischen Professoren hielten sofort nach dem Genfer Abkommen von 1954 ihren Einzug in Vietnam, als erster der Mann, der (den später ermordeten Präsidenten) Diem erfand: Professor Wesley Fishel, ein anerkannter Wissenschaftler der Staats-Universität von Michigan.

Solange Dwight D. Eisenhower regierte, blieben die Expertisen über Vietnam altväterisch-zurückhaltend wie der umsichtige Präsident selbst. Zwar bemächtigte sich die CIA buchstäblich der Universität von Michigan, um eine vietnamesische Polizeitruppe zu drillen und eine Schicht politischer Wissenschaftler und Verwaltungsfachleute heranzuziehen aber das war, alles in allem, noch immer klassisch koloniale Praxis.

Es hat den Anschein, daß fast jeder des Englischen mächtige Vietnamese die Staats-Universität von Michigan absolvierte -- und stolz darauf ist. Noch immer stöbert man die CIA-Alumnen in entlegenen Winkeln des Regierungs-Apparates auf, und sie sind an einem gewissen, aus der Mode geratenen Pathos erkennbar, wie etwa der kokette, mit Schmuck behängte Dr. Hue (Professor der Verwaltungswissenschaft an der Universität von Saigon), der wie eine Madame Nhu wirkt, die es in ein Evangelisations-Zelt auf dem Dorfanger verschlug.

Dr. Fishels bleibende Leistung war nicht die Rekrutierung der an der Universität von Michigan trainierten Geheimpolizei des Herrn Nhu, die nun wohl aufgelöst ist, sondern die Einführung der Vokabel »Semantik« in die offizielle Erörterung über Vietnam.

»Wir fügen uns selbst und unseren asiatischen Nachbarn nur Schaden zu, wenn wir darauf bestehen, daß sie sich so lange strecken und krümmen, bis sie in das Bett unserer Semantik passen«, schrieb Professor Fishel in einem Artikel für den »New Leader«, in dem er für ein »neues politisches Vokabular« plädierte. Der Aufsatz erschien unter dem köstlichen Titel »Vietnams demokratisches Ein-Mann-Regime«.

Das Prokrustes-Problem war Präsident Diem: ein »demokratischer« Diktator oder ein »diktatorischer« Demokrat? Professor Fishel fehlten die Worte.

Diem zwar verschwand, doch nicht verschwanden die Peinlichkeiten, die er angerichtet hatte. Wann immer ein Korrespondent in der Pressekonferenz die Hand hebt und nach der Präzisierung einer breitmäuligen Erklärung fragt, wird er -- so lange nach Fishels Abgang -- mit der Antwort abgespeist: »Ich denke nicht daran, mit Ihnen Semantik zu diskutieren. Der nächste.«

Es bedurfte der von John F. Kennedy verkündeten Politik der New Frontier, damit Amerikas »Denken« in Sachen Vietnam wieder die Höhe der Zeit gewann. Eine frische und unbefangene Prüfung der Lage ergab die Notwendigkeit, mit brandneuer Taktik unter brandneuen Begriffen zu starten, nämlich: Anti-Guerilla-Bewegung (Counter-Insurgency) und Kommando-Kriegführung (Special Forces). Die Armee formierte ihre Kommando-Truppen -- die Grünen Mützen -, denen die Aufgabe gestellt ist, die unkonventionellen Methoden der Guerilla-Bekämpfung auch politisch zu nützen.

Den Südvietnamesen -- separiert, doch gleichberechtigt -- wurden ihre Sondereinheiten beschert: die Roten Mützen -- eine Gegenterror-Truppe mit Tarnuniformen im Leoparden-Muster und einem Tigerkopf an der Brusttasche. Sie sind noch immer am Werk und schleppen die abgeschnittenen Köpfe gefangener Guerillas (oder Guerilla-verdächtiger Bauern und Kleinstädter) in die »befriedeten« Dörfer, um sie dem amerikanischen Obersten vorzuführen.

Sozusagen in paralleler Aktion erscheint der Captain oder Major mit der Reisebibliothek. Auf dem Bücherbrett in seinem Schlupfwinkel stehen die Werke von Mao und Ho Tschi-minh, von General Giap und General Grivas (in Taschenbuch-Ausgaben es versteht sich).

Blutjunge Westpoint-Kadetten wurden durch Schnellkurse in Kommunismus und Eingeborenen-Psychologie über Nacht zu politischen Strategen. Und Websters College-Wörterbuch fand seinen Platz auf den Schreibtischen der Generale alter Schule, damit es immer zur Hand sei. IM NÄCHSTEN HEFT

Der amerikanische Geheimdienst setzt sich in Vietnam fest -- Die Strategie des Gegenterrors -- Durch Umsiedlung, Hunger und Panik eine neue Gesellschaft?

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