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Nichtwähler: »Das kann ins Auge gehen«

Beim Wettlauf um die Gunst der legendären Wechselwähler im sozialen Mittelfeld haben die Großparteien sich einander angeglichen: Ihre Erscheinungsbilder sind zum Wechseln, zum Verwechseln ähnlich geraten. Doch der Mangel an sichtbaren Alternativen, glauben Sozialforscher, fördert die Wahlmüdigkeit: Entscheidend beeinflußt werden könnte der Ausgang der Bundestagswahl am 3. Oktober nicht von den umworbenen Wechslern, sondern von den sporadischen Nichtwählern, den vernachlässigten Stammwählern insbesondere der SPD.
aus DER SPIEGEL 39/1976

Die Parolen sind austauschbar, die Erscheinungsbilder gleichen sich. »So schön ist unser Land«, drucken die einen, »Deutschland ist schöner geworden«, texten die anderen -- schwer zu sagen, was da links ist und was rechts.

Die Anstecknadeln und die Aufkleber. die Plakate und Plaketten sind so wenig auseinanderzuhalten wie die Vornamen der beiden Kanzlerkandidaten. »Die Freiheit wählen«, »Im Zweifel für die Freiheit«, »Von Freiheit verstehen wir mehr« -- kaum zu glauben, daß sich darin CDU/CSU, FDP und SPD unterscheiden sollen.

Wer in den letzten Wochen die schwarzrotgoldene Republik bereist hat, konnte, schrieb denn auch die »FAZ"' fast meinen, es gebe »keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche' Schon glauben, nach »Infratest«. 78 Prozent der Bevölkerung, unter einer CDU/CSU-Regierung würde sich politisch »im Grunde nichts« oder nur »wenig« ändern.

Nie zuvor bei einer Bundestagswahl haben sich die großen Parteien so gleichförmig präsentiert, nie zuvor auch haben sie es so einhellig auf jene Wähler abgesehen, für die sich »im Grunde nichts« ändern würde, die eben so wählen oder auch so. Es sind Stimmbürger' die nicht zum Stamm einer bestimmten Partei zählen; teils noch unentschieden, teils zum Wechsel schon entschlossen.

Diese Wähler-Spezies vermuten die Parteistrategen vornehmlich im politischen Zentrum, ihretwegen steuern die Parteien in ihrer Selbstdarstellung allesamt den gleichen Kurs: middle of the road. Das Ringen um die Mehrheit vollzieht sich als Gerangel um die Mitte; die Kontrahenten mühen sich. zum Verwechseln, zum Wechseln ähnlich zu erscheinen.

Bei der Bundestagswahl 1969 noch hatte der Anteil der Wechselwähler elf Prozent betragen. 1972 schnellte er um sieben Punkte empor. Und mittlerweile sagen, wie die Allensbacher Demoskopen herausfanden, 27 Prozent der Bundesbürger: »Ich wechsle manchmal ab.« Es liegt nahe, daß am 3. Oktober dieser politisch schillernde Pendler den Ausschlag gibt -- wenn da nicht eine andere, ebenso schemenhafte Gestalt wäre: der Nichtwähler.

Er war. im Gegensatz zum Wechselwähler. bis vor kurzem gar nicht im Kalkül der Wahlstrategen. Während sich Polit-Texter und Werbefachleute in den Parteihauptquartieren auf die »Luxusausgabe des Normalwählers« einrichteten, wie TV-Moderator Franz Alt den Wechselwähler nennt, führte der Nichtwähler ein Schattendasein bis ihn die Parteien jetzt entdeckten.

»Eine große Gefahr« bestehe darin, schrieb das »sozialdemokrat magazin« letzte Woche, daß »viele unserer Wähler ... zu Hause bleiben. Das kann ins Auge gehen«. So könne es denn in der Wahlnacht »ein böses Erwachen« geben. Darum: »Sagt es überall: Wählt! Wählt! Wählt!«

So mag es wohl sein, daß am 3. Oktober die Entscheidung über die Macht am Rhein gleich zwei schwer berechenbaren Zeitgenossen überantwortet ist. Der eine, der Wechsler im Mittelfeld, hat es zu einiger Prominenz gebracht: Gutsituiert, überdurchschnittlich gebildet. beschäftigt in den Ballungszentren -er war jahrelang der Fernsehstar aller Wahlnächte.

Der andere, der Nichtwähler. machte nie viel her. Soviel Material die westdeutsche Wahlforschung auch über den Stammwähler und den Wechselwähler zusammengetragen hat -- über ihn, den mystery man der Politszene, fehlen, so der Darmstädter Politologe Ralf-Rainer Lavies, »noch immer umfassende Untersuchungen«.

Sind es Drückeberger, Meinungslose, Apathische, Unentschlossene, die auf die Wahrnehmung ihres Wahlrechts verzichten? Eher Saturierte oder Unzufriedene? Alte, Kranke, Behinderte? Querulanten. die niemals wählen? Oder einfach Leute, für die der 3. Oktober vor allem den Beginn der Herbstferien (in vier Bundesländern) markiert?

»Das Nichtwählerproblem«, sagt Lavies, »ist komplex. die Datenbeschaffung schwierig« vor allem wohl, weil das Thema wegen der relativ hohen Wahlbeteiligung in der Bundesrepublik (1972: 91 Prozent) bisher »nicht so brisant« erschien wie etwa in den USA, wo bei den letzten Kongreß-Wahlen nur 40,7 Prozent der Bürger mitstimmten.

Doch je häufiger, meint Lavies, Wahlkämpfe Kopf-an-Kopf-Rennen gleichen, desto öfter würden auch in Westdeutschland Nichtwähler »Mehrheiten sichern oder verhindern«. Die Stimm-Abstinenzler dürften »in Zukunft mehr als bisher fester Bestandteil jeder Wahlkampfstrategie werden«.

Bislang schon stellt die »Partei der Nichtwähler« nach CDU/CSU und SPD die »dritte Kraft« im Lande dar. Bei allen bundesweiten Wahlen seit 1949 überstieg der Anteil der Nichtwähler den der FDP-Wähler um 1,3 bis 12,4 Prozentpunkte.

Aus welcher Ecke die Nichtwähler gewöhnlich stammen, haben Klaus Liepelt, Geschäftsführer des Godesberger Infas-Instituts. und seine Kollegin Friederike Golzem in einer kürzlich vorgelegten Studie, der ersten ihrer Art in Westdeutschland, untersucht. Danach ist die Gruppe der Dauer-Nichtwähler nur »sehr klein« und klar zu umreißen: Wer sich beständig der Stimme enthält, ist »eher alleinstehend, häufiger krank. weniger mobil und schlechter ausgebildet«.

Das Gros der Stimmverweigerer hingegen enthält sich »nur hei einer Wahl«. Diese »sporadischen Nichtwähler« sind weder sozial isoliert noch schlecht informiert. »Was die Masse der Nichtwähler von der Masse der Wähler unterscheidet«, formulierten Golzem und Liepelt. »ist im Grunde nur eines -- sie beteiligen sich nicht an der Wahl.«

Mehr als von »individuellen Merkmalen« ist die Wahlenthaltung abhängig von der »Rollenverteilung zwischen Regierung und Opposition": Bei Regionalwahlen etwa erweist sich die Gefolgschaft der jeweiligen Bonner Führungspartei als besonders wahlmüde, die Anhängerschaft der jeweiligen Bonner Opposition dagegen scheint »in besonderem Maße in Alarmbereitschaft versetzt«.

Unter den von den Godesbergern untersuchten nordrhein-westfälischen Regional-Nichtwählern entfielen »auf fünf bis sechs SPD-Anhänger nur drei Anhänger der CDU-Opposition«. Bemerkenswert: Die SPD-nahen Nichtwähler sind »weder unzufriedene Sympathisanten ihrer Partei noch sind sie politische Pendler«; sie urteilen laut Golzem/Liepelt »über ihre Partei und deren Repräsentanten genauso freundlich wie der Durchschnitt der beständigen Wähler«.

Daß überwiegend SPD-Stammwähler den Urnen ferngeblieben waren, erklären Golzem und Liepelt vor allem damit, daß nach einem Bundestagswahl-Erfolg »mancher Wähler der siegreichen Partei ... den Eindruck gewonnen« habe, mit der Stimmabgabe bei der Bonn-Wahl seien »zunächst einmal alle wesentlichen politischen Fragen nicht nur für seine Partei, sondern auch für ihn selbst positiv entschieden«. Macht macht müde.

Wie viele Wahlberechtigte am 3. Oktober »dem Ruf zur Wahlurne folgen und welchen Gruppen diese angehören« werden, darüber entscheiden nach Meinung der Infas-Forscher wie bei jeder Wahl »Ausmaß und Grad der Aktivitäten von Parteien, Regierungen, Medien, Verbänden«. Ob allerdings der neue Kurs der SPD -- ab durch die Mitte -- geeignet ist, ihre Traditionswähler hinreichend zu mobilisieren, scheint nun selbst den Bonner Parteilenkern fraglich.

Erste Anzeichen von Wahlmüdigkeit hatten Demoskopen im August entdeckt: Während das Allensbach-Institut bei 89 Prozent der CDU/CSU-Anhänger eine »eigentümliche Entschlossenheit« ausmachte, zur Wahl zu gehen, erreichte der Anteil der SPD-Sympathisanten, die »ganz gewiß« wählen wollen, nicht einmal 80 Prozent.

Aber trotz der Warnsignale aus den Stammwähler-Zonen bauen alle Parteien, wie Hamburgs SPD-Wahlkampfleiter Werner Staak weiß, nach wie vor »natürlich auf Wechselwähler« -- jene Bürger, die den Sozialdemokraten bei den letzten Landtagswahlen davongelaufen waren, die gleichwohl von der Union, so deren langjähriger Hausdemoskop Professor Werner Kaltefleiter. für den 3. Oktober erst »noch gewonnen werden müssen«, von deren Stimmung zugleich aber auch die parlamentarische Existenz der FDP abhängt.

Die Meinung dieser Vielumworbenen glauben die Politiker genau zu kennen: Einerseits mißfallen den Männern und Frauen im Mittelfeld der Politik Kraftsprüche nach Sonthofener Art und schiere Arbeitgeber-Politik, wie sie etwa die anonymen CDU-Wahlhelfer des Jahres 1972 propagierten. Denn, so Kaltefleiter, »von der Berufsstruktur her« sind die meisten dieser überwiegend städtischen Wähler »selbstverständlich« Arbeitnehmer.

Andererseits aber scheint auch ausgemacht, daß die Aufsteiger und Aufgestiegenen unter den Mittel-Männern zwar Helmut Schmidt goutieren' aber allergisch auf SPD-Tendenzen reagieren, wie sie sich in dem Juso-Slogan widerspiegeln: »Wer mehr als 50 000 Mark verdient, kann es sich leisten, CDU zu wählen.« Denn sie alle verdienen mehr -- oder täten's doch gern. Solche Erkenntnisse über die Mentalität der Mitte haben die Marschrouten aller Bonner Parteien bestimmt. Und so proben die Strategen beider Blöcke das Kunststück' die jeweiligen Gegner mit Injurien in jene radikalen Ecken abzudrängen, vor denen den Mitte-Wählern graut. sich selber aber zugleich moderat zu geben -- was wiederum den Anhängern nicht immer behagt.

Sachthemen wie Bodenrecht und Gesundheitspolitik, Arbeitslosigkeit und Umweltschutz, bei deren konkreter Erörterung Farbe bekannt werden müßte, bleiben ausgespart -- teils, weil infolge der Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat »praktisch seit langem eine Allparteienregierung« in Bonn herrscht (SPD-MdB Professor Ulrich Lohmar); teils aber auch, weil rote wie schwarze Töne störend wirken können, wenn es gilt, in der grauen Zone zwischen den Parteiungen die Unsteten, die Unentschlossenen zu umwerben.

Die alten Fronten werden verwischt. Ausgerechnet die Christparteiler etwa -- bei denen pro Beitragsmillion 1,2 Millionen Mark an Spenden verbucht werden (SPD: 0,15 Millionen) -- versuchen nun, den Sozialdemokraten das »große Geld« anzudichten. CDU-Anhänger wurden angewiesen, Partei-Aufkleber nur an »nicht zu luxuriösen« Wagen anzubringen.

Ausgerechnet die Sozialdemokraten wiederum befleißigen sich im Wahlkampf »bürgerlichster Anpassung": »Jeden Augenblick«, notierte ein Hamburger Lokalreporter nach einer Veranstaltung mit Helmut Schmidt, »erwartete man den Wahlslogan, mit dem der alte Adenauer einst die Sozialdemokraten von der Macht ferngehalten hatte: »Keine Experimente.«

Alte Politik wechselwählergerecht neu aufzuputzen, ist allenthalben gang und gäbe. Hatte es im Frühjahr beispielsweise in einer ersten, der Presse zugeleiteten Fassung der baden-württembergischen CDU-Regierungserklärung noch geheißen:

Das ist jene Art von konservativer Politik, zu der sich die Landesregierung bekennt, so trug Landeschef Filbinger wenig später im Landtag, ohne erkennbare Skrupel, einen ganz anderen Satz vor: Das ist jene Art von liberaler und sozialer Politik, zu der sich die Landesregierung bekennt.

Welcher Partei es letztlich besser gelingt, mit derlei Tarn- und Täuschmanövern Wähler zu ködern, steht vorerst dahin. Sicher aber ist: Solange die großen Parteien sich, fixiert auf die Mitte, als austauschbar präsentieren, wächst der Prozentsatz der Spätentschlossenen, der Wechsler -- und wohl auch der Anteil der Nichtwähler.

»Wählen zwischen was?« dichtete der Hamburger Funk-Entertainer Henning Venske für das Links-Blatt »konkret«, »zwischen Butterberg und Apfelschwemme?... Wählen zwischen den Austauschbaren? ... Ich wähle nicht.«

Mit dem Abschmelzen der Stammwähler-Blöcke wird zudem eine Wechsel-Wirkung anhalten, die Wahlforscher seit Jahren registrieren: Parteienneigung zur Mitte und Wechsleranteil verstärken einander -- bis dereinst, womöglich, CDU und SPD vollends anmuten werden wie zwei Flügel einer bundesdeutschen Einheitspartei.

Überstarke Konzentration auf den Wähler der Mitte -- dies könnte sich als wichtigste Erfahrung aus dieser Wahlkampagne erweisen -- verstärkt jene Gefahren, auf die Parlamentarismus-Kritiker seit langem hinweisen: Entpolitisierung der politischen Auseinandersetzung, Bedeutungsverlust von Wahlen, Tabuisierung von Zukunftsfragen, die Entstehung von »Allerweltspartein« (so der Politologe Otto Kirchheimer) wie in den USA.

Dabei wird das Gewicht der mobilen Mehrheitsbringer in der Mitte in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Denn die »neue Mittelschicht« wächst rapide -- insbesondere in den Ballungszentren. In Hamburg etwa ist der Anteil der Weißkragen-Wähler von knapp 30 Prozent im Jahre 1950 auf mehr als 52 Prozent angestiegen, mit weiter kräftig aufwärtsweisender Tendenz.

Mit solchem Strukturwandel einhergegangen ist während der letzten Jahre ein nicht minder drastisch anmutender Bewußtseinswandel in der Wählerschaft: Von Infas nach ihrer sozialen Position befragt, rechneten sich unlängst 61 Prozent zur »Mittelschicht« oder zur »oberen Mittelschicht« (1962: 53 Prozent). Selbst in der Arbeiterschaft zählt sieh nun jeder dritte zur Mitte; 1962 sah sich nur jeder vierte dort.

Dem entspricht, daß die Mehrheit der Wähler aller Parteien sich auch auf der Rechts-Links-Skala der Demoskopen in der Mitte oder in deren nächster Nähe einordnet. Diese, wie Wahlforscher sagen, »eingipflige Normalverteilung« der politischen Einstellungen führt dazu, daß die großen Parteien »in weiten Bereichen miteinander um ein ideologisch auf ähnlichen Standpunkten stehendes Wählerpotential konkurrieren« (Infas).

Beim Wettklettern zum Gipfel dieses Zentral-Massivs verändert sieh nach Ansicht der Sozialforscher auch die Politik der konkurrierenden Parteien: In ihrem Inneren vollzieht sich ideologischer Wandel durch Annäherung -- was wiederum die Konzentration der Wähler in der Mitte« weiter verstärkt (Liepelt).

Eine Vielzahl von Ursachen hat dazu beigetragen. traditionelle Bande zwischen Parteien und Wählern zu lockern. Rückläufige Kirchgängerzahlen, berufliche Integration der Frau, Industrialisierung ländlicher Regionen -- alle diese Tendenzen haben zunächst, in den sechziger Jahren, die Union geschwächt und der SPD eine »stabile Ausdehnung an den Rändern des ihr ohnehin nahestehenden Wählerbereichs« beschert; Wahlforscher gaben dieser Entwicklung den Namen »Genosse Trend«.

Nach dem Eintritt der Sozialdemokraten in die Große Koalition stieß der »Bürger Trend« hinzu: Parteienforscher registrierten erstmals einen »direkten Vorstoß« der SPD in die bis dahin von CDU/CSU und FDP weitgehend allein gehaltenen Mittelschichtbereiche, in denen Beamte, Handwerker und Handelsleute heimisch sind. Doch ebenso rasch, wie diese Wähler gekommen waren, ließen sie, nach 1972, die SPD wieder im Stich: Der Bürger Trend mutierte zum Bürger Trendwende.

Mittlerweile machen »sichere Wähler, die »ihre' Partei wählen, was auch immer geschieht«. nach Erhebungen des Mannheimer Wahlforschers Professor Rudolf Wildenmann nur mehr zwei Fünftel der Bevölkerung aus.

Zu den Stammwählern der SPD zählt Wildenmann lediglich 20 Prozent der Wahlberechtigten, vor allem solche aus der »organisierten protestantischen Arbeiterschaft«. In den »aktigen« Jahrgängen zwischen 25 und 45 Jahren«, die nach wie vor »überwiegend und beständig« der SPD zuneigen. verfügten die Sozialdemokraten allerdings über »mobilisierbare Reserven

Die CDU/CSU-Stammwählerschaft ist geschrumpft bis auf den harten Kern des katholischen Mittelstandes einschließlich der katholischen Bauern; hinzu kommt ein ergiebiges Stimmenreservoir bei den Deutschen über 45.

Neue Stammwähler sind den Christenparteien bei den letzten Landtagswahlen. trotz spektakulärer Stimmengewinne, offenbar kaum zugelaufen: »Die Gewinne seit 1972«, meint Wildenmann, »haben der CDU/CSU recht wenig feste Wähler gebracht; es waren eher Anti-SPD-Wähler« -- von denen viele schon am 3. Oktober beispielsweise für die FDP stimmen könnten.

Die Freidemokraten hätten es nötig: Ihre Stammkundschaft macht, laut Wildenmann, allenfalls vier Prozent der Wähler aus.,, Was die FDP mehr bekommt, muß sie sich in einer jeweiligen Situation von der SPD oder der CDU/CSU holen.« Die »Manövriermasse« besteht aus »nichtorganisierten Arbeitern und nicht eindeutig parteipolitisch festgelegtem Mittelstand vorwiegend protestantischer Provenienz«.

Über die Gründe allerdings, die diese Wähler jeweils im einzelnen veranlassen. sich der einen oder anderen Partei zuzuwenden, herrscht weithin Unklarheit. Für Wildenmann sind die Motive der Wechsler »ziemlich offen«. Infas-Liepelt sieht »Wägbarkeiten und Unwägbarkeiten« im Spiel.

Immerhin: Einig sind sich die Wissenschaftler darin, daß es den Wechselwähler nicht gibt, daß unter dem Begriff vielmehr »sehr verschiedenartige Verhaltensweisen subsumiert werden« (so der Mannheimer Wahlforscher Professor Max Kaase).

Je intensiver sich die Wissenschaftler mit dem Wechsler-Phänomen befassen, desto deutlicher wird, daß die vermeintlich wahlentscheidenden Mitte-Wähler nur einen Teil jener ausmachen, die von Mal zu Mal ihr Wahlverhalten ändern.

»Eindeutig unterschieden« werden kann, so das Münchner Infratest-Institut, beispielsweise zwischen

* den einstigen SPD-Wählern, die seit 1972 zur CDU/CSU abgewandert sind, und

* den ehemaligen SPD-Wählern, die seither zur FDP gestoßen sind.

Diejenigen, die es zu den Liberalen zog, entsprechen weitgehend dem Bild vom Wähler de luxe, vom Aufsteiger aus der Mittelschicht, das bislang die Wechsler-Diskussion bestimmte: Das politische Interesse dieser Bürger ist »überdurchschnittlich«, ebenso der Anteil der Abiturienten sowie der leitenden Angestellten und Beamten.

»Quantitativ sehr viel stärker« als die SPD-FDP-Wechsler (rund 1,2 Millionen) jedoch könnten die SPD-CDU-Wechsler (etwa 1,5 bis 2 Millionen) bei der Bundestagswahl zu Buche schlagen. Das politische Interesse dieser Wählergruppe, deren Motive noch kaum diskutiert worden sind, ist nach Infratest »leicht unterdurchschnittlich«, ihre Schulbildung »relativ gering (80 Prozent Volksschulabschluß>»' knapp die Hälfte gehört Arbeiterfamilien an, rund ein Viertel kommt aus Haushalten unterer und mittlerer Angestellter.

Die Differenzierung zwischen einst sozialdemokratisch orientierten Wählern der FDP und solchen der CDU sei geeignet, kommentiert Infratest, »einige Mißverständnisse über Abwanderungen aus der SPD-Wählerschaft seit 1972 aufzuklären": Für die SPD sei es, so Infratest, wichtiger, auf die Arbeiter-Abwanderung zur CDU als auf die Mittelschicht-Abwanderung zur FDP zu reagieren. Denn: »Die in der Öffentlichkeit vieldiskutierten »Verluste' der SPD in der sogenannten Mittelschicht und unter den sogenannten Aufsteigern schwächten bisher die Position der Regierungskoalition in der Wählerschaft kaum.«

Konzentration auf ihren Wählerstamm hätte es der SPD womöglich auch erleichtert, einen Teil jener insgesamt vier Millionen Bundesbürger anzusprechen, die nach einer Untersuchung der Mannheimer »Forschungsgruppe Wahlen«

* sich entweder 1972 der Stimme enthalten haben und jetzt wahrscheinlich wählen oder

* 1972 gewählt haben und diesmal wahrscheinlich zu Hause bleiben. »Nicht die Mittelschichten und typischen Wechselwähler, die zweifellos 1969 als sogenannte Schiller-Wähler maßgeblichen Anteil am politischen Machtwechsel hatten' sondern die traditionellen SPD-Wähler, sozial schwache und sich selbst als Arbeiter oder Arbeitnehmer einschätzende Wähler bewirkten 1972 den Wahlsieg der SPD«, meint der Bochumer Politikwissenschaftler Rainer-Olaf Schultze.

Wahlenthaltung von Arbeiter-Wählern wiederum erklärt offenbar einen Teil der SPD-Verluste bei den letzten Landtagswahlen. Dieser Vorgang freilich blieb Millionen von Westdeutschen verborgen -- infolge eines Denkfehlers, der häufig dann auftritt, wenn Nichtwähler das Ergebnis beeinflussen.

Wahlforscher demonstrieren die Tragweite dieses Trugschlusses gern an einem Denkmodell: Bei einer Wahl mit 100 000 Wahlberechtigten erringen eine rechte und eine linke Partei jeweils rund 50 000 Stimmen. Bei der nächsten Wahl aber hält die Rechtspartei ihre 50 000 Wähler, während die Linkspartei nur etwa 40 000 zu mobilisieren vermag; 10 000 bleiben daheim. Der Anteil der Rechtspartei wächst damit um 5,5 Punkte auf 55,5 Prozent der abgegebenen Stimmen, die Linkspartei schrumpft um 5,5 auf 44,5 Prozent.

Solche Zahlen legen den Fehlschluß nahe, 5,5 Prozent der Wähler hätten die Partei gewechselt, weil ihnen die Linken nicht rechts genug waren. Würde sich nun die Verlierer-Partei, falsch beraten, an der vermeintlich wahlentscheidenden Mitte statt an den Nichtwählern orientieren, geriete das gesamte Parteiensystem in Bewegung: Die Mitte wurde mit Schwung nach rechts rutschen -- und die Zahl der Nichtwähler womöglich weiter steigen.

Das Exempel ist gewiß simpel und kaum geeignet, die Vielzahl von Faktoren aufzuzeigen, die Wahlergebnisse beeinflussen. Doch es verdeutlicht gleichwohl, welch »eminent politischen Einfluß«, welch »meinungs- und bewußtseinsbildende Wirkung« schlichte Rechenfehler ebenso wie die unreflektierte »Ausrichtung der Wahlanalysen auf den Wechselwähler« (Schultze) zeitigen können.

Solche Wirkung ging ohne Zweifel von der baden-württembergischen Landtagswahl im April dieses Jahres aus. Damals verlor die SPD am höchsten (minus 6,4 Prozent) dort, wo die CDU am glänzendsten gewann (plus 6,2 Prozent): in der Industriestadt Mannheim. Prompt verbreiteten Kommentatoren die Schlußfolgerung, in Großstädten seien Arbeiter zuhauf von den Sozialdemokraten »zur Union übergelaufen« (Deutschlandfunk).

In Wirklichkeit war die SPD-Schlappe nur zu einem Teil durch solche Wechsler verursacht worden. In den Großstädten nämlich war die Wahlbeteiligung enorm gesunken; vorwiegend SPD- und FDP-Sympathisanten waren zu Hause geblieben. Die Folge: In Stuttgart, Karlsruhe, Freiburg, Heidelberg, Pforzheim, Heilbronn, Ulm und Mannheim büßten SPD und FDP 119 049 Stimmen ein -- die Christdemokraten konnten dort gleichwohl insgesamt nur 2167 Wähler dazugewinnen.

Nur wenige Blätter, darunter die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, zogen die richtige Schlußfolgerung: »Im Bundestagswahlkampf wird es nicht zuletzt darauf ankommen, ob die Enthalter wieder für die SPD und die FDP zu mobilisieren sind.«

Ob dies freilich gelingt, ist fraglich. »Mit der Oberbetonung der Wechselwähler und der Geringschätzung der Stammwähler«, hatte Schultze letztes Jahr in der »Zeitschrift für Parlamentsfragen« gewarnt, »wird in der Regel zugleich der Frage der Mobilisierung zu geringe Bedeutung zuerkannt.«

CDU und CSU waren bemüht, diesen Fehler zu vermeiden: Ihre Parole »Freiheit oder/statt Sozialismus« sei, klagt die SPD in ihrem Funktionärsdienst »intern«, möglicherweise geeignet, die »politisch weniger Informierten« aufzuputschen, ohne zugleich liberale CDU-Randwähler zu verprellen. Denn »für die »gebildeten Stände"', fürchtete das SPD-Blatt, sei der Slogan »nichts weiter als eine vielleicht etwas mißglückte Werbeidee für bestimmte Zielgruppen, über die man sich sogar ruhig lustig machen darf«.

»Wir werden«, hat CDU-Bundesgeschäftsführer Karl-Heinz Bilke im August verraten, »einen Wahlkampf im Stile Adenauers führen. Mit Sachargumenten kommen wir nicht weiter.« Denn, das hatte Franz Josef Strauß schon in Sonthofen erklärt, »die Emotionalisierung der Bevölkerung, und zwar die Furcht. die Angst, das düstere Zukunftsbild«, bestimmten »die Wahlergebnisse für morgen«.

Schmidt und Brandt hingegen wehrten in ihrem Parteivorstand alle Vorschläge -- etwa Horst Ehmkes und des Schleswig-Holsteiners Klaus Matthiesen -- ab, im Wahlkampf erneut, wie 1972, zu »holzen": »Was käme dabei heraus«, predigte Brandt, »wollte man Gleiches mit Gleichem vergelten?« Polarisierung sei ungeeignet, Wechselwähler der Mitte zu gewinnen.

Wahlforscher Schultze wertet derartige Selbstbeschränkung als womöglich fatalen Fehler. Die Sozialdemokraten hätten sich vielmehr -- meint er, darin einig mit den Jusos -- rechtzeitig dazu entschließen müssen,

* »die potentiellen FDP-Wähler« innerhalb der Gruppe der Beamten und Angestellten »mehr oder minder freiwillig« den Liberalen zu überlassen,

* ihre eigene Politik »konsequent auf die sozialstrukturellen Wählergruppen auszurichten, die ihr 1972 zum Wahlsieg verholfen hatten«, und

* eine »fortdauernde Mobilisierung und Politisierung der Wähler« zu unterstützen, »die in Ausmaß und Zielrichtung der Polarisierung des Jahres 1972 vergleichbar gewesen wäre

Ob eine solche Strategie tatsächlich von Nutzen gewesen wäre, steht dahin. Jedenfalls konnte im August der CDU-Wahlforscher Dieter Oberndörfer frohlocken, der Anteil der Anhänger, »die nur schwach zu ihrer jeweiligen Partei neigen«. liege bei der SPD mit 27,9 Prozent und bei der FDP mit 30,4 Prozent etwa um die Hälfte höher als bei der CDU/CSU mit nur 19,4 Prozent.

Die Anhänger der CDU, stellten die Allensbacher Demoskopen fest, nahmen schon frühzeitig die Bundestagswahl ernster als die Koalitionssympathisanten: 59 Prozent der Anhänger der Union nannten die Wahl am 3. Oktober »sehr wichtig« -- gegenüber 50 Prozent bei der SPD und 44 Prozent bei der FDP.

Der SPD-Vorstand hatte denn auch allen Grund, im August seine 10 000 Ortsvereine aufzufordern, sich verstärkt um die »Wähler mit schwacher Bindung« zu kümmern »Jeder persönliche Einsatz«, mahnte die Parteispitze, »zahlt sieh aus«; nur die unsicheren Kantonisten könnten »den entscheidenden Vorsprung bringen«.

Bis zum Wahltag bleibt den sozial- wie den christdemokratischen Parteilenkern die Hoffnung, der »Wahlkampf selbst« (SPD-»intern") könne die Halbinteressierten, die Unentschlossenen in Bewegung versetzen. Und in der Tat haben Wahlforscher wie der Münchner Jürgen W. Falter bereits 1972 ausgemacht, daß »bei einem bedeutenden Prozentsatz von Wählern die Mobilisierung weniger über das politische Interesse erfolgt« als vielmehr »in Reaktion auf das allgemeine »politische Klima«.

Empfänglich für klimatische Einflüsse sind nach Erhebungen der Allensbach-Chefin Elisabeth Noelle-Neumann »im Durchschnitt zwischen 15 und 17 Prozent« der Wähler, darunter insbesondere Frauen aus unteren Schichten, Frauen, die sich nicht besonders für Politik interessieren, auffallend oft auch Personen. die von sich selbst sagen, daß sie ziemlich allein seien, nur wenig Freunde und Bekannte hätten«.

Gerade diese Wähler, die »empfindsamer auf den Umweltdruck reagieren« als andere, haben laut Allensbach in den letzten beiden Wochen vor der Wahl 1972 die »wahlentscheidende Schwenkung« zur SPD vollzogen -- nachdem die Demoskopen wochenlang ein Patt signalisiert hatten.

Um diesen Erdrutsch zu erklären, hat Elisabeth Noelle-Neumann eine »Theorie der öffentlichen Meinung« entwickelt, die sie in den vergangenen Jahren mittels einer »Versuchsreihe. die bis heute 35 000 Interviews umfaßt, geprüft« hat.

Fazit: Wähler, die unter Umweltdruck ihre Parteipräferenz ändern, passen sich nicht unbedingt der tatsächlichen Mehrheitsmeinung an, sondern jener Auffassung, von der sie annehmen, daß sie vorherrsche oder im Vormarsch sei -- ein Mechanismus, der schließlich die realen Mehrheitsverhältnisse zu verändern vermag.

Wenn, so formulierte die Allensbacherin, Menschen meinen, »daß sie in der Minderheit sind oder in die Minderheit geraten, so überprüfen sie ihre Überzeugung und schließen sich vielleicht der Mehrheit an, vor allem aber äußern sie sich weniger selbstbewußt« -- wenn sie nicht vorziehen zu schweigen.

Damit aber werde -- wie unmittelbar vor der Wahl 1972, damals zugunsten der SPD -- eine »Schweigespirale« wirksam: »Das verlierende Lager«, beschreibt die Wahlforscherin diesen Prozeß, »wirkt durch sein Schweigen noch schwächer, als es wirklich ist, und in einem spiralähnlichen Prozeß wird die verlierende Meinung zurückgedrängt, weil sich immer weniger Personen zu ihr öffentlich zu bekennen wagen.«

Ausgelöst worden sei die Schweigespirale 1972 durch den, trotz Meinungspatt, vorherrschenden Eindruck, die SPD liege vorn. Dieser Einschätzung wiederum lag, so Noelle-Neumann, die Beobachtung zugrunde, die Sozialdemokraten zeigten im Wahlkampf »den größten persönlichen Einsatz« und seien einfach »besser«, was Plakate, Veranstaltungen, Flugblätter und Straßendiskussionen angehe.

Als besonders wirkungsvoll habe sieh damals erwiesen, daß sich mehr SPD- als CDU-Anhänger durch »Tragen von Abzeichen im Knopfloch und Befestigen von Aufklebern am Auto« offen zu ihrer Partei bekannt haben. Aus den Erfahrungen des Jahres 1972 folge, »daß nur eine Partei, deren Anhänger sich öffentlich zu bekennen wagen, die öffentliche Meinung für sich gewinnen, das Klima machen kann«.

Seit die Professorin vorletztes Jahr ihre Thesen publiziert hat, sind CDU/CSU wie SPD bemüht, die Schweigespirale als Wunderwaffe im Kampf um potentielle Nicht- und Wechsel-Wähler einzusetzen -- beide in der Hoffnung, noch kurz vor dem 3. Oktober eine wahlentscheidende Mitläufer-Stampede in Bewegung setzen zu können. Nie zuvor haben Westdeutschlands Parteien, voran die Union, folglich so sehr auf die Wirkung von Sichtwerbung, von Aufklebern und Abzeichen gesetzt wie in diesem Jahr.

In ganzseitigen Anzeigen ("Immer mehr bekennen sich zur Politik der Union") begann die CDU schon Anfang August, für ihr schwarzrotgoldenes Markenzeichen zu werben: »Jedem, der mit uns für diese freiheitliche Politik eintritt, schicken wir gern den Autoaufkleber und die Anstecknadel als Solidaritätszeichen.« Die SPD ließ ihren Aufkleber letzte Woche gleich 1,75 Millionen Exemplaren der Illustrierten »Stern« beifügen.

Zugleich gab der SPD-Vorstand sämtlichen SPD-Mitgliedern den Rat: »Flagge zeigen.« Denn: »Wo zum Beispiel in einem engeren Bereich erst einmal fünf, sechs Aufkleber am Auto aufleuchten, da sind es rasch auch 20 oder 30 ... Es gibt eine Art Überzeugungskraft der großen Zahl.«

Wer auch immer letztlich in diesem Sinne überzeugender wirkt -- die 76er Wahl- und Materialschlacht könnte Aufschluß geben über den Charakter künftiger Kampagnen. Vertraut mit dem Gesetz der Schweigespirale, konfrontiert einer wachsenden Zahl potentieller Nichtwähler und emotionalisierbarer Mitläufer, könnten sich die Parteien aller Schattierungen versucht sehen, spätestens 1980 den entpolitisierten, entpolitisierenden Wahlkampfstil US-amerikanischer Prägung vollends zu übernehmen.

In den Staaten hat der Zwang, »auch optisch« zu »zeigen, wer wir sind« (SPD-Geschäftsführer Holger Börner), längst weitaus Eindrucksvolleres als nur buttons und stickers produziert: Wahl-Konvente' deren Delegierte sich karnevalesk mit den Symbolen ihrer Partei ausstaffieren; Anhänger, die sich vom Zylinder bis zur Stola der jeweiligen Couleur gemäß kostümieren.

Ein Anfang ist in Westdeutschland gemacht: Jusos lassen sich auch schon mal mit schwarzrotgoldenen Krawatten zu 9,80 Mark oder mit schwarzrotgoldenen Windjacken zu zehn Mark sehen, Jungunionler bekämpfen den Sozialismus mit weißen T-Shirts und Sonnenblenden, und die Freidemokraten bieten zur Wahlmaskerade blaugelbe Hemden mit dem Aufdruck »Liberal 76« an, Stück 6,50 Mark.

SPD-Bikinis in den Nationalfarben waren im Juli binnen weniger Tage vergriffen.

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