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Südafrika »NIE MEHR SO, WIE ES WAR«

Der Traum des Freiheitskämpfers Nelson Mandela geht in Erfüllung. In einem historischen Kompromiß zwischen Opfern und Unterdrückern einigte sich der ANC-Chef mit Staatspräsident Frederik Willem de Klerk auf eine neue Verfassung für Südafrika - Ende von über 300 Jahren kolonialer Ungerechtigkeit und Apartheid.
aus DER SPIEGEL 47/1993

Der Morgen dämmerte über Johannesburg. Im Welthandelszentrum in der Nähe des Jan-Smuts-Flughafens spielte der Diskjockey »Jailhouse Rock«. Minister Roelf Meyer, Chefunterhändler der Regierung, schwenkte in ausgelassener Laune seinen schwarzen Partner vom Afrikanischen Nationalkongreß (ANC), Cyril Ramaphosa, über die rot-blauen Fliesen. Südafrikas Runder Tisch tanzte.

Die überwältigende Mehrheit der 210 Vertreter von 21 Parteien und Gruppierungen hatte soeben einem Dokument zugestimmt, das für Südafrika eine neue Zeit einleitet. Übermüdet billigten die schwarzen, braunen und weißen Delegierten in der Nacht zum Donnerstag vergangener Woche im Festsaal die neue Verfassung, um die sie fast zwei Jahre gerungen hatten.

Das 164-Seiten-Papier beginnt mit den Worten »In demütiger Unterwerfung vor Gott, dem Allmächtigen«. Es beendet mehr als drei Jahrhunderte weißer Vorherrschaft am Kap, die fromme Buren als gottgewollt verteidigten, und legt den moralischen und rechtlichen Grundstein für eine demokratische Ordnung, die »Gleichheit zwischen Männern und Frauen und Menschen aller Rassen« in Südafrika verspricht.

»Wir stehen am Beginn einer neuen Ära«, beteuerte Staatspräsident Frederik Willem de Klerk, 57, »Südafrika wird nie mehr so sein, wie es war.«

Sein alter Gegenspieler Nelson Mandela, 75, erlebte die Krönung seines Lebenswerks. Südafrika, triumphierte er, befinde sich »unwiderruflich auf dem Weg zu einer nicht-rassischen Demokratie«. Über 50 Jahre hatte er für dieses Ziel gekämpft - 27 davon als Staatsgefangener des weißen Regimes.

Das Abkommen markiert eine historische Zäsur, die für das südliche Afrika eine ähnliche Bedeutung hat wie die Versöhnung zwischen Israel und PLO für den Nahen Osten.

Anders als in den kommunistischen Ländern Osteuropas brach die Regierung nicht unter dem Ansturm der unterdrückten Mehrheit zusammen; sie handelte freiwillig ihren Abgang aus - in der Erkenntnis, daß die 1948 verkündete Apartheid-Doktrin das Land »in eine Sackgasse« (de Klerk) geführt hat.

Für ein Land und einen Kontinent mit derart gewalttätiger Geschichte war das eine unerhörte Leistung. Eine friedliche Revolution war es dennoch nicht. Die Verhandlungen wurden bedroht durch Terrorausbrüche, wie sie Südafrika seit dem Burenkrieg nicht erlebt hatte. Über 10 000 Menschen kamen seit 1990 bei Morden und Massakern in den Townships ums Leben.

Die Verfassung, die zum erstenmal in der Geschichte des Landes das Wahlrecht für alle Rassen garantiert, wird für fünf Jahre gelten. Bis dahin soll das gewählte Parlament ein endgültiges Grundgesetz verabschiedet haben. Das wird die wichtigsten Artikel aus der Übergangsverfassung übernehmen: den Katalog der Menschenrechte, das Prinzip der Gewaltenteilung, eine föderale Ordnung für Südafrika und die Bildung eines Verfassungsgerichts.

Am 27. April kommenden Jahres werden mehr als 20 Millionen Stimmberechtigte eine 400köpfige Nationalversammlung wählen. Gleichzeitig werden in den zu schaffenden neun Provinzen am Kap Regionalparlamente gewählt, die eigene Landesverfassungen erarbeiten. Es sind Südafrikas erste demokratische Wahlen.

Während der Übergangszeit soll die Macht geteilt werden: Jede Partei, die mehr als 5 Prozent erhält, hat Anspruch auf einen Ministerposten; jede Partei mit mehr als 20 Prozent stellt einen Vizepräsidenten.

Das Kabinett der nationalen Einheit faßt seine Beschlüsse mit einfacher Mehrheit, aber in einem »um Konsens bemühten Geist« - einer von vielen Kompromissen, auf die sich ANC und Regierung noch in letzter Minute einigten. De Klerks regierende Nationale Partei hatte zunächst gefordert, die neue Regierung dürfe nur mit Zweidrittelmehrheit entscheiden.

Im Dezember wird das Parlament in Kapstadt die Übergangsverfassung ratifizieren. Es ist mit seinen getrennten Kammern für Weiße, Inder und Mischlinge eine der letzten Institutionen der Apartheid - und wird sich mit dieser Amtshandlung selbst entmachten.

Auch die vier sogenannten unabhängigen Homelands - ein weiteres Produkt der Rassentrennung - sind in der neuen Verfassung nicht vorgesehen: Damit verlieren die von Pretoria ausgehaltenen und von keinem Land der Welt anerkannten Zwergstaaten Transkei, Ciskei, Bophuthatswana und Venda sowie die sechs autonomen Gebiete - unter ihnen Kwa-Zulu - ihre legale Existenzgrundlage.

»Wir werden diese Verfassung mit allen Mitteln bekämpfen«, drohte deshalb KwaZulus Chefminister Mangosuthu Buthelezi und klagte, die Beschlüsse seien über die Köpfe der Betroffenen hinweg gefällt worden.

Der Führer der Zulu-Bewegung Inkatha hatte die Verfassungskonferenz vor vier Monaten zusammen mit der weißen, ultrarechten Konservativen Partei sowie den Regierungen von Bophuthatswana und der Ciskei unter Protest verlassen. Die Front der Verweigerer schloß sich zur »Freiheitsallianz« zusammen.

Das seltsame Bündnis zwischen rassistischen Buren, die einen eigenen weißen Volksstaat fordern, und Zulu-Konservativen, welche die Vorherrschaft des ANC fürchten, könnte den Wandel noch gefährden. Der machthungrige Zulu-Chef Buthelezi fühlt sich von der Regierung, die ihn einst stützte, verraten. Er betrachtet den ANC als Todfeind, weil Mandelas Organisation auch in seiner Provinz Sympathisanten gewinnt. Bei Kämpfen zwischen Inkatha- und Mandela-Anhängern sind Tausende gestorben. Die von Weißen geführte Polizei blieb untätig.

Auch die weißen Ultras in der rechten Freiheitsallianz drohen mit Krieg: »Die Annahme der Verfassung markiert den Beginn der gewaltsamen, kommunistisch _(* Nach Unterzeichnung der neuen ) _(Verfassung am Donnerstag voriger Woche ) _(in Johannesburg. ) inspirierten Machtübernahme des ANC«, sagte General Constand Viljoen, Chef der separatistischen Afrikaaner-Volksfront. Seine Anhänger rief er auf, sich militärisch ausbilden zu lassen. »Wir stehen am Rande des Krieges«, so der ehemalige Armeechef.

Doch ANC-Chef Mandela und Staatspräsident de Klerk, als Architekten des neuen Südafrika mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, haben die Hoffnung auf eine friedliche Lösung nicht aufgegeben: In bilateralen Verhandlungen versuchen sie, die Verweigerer von der Freiheitsallianz in den Reformprozeß einzubinden.

Beim Festakt im Welthandelszentrum wandte sich der ANC-Präsident an die weißen Südafrikaner: »Sie sind gleichberechtigte Bürger im neuen Südafrika. Ich garantiere Ihnen das volle Recht auf Ihre Sprache, Ihre Religion und Kultur. Diese Rechte wird Ihnen niemand nehmen.«

Mandela sprach die beschwörenden Sätze in Afrikaans. Der Schwarzenführer hatte die Sprache der burischen Feinde in seiner 27jährigen Haftzeit gelernt.

* Nach Unterzeichnung der neuen Verfassung am Donnerstag vorigerWoche in Johannesburg.

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