Zur Ausgabe
Artikel 51 / 86
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Nieder mit der käuflichen Partei!«

Die von der polnischen Regierung geplanten Preiserhöhungen für Grundnahrungsmittel lösten Ende Juni in den Arbeiterstädten Radom und Ursus spontane Proteste der Bevölkerung aus. Was als friedliche Demonstration begann, geriet durch die Ignoranz der Partei und das brutale Vorgehen der Polizei zu einem Volksaufstand, wie 1956 in Posen und 1970 in den Küstenstädten. Im Westen wurde vor allem bekannt, daß Arbeiter die Gleisstrecke zwischen Moskau und Berlin lahmlegten und der Miliz eine blutige Straßenschlacht lieferten. Weitgehend unbekannt blieben die Details des Aufstands und der anschließenden Repressalien: Die Polizei schoß mit Gas, die Menge ging mit Rasiermessern auf die Miliz los, 17 Menschen kamen um. Tausende wurden verhaftet, einige von ihnen zu Tode gequält, auch unbeteiligte Passanten. Polnische Menschenrechtler haben die Berichte von Augenzeugen und Betroffenen für eine Dokumentation gesammelt und dem SPIEGEL zur Verfügung gestellt.
aus DER SPIEGEL 47/1976

Die Unruhen begannen am 25. Juni 1976 mit einem Streik in allen Radomer Betrieben. Um sechs Uhr morgens beschloß in den »General Walter«-Werken (Rüstungsbetrieb) die Belegschaft der Abteilung P-6, der sich andere Abteilungen anschlossen, auf die Straße zu gehen. Die »Walter«-Arbeiter brachen das Tor zum Waffenlager auf, um sich zu bewaffnen -- vergebens. Das Lager war leer. In der Nacht zuvor hatte die Werksleitung vorsorglich den gesamten Waffenvorrat zum Militärflugplatz Radom geschafft.

Die »Walter«-Belegschaft zog auf die Straße, in musterhafter Ordnung, mit weiß-roten Fahnen und roten Fähnchen und sang die »Internationale«. Den Demonstranten schlossen sich Belegschaften anderer Radomer Fabriken an: die von »Radoskór« (Schuhfabrik), von der Telephonapparate-Fabrik, der Zigarettenfabrik, den Eisenbahnwerkstätten und auch von manchen kleineren Betrieben.

Andere kleinere Unternehmen, deren Arbeiter nicht auf die Straße gingen. beteiligten sich ebenfalls am Generalstreik. In einigen von ihnen, so in der Fabrik für feuerbeständige Werkstoffe, wurden die Parteisekretäre von den Arbeitern verprügelt, in anderen Werken kriegten die Direktionsvertreter einiges ab.

Die Demonstranten, denen sich inzwischen Schuljugend und Bevölkerung von Radom angeschlossen hatten, zogen vor das Haus des Woiwodschaftskomitees der Partei in der »Straße zum 1. Mai«. Die Demonstranten verlangten, mit der örtlichen Parteiführung zu sprechen. Woiwodschafts-Sekretär Prokopiak weigerte sich jedoch, nach draußen zu kommen. Nach einer Weile kam der Zweite Sekretär Adamczyk heraus. Auf Rufe aus der Menge, die Arbeiter möchten mit der Parteiführung reden, antwortete er, mit dem Mob werde er nicht sprechen.

Dann trat eine Frau vor, ein Kind auf dem Arm. Sie sei Witwe, erklärte sie, habe drei Kinder zu ernähren und verdiene 2200 Zloty* im Monat. Bisher, sagte sie, reichte ihr Arbeitslohn gerade für Brot und Zucker für die Kinder, nach der Preiserhöhung werde es nicht einmal dafür mehr

* Kaufkraft: etwa 220 Mark.

langen. Schließlich fragte die Frau: »Und wie hoch ist Ihr Gehalt. Genosse Sekretär?«

Parteisekretär Adamczyk antwortete mit der Gegenfrage: »Wenn Ihnen das Schicksal Ihrer Kinder so sehr am Herzen liegt, warum haben Sie dieses Kind dann hierher mitgeschleppt, statt es zu Hause zu lassen, damit es seine Ruhe hat?«

Die Frau verlor die Fassung, zog ihren Schuh aus, um Adamczyk mit dem Absatz auf den Kopf zu hauen. Der sehr erregte Parteisekretär schlug vor, man solle eine Delegation bilden. Mit der werde er sprechen. Darauf rief eine andere Frau: »So! Eine Delegation! Damit ihr wißt, wen ihr zu verhaften habt! Nun gut, dann bin ich die Delegation, und wir werden uns jetzt und hier unterhalten!«

Von allen Seiten kamen spöttische Zurufe an die Adresse des Parteisekretärs und der gesamten Partei. Die Spannung wuchs. Der erregte Adamczyk wiederholte immer wieder, er werde mit dem Mob keine Gespräche führen. Da trat ein Arbeiter von den »Walter«-Werken vor, wie alle Arbeiter in schmutziger Montur, deutete auf seine Arbeitskleidung und sagte, nur einmal im Jahr kriege er neue, während sie ihm mindestens viermal jährlich zustehe. Darauf zeigte er auf den Anzug von Adamczyk: »Und was kostet Ihr Anzug? Bestimmt um die 6000 Zloty, wenn nicht mehr!«

Gleich darauf wurde aus der Menge gerufen:« Ausziehen! Ausziehen!« Ein paar junge Leute stürmten vor und zwangen Adamczyk, sieh auszuziehen. In Unterwäsche flüchtete der Zweite Sekretär zurück ins Gebäude, während ihn die Leute mit Abfällen bewarfen. Einmal fiel er hin, richtete sich aber gleich wieder auf und lief weiter. Nach unbestätigten Gerüchten soll er einen schweren Herzanfall erlitten haben und ins Krankenhaus eingeliefert worden sein.

In der Nähe des Parteihauses wurde ein großes Feuer angezündet, in das jene Arbeiter, die Parteimitglieder waren, ihre Mitgliedsausweise warfen. Als die Eingangstür des Parteigebäudes sich auch mit Gewalt nicht öffnen ließ, holte man drei Trecker: An einem befestigte man ein Seil und brach damit dann Tür samt Türrahmen heraus. Mit Hilfe eines anderen Treckers rissen Demonstranten die Fensterrahmen heraus, deren Scheiben schon mit Steinen eingeworfen waren. Der dritte Trecker wurde angezündet und auf die offene Tür des Gebäudes gerichtet; er fuhr hinein und entfachte im Parteihaus einen Brand.

Durch die leeren Fensterhöhlen kletterten junge Leute nach innen, schleppten Teppiche an die Fenster und zeigten sie der Menge. Demonstranten reagierten mit empörten Rufen, die Teppiche flogen nach draußen, auf die Straße.

Das Warenlager der Kantine des Parteikomitees wurde aufgebrochen, wo sich große Mengen teurer Wurstsorten und anderer Lebensmittel fanden. Alles wurde vor dem Gebäude aufgestapelt. Dann steckte man die weiteren Räume des Parteigebäudes in Brand. Das Erdgeschoß und die ersten beiden Stockwerke wurden wohl ein Raub der Flammen, während die dritte Etage anscheinend verschont blieb.

Inzwischen waren die Häuserwände in Radom mit Plakaten übersät. »Nieder mit der käuflichen PVAP!« und ähnliche Parolen waren dort zu lesen. Eine große Menschenmenge belagerte die Gebäude der Stadt- und der Woiwodschafts-Verwaltungen und die benachbarte Woiwodschafts-Kommandantur der Polizei.

Dabei machte die Polizei von ihren Schußwaffen keinen Gebrauch; sie verbarrikadierte sich in dem Häuserkomplex und warf nur Tränengas-Granaten in die Menge. Von den belagerten Häusern aus wurden die Menschen auf der Straße photographiert. Manche besonders aktive unter den Demonstranten machten ihre Gesichter mit Tüchern unkenntlich. Über den Straßen kreiste ein Polizei-Hubschrauber, aus dem heraus Sicherheitsleute die Massen filmten.

Mit Ausnahme des belagerten Gebäudekomplexes befand sich ganz Radom in den Händen seiner Bevölkerung. Man fing an, Barrikaden zu bauen. In der Straße zum 1, Mai stoppte man vier Feuerwehrautos, die ausgefahren waren, das brennende Parteigebäude zu löschen. Mit diesen Wagen wurden Barrikaden errichtet, die unter der Überführung die aus Ilza und Rzeszów kommenden Straßen blockierten. Den Barrikadenbau leitete eine junge Frau.

Es zeigten sich erste Formen von Organisation. Bei den Barrikadenbauern stand eine Gruppe junger Leute herum -- zu deren Sicherung, wie sich erwies. Ein Bus näherte sich, die junge Frau stoppte ihn kurz mit der Hand und wies dem Fahrer die Stelle an, an der er parken sollte, um damit die Barrikade zu schließen. Sie erklärte: »Wenn Sie Schinken essen wollen, dann müssen Sie hier parken!« Der Fahrer meckerte zunächst, lenkte den Bus dann aber zu der von der Frau angewiesenen Lücke.

Ob er sich dann doch dem Befehl zu widersetzen versuchte oder nur aus Versehen aufs Gaspedal trat -- jedenfalls sprangen sofort einige aus der Gruppe der jungen Beschützer auf die Trittbretter zur Fahrerkabine, während die anderen die Luft aus den Reifen ließen. Auf Befehl der jungen Frau besorgte eine andere Gruppe einen Tankwagen voll Benzin. Probeweise ließen sie etwas Benzin auf der Fahrbahn der Slowacki-Straße auslaufen und steckten es dann an. Im Nu stand die Fahrbahn in Flammen, der Asphalt brannte. Den Tankwagen versteckten sie in einem Park in der Nähe im Gebüsch, um ihn im Falle eines Angriffs der Polizei oder des Militärs benutzen zu können.

Während der Unruhen sah man in den Straßen von Radom zahlreiche Angehörige des Militärs. Sie verfolgten die Ereignisse und beobachteten die Kämpfe mit der Polizei. Man sah deutlich, daß sie auf seiten der Bevölkerung waren und sich mit ihr solidarisierten. In keinem Fall sind sie gegen Demonstranten vorgegangen oder haben sich ihnen widersetzt.

Vor den Gebäuden der Parteikomitees, der Stadtverwaltung, der Polizei und der Sicherheitsbehörde brannten die Dienstautos und Privatwagen der Bonzen. Nach dem Sturm auf die Radomer Fleischwarenfabrik wurden aus deren Warenlagern ganze Tonnen Schinkenkonserven, die größtenteils für den Export bestimmt waren, an die Bevölkerung verteilt.

Gegen neun Uhr wurde Radom vom internationalen Telephonnetz abgetrennt. In den Straßen standen einige Dutzend Barrikaden. Zur Teilnahme an den Demonstrationen und zum Kampf gegen die Miliz feuerten Rentner die Jugendlichen an. Man hörte sie sagen: »Jetzt oder in zwei oder in fünf Jahren -- ihr werdet sowieso gegen die da antreten müssen! Also, los! In den Kampf!«

Die Lage war schwankend. Ein Polizist, der mit einem Wagen beim Parteigebäude vorfuhr und mit Steinen beworfen wurde, soll nach unbestätigten Gerüchten das Auto nicht mehr rechtzeitig verlassen haben können und darin verbrannt sein. Ein anderer wurde angeblich mit seinem eigenen Knüppel erschlagen.

Gegen zwölf Uhr errichtete die Parteiführung eine Luftbrücke: Auf dem Radomer Militärflughafen landete die Polizei- und Sicherheitsdienst-Unteroffiziersschule aus Pila (Schneidemühl) mit Spezialausrüstung für Straßenkämpfe. Die Sondereinheiten kamen mit Militärmaschinen, viermotorigen Flugzeugen vom Typ »Ukraina« und Zweimotorigen. Polizeikolonnen aus Lublin, Rzeszów, Tarnobrzeg und anderen Städten rasten mit über 100 Kilometer Stundengeschwindigkeit und eingeschalteten Lichtern in Richtung Radom. Viel später kam auch die Polizeisondereinheit aus Golendzinów.

Die Ausrüstung der Polizei:

Panzerautos, deren Kanonen Tränengas auf eine Entfernung von etwa 300 Metern schossen;

* Tränengaskanonen, die nicht auf Panzerautos montiert

waren;

* Militärtransporter und Gefangenentransportwagen: Geländewagen, Funkwagen.

Die Milizeinheiten rückten kompanieweise in Angriffsformation an, insgesamt ca. 1000 Mann, Schutzhelme auf, Schutzschilde mit Visier in Augenhöhe, mit 85 Zentimeter langen Schlagstöcken und Granatwerfern für Tränengas. Auch Leuchtraketen wurden auf die Menge gefeuert.

In einem Fall mußte eine umzingelte und bedrängte Polizeieinheit einen »Igel« bilden -- nach allen Seiten mit Schutzschilden abgedeckt und in alle Richtungen Tränengasgranaten schleudernd. Da kletterte ein junger Mann auf das Dach eines Hauses unmittelbar über dem »Igel« und begann, Steine auf den »Igel« zu werfen.

Mitunter gerieten Wohnungen durch Raketen in Brand. Gegen 17 Uhr fing die kampferhitzte Menge an, die Geschäfte entlang der Hauptstraße zu plündern. Binnen kurzem wurden Waren im Wert von einigen zehn Millionen Zloty erbeutet. Es ist nicht auszuschließen, daß die Plünderung von Agenten des Sicherheitsdienstes angestiftet wurde, um den Barrikadenschutz zu desorganisieren.

Durch das ständig wachsende Übergewicht der Polizei- und

Sicherheitskräfte verwandelten sich in den Abendstunden die Straßenkämpfe in ein mörderisches Pogrom an der Bevölkerung. Die Hauptrolle spielten dabei die Spezialeinheiten aus Golendzinów, die zum großen Teil aus gerichtlich verurteilten Verbrechern rekrutiert sind (denen man die Möglichkeit gibt, das Absitzen der Strafe durch Dienst in Polizei- oder Sicherheitseinheiten zu ersetzen).

Mit Sicherheit wurden sie vor der Aktion mit Alkohol versorgt, den Rest besorgte die Erregung durch den Kampf gegen eine unbewaffnete, aber kämpferisch eingestellte Menschenmenge. Zahlreiche Augenzeugen bestätigen, normale Menschen wären nie imstande gewesen, mit einer solchen Wut, mit derartiger Raserei auch Frauen und sogar kleine Kinder zu schlagen. Sie befanden sich in einem Zustand der Mordlust.

Gegen 23 Uhr waren Sicherheitskräfte und Partei Herr der Lage in Radom. Einige tausend Menschen wurden festgenommen. Aus Warschau, Kielce und Kozienice wurden, zwangsweise, in der Nacht Bauarbeiter-Brigaden herangeschafft, dazu noch di-ei bei Radom stationierte »Freiwillige Arbeitstrupps« (OHP). um die Straßen in Ordnung zu bringen, die Fassade des ausgebrannten Parteigebäudes zu reparieren, von den Wänden die parteifeindlichen Losungen vom 25. Juni zu beseitigen und die ausgebrannten Autowracks abzuschleppen.

Nach unter der Bevölkerung umlaufenden Gerüchten wurden etwa 17 Zivilisten getötet, darunter wahrscheinlich ein Kind, eine schwangere Frau und ein 25jähriger Arzt, Sie sollen (ähnlich wie die Opfer des Dezemberaufstandes 1970) unter strenger Geheimhaltung in der Nacht vom 26. auf den 27. Juni auf dem örtlichen Friedhof begraben worden sein. Die offiziellen Kommuniqués der Parteipresse sprechen von zwei getöteten Personen, die dazu noch durch ihre Kampfgenossen umgebracht worden seien.

Es ist hinzuzufügen, daß wahrscheinlich während der Untersuchungen unmittelbar nach den Unruhen ebenfalls noch einige Personen umgebracht wurden, denn einige Tage später wurde an einer Landstraße die Leiche eines Jungen gefunden, von dem man wußte, daß er vorher verhaftet worden war.

Die Verluste in den Reihen der Sicherheitskräfte und der Miliz sind nicht bekannt, jedoch steht fest, daß einige Tage danach (genau: am 30. Juni) einige Sicherheitsmänner beigesetzt wurden, wozu Polizeidelegationen aus Warschau gekommen waren. 75 Sicherheitsmänner und Milizionäre sollen verletzt sein, darunter acht schwer. Nach Augenzeugenberichten war man gegen die Polizisten mit Hackmessern, Steinen und Rasiermessern angegangen. Auch warfen die Leute Tränengasgranaten. die aus den Granatwerfern der Polizei abgefeuert worden waren, auf die Polizei zurück. Die meisten Verwundungen unter der Zivilbevölkerung entstanden durch Schlagstöcke; häufig wurde ein einzelner von mehreren Milizionären geschlagen. Manche Verletzungen stammten von mit Glashüllen versehenen Gas-Granaten: Die Gesichter derart Verwundeter sahen aus wie blutiger Brei. Die Verbrennungen stammten von Querschüssen oder direkt in die Menschenmenge gerichteten Leuchtraketen.

Die Verhaftungen und die Abrechnung mit der Bevölkerung

begannen sofort. Erfaßt wurde davon eine nicht feststellbare Zahl an Einwohnern. Unter anderem wurde ein junger Mann verhaftet, bei dem man drei Zigarettenpackungen gefunden hatte, obwohl er den Milizionären versicherte, diese am Kiosk gekauft zu haben.

Schon am Samstag, in den Mittagsstunden, begann die Tätigkeit der »Standgerichte«. Die Urteile reichten oft bis zu zehn Jahren Gefängnis.

Als wichtigste »Beweise« galten die Aussagen von Sicherheits- oder Polizeifunktionären. Die »Gerichte« bestanden aus einem »Richter« und einem Schriftführer. Die Verurteilten wurden sofort in verschiedene Gefängnisse des Landes gebracht.

Am Montag, dem 28. Juni, traten fünf »Strafbestimmende Verwaltungskollegien« in Aktion, die täglich rund 700 Entscheidungen fällten. Man vermutet, daß bis zum 4. Juli von diesen Kollegien etwa 5000 Personen verurteilt wurden. Die häufigste Strafe: drei Monate Arrest und 5000 Zloty Buße.

Bekannt wurde folgender Fall: Eine Richterin tadelte einen Angeklagten, der zweifelsohne -- die Spuren waren unverkennbar -- geschlagen worden war, er hätte sich mindestens vor der Gerichtsverhandlung waschen können.

Der Angeklagte antwortete: »Sie, Frau Richter, sprechen vom Waschen, während ich drei Tage lang nichts zu essen bekommen habe.« Sie antwortete: »Das macht nichts, jetzt kommen Sie ins Gefängnis, und da werden Sie Ihre Mittagessen für alle drei vergangenen Tage kriegen.«

Auf den Straßen von Radom patrouillieren Dreiergruppen der Miliz. Die Einwohner versuchen unter den verschiedensten Vorwänden, die Stadt zu verlassen. Radom wirkt wie ausgestorben, junge Leute sieht man besonders wenig -- sie sitzen in den Gefängniszellen.

Dennoch, eine Woche nach den Unruhen, am 2. Juli, brannte in der Nähe des Hauptbahnhofs ein Polizeiauto aus. Ständig erhält die Miliz anonyme Warnungen, die Bevölkerung und die Verhafteten nicht zu mißhandeln.

Es ist bisher äußerst schwer festzustellen, welchen Umfang

die Repressalien gegen die Arbeiter und -- darüber hinaus -- gegen die Bevölkerung von Radom nach den Streiks und Demonstrationen vom 25. Juni 1976 hatten. Die Zahl der an jenem Tag Festgenommenen wird auf über 1000 geschätzt. Es ist aber bekannt, daß Verhaftungen auch in den ersten Juli-Tagen fortgesetzt wurden.

Die meisten Festnahmen fanden statt an Nachmittag und in den Nachtstunden des 25. Juni sowie im Lauf der folgenden Tage bis zum 6. Juli. Wendepunkt bei dieser Unterdrückungsaktion war gegen 17 Uhr das Eingreifen der Zomo-Einheiten (Motorisierte Polizeieinheiten) aus Kielce und Szczytno. Aber schon zuvor nahmen nichtuniformierte Sicherheits- und Milizfunktionäre einzelne Personen fest.

Unter den Festgenommenen lassen sich drei Kategorien unterscheiden. Die Verhaftungen vom 25. bis 28. Juni betrafen vor allem die Teilnehmer der organisierten Arbeiterdemonstration, diejenigen, die sich ihnen angeschlossen hatten, sowie zufällige Fußgänger, die sich etwa auf dem Rückweg von der Arbeit im Wirkungsbereich der Zomo befanden. Diese letztere Gruppe scheint ziemlich zahlreich zu sein.

Genau bekannt ist mehr als ein Dutzend von Fällen, in denen Leute, die am späten Nachmittag oder abends von ihrer Arbeit zurückkamen, von den die Stadt pazifizierenden Polizisten festgenommen wurden.

Die dritte Kategorie bilden diejenigen, in deren Wohnungen Gegenstände gefunden wurden, die nach Annahme der Polizei aus geplünderten Geschäften stammten. Diese Personen verhaftete man vom 29. Juni an.

In den meisten Fällen erfolgte die Identifikation der Verdächtigen aufgrund der während der Demonstration gemachten Photoaufnahmen. Oft aber genügte es, wenn in einer durchsuchten Wohnung ein Gegenstand gefunden wurde, der aus einem am 25. Juni geplünderten Laden stammte, auch wenn dieser Gegenstand bereits früher gekauft wurde. Es ist -- bisher -- nur ein einziger Fall bekannt, in dem die Verhaftung -- wegen Ladenplünderung -aufgrund einer Denunziation stattgefunden hat.

In den bekannten Fällen wurden Angeklagte wegen Raubes zu ein bis zweieinhalb Jahren Gefängnisstraße und zu fünf- bis zehntausend Zloty Geldstrafe verurteilt. Die Urteile wurden in der zweiten Augusthälfte gefällt. Ebenfalls ausschließlich von Gerichten wurden diejenigen verurteilt, die man der als besonders aktiv eingeschätzten Gruppe der »Unruhe-Anstifter« zugeordnet hatte. Diese Leute, etwa 20 bis 30 an der Zahl, wurden zu drei bis zehn Jahren Gefängnis verurteilt. (Einer dieser Prozesse wurde in den Warschauer Zeitungen vom 20. Juli bekanntgegeben.)

Komplizierter ist die Sache der Personen, die wegen Angriff auf Polizisten oder Beleidigung verhaftet wurden. Diese Menschen, festgenommen in den Tagen vom 25. bis 28. Juni, wurden in den meisten Fällen nach 48 Stunden freigelassen -- und bereits am nächsten Tag, manchmal erst nach einigen Tagen, wieder festgenommen.

Vor ein »Strafbestimmendes Kollegium« gestellt, wurden sie zu zwei bis drei Monaten Arrest und in manchen Fällen zusätzlich zu zwei- bis dreitausend Zloty Geldstrafe verurteilt. Ab Mitte August kamen dieselben Personen wegen derselben Taten vor das Regionalgericht Radom. diesmal erhielten sie eine Strafe von zwei bis vier Jahren Gefängnis und manchmal zusätzlich eine Geldstrafe bis 5000 Zloty.

Darüber hinaus gibt es unter den am 25. Juni Verhafteten auch solche Personengruppen, die das Regionalgericht der Stadt Radom zu zwei bis drei Monaten Arrest verurteilt hat. Diese Urteile wurden weder von der Staatsanwaltschaft noch von der Verteidigung angefochten. Sie waren also rechtskräftig.

Dennoch fing man ah Mitte September an, dieselben Menschen zum zweitenmal vor das Regionalgericht der Stadt Radom zu stellen, um sie zum zweitenmal wegen derselben Tat durch dieselbe gerichtliche Instanz zu richten. In der Regel beliefen sich diese Urteile auf einige Jahre Gefängnisstrafe mit vierjähriger Bewährungsfrist, dazu noch Geldstrafe und vorn Gericht befohlene »gesellschaftliche« und berufliche Arbeit.

Alle Verhafteten wurden bei ihrer Festnahme Ode!- während der Milizverhöre brutal mißhandelt. Infolge der Folterungen während des Verhörs ist einer der Arbeiter gestorben. Eine gewisse Zeit nach dem 25. Juni wurde von unbekannten Tätern der Pfarrer Roman Kotlarz erschlagen; er war Krankenhausseelsorger am Psychiatrischen Krankenhaus und Propst der Pfarrei Pelgów bei Radom.

Während der Arbeiterdemonstration, angesichts des fließenden Blutes, hatte er die Absolution in periculo mortis erteilt. Deswegen wurde er später unter der Anschuldigung verhört, Demonstranten gesegnet zu haben.

Einige Zeit danach fand die Putzfrau, die morgens zum Aufräumen seiner Wohnung kam, die Eingangstür aufgebrochen, das Zimmer demoliert und den Pfarrer im bewußtlosen Zustand. mit unverkennbaren Spuren von Schlägen. Er starb, ohne wieder zu Bewußtsein zu kommen. kurz nach seiner Einlieferung in das Krankenhaus.

Ziemlich typisch für die Rechtsatmosphäre in Radom ist das, was in dieser Stadt sechs jungen Leuten aus Warschau widerfuhr. Sie hatten am 26. September als Zuschauer an drei öffentlichen Verhandlungen in dem Radomer Regionalgericht teilgenommen. Als sie nach Schluß der letzten Verhandlung den Saal verließen, wurden sie in dem Gerichtskorridor von einer Polizeigruppe, die ein Sicherheitsfunktionär in Zivil leitete, umzingelt. Man hielt die sechs in einem für Häftlinge bestimmten Raum fest, wo ein Sicherheitsfunktionär sie aufforderte, das Tonbandgerät und das Band abzugeben, auf dem sie angeblich den Verlauf der Verhandlungen aufgenommen hätten (wobei zu betonen ist, daß es sich hier um einen öffentlichen Prozeß handelte).

Anschließend wurden sie in Handschellen, vor den Augen des zahlreichen Publikums. durch die Gerichtskorridore geführt und zu der Woiwodschafts-Kommandantur der Polizei gebracht und bis in die späten Nachtstunden verhört (der letzte wurde gegen 0.30 Uhr freigelassen).

Während des Verhörs wurden sie bedroht und falsch über ihre Rechte informiert. Einmal hielt man ihnen vor sie seien im Besitz einer Pistole und von Sprengstoff, wobei der Funktionär, der sie dieser Tat beschuldigte, sich auf eine dienstliche Information aus Warschau berief. Einer dieser jungen Leute wurde geschlagen, gewürgt und mit antisemitischen Schimpfwörtern verhöhnt.

Am nächsten Tag war schon der Zugang zu den Verhandlungen des Regionalgerichts in Radom nicht mehr frei. Obwohl kein offizieller Ausschluß der Öffentlichkeit angeordnet wurde, ließ der wachhabende Milizionär niemanden in den Verhandlungssaal. Auch eine Verhandlungsliste wurde nicht ausgehängt.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 51 / 86
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel