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MALTA / NATO Niemals Fehler

aus DER SPIEGEL 44/1970

Der Admiral sprach achtungsvoll vom Gegner: »Die Russen machen niemals Fehler.«

Der Admiral muß es wissen: Er hat die Sowjetmenschen Tag und Nacht vor der Hafeneinfahrt.

Der Admiral heißt Roselli Lorenzini, ist Italiener und kommandiert für die Nato von Malta aus die Seemacht der westlichen Allianz im Mittelmeer.

Nachdem die fehlerlosen Russen den Westen von neun Zehnteln der nordafrikanischen Küste verdrängt haben, fürchten die Nato-Militärs bereits um die wichtigste strategische Position in ihrer »letzten Linie der Verteidigung« (Lorenzini): Für die im nächsten Frühjahr fälligen Neuwahlen auf der Festungsinsel rechnet sich die außenpolitisch Neutralitätskurs steuernde Labour Party gute Siegeschancen aus.

Die Insel-Linken würden nach einem Wahlerfolg die seit 1964 regierende Nationalistische Partei ablösen, eine katholisch-konservative Gruppe, die nur von London daran gehindert werden konnte, dem Erzbischof von Malta in der Verfassung eine Stellung jenseits aller Gesetze einzuräumen.

Die Nationalen unter ihrem Premier Giorgio Borg Olivier preßten den Briten seinerzeit »mit levantinischer Verhandlungskunst« ("Neue Zürcher Zeitung") zwei Zusatzpapiere zum Unabhängigkeitsvertrag ab, die den Maltesern 50 Millionen Pfund sowie den Engländern die Benutzung der umfangreichen und hochmodernen militärischen Einrichtungen auf der Insel garantierten.

Die Eintracht zwischen London und La Valetta zerbrach schon wenig später, als Englands damaliger Labour-Verteidigungsminister Denis Healey 1967 eine drastische Verkleinerung der britischen Garnison auf Malta befahl. Die Nationalisten-Regierung sah den Broterwerb des eng mit den Royal Forces verflochtenen Inselvolkes gefährdet, drohte mit der Kündigung des Verteidigungsabkommens -- und mußte wenig später doch in den Abzug eines Großteils der Tommys und Sailors einwilligen.

Den Streit zwischen Maltesern und Briten bekam auch die atlantische Allianz zu spüren, deren Kommandostäbe zwar seit 1953 auf der Insel arbeiten, die aber gleichwohl mehrere Gesuche des jungen Staates auf Mitgliedschaft ablehnte. Ein Spitzendiplomat der Nato in Brüssel heute: »Kurzsichtige Knauserigkeit.«

Tatsächlich kann der nach Meinung der Malteser zu schmale Gewinn* » den die militärische Präsenz des Westens abwirft, der Allianz unbequem werden. Nach dem Verlust der nordafrikanischen »Gegenküste« Europas nämlich halten die Admirale nun Kreta, Zypern, Malta, Sardinien und sogar die spanischen Balearen für letzte Bastionen vor dem Nato-Festland, »die wir nicht mehr aufgeben können« (Lorenzini).

Strategische Erwägungen der Militärs sind in Wahrheit allerdings erst die zweitgrößte Sorge der Allianz Die Malteser drücken -- enttäuscht über das Ausbleiben westlicher Reparaturaufträge für die Kriegswerften von La Valetta -- bereits auf einen ungleich empfindlicheren Nerv.

Die Sowjets nämlich können zwar kleine Schäden an Schiffen der roten »Eskadra« in ägyptischen und syrischen Häfen (Alexandria, Port Said, Latakia) beheben, auch Kreuzer und Zerstörer in bevorzugten Seegebieten des Mittelmeers versorgen; es fehlen ihnen aber leistungsfähige Dockkapazitäten, die das Anlaufen von Odessa und damit das Passieren der türkischen Schwarzmeer-Engen überflüssig machen würden.

Die verbliebenen englischen Soldaten geben jährlich neun, die 400 Nato-Offiziere eine weitere Million Pfund Sold aus = 88 Millionen Mark.

Eben diese Schwimmdocks liegen leer in Malta -- zumal da seit der Schließung des Suezkanals auch kaum noch Handelsschiffe kommen. Albert V. Hyzler, Arzt und außenpolitischer Sprecher der Labour-Fraktion im maltesischen Parlament: »Uns ist es gleich, wer uns verdienen läßt. Das können auch die Russen sein.«

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