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Konjunktur »NIEMAND HAT HYSTERISCH REAGIERT«

Die Stahlkonzerne an Rhein und Ruhr drosseln gegenwärtig, von einer Auftragsflaute überrascht, ihre Produktion und streichen die Überstunden. Denn der Stahlhandel räumt aus Angst vor einer neuen Rezession und sinkenden Preisen seine Lager und ordert weniger. Mannesmann wird vorsorglich bis Jahresende zwei von vier Hochöfen in Huckingen stillegen und sein bislang an Thyssen verpachtetes Siemens-Martin-Werk Mülheim ganz schließen.
aus DER SPIEGEL 44/1970

SPIEGEL: Herr Dr. Overbeck, die deutschen Stahlwerke spüren als erster Industriezweig Anzeichen einer Flaute. Die Hütten an Rhein und Ruhr erreichten im September ein Auftragstief wie im Rezessionsjahr 1966. Ihr Kollege Brandt vom Thyssen-Konzern beschwor sogar unlängst das Bild einer Talfahrt im Ausmaß der Niagara-Fälle. Sehen Sie hier das Signal für eine neue Rezession?

OVERBECK: Zweifelsfrei ist der Auftragseingang ähnlich niedrig wie im Herbst 1966. Das Ist nicht nur eine Normalisierung, das geht darüber hinaus.

SPIEGEL: Also tatsächlich Anzeichen für eine neue Rezession?

OVERBECK: Ich bin dennoch nicht der Auffassung, daß wir schon Anzeichen einer beginnenden und nachhaltigen Rezession sehen sollten. Sie wissen, ein gewisses Auf und Ab gehört bei uns zur Regel. Immerhin summieren sich heute eine Reihe von negativen Faktoren.

SPIEGEL: Sie meinen, daß der absteigende Konjunkturzyklus im Inland zur Zeit mit einem Abschwung auch im Ausland zusammenfällt?

OVERBECK: Richtig, gegenwärtig treffen ein Rückgang der Inlands-Nachfrage und eine Abschwächung auf den Auslandsmärkten aufeinander. Das zusammen bewirkt die Umkehr im Stahl-Auftragseingang seit Juni/Juli dieses Jahres.

SPIEGEL: Aber Ihre Abnehmer haben die Produktion bislang noch nicht gedrosselt.

OVERBECK: Nein, erstaunlicherweise haben wir Im Inland nach wie vor einen gleichbleibenden Stahlbedarf der Industrie. Aber seit sich weltweit die Nachfrage nach Stahl etwas vermindert hat, arbeiten die Inländischen Verbraucher erst einmal Ihre hochgelaufenen Bestände ab, und der Handel räumt die Läger. Aus dieser Ecke kommt ein gewisser Marktdruck, den ich noch nicht für kritisch halte, und der so lange eine temporäre Erscheinung Ist, wie der Stahlverbrauch hoch bleibt.

SPIEGEL: Immerhin gilt die Stahlindustrie stets als· Vorreiter bei einer allgemeinen Konjunkturflaute. Könnte das nicht auch auf die gegenwärtige Situation zutreffen? Was geschieht, wenn auch die übrige Industrie drosseln muß?

OVERBECK: Dann werden wir unsere Produktion noch stärker einschränken müssen.

SPIEGEL: Heißt das Kurzarbeit und Stillegung von Werken?

OVERBECK: Eine Anpassung der Produktion führt nicht automatisch zu Kurzarbeit und zur Entlassung von Mitarbeitern. Wir haben noch andere Ventile. In der Hochkonjunktur mußten wir mit zuviel Überstunden arbeiten; diese Überstunden bauen wir jetzt ab und werden die Mehrarbeit noch weiter einschränken.

SPIEGEL: Aber das wird doch niemals ausreichen, wenn -- was viele Ihrer Kollegen glauben -- die Nachfrage weiter stagniert.

OVERBECK: Ich sprach von mehreren Ventilen. Wir können zum Beispiel die Belegschaft dadurch reduzieren, daß wir die natürlichen Abgänge und die Abgänge durch Fluktuation nicht ersetzen. Schließlich haben wir die Möglichkeit, Gastarbeiter-Kontrakte nicht zu erneuern, die ja meist nur für ein Jahr geschlossen werden.

SPIEGEL: Glauben Sie wirklich, daß Ihre Ventile genügen, um gravierendere Maßnahmen als Abbau von Überstunden und Trennung von Gastarbeitern zu umgehen?

OVERBECK: Das Ist im Augenblick schwer zu beurteilen, weil es ja eine präzise Voraussage verlangt, wie die Konjunktur bei der Stahlindustrie verlaufen wird. Und Sie haben meinen vorsichtigen Vorbehalt vorhin schon gehört. Sicher Ist, daß wir auf einem unter dem Stand des ersten Halbjahres liegenden Produktionsniveau zumindest bis Ins Frühjahr, wenn nicht gar bis in den Sommer 1971 hinein beschäftigt sein werden.

SPIEGEL: Wie sieht es unter diesen Umständen mit den umfangreichen Investitionsplänen für das kommende Jahr aus? Die deutsche Eisen- und Stahlindustrie wollte immerhin 1971 rund 1,8 Milliarden Mark investieren.

OVERBECK: Soweit ich das übersehe, sind bisher noch keine Vorhaben gestrichen worden. Die meisten Unternehmen haben sich aber doch entschließen müssen, ihre geplanten Investitionen wegen der starken Preissteigerungen für Anlagegüter zu strecken.

SPIEGEL: Zudem klagt die Stahlindustrie jetzt über höhere Lohnkosten. Sie drosselte schon im Sommer Ihre Produktion, gab diese Änderung allerdings erst Im Herbst bekannt. Das war doch Politik im Hinblick auf die Tarifverhandlungen.

OVERBECK: Nein, nein, nein! Schaun Sie, wir sind ja doch ein Industriezweig, der weitgehend transparent ist. Jedermann auf der Straße kann ständig in den laufend veröffentlichten Stahl-Statistiken sehen, wie die Auftragslage bei uns ist. Darüber hinaus -- lassen Sie mich das nicht näher ausführen -- Ist bei uns ein Einblick in die Interna sehr viel weiter möglich als in anderen Industrien.

SPIEGEL: Gilt dieser Interna-Einblick auch für die Investitionsplanung? Die. Öffentlichkeit hat vielmehr das Gefühl, daß die Stahlwerke ohne jede Abstimmung untereinander gefährliche Überkapazitäten schaffen.

OVERBECK: Ich glaube, unsere Wirtschaft lebt vom Wettbewerb. Im Interesse der Versorgung des Marktes mit qualifizierten und preisgünstigen Produkten sollten immer mehrere Konkurrenten dasein. Das verhindert zu weitgehende Abstimmungen.

SPIEGEL: Aber immer noch investiert die Stahlindustrie im Boom, und in der Flaute sitzt sie auf den Überkapazitäten.

OVERBECK: Es ist für uns praktisch unmöglich, konjunkturkonform dauert es von der Entscheidung über das Projekt bis zum Anlaufen der Anlage bis zu drei Jahren. In dieser Zeit können Sie eine oder gar zwei Veränderungen des Konjunkturzyklus erleben. Sie planen also In der Hausse und kommen mit der Fertigstellung automatisch in die Baisse, und alle sagen, sind die denn verrückt. Investieren wir dagegen wenig, können wir im Boom die Nachfrage kaum erfüllen, wie jüngst beim Baustahl.

SPIEGEL: Die Stahlindustrie wird also von einem Boom ebenso überrascht wie von einer Flaute.

OVERBECK: Zeigen Sie mir einen Menschen in diesem Lande, in der Wirtschaft, der Wissenschaft, wo auch immer, der je in der Vergangenheit bewiesen hat, daß er kräftige Konjunkturveränderungen voraussagen konnte. Ich habe einen solchen Mann noch nicht getroffen.

SPIEGEL: Dennoch macht der Stahlindustrie gerade deren Marktpartner, nämlich der Handel, den Vorwurf, sie habe trotz Warnungen den Rückgang der Nachfrage nicht rechtzeitig erkannt.

OVERBECK: Erstens bin ich nicht sicher, ob der Handel die Stahlindustrie gewarnt hat, und zweitens wäre der Handel ja eigentlich wegen seiner größeren Marktnähe hier der erste gewesen, der es hätte merken müssen. Trotzdem hat er sich bis vor kurzem weiter ganz schön eingedeckt.

SPIEGEL: Ist vielleicht eine Art Hysterie des Handels -- zu große Vorratsbildung -- mit Ursache für die Auftragsflaute?

OVERBECK: Ich glaube nicht, daß irgend jemand hysterisch reagiert hat. Nur fürchten alle im Augenblick weltweit eine Umkehr der Wirtschaftssituation und verlieren so die Sorge, nicht genügend Stahl zu bekommen.

SPIEGEL: Herr Dr. Overbeck, vor zwei Wochen prophezeiten die Stahlbosse aus aller Welt in Paris bei der Jahrestagung des Internationalen Eisen- und Stahlinstituts für die Zukunft eine weltweite Stahlexplosion.

OVERBECK: Natürlich, denn der Stahl ist ein unwahrscheinlich guter und billiger Werkstoff. Er wird nicht nur in diesem Jahrhundert, sondern auch im nächsten eine entscheidende Rolle spielen. Und mit dem Wachsen der Bevölkerung nimmt auch der Stahlverbrauch zu, wahrscheinlich von gegenwärtig 600 Millionen Tonnen auf zweieinhalb Milliarden zur Jahrtausendwende. Darüber sind sich alle Voraussagen einig.

SPIEGEL: Aber darauf bauen viele. Die expansiven Japaner schaffen gigantische Kapazitäten, und fast jedes Entwicklungsland will sein eigenes Stahlwerk. Meist produzieren diese Hütten sogar kostengünstiger als die rohstoff- und küstenfernen Stahlküchen an Rhein und Ruhr. Wie will die deutsche Industrie trotzdem am künftigen Boom teilhaben?

OVERBECK: Das ist eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit und der Wettbewerbskraft. Wir werden daran teilhaben, wenn wir Stahl zu Kosten herstellen, die mit denen jedes anderen Produzenten konkurrieren können. Das wird uns schwer gemacht, wenn wir gleichzeitig Kostenverteuerungen beim Vormaterial und große Lohn- und Gehaltssteigerungen verkraften müssen.

SPIEGEL: Haben Sie damit in der Vergangenheit schon mal schlechte Erfahrungen gemacht?

OVERBECK: Zum Beispiel hat die Bundesregierung jetzt in einer Kabinettsitzung beschlossen, für 1971 keine Kokskohlen-Beihilfe mehr zu zahlen, während unsere Konkurrenten in den anderen EWG-Ländern gemäß der Richtlinienentscheidung der EWG-Kommission diese Kokskohlen-Beihilfen erhalten. Unsicherheit verbreitet auch die Gefahr etwa immer wiederkehrender D-Mark-Aufwertungen. Unter solchen Wettbewerbsbedingungen stellt sich für die Stahlindustrie die Frage, werden wir hier in Deutschland mit unseren jetzigen Standorten auf die Dauer wettbewerbsfähig bleiben?

SPIEGEL: Überlegen Sie sich, zukünftig im Ausland zu investieren?

OVERBECK: Genau! Das bedeutet natürlich nicht, heute alles hier und morgen alles im Ausland. Solche Überlegungen werden immer zunächst für Teileinheiten angestellt. Anreize dazu bieten zum Beispiel billigere Erze, niedrigere Energiepreise oder auch eine betont unternehmensfreundliche Politik. Bislang wurden derartige Pläne, an die Küste zu gehen oder aber in andere Länder, allerdings noch nicht verwirklicht.

SPIEGEL: Kommt es möglicherweise auch zu einer weiteren Konzentration im Inland?

OVERBECK: Sie wissen, daß hier auch in der jüngsten Vergangenheit einiges geschehen ist. Denken Sie an die Fusion Salzgitter und Ilseder Hütte oder die Arbeitsteilung zwischen Thyssen und Mannesmann. Ich bin aber nicht sicher, daß innerhalb der deutschen Stahlindustrie weitere Zusammenschlüsse dieser Art geschehen können.

SPIEGEL: Halten Sie vielleicht schon im nächsten oder übernächsten Jahr eine Fusion, sagen wir von der Größenordnung Thyssen und Krupp, für möglich?

OVERBECK: Sie werden verstehen, daß es für mich unmöglich ist, mich über unternehmenspolitische Überlegungen anderer Firmen zu äußern.

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