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SPIEGEL Gespräch »Niemand kann uns die Führungsrolle rauben«

Ägyptens Präsident Husni Mubarak über Palästinenser-Terror, Libyen und die Friedenschancen in Nahost *
aus DER SPIEGEL 6/1986

SPIEGEL: Herr Präsident, der Frieden in Nahost schien vor kurzem noch greifbar nahe. Ägypten, Jordanien und die PLO waren sich im Prinzip einig, mit den Israelis zu verhandeln. Jetzt ist alles wieder offen: Jordaniens König Hussein, Ihr Vertrauter, überraschte Sie mit einer Annäherung an den Ägypten-Gegner Syrien, PLO-Chef Jassir Arafat ist durch die jüngsten Terroranschläge wieder in Verruf geraten. Ist Ihre Friedenspolitik nicht gescheitert?

MUBARAK: Nein, wir können nicht sagen, daß Ägyptens Friedenspolitik gescheitert ist. Sie ist nach wie vor unser Hauptanliegen und die Grundlage zur Lösung aller Probleme.

SPIEGEL: Aber viel weitergekommen sind Sie nicht.

MUBARAK: Vor einiger Zeit kam es zum jordanisch-palästinensischen Abkommen. Man sprach von einer internationalen Friedenskonferenz und einer von Jordanien und der PLO gebildeten gemischten Delegation. Die USA zeigten sich verständnisbereit und bewiesen Flexibilität. Ich war im vergangenen September in Amerika, als der US-Außenminister vor dem Weltsicherheitsrat betonte, er habe nichts gegen solch eine internationale Konferenz einzuwenden.

SPIEGEL: Dazu wird es wohl so bald nicht kommen. Warum klammern Sie sich an diese Konferenz-Idee?

MUBARAK: Eine internationale Konferenz bietet einen Rahmen, der den betroffenen Partnern ein Gefühl der Geborgenheit vermittelt. Die einzigen Probleme, die es noch gibt zwischen Israel und den Vereinigten Staaten wie auch der PLO, hängen mit der Zusammensetzung und den Modalitäten der Einberufung einer solchen Konferenz zusammen. Wir sind der Ansicht, daß sich da alle Seiten flexibel zeigen müssen, damit diese Konferenz endlich stattfindet.

Was Jordanien und Syrien angeht, so schließe ich nicht einmal aus, daß ihre beiderseitige Annäherung den Friedensprozeß vorantreibt so daß wir alle gemeinsam an der internationalen Friedenskonferenz teilnehmen und das Problem in seiner Gesamtheit lösen.

SPIEGEL: Sind Sie da nicht zu optimistisch?

MUBARAK: Ich weiß, bis es dazu kommt, wird noch etwas Zeit vergehen. Aber lassen Sie uns das Problem realistisch anpacken, wobei ich gleichzeitig hoffe, daß auch die Vereinigten Staaten und Israel genügend Flexibilität an den Tag legen. Ich glaube, der israelische Ministerpräsident Schimon Peres versteht das sehr genau. Er ist einer derjenigen, die das größte Maß an Flexibilität bewiesen haben.

SPIEGEL: Er ist jedenfalls so beweglich, daß er zu jeder Zeit, zu der Sie es wünschen, mit Ihnen zusammentreffen will. Sind Sie zu einem ägyptisch-israelischen Gipfeldialog bereit?

MUBARAK: Das ist für mich kein Problem. Ich habe mir jedoch meinem Volk gegenüber eine Verpflichtung auferlegt, die ich einhalten muß. Solch ein Treffen verlangt das Zustandekommen einer Kompromißlösung über Taba, Flexibilität in der Palästina-Frage und den israelischen Abzug aus dem Libanon. Von dort haben sich die Israelis fast ganz zurückgezogen, in der Palästina-Frage erkenne ich den Beginn einer flexiblen Haltung. Möge Gott uns da weiterbringen. Im Grenzdisput um Taba müssen wir noch einen Kompromiß erzielen.

SPIEGEL: Lohnt es sich, wegen Taba - ein kaum einen Quadratkilometer großes Geröllfeld am Golf von Akaba, das sowohl von Ihrem Land wie von Israel beansprucht wird - eine Krise schwelen zu lassen?

MUBARAK: Unsere Erde ist uns heilig. Wir bestehen auf unserem Territorium wie jeder andere Staat auch. Warum eigentlich macht Israel aus dem 800 Meter langen Taba solch ein Problem«? Die Israelis hatten doch die Karte unterzeichnet, die dem Friedensvertrag zugrunde lag. Darauf liegt Taba eindeutig auf ägyptischem Hoheitsgebiet. Was soll das? Minister Scharon erklärt, nein, Taba rücken wir nicht heraus. Solche Worte peitschen doch nur die Gemüter auf. Aber das heißt natürlich nicht, daß wir _(Mit Redakteuren Volkhard Windfuhr und ) _(Wolf Dieter Steinbauer in seiner Kairoer ) _(Residenz. )

wegen Taba Krieg führen werden. Die Verhandlungen gehen weiter.

SPIEGEL: Die Beziehungen zwischen Israel und Ägypten haben sich jedenfalls fast schon dramatisch verschlechtert. Wie lange soll das Verhältnis so abgekühlt bleiben?

MUBARAK: Unterkühlt sind die Beziehungen sicher nicht. Wir stehen doch in Kontakt miteinander. Eben erst war der israelische Minister Eser Weizman hier bei uns. Delegationen kommen und gehen. Israelische Touristen besuchen unser Land. Wir hindern bei uns auch niemanden daran, nach Israel zu fahren. Israel kauft unser Erdöl.

SPIEGEL: Gilt für Sie noch das Wort Ihres Vorgängers Anwar el-Sadat, daß der Krieg von 1973, als die Ägypter über den Suezkanal setzten, der letzte große arabisch-israelische Krieg gewesen sei?

MUBARAK: Warum um alles in der Welt sollte dieses Wort nicht mehr gelten? Kriege lösen niemals Probleme. Die sind nur über Verhandlungen zu bereinigen. So war es auch im Vietnam-Krieg. Und wir selbst, wie haben wir denn unsere im Krieg verlorenen Gebiete zurückgewonnen? Nehmen Sie doch den Krieg zwischen Irak und Iran, wird der etwa eine Lösung bringen? Ein Krieg bringt nur Blutvergießen und die Vernichtung der Ressourcen.

SPIEGEL: Eine Lösung des Palästinenserproblems, das in erster Linie Ägyptens Verhältnis zu Israel belastet, ist ja nicht in Sicht. Glauben Sie, daß die Zeit gegen die Palästinenser arbeitet?

MUBARAK: Natürlich gewöhnen sich die Leute an ein Fait accompli, wenn erst einmal zwei, drei, fünf und zehn Jahre ins Land gegangen sind, ohne daß es Fortschritte gibt. Sie werden des Problems überdrüssig. Je aussichtsloser ihre Lage wird, desto eher können die heimatvertriebenen Palästinenser aber zu Terroranschlägen in Europa und anderswo mißbraucht werden.

SPIEGEL: Wird es aus diesem Grund bald noch mehr Terroraktionen geben?

MUBARAK: Bei Gott, zunächst sollten wir erkennen, was die Ursache des Terrors ist: eben das Palästinaproblem. Laßt uns dieses Problem lösen, damit wir den Terror auf ein Mindestmaß herunterzwingen. Wir können dabei nicht die überwältigende Mehrheit der Palästinenser ignorieren, die außerhalb der PLO leben und über viel Geld verfügen, und uns statt dessen nur an die Minderheit halten. Das wäre ein großer Fehler. Diese vermögende Mehrheit kann für Terroranschläge an verschiedenen Orten erpreßt werden.

SPIEGEL: Die Unschlüssigkeit der PLO unter Jassir Arafat, das Existenzrecht Israels ausdrücklich anzuerkennen, hat Sie veranlaßt, den PLO-Führer aufzufordern, sich mit König Hussein auf eine exakte Marschroute festzulegen. Hört Arafat noch auf Ihre Appelle?

MUBARAK: Es geht nicht um Appelle und deren Befolgung, es geht um eine Methode der Vernunft und des reiflichen Überlegens. Wir geben keine Erklärungen ab, um sie dann in der Luft zerplatzen zu lassen. Wir sagen dem Chef der Palästinensischen Befreiungsorganisation: »Es ist beinahe schon zur Übereinkunft gekommen, eine internationale Konferenz auf der Grundlage der Uno-Resolutionen 242 und 338 abzuhalten. _(Die Resolutionen 242 und 338 von 1967 ) _(und 1973 erkennen indirekt das ) _(Existenzrecht Israels an. )

Jetzt solltet ihr Palästinenser zusammen mit König Hussein eine euch genehme Formel finden, diese beiden Resolutionen anzuerkennen und euch dabei doch eure Rechte vorzubehalten. Denn ohne die beiden Resolutionen gibt es nun mal keine internationale Nahost-Friedenskonferenz.«

SPIEGEL: Israel wird ja immer auf der Anerkennung seines Existenzrechts bestehen.

MUBARAK: Eben, deshalb habe ich Arafat gesagt: »Bruder Jassir, suche eine Formel der Anerkennung der beiden Uno-Resolutionen, mit der ihr einverstanden seid.«

SPIEGEL: Ist Arafat überhaupt in der Lage, diese Hürde zu nehmen?

MUBARAK: Ich vermag nicht zu sagen, ob er das kann oder nicht. Wir stehen mit ihm und mit König Hussein in ständigem Kontakt.

SPIEGEL: Was ist jetzt noch von der politischen Bedeutung Jassir Arafats übriggeblieben, nachdem sich seine syrischen Todfeinde mit Jordanien arrangiert haben?

MUBARAK: Aus der Ferne sieht es so aus, als ob die Stoßrichtung gegen Jassir Arafat zielt. Ich glaube aber nicht daß König Hussein die Position Arafats unterminieren wollte, als er sich mit seinem Nachbarn Syrien kurzschloß. Außerdem befindet sich Arafat gerade jetzt bei König Hussein, um mit ihm die Form einer palästinensischen Repräsentanz bei Friedensverhandlungen mit Israel und einer internationalen Konferenz zu besprechen. Nein, ich glaube wirklich nicht, daß Seine Majestät König Hussein über seine Beziehungen zu Syrien die PLO desavouieren will. König Hussein weiß sehr wohl, worum es geht.

Was zwischen Syrien und Jassir Arafat abläuft, betrifft beide Seiten allein. Die Frage, ob Arafat gestürzt werden soll oder nicht, geht uns nichts an. Sie ist ausschließlich dem palästinensischen Volk vorbehalten. In die inneren Angelegenheiten der PLO dürfen wir uns nicht einmischen.

SPIEGEL: Empfinden Sie das neue syrisch-jordanische Einvernehmen nicht als Herausforderung?

MUBARAK: Überhaupt nicht. Syrien ist ein arabisches Land, mit dem wir Meinungsverschiedenheiten haben. Damaskus lehnt unseren Friedensvertrag mit Israel - die Camp-David-Verträge - ab. Doch das ist Sache Syriens. König Husseins Beziehungen zu Damaskus fordern uns in keiner Weise heraus, denn das Verhältnis zwischen mir und ihm ist sehr gut. Das ist übrigens die Natur der arabischen Welt, das ist nichts Neues - man zerstreitet sich untereinander, dann wieder verträgt sich dieser mit jenem, ein anderer überwirft sich mit einem Dritten.

SPIEGEL: Könnte Ägypten einen Beitrag zur arabischen Einigkeit leisten, wenn es in den Schoß der arabischen Staatenfamilie zurückkehrte?

MUBARAK: Wir? Nein, die Rückkehr in die arabische Welt beschäftigt mich nicht sehr. Ich unterhalte gute bilaterale Beziehungen zu den meisten Araberstaaten. Das ist für mich überhaupt kein Problem. Was die Rückkehr in die Arabische Liga angeht, so denke ich überhaupt nicht daran.

SPIEGEL: Im Nahen Osten ändern sich zur Zeit die politischen Positionen. Die Sowjet-Union gewinnt an Boden, vor allem in den Golf-Staaten. Auch Ägypten hat die antisowjetische Politik Sadats fallengelassen und sich um bessere Beziehungen zu Moskau bemüht. Was versprechen Sie sich davon?

MUBARAK: Die UdSSR war mit uns schon lange befreundet. In der Ära von Präsident Gamal Abd el-Nasser und auch noch zu Beginn der Präsidentschaft von Anwar el-Sadat war es zwischen unseren Ländern zu einer guten Zusammenarbeit gekommen. Die Sowjet-Union ist eine der Supermächte. Es kann nicht in unserem Interesse liegen, es mit einer Supermacht zu verderben.

Ich sage aber ebenso offen, daß wir besondere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten unterhalten. Wir arbeiten mit ihnen wirtschaftlich, militärisch und auf anderen Gebieten zusammen. Aber das muß uns nicht hindern, mit der Sowjet-Union oder anderen Mächten gute Beziehungen zu unterhalten.

SPIEGEL: Sie haben den amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan nicht ganz von Ihren Vorstellungen über den Weg zum Nahost-Frieden überzeugt. Können Ägyptens aufgefrischte Beziehungen zur Sowjet-Union Ihrer Friedensinitiative zusätzliches Gewicht verleihen?

MUBARAK: Wir hatten mit der Sowjet-Union immer Beziehungen. Immer gab es in Kairo eine Sowjet-Botschaft und in Moskau eine ägyptische Botschaft. Wir hatten lediglich die Botschafter abgezogen. Die Verbesserung unserer Beziehungen zur Sowjet-Union und die Erweiterung unseres außenpolitischen Spektrums sind keine Reaktion auf Amerikas Politik. Unsere Beziehungen mit den USA sind fest und eng trotz der Schwierigkeiten, die in der Vergangenheit aufgetreten waren. Aber auch unter Freunden, ja selbst unter Brüdern muß es mal zu Meinungsverschiedenheiten kommen können.

SPIEGEL: Nach der Entführung des italienischen Passagierschiffes »Achille Lauro« und der von US-Jägern erzwungenen Landung einer ägyptischen Zivilmaschine gab es mehr als bloß Meinungsverschiedenheiten...

MUBARAK: ... Dinge, die passieren, dann aber wieder vorübergehen. Unsere Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten verläuft so, wie es sein sollte, und zwar auf allen Gebieten. Sicher, Probleme treten schon einmal auf, und dann reden wir auch darüber.

SPIEGEL: Nun baut sich zwischen Ägyptens Nachbarland Libyen und den USA eine Konfrontation auf. Wenn es zu einem bewaffneten Konflikt käme, wäre Ägypten dann nicht vor die unangenehme Wahl gestellt, entweder die amerikanischen Freunde zu unterstützen oder die arabischen Staaten, die zu Libyen halten?

MUBARAK: Ich glaube einfach nicht, daß die großen USA ein so kleines Land wie Libyen mit anderthalb Millionen Einwohnern angreifen werden. Das ist unvorstellbar, an so etwas ist gar nicht zu denken. Die USA werden, wie ich glaube, über Libyen nicht herfallen, trotz des vielen Geredes.

SPIEGEL: Also sind die Drohungen aus Washington nur Theaterdonner?

MUBARAK: Das zu sagen, steht mir nicht zu. Die USA sind eine Supermacht mit eigenen unabhängigen Entscheidungen. Aber ich glaube nicht an einen Angriff, obgleich ich nicht behaupten könnte, ich wüßte das, weil ich amerikanische Staatsgeheimnisse ja nicht wissen kann.

SPIEGEL: Nach der »Achille Lauro«-Affäre hieß es, Sie seien bereit, mit Libyens Führer Muammar el-Gaddafi zusammenzutreffen. Besteht diese Bereitschaft auch heute noch?

MUBARAK: Ich habe nicht nach einer Begegnung mit ihm verlangt. Man hatte mir die Frage gestellt, ob ich ablehnen würde, wenn Gaddafi mich zu treffen wünschte. Ablehnen würde ich solch ein Ansinnen nicht. Soll er uns doch sagen, was er will. Ahlan wa-sahlan! (Willkommen.) Gaddafi erklärte daraufhin: »Wer hat dir gesagt, daß ich mit dir zusammentreffen will?«

SPIEGEL: Sie und viele andere Politiker beschuldigen Gaddafi, hinter zahlreichen Terroraktionen, auch gegen Ägypten, zu stehen. Glauben Sie, daß er auch Drahtzieher der Anschläge von Malta, Rom und Athen gewesen ist?

MUBARAK: Einige der gefaßten Täter haben meines Wissens zugegeben, mit Libyen und Syrien in Verbindung gestanden zu haben. Doch dem Ergebnis der laufenden Untersuchungen will ich nicht vorgreifen. Allerdings ist Gaddafi schon seit geraumer Zeit mit terroristischen Aktivitäten in Verbindung gebracht worden.

Gaddafi hat zum Beispiel Leute zu uns nach Ägypten geschickt, um Vertreter der libyschen Opposition umzubringen. Wir haben sie gefaßt. Ein anderes Mal schickte er ein Auto mit Sprengstoff. Die Täter konnten wir ebenfalls dingfest machen. Und als wir dann erklärten, Abu Nidal sitze im Grand Hotel in Tripolis,

schrieb die Presse in Europa, in dem Hotel gebe es niemanden dieses Namens. Später meldeten die Auslandszeitungen, daß sich Abu Nidal doch im Grand Hotel aufgehalten hatte. Aber zuerst hatten sie die Richtigkeit unserer Behauptungen geleugnet. Wenn wir Informationen bekanntgeben, dann wissen wir genau, was wir sagen.

SPIEGEL: Abu Nidal hat angekündigt, er werde alle arabischen Politiker liquidieren, die Frieden mit Israel suchen. Fühlen Sie sich bedroht?

MUBARAK: Wenn wir uns von solchen Ängsten lähmen ließen, könnten wir auch gleich zu Hause bleiben und brauchten nicht mehr zu arbeiten. Morddrohungen gegen Politiker sind kein Novum und beschränken sich nicht auf diesen Teil der Welt. Wie oft hat dieser oder jener schon gedroht, den Präsidenten da oder den König dort umbringen zu wollen!

SPIEGEL: Der PLO-Führer Abu el-Abbas half Ihnen bei den Verhandlungen mit den Geiselnehmern der »Achille Lauro«. Die USA und jetzt auch Italien beschuldigen ihn, die Entführungsaktion selbst angestiftet zu haben. Warum haben Sie ihn damals laufenlassen?

MUBARAK: Den Namen Abu el-Abbas hörte ich zum ersten Mal am Tag der Entführung. Er kam, glaube ich, gerade aus dem Irak und war auf dem Weg nach Tunis und verbrachte hier eine Nacht. Als dann die Entführung stattfand, ließen wir ihn nicht abreisen, weil wir uns sagten, der kann uns helfen, das Problem zu lösen.

SPIEGEL: Mehr wußten Sie nicht über ihn?

MUBARAK: Wir wußten nichts über seine Beziehung zur Aktion. Wir brachten ihn dazu, die Entführer zur Freilassung der Geiseln zu bewegen, woraufhin wir das Schiff, das auch Deutsche und Italiener an Bord hatte, auslaufen ließen. Abu el-Abbas flog dann mit den Entführern in Richtung Tunis ab, die Maschine wurde in Italien zur Landung gezwungen. In Italien lag damals nichts gegen ihn vor, und Abu el-Abbas setzte sich anschließend nach Jugoslawien ab. Wenn es seinerzeit eine Beschuldigung gegen ihn gegeben hätte und ein Haftbefehl gegen ihn ergangen wäre, hätten sie ihn ja damals schon verhaftet.

SPIEGEL: Sind solche Terroristen darauf aus, mit ihren Aktionen Sie und Ihre Politik zu diskreditieren?

MUBARAK: Wie sollen Leute, die in Rom und Wien Anschläge verüben, sich gegen uns wenden wollen? Gegen uns gerichtet war die Entführung unserer Zivilmaschine. Vielleicht sollte das eine Antwort auf Jassir Arafats Kairoer Erklärung sein, auf seine Kampfansage an den Terrorismus, und auch eine Reaktion auf die Tatsache, daß wir ihn empfangen hatten. Sicher, es handelt sich dabei um Sabotageakte von Kreisen, die nicht wollen, daß der Friedensprozeß weitergeht.

SPIEGEL: Nicht nur in Libyen, auch anderswo in der arabischen Welt gibt es Gegner eines friedlichen Ausgleichs mit Israel. Die gibt es sogar hier.

MUBARAK: In Ägypten?

SPIEGEL: Auch in Ägypten. Zum Beispiel diejenigen, die den Grenzsoldaten, der auf dem Sinai sieben israelische Touristen erschoß, zu einem Nationalhelden erhoben.

MUBARAK: Das sind sehr, sehr wenige Extremisten, wie sie in allen Völkern der Welt anzutreffen sind. Sie bilden eine Minderheit, die jede Gelegenheit nutzt, um sich zu artikulieren. Wir in einem demokratischen Staat hindern niemanden, seine Meinung zu äußern. Von einem 50-Millionen-Volk wie dem ägyptischen kann man ebensowenig wie von den Deutschen oder den Amerikanern verlangen, alles und jedes einmütig abzusegnen. Selbst wenn die überwiegende Mehrheit eines Volkes in einem bestimmten Punkte einer Meinung ist, muß es naturgemäß auch Leute geben, die opponieren, auch solche, die ihre eigenen politischen Spielchen treiben, Histörchen erfinden und sich Romane ausdenken. Unhaltbare Verleumdungen fallen in die Zuständigkeit der Gerichte. Wie steht es denn eigentlich in Israel? Außenminister Schamir ist ja nicht einmal mit dem Camp-David-Frieden einverstanden. Es gibt hüben wie drüben Menschen, die Camp David ablehnen. Aber ausschlaggebend bleibt eben die Mehrheit.

SPIEGEL: Die ägyptische Opposition hatte seit der Revolution von 1952 noch nie soviel Freiheit, sich in Wort und Schrift zu artikulieren wie jetzt. Wird das so bleiben?

MUBARAK: Wir haben uns für Demokratie und Freiheit des Bürgers entschieden, ein für allemal. Die Entwicklung wird in dieser Richtung weitergehen. Das ist der schwierigere, aber gesündere Weg. Es gibt doch keinen Grund, warum ich jemanden seiner Freiheit berauben sollte, und sei es nur des Rechtes auf freie Meinungsäußerung.

SPIEGEL: Aber das Opponieren hat ja wohl Grenzen?

MUBARAK: Verfassung und Gesetz bilden die Grenze. Wenn die Opposition zum Beispiel jemanden grundlos verleumdet, muß sie sich dafür rechtfertigen. In einem solchen Fall werden die Täter selbst in Amerika vor Gericht gebracht und müssen unter Umständen mit einer Strafe in Millionenhöhe oder mit Haft rechnen.

SPIEGEL: In Ägypten gibt es schon eine Vielzahl von Parteien. Werden Sie auch den nationalistischen, antiwestlichen Nasseristen und den Verfechtern eines islamischen Staates erlauben, sich in eigenen Parteien zu organisieren?

MUBARAK: Unser Parteiengesetz verbietet ausdrücklich die Bildung religiöser Parteien. Wenn wir da die Schleusen öffneten, hätten wir bald eine islamische Partei, eine christliche Partei würde folgen - nein, das führt zu nichts. Wer sich nach dem Gesetz richtet, ist willkommen. Jeder hat das Recht, sich dieser oder jener Partei anzuschließen. Bei Ihnen in Deutschland gibt es zum Beispiel eine kommunistische Partei. Besitzt sie etwa einen starken Einfluß? In einer Demokratie kann eben jeder Bürger seine Meinung äußern, solange er mit dem demokratischen System einverstanden ist.

SPIEGEL: Wird die Welle der militanten Islamisierung in der arabischen Welt anschwellen?

MUBARAK: Ägypten ist ein islamisches Land, in dem 99 Prozent der Gesetze mit den Geboten der Offenbarungsreligion übereinstimmen. Der islamische Extremismus resultiert aus einem falschen Islam-Verständnis. Wenn alle islamischen Länder ihren Bürgern erklären würden, was unter echtem Islam und den wahren islamischen Prinzipien zu verstehen ist, würde der Extremismus minimal bleiben.

SPIEGEL: Ägypten ist nicht mehr die arabische Vormacht von einst. Streben Sie danach, für Ägypten die Führungsrolle wieder zurückzugewinnen, um Ordnung in das Chaos der arabischen Welt zu bringen?

MUBARAK: Wenn Sie meinen Ägypten sei nicht die arabische Führungsmacht, dann ist das Ihre persönliche Ansicht. Ägypten ist die tonangebende Kraft in dieser Region, ob es den anderen paßt oder nicht.

SPIEGEL: Weil Ägypten das stärkste und bevölkerungsreichste arabische Land ist?

MUBARAK: Weil es das größte Land in diesem Teil der Welt ist, weil es Sitz der Azhar-Universität, der wissenschaftlichen Hochburg des Islam, ist, weil den 50 Millionen Ägyptern zwölf Universitäten offenstehen, die mehr Studenten aufnehmen als die Universitäten aller übrigen arabischen Staaten, weil Ägypten über weit mehr Fachkräfte als die restliche arabische Welt verfügt, weil Ägyptens Professoren an allen arabischen Universitäten lehren, weil unsere Ingenieure überall in der arabischen Welt anzutreffen sind, weil unsere Ärzte selbst in Europa und Amerika arbeiten und weil unser Land imstande war, die Grundlagen für die Demokratie zu legen. Niemand kann Ägypten seiner Führungsrolle berauben.

SPIEGEL: Herr Präsident, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Mit Redakteuren Volkhard Windfuhr und Wolf Dieter Steinbauer inseiner Kairoer Residenz.Die Resolutionen 242 und 338 von 1967 und 1973 erkennen indirekt dasExistenzrecht Israels an.

V. Windfuhr, W. D. Steinbauer
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