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Nikolai Bucharin

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aus DER SPIEGEL 52/1987

war Bolschewik der ersten Stunde, später Politbüromitglied und eines der prominentesten Stalin-Opfer. Er hatte für eine Mäßigung des Regimes plädiert, die in manchem an die Perestroika erinnert.

Der Lehrersohn war 1906, mit 18, der Partei beigetreten, studierte Nationalökonomie, wurde ans Eismeer verbannt und flüchtete 1911 nach Deutschland, nach Hannover. Im Exil entwarf er Lenins Imperialismus-Theorie, in New York redigierte er mit Trotzki ein Linksblatt. 1917 kehrte er nach Moskau zurück, wo er die Machtübernahme seiner Partei organisierte. Nun ZK-Mitglied und »Prawda«-Redakteur, fuhr er nach Deutschland, um auch dort die Revolution voranzutreiben, wurde jedoch ausgewiesen.

1919 gehörte er zum siebenköpfigen Politbüro. Den Friedensschluß mit Deutschland und die Verstaatlichung der Gewerkschaften hatte Bucharin von links aus kritisiert, in seiner Studie »Ökonomik der Transformationsperiode« empfahl er 1920 »außerwirtschaftliche Zwangsmaßnahmen« wie Erschießen »als Methode, aus dem Menschenmaterial der kapitalistischen Epoche die kommunistische Menschheit herauszuarbeiten«. Anmerkung Lenins: »Ganz richtig. »

Doch in seinem Buch »Theorie des historischen Materialismus« entdeckt Bucharin schon 1922 ein Regime der Manager: Die Verwalter des Kapitals verfügen über »mindestens die gleiche Qualität Macht« wie die Eigentümer. Er sieht auch die mögliche Folgerung, »daß die Sozialisten siegen können, der Sozialismus aber nicht siegen kann«.

Lenin nennt Bucharin in seinem Testament den »Liebling« und »überaus wertvollen und bedeutenden Theoretiker der Partei«, der freilich die Dialektik nicht ganz begriffen habe - worin jüngst Michail Gorbatschow (in seiner Oktoberrevolutionsrede) Lenin recht gegeben hat.

Gorbatschow lobte auch, daß Bucharin 1926 Stalin gegen Trotzki, Sinowjew und Kamenew gestützt hat wofür er die Leitung der »Kommunistischen Internationale« (Komintern) bekam, bis 1929: Da stellte sich Bucharin gegen Stalins Plan einer gewaltsamen Industrialisierung. Wegen »Rechtsabweichung« wurde er aus Politbüro wie »Prawda« ausgeschlossen und in den Kaukasus verbannt.

Fünf Jahre später übernahm er die Regierungszeitung »Iswestija": Der Generalsekretär Stalin bemühte sich um ihn, ließ ihn gar im Kreml Wohnung nehmen.

Verhaftete Genossen beschuldigten Bucharin der Komplicenschaft, er bat, zwecks Gegenüberstellung, deren Hinrichtung aufzuschieben. 1936 durfte er noch nach Paris reisen um - erfolglos - mit der Exil-SPD über den Ankauf der Manuskripte von Karl Marx zu verhandeln (die sich heute in Amsterdam befinden). Zur Revolutionsparade ließ Stalin den schon um sein Leben Zitternden noch neben sich auf die Tribüne am Roten Platz bitten, ihn 1937 aber verhaften. Unter Folter gestand er, er habe die Bauern und nichtrussische Nationalitäten aufputschen und Stalin stürzen wollen. Andere Vorwürfe bestritt er bis zuletzt: Spionage und Mordpläne gegen Lenin, Stalin, den Schriftsteller Gorki. 1938 wurde er zum Tode verurteilt und erschossen.

Seit 1938 gilt Bucharin in der UdSSR offiziell als »Revisionist« und »Parteifeind«. Der stellvertretende Chef-Politruk der Sowjetarmee, Wolkogonow, rühmt in einer demnächst erscheinenden Stalin-Biographie Bucharins Charme, Intellekt und Menschlichkeit, doch er habe - anders als Stalin - nicht die Notwendigkeit erkannt, die UdSSR zur Wirtschaftsmacht zu machen.

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