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BAYERN Nix is', nix is'

Die CSU-Mehrheit in Bayern hat die unerfreulichen Untersuchungen über den Staatsschutzchef Langemann eingestellt: Der bevorstehende Wahlkampf sei für die »Wahrheitsfindung abträglich«.
aus DER SPIEGEL 30/1982

Der Freistaat Bayern mußte Leih-Stenographen aus den Nachbarländern Baden-Württemberg und Hessen anfordern. Nur so war noch zu bändigen, was über hundert Zeugen zum Fall des suspendierten bayrischen Staatsschutzchefs Hans Langemann in den letzten Wochen zu Protokoll gegeben hatten. Einer der Stenographen, so war am Mittwoch letzter Woche im Landtag zu hören, sei unter der Fülle »sogar zusammengebrochen«.

Wohl noch nie sind Werdegang und Alltag eines bayrischen Beamten derart gründlich ausgeforscht worden wie das Leben Langemanns durch den parlamentarischen Untersuchungsausschuß »zur Prüfung der landespolitisch bedeutsamen Gesichtspunkte von ... Veröffentlichungen, Kenntnissen und Verhaltensweisen des Leiters der Abteilung Staatsschutz im Bayerischen Staatsministerium des Innern«. Nie zuvor auch ist über das Dasein eines hohen Beamten so viel Banales, aber auch Befremdliches zutage gebracht, öffentlich be- und zerredet worden wie seit dem 1. April im Münchner Maximilianeum.

Doch trotz aller Fülle und der »in der bundesrepublikanischen Parlamentsgeschichte einmaligen Intensität«, wie Ausschußvorsitzender Richard Hundhammer (CSU) vor dem Landtagsplenum stöhnte, können die Taten Langemanns »nur in Teilbereichen als geklärt angesehen werden«.

Gleichwohl hat die CSU-Landtagsmehrheit letzte Woche die Beweiserhebungen eingestellt und das Untersuchungsverfahren beendet, weil, wurde lapidar begründet, »die jetzt beginnende heiße Wahlkampfphase ... der Objektivität des Verfahrens und damit auch der Wahrheitsfindung abträglich« sei.

Genau umgekehrt ist das Argument nicht weniger griffig: Die gefundenen Wahrheiten aus dem Untersuchungsausschuß wären durchaus geeignet, den Wahlkampf der CSU zu beeinträchtigen.

Denn wie sich ein Mann wie Langemann in den bayrischen Staatsdienst einnisten und sich darin über ein Jahrzehnt lang halten konnte, ist nicht nur für den Untersuchungsausschuß unfaßbar.

Nach Abschluß seiner Doktorarbeit über »Das Attentat«, in seiner ersten beruflichen Phase also, gehörte Langemann »einer Abteilung beim Bundesnachrichtendienst an, die mit äußerstem Geheimnis umgeben war«. So gab jedenfalls der frühere Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Günther Nollau, zu Protokoll: »Was wer wirklich gemacht hat, das weiß ich nicht.«

Noch undurchsichtiger war die zweite berufliche Ära Langemanns, als Sicherheitsbeauftragter für die Olympischen Spiele, weitab vom Schuß in einem unauffälligen Büro in München-Nymphenburg. Dienstherr war der damalige Kultusminister Ludwig Huber. Doch Ministerialdirigent Ernst Schnerr, damals wie heute leitender Kulturbeamter, war S.26 über Langemanns Arbeit »nicht das geringste bekannt«.

Der frühere Staatsschutzchef Hans Ziegler, Langemanns Amtsvorgänger, erhielt immerhin gelegentlich Berichte aus Nymphenburg, fand darin aber »nichts Umwerfendes«. Auch CSU-Chef Franz Josef Strauß, bei dessen Haushälterin Langemann seine Berichte hinterlegte, hat den Dossiers »nie großen Wert beigemessen«.

Willi Daume, Präsident des Organisationskomitees der Olympischen Spiele, fand sogar, daß Langemanns Berichte »nicht sehr wesentlich über das hinausgingen, was in den Zeitungen stand«. Das wichtigste Sicherheitsproblem von Olympia 1972 hat der Sicherheitschef jedenfalls übersehen. Daume: »Auf die Palästinenser hat er uns nicht aufmerksam gemacht.«

Nicht einmal Langemann selber konnte seine Aufgaben während der Olympischen Spiele genau beschreiben: »Das ist ganz schwer zu sagen.« Befragt, ob ihn die stille Arbeit für Olympia wenigstens befriedigt habe, antwortet der Sicherheitsbeamte mit »einem vollen Nein«.

Da traf es sich gut, daß Ludwig Huber, einst Kultus- und Finanzminister im Freistaat und mit der Langemann-Familie seit einem Urlaub in Tirol privat bekannt, jedenfalls im Fall Langemann die »Regelung von Olympia-Nachfolgelasten« sehr ernst nahm. Er hatte ursprünglich für den Freund, mit dem er sich freilich »nie geduzt« haben will, eine hochdotierte Beamtenstelle in seinem Ressort geschaffen; nun, nach dem Ende der Olympischen Spiele, bugsierte er ihn in das Innenministerium.

Die fast durchweg aus dem inneren Verwaltungsdienst aufgestiegenen Beamten des Innenministeriums waren zwar über den »Quereinsteiger nicht ganz so begeistert«, wie Ministerialdirektor Siegwin Süß dem Ausschuß erläuterte: »Ein Mann, der durchs Dachfenster einsteigt, kann nicht erwarten, daß er unten freundlich begrüßt wird.« Auch der damalige Innenminister Bruno Merk war seinerzeit »recht mißmutig«.

Doch der Widerstand gegen Langemann hielt sich in Grenzen. Von BND-Chef Gerhard Wessel erfuhr ein maßgebender Beamter des Innenministeriums auf Anfrage zwar, daß der Neue ein »etwas eigenwilliger Herr« sei, der »straffer Führung bedürfe«. Nicht einmal Strauß, damals nur Parteichef und vorwiegend noch in Bonn engagiert, konnte gegen die Pläne des mächtigen Huber etwas ausrichten: »Das hätte damals meine Kragenweite überschritten.«

Die wilden Apo-Jahre, der aufkommende Terrorismus, der Radikalenerlaß von 1972 brachten auch in Bayern einen Boom in Sachen Sicherheit, von dem Langemann ohne besonderes Zutun profitierte. Das Personal im Verfassungsschutz stieg von 200 auf 250 Leute. Die Zeiten, in denen Karl Georg Friedrich Traugott Freiherr Leuckart von Weißdorf die bayrische Verfassung schützte (bis 1964) und dabei »höchstens einmal im Jahr in Erscheinung trat« (wie sich ein Beamter erinnert), waren endgültig vorbei.

Langemann nutzte die Konjunktur und schützte Olympia wie Bayern, wo er nur konnte. Im Kultusministerium zapfte er ohne Kontrolle den Haushaltstitel »wissenschaftliche Forschung und allgemeine Kulturaufgaben« an. Eine kurze »dienstliche Versicherung« genügte, und schon war Langemann in Rom, Zürich, Paris, Kopenhagen oder Tokio. Fast jeden Monat eine schöne Auslandsreise - »und Nizza war immer dabei«, erinnert sich der Kultusbeamte Schnerr. Denn dort hatte Langemann ein Privathaus am Mittelmeer. Langemanns »operative Kosten« 1971: 91 254 Mark, ein Jahr später: 108 491 Mark.

Auch danach im Innenministerium stand Langemann neben seinen Bezügen von 9080 Mark pro Monat ein Handgeld von jährlich 180 000 Mark zu Gebote, um »alte Kontakte auslaufen zu lassen«. Seine Begründung: »Quellen dürfen nicht ohne weiteres fallengelassen werden.«

In den Jahren danach nahm Langemann das Kassenwesen offenbar in die eigenen Hände. Einer »Arbeitsgemeinschaft Staat und Gesellschaft« ließ er jährlich an die 70 000 Mark überweisen. Die Gemeinschaft reichte Teilbeträge weiter, etwa an einen »Prof. Dr. Johann Kinsky«. Nach einem Vergleich von Unterschriften kam der Ausschuß freilich zu dem Verdacht, daß Langemann und Kinsky »personengleich« seien.

Einem »Arbeitskreis für das Studium internationaler Fragen e. V.« reichte Langemann Zuschüsse von jährlich bis zu 30 000 Mark, als Entgelt für eine »staatsschutzmäßige Gefährdungsdarstellung der internationalen Zusammenhänge extremistisch-terroristischer Bestrebungen«. Der Arbeitskreis unterstützte einen von Hans C. Schenk Freiherr von Stauffenberg herausgegebenen und zum Beispiel auch von Innenminister Tandler abonnierten »Informationsdienst« (Auflage: 100). Stauffenberg wiederum überwies an Langemann, der für seine angeblichen Informanten »schlicht Zaster haben wollte« (Stauffenberg), jahrelang monatliche Beträge von 5000 bis 6000 Mark, insgesamt schätzungsweise über 300 000 Mark.

So umständlich ging es bei Langemann allerdings nicht immer zu. Er bediente auch drei Tarnkonten bei Münchner Geldinstituten mit Zaster aus dem Staatsschutzetat. Für mindestens zwei dieser Konten soll er nach den Feststellungen des Ausschusses selber abhebungsberechtigt gewesen sein.

Andere Transaktionen bleiben bislang noch völlig im dunkeln. So wurden beispielsweise eine Woche nach einer Illustrierten-Veröffentlichung über die Schießerei der Münchner Polizei auf Rechtsradikale in der Putzbrunner Straße unter dem Decknamen »Davis Rothschild« 4000 Mark auf ein Konto in München überwiesen. Steckt da vielleicht auch Hans Langemann oder gar Prof. Dr. Johann Kinsky dahinter?

Das wilde Treiben des teuren Staatsschützers wurde von den Herren des Freistaats geduldet, wenn nicht sogar genossen. Ex-Innenminister Alfred Seidl, in dessen Anwaltskanzlei auch Langemann-Anwalt Martin Amelung sitzt, nahm zum Beispiel gern zur Kenntnis, was der Langemann-Agent »Petrus« auf dreizehn Seiten über die Notwendigkeit einer bayrischen Terroristen-Wehr zu Papier gebracht hatte. Es habe nämlich geradezu zu Langemanns »Amtspflicht gehört, solche Erkenntnisse dem Minister mitzuteilen«.

Für CSU-Chef Strauß mühte sich Langemann, die Bestechungsgerüchte um die amerikanische Flugzeugfirma Lockheed zu zerstreuen, »um dieses Lügengespinst zu zerreißen« (Strauß). 1977 führte Langemann Strauß einen Mann namens Raoul Matalon zu, der für 100 000 Mark vor einem hochrangigen Agenten des KGB warnen wollte.

»Da läutete bei mir eine Alarmglocke«, erinnert sich Strauß - doch Langemann S.27 konnte weitermachen und seinen Innenminister Gerold Tandler mit Hausmitteilungen erfreuen, etwa über Journalisten, »die mit dem Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß nicht gerade freundlich umspringen«, so Ausschuß-Vize Karl-Heinz Hiersemann (SPD), oder über eine freundlichere »Gruppe Victory for Strauß«.

Die Siege von Strauß hätte Langemann ungehindert weiter observieren können. Innenminister Tandler hätte auch die Überweisungen an Langemanns Arbeitsgemeinschaften, Arbeitskreise, Tarnkonten und Prof. Dr. Johann Kinsky weiter abgehakt, er hatte sie ja ohnehin wegen der »Geringfügigkeit dieser Zuschußbeträge« (Ausschußbericht) nicht weiter geprüft.

Zum Verhängnis wurden Langemann nicht die dunklen Geldtransaktionen von einem Tarnkonto aufs andere. Zu seiner Suspendierung führten nicht die abenteuerlichen Aktennotizen über vermeintlich in Bayern mißliebige Journalisten. Untersuchungen oder gar einen Untersuchungsausschuß gab es nicht, als er wirre Roman-Manuskripte mit Titeln wie »Abraham Lincoln Katzenschlossers junior von A bis Z erlogenes geheimes Handbuch« vorlegte, die vom Ministerium als »Mischung von wenig Realem und viel James Bond« abgetan wurden.

Das Ende nahte erst, als Langemanns Erzählungen in der linken Zeitschrift »Konkret« abgedruckt wurden - und zwar im »Originalton des Staatsschutzchefs«, wie Chefredakteur Manfred Bissinger vor dem Ausschuß betonte - »An- und Abführung Langemann«.

Nach der Veröffentlichung war rasch klar, daß der Staatsschutzmann für sein Amt »so geeignet war wie ein Callgirl für das Amt einer Mutter Oberin« (FDP-Fraktionschef Hans-Jürgen Jaeger). Sein Übereifer war leicht zu karikieren: »Wenn oaner an Schoaß lassen hat, hat der Langemann noch die Duftnote notiert« (CSU-Ausschußmitglied Otto Wiesheu).

Wenig dezent wird nun von den Verantwortlichen auch auf den »Kopfdurchschuß« des Staatsschützers und die Notwendigkeit eines »neurologischen Gutachtens« (Ex-Innenminister Seidl) hingewiesen, Langemann als »Ganove oder Spinner« (Tandler) oder als der »Herr mit dem Dachschaden« (Strauß") heruntergemacht.

Dies erst - daß sich kein Verantwortlicher findet und die Konsequenzen allein dem »Spinner« Langemann aufgebürdet werden - macht die Affäre zum Skandal, und zwar »made in Bavaria by CSU« ("Münchner Merkur").

Ludwig Huber, früher Freund Langemanns ("Spezi ist ein Schmarrn") und einer der ersten Ausschußzeugen, war von Anfang an sicher, daß seinesgleichen hier nichts passiert. Er mokierte sich zynisch über die fehlende Öffentlichkeit: »Jetzt hob i g''moant, da kommen an Haufen Leut'' - nix is'', nix is''.«

S.25Vor dem Untersuchungsausschuß mit seinem Verteidiger MartinAmelung.*

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