Zur Ausgabe
Artikel 42 / 86
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Nixons Weg nach Peking - eine Sackgasse?

Drei Tage nach Nixons spektakulärer Ankündigung, er werde nach Peking reisen, erkannte selbst Washington »gewisse Risiken« des Coups: Die Weltmacht Sowjet-Union empfindet die Reise als Einmischung in ihren Streit mit China, Nordvietnam will sich einem chinesisch-amerikanischen Einvernehmen nicht fügen, und selbst der innenpolitische Erfolg scheint zweifelhaft. Der Peking-Reisende Nixon könnte mehr Wähler verlieren als gewinnen.
aus DER SPIEGEL 31/1971

Im Feinschmeckerlokal »Perino« in Los Angeles stießen zwei Amerikaner auf die Gunst der Geschichte an: US-Präsident Richard Milhous Nixon, 58, und des Präsidenten höchster Sicherheitsberater Henry Alfred Kissinger, 48. Sie tranken zehn Jahre alten Rotwein der Nobelmarke »Château Lafite-Rothschild«, die Flasche zu 40 Dollar, ein dem Festtag angemessener Preis.

Denn soeben hatte Nixon den Amerikanern und der Welt im Fernsehen Unglaubliches eröffnet: daß der Präsident der USA bis nächsten Mai die Volksrepublik China besuchen werde. Der Chef des kapitalistischen Amerika mit den Chefs des maoistischen China unter dem Tor des Himmlischen Friedens wandelnd -- diese Vorstellung entzündete die Phantasie selbst des Papstes: »Etwas Großes und Neues« scheine sich anzubahnen, verlautete aus Pauls Sommerresidenz Castel Gandolfo.

»Dies ist einer der großen Augenblicke der Weltgeschichte«, begeisterte sich der designierte Nato-Generalsekretär Joseph Luns . »Selten hat die Entscheidung eines Präsidenten das amerikanische Volk so sehr gefesselt und so viel Zustimmung gefunden wie Präsident Nixons großartige Geste«, rühmte Nixons Rivale Edward M. Kennedy.

Groß und großartig wirkte Nixons Ankündigung, weil derselbe Nixon vor 20 Jahren empfohlen hatte, Amerika solle Atombomben auf Rotchina regnen lassen, weit eine ganze Generation von Amerikanern in dem Glauben erzogen worden war, auf dem chinesischen Festland lebten kriegslüsterne. von der Völkerfamilie ausgestoßene Monster und Psychopathen.

China war für die USA das Land, durch das Amerika gezwungen wurde, zwei Kriege -- den in Korea und den in Vietnam -- zu führen, in denen fast 80 000 Amerikaner fielen. »China die Wurzel des Irrsinns«, kündete ein US-Filmtitel.

Und »eine ganze Generation von Chinesen« sah »in den Vereinigten Staaten nur den bestialischen Feind, der ihr Land zerstören will« ("Newsweek").

»Völker der ganzen Welt«, zitierten Millionen Chinesen seit Beginn der Kulturrevolution 1966 aus ihren kleinen roten Mao-Bibeln im Chor, »vereinigt euch, besiegt die USA-Aggressoren und alle ihre Lakaien!«

Noch im April 1971 meldete die Pekinger Nachrichtenagentur »Hsinhua« (zur Calley-Affäre): »Nixon kann dem Gericht der Geschichte nicht entfliehen.« Noch am 27. Juni veröffentlichte sie ihre bisher letzte »Ernste Warnung« wegen amerikanischer Verletzung des chinesischen Hoheitsgebiets. Es war die 493. dieser »Ernsten Warnungen«.

Der geniale Coup des amerikanischen Präsidenten schien mithin eine neue, vom Einvernehmen Washington-Peking gezeichnete Weltordnung anzukündigen und zugleich Richard Nixon an der Heimatfront zu entlasten.

Vor seiner Rede war Nixons Popularität so niedrig gewesen wie nie zuvor seit Beginn seiner Amtszeit; der wirtschaftliche Aufschwung hielt nicht Schritt mit den Prognosen der Regierung; die Arbeitslosigkeit stieg beängstigend; immer nachhaltiger forderten Kongreß und Öffentlichkeit einen festen Rückzugstermin aus Vietnam und eine Stellungnahme zum neuesten Friedensplan des Vietcong -- mit jedem Tag schwanden Nixons Chancen auf seine Wiederwahl.

Das alles schien auf einen Schlag vergessen. »Welch ein Segen«, kommentierte der britische Kolumnist Peregrine Worsthorne im »Sunday Telegraph«, »daß gerade in dem Augenblick, da die Dunkelheit undurchdringlich scheint, das erste Anzeichen des Sonnenaufgangs sichtbar wird.«

Nun wollte Amerika viel lieber wissen, wie Henry Kissinger -- der »magenkrank« auf seiner Weltreise im pakistanischen Höhenkurort Nathiagali angeblich drei Ruhetage eingelegt hatte -- unbemerkt nach Peking gekommen war und was er dort erlebt hatte.

Die Gespräche mit Tschou, so wurde bekannt, hätten an die 20 Stunden gedauert und gelegentlich habe der gelehrte Chinese seinen eigenen Dolmetscher korrigiert.

Was der einstige Harvard-Professor Kissinger und Chinas gewandtester Diplomat Tschou En-lai besprochen hatten. blieb geheim -- und dennoch zeichneten sich von einem Tag zum andern gänzlich neue Aussichten für den Präsidentschafts-Wahlkampf 1972 ab: Richard Nixon würde mit dem Verdienst auftreten, er habe nicht nur Amerikas Verstrickung in Vietnam kunstvoll gelöst, sondern auch Amerikas Verhältnis zu China bereinigt: ein unbezwingbarer Friedensstifter.

Eine Woche später jedoch klang die Euphorie maßvoller, drängten sich Zweifel und Fragen auf, ob Nixons Peking-Coup den USA wirklich einen so glänzenden politischen Trumpf und ihrem Präsidenten so viel bessere Wahlchancen beschert habe. Vorsichtig warnte Edwin O. Reischauer, ehemals US-Botschafter in Tokio und heute einer der besten Asien-Experten Amerikas: »Das amerikanische Volk darf nicht zuviel zu schnell erwarten.«

Nixon und Kissinger wollen mit ihrer Annäherung an China

* Amerikas Niederlage in Vietnam überdecken und

* Amerikas Position beim weltpolitischen Dialog mit dem China-Feind Sowjet-Union stärken.

Nach dieser Rechnung müßte sich Hanoi, durch den Abzug der Amerikaner dem Sieg nähergekommen, mit einer amerikanisch-chinesischen Pax asiatica abfinden. Und Moskau müßte sich den amerikanischen Vorstellungen über die Lösung der Weltprobleme -- Abrüstung, Naher Osten, Berlin -- gefügiger zeigen als bislang. Die erste Rechnung dürfte heute schon falsch sein, die zweite sich morgen als gefährlich erweisen.

Denn für Südostasien -- und Nixon -- ist »die entscheidende Frage«, so leitartikelte die »New York Times«, »ob der Schlüssel zum (Vietnam-)Frieden in Peking liegt -- oder in Hanoi«.

Zwar scheinen die Interessenlagen Amerikas und Chinas in Indochina nahezu identisch: Beide Mächte haben kein Interesse an einem unter Hanoi vereinigten Gesamt-Indochina -- die Amerikaner nicht, weil dann die kommunistische Einflußsphäre vergrößert wäre; die Chinesen nicht, weil sie fürchten müssen. ein solcher Staat könnte China als Ordnungsmacht in Südostasien Konkurrenz machen, sich nach Moskau orientieren und eine Bastion des feindlichen Bruders an Chinas Südgrenze bilden.

Diese Sorge erklärt Pekings jüngste Anregung, einen neuen Indochina-Gipfel nach dem Vorbild der Verhandlungen von 1954 einzuberufen. Doch die Nordvietnamesen halten sich für stark genug, das Vietnamproblem nach dem Abzug der Amerikaner aus eigener Kraft und nach ihren eigenen Vorstellungen zu lösen.

Nur vier Tage nach Nixons Reise-Ansage übte Nordvietnams Parteiorgan »Nhan Dan« -- erstmals in der Geschichte Nordvietnams -- offen Kritik auch an China: Die Zeiten, da sich die Großmächte über die Köpfe der Kleinen hinweg verständigen konnten, seien vorbei.

Und dem amerikanischen Präsidenten hielt das Blatt vor, er suche »wie verrückt« nach einem Ausweg. »Aber er ist in die falsche Richtung gegangen. Die Ausgangstür steht offen, aber er ist in eine Sackgasse getappt.«

Hanoi ist in der Lage, Nixon auf seinem Marsch nach Peking nicht ankommen zu lassen. Denn würden nordvietnamesische Truppen kurz vor dem geplanten Besuch des Präsidenten einen größeren Schlag gegen Amerikas abzugsgeschwächte Vietnam-Soldaten führen, könnte Nixon schwerlich reisen. Die Ankündigung des Besuches wäre dann der eigentliche Erfolg -- oder Mißerfolg -- der Aktion.

Politisch wirksam bliebe sie gleichwohl. Denn von Südostasien abgesehen könnte sich Nixons Straße nach Peking -- in globalerem Sinn -- noch als Sackgasse für die Politik der Weltmächte untereinander erweisen. Bereits mit der Ankündigung seiner Peking-Reise hat der amerikanische Präsident das Spiel der beiden Großen, Moskau und Washington, für beendet erklärt und China als dritte Größe ins Feld gebracht. An die Stelle der Bipolarität, welche die Epoche seit 1945 -- zur Zeit des Kalten Krieges wie zur Zeit der Entspannung -- kennzeichnete, tritt eine Dreipoligkeit, die jedem der Partner scheinbar größere Optionen läßt, aber auch größere Ansprüche an die politische Intelligenz und den Charakter der Spieler stellt.

Ob das Jonglieren mit mehreren Kugeln, eine Art Machtpolitik des 19. Jahrhunderts mitten im Atomzeitalter, nicht die Polit-Planer des Weißen Hauses in Washington überfordert, steht dahin. Wahrscheinlich aber überfordert es die Sowjet-Führer, die unter dem beklemmenden Eindruck stehen, daß sich Amerika erstmals aktiv in ihren Streit mit China eingemischt hat. Die einzigen, die dem nun anhebenden gewagten Spiel möglicherweise gewachsen sind, könnten dann die Chinesen sein -- jene Chinesen, die noch vor wenigen Jahren durch den Wahn ihrer Kulturrevolution disqualifiziert schienen.

Während die Dogmatiker in Moskau den abgefallenen Chinesen ihre Häresien vorhielten und Washington ihnen mit missionarischem Eifer den Zutritt zur Uno versperrte, kehrten die Außenpolitiker in Peking Zug um Zug von der Predigt der Weltrevolution zur klassischen Geheimdiplomatie zurück

was Guerilla-Romantiker in Hanoi und Havana, in Berkeley und Berlin ähnlich irritierte wie Stalins Hitler-Pakt 1939 viele aufrechte Kommunisten.

Dabei wird der Vorrang nationaler Interessen gegenüber Fortschritten im Lehrfach Ideologie, den Lenin schon ein halbes Jahr nach der Oktober-Revolution beim Friedensschluß mit Kaiser-

* Am 15. Juli 1971 vor der Ankündigung seiner China-Reise.

Deutschland 1918 in Brest-Litowsk durchsetzte, von Chinas Kommunisten bereits seit sieben Jahren anerkannt.

1964, als der Bruch mit Moskau offenkundig geworden war, sah sich Mao nach neuen Verbündeten um. Er empfahl sich den Ländern der »Zwischenionen« zwischen den beiden Machtblöcken -- England, Italien, Frankreich, Westdeutschland, Japan. Er suchte sogar Kontakt zu dem damaligen amerikanischen Präsidenten Lyndon B. Johnson.

»Mao fürchtet Dubceks Schicksal.«

1968, als Richard Nixon zum Präsidenten gewählt wurde, bot Premier Tschou die Wiederaufnahme der Warschauer Botschafter-Gespräche zwischen Washington und Peking an. Die Pekinger Presse veröffentlichte Nixons Antrittsrede im vollen Wortlaut.

Tschou, der aus der Kulturrevolution als Sieger über alle Rivalen hervorgegangen war, begab sich wieder in die diplomatische Arena, in der er sich zu Hause fühlt: Im Bürgerkrieg Chef-Unterhändler der Kommunisten mit Tschiang Kai-schek und US-General Marshall, nach Gründung der Chinesischen Volksrepublik Premier und Außenminister, kennt er die Außenwelt. Er stammt aus einem Mandarinen-Geschlecht und hat in Göttingen wie Paris studiert, während Mao außer zwei Reisen nach Moskau China nie verlassen hat.

Zum Außenminister machte Tschou den studierten Arzt Tschi Peng-fei, der 1953 bis 1955 Botschafter in der DDR war. Tschi spricht etwas Deutsch und fuhr 1960 zum Begräbnis von Wilhelm Pieck nach Berlin.

Tschi Peng-fei sucht -- so erklärte er jüngst mehrfach auf Diners in Peking -- Kontakte zur EWG, in der er einen natürlichen politischen Verbündeten gegen die Supermächte sieht. China begann eine außenpolitische Offensive.

63 Staaten haben das Land der Kulturrevolution bis heute anerkannt. In Westeuropa fehlen nur noch die katholischen Staaten Vatikan, Spanien und Portugal, die Kleinstaaten Luxemburg, Island, Zypern und Malta sowie die Bundesrepublik Deutschland.

Das größte Entwicklungsland, das die in der Kulturrevolution freigesetzten Energien gerade erst in eine gewaltige Produktionsschlacht überzuleiten versucht, gewährte 1970 anderen Entwicklungsländern Wirtschaftskredite in Höhe von 730 Millionen Dollar (Sowjet-Union 1968: 383 Millionen). Im Oktober 1970 begannen chinesische Ingenieure mit dem Bau einer Eisenbahn von Tansania nach Sambia -- 1600 Kilometer durch Sümpfe und Gebirge. 110 Brücken sind bereits fertiggestellt. Das Handelsvolumen zwischen Ungarn und China soll in diesem Jahr gegenüber 1969 um 40 Prozent wachsen. In Jugoslawien hat China vier Überseeschiffe im Wert von 263 Millionen Mark bestellt. Rumänien erhielt einen Kredit von einer Viertelmilliarde Dollar zu dreieinhalb Prozent Zinsen.

Beim Besuch von Titos Außenminister Tepavac pries Tschous Stellvertreter Li Hsien-nien das -- einst verteufelte -- Jugoslawien, weil es »vor keiner Macht oder Bedrohung zurückschreckt und hart kämpft«.

China sucht -- vor allem auf dem Balkan -- so hektisch Freunde, weil es offenbar eine ähnliche Gefahr befürchtet wie die Balkanstaaten: Maßnahmen Moskaus gegen Abtrünnige.

Denn Chinas Suche nach Freunden begann unmittelbar nach der CSSR-Intervention von 1968. »In der Nacht, als Leonid Breschnews Truppen in die Tschechoslowakei marschierten, schrillten in Peking die Alarmglocken«, urteilte Harry Schwartz, Kommentator der »New York Times«, und fuhr fort: »Mao hat kein Verlangen, das Schicksal Alexander Dubceks zu teilen.«

Pekings Sorge wurde in den letzten Jahren zur Obsession -- aber gänzlich eingebildet war sie nicht: Der sowjetische KGB-Agent Victor Louis verbreitete im Westen die Nachricht, sowjetische Marschälle hätten für einen Präventivschlag gegen Chinas wachsendes Atom-Potential plädiert.

Und Sowjet-Marschall Gretschko erklärte am 9. Mai 1970 in der Armee-Zeitung »Roter Stern«, angesichts antisowjetischer Töne aus Peking sei die ständige Bereitschaft aller Soldaten des Warschauer Pakts erforderlich. Nach Moskau emigrierte chinesische Kommunisten entwarfen Alternativen zur Mao-Führung. »Sie könnten einen Führer stellen«, verriet Victor Louis, »der andere sozialistische Länder um »brüderliche Hilfe« bitten würde.«

Die sowjetische Regierungszeitung »Iswestija« hoffte offen auf die -- auch vor dem Prag-Schlag angesprochenen -- »gesunden Kräfte« im Lande, welche »China wieder in die Familie der sozialistischen Ländergemeinschaft zurückführen werden«.

An der chinesischen Grenze marschierten nach Schätzungen des Londoner »Institute for Strategic Studies« im vorigen Jahr 658 000 Sowjetsoldaten auf. Vorige Woche bezifferte US-Kolumnist Joseph Alsop die sowjetische Truppen-Konzentration auf 800 000 Mann, Tschou En-lai sprach von einer Million.

Die derzeitigen Kreml-Führer, die außenpolitisch vorsichtig agieren, planen einen Präventivschlag offenkundig nicht. Am Ussuri wird, soweit bekannt, seit zwei Jahren nicht mehr geschossen. Sowjetpremier Kossygin bemühte sich seit seinem Gespräch mit Tschou En-lai im Pekinger Flughafen-Gebäude am 11. September 1969 selbst um Entspannung. Voriges Jahr schickte Moskau wieder einen Botschafter und schloß einen Handelsvertrag ab; zwischen den beiden roten Hauptstädten wurde wieder eine »heiße« Telephonverbindung geschaltet.

Moskaus Pakt mit Bonn -- ein »schmutziges Geschäft«.

Aber bei den Verhandlungen über den Grenzverlauf in Fernost zeigte der sowjetische Vize-Außenminister Iljitschow nicht genug Einfühlungsvermögen in chinesische Mentalität. Die »Prawda« erklärte am 18. Mai 1970, Chinas Führer ("Groß-Khane") träumten davon, »neue Kaiser eines »Groß-China« zu werden, dem mindestens Asien untertan sein sollte, wenn nicht die ganze Welt«. Anfang Juli 1971 erschien in Moskau das Parteiorgan »Kommunist« mit einem erneuten Appell an die »gesunden Kräfte der KP Chinas«.

China baut Luftschutzkeller, legt Rohstoff- und Lebensmittelvorräte »für den Kriegsfall« an und ergänzt seine diplomatische Offensive durch propagandistische Breitseiten in den Ostblock.

Die besatzertreue KP-Führung der Tschechoslowakei beschwerte sich öffentlich, die chinesischen Ex-Genossen hätten innerhalb der CSSR zum bewaffneten Kampf gegen die Sowjet-Union aufgerufen.

Und in der Tat agitierten chinesische Flugblätter und Rundfunksendungen in Osteuropa wie in Sowjet-Asien gegen den Moskauer »Sozial-Imperialismus« und dessen »Kolonialherrschaft« im Ostblock. Vom albanischen Tirana aus ermuntern emigrierte polnische Kommunisten die polnischen Arbeiter zum Aufstand, preisen sie den Dezember-Streik 1970 in den Ostseestädten. Die chinesische Botschaft in Warschau führt auf Kulturabenden Filme vor über die Massenerschießung polnischer Offiziere durch die Sowjets während des Zweiten Weltkriegs in Katyn.

Im Ussuri-Gebiet an der sowjetisch-chinesischen Grenze in Fernost, wo besonders viele Ukrainer leben, tauchen Flugblätter einer »Ukrainischen Nationalen Front« auf, die für eine selbständige Ukrainische Sozialistische Republik werben. Sowjetsoldaten« die aus der Ukraine stammen, sollen im Kriegsfall die Waffen gegen die russischen Kommandeure richten.

Die Annäherung zwischen Bonn und Moskau war laut Pekinger »Volkszeitung« ein »schmutziges Geschäft« zum Verrat an den osteuropäischen Völkern und zur Annexion der DDR, der Moskauer Vertrag 1970 ein »Kuhhandel«, durch den Westdeutschland mit Moskauer Hilfe »auch politisch ein Riese« geworden sei. Pekings Sprachrohr Tirana stufte im Mai die Salt-Verhandlungen als »Teil einer Verschwörung der beiden imperialistischen Supermächte« ein.

Eine Verschwörung zwischen China und den USA aber prophezeiten die Russen schon seit der ersten China-Offerte an Nixon vom November 1968. Die Moskauer »Literaturzeitung« wußte von einer direkten Telephonleitung zwischen San Francisco und Schanghai, das außenpolitische Fachblatt »Neue Zeit« kündigte an, Nixon werde sich bald mit Tschou treffen.

Der sowjetische Propagandasender »Radio Frieden und Fortschritt« meldete chinesisch-amerikanische Geheimkontakte in Ghana und nannte in Peking wirkende US-Unterhändler beim Namen: »Strong« und »Einstein«. Vermutlich meinte der Sender die (1970 gestorbene) Altkommunistin Anna Louise Strong und den 1968 verhafteten Mao-Gegner Israel Epstein, einen emigrierten Journalisten.

»Der Schock im Kreml war vollkommen.«

Das Juni-Heft der Moskauer »Neuen Zeit« kündigte eine Ausdehnung der amerikanisch-chinesischen Kontakte an. Amerikas Hintergedanke sei, China »schneller vom sozialistischen Weltsystem forttreiben zu lassen und ... in die politischen Ränke gegen die Kräfte des Sozialismus, des Friedens und Fortschritts zu verstricken«.

So hatten sich die Sowjets selbst eifrig vorgewarnt -- und wurden dennoch von der Bekanntgabe des Kissinger-Kontakts überrascht.

Mit einer Verspätung von acht Stunden meldete der Inlandsdienst der sowjetischen Nachrichtenagentur Tass am vorletzten Freitag um 12.38 Uhr Nixons Reiseplan. In der DDR und in Polen war die Meldung ohne Kommentar schon morgens veröffentlicht worden -- Radio Moskau schwieg. Auf eine rasche Erläuterung der Nachricht, eine Sprachregelung, warteten die Sowjetbürger vergebens.

»Man fürchtete sich in Moskau schon lange davor, dennoch ist es geschehen«, berichtete der Moskauer Korrespondent des jugoslawischen Senders Zagreb. »Der Schock ist vollkommen. Die sowjetische Propaganda bekam das beste Thema, das man ihr geben konnte; aber die sowjetische Politik verlor eine große Schlacht.«

»Die jüngste überraschende Wende muß die Russen sowohl in Wut versetzt als auch erschreckt haben«, schrieb der Londoner »Guardian«. »Die Verständigung Präsident Nixons mit den Chinesen ist die dramatischste Niederlage, welche die Sowjet-Union seit dem Abfall Jugoslawiens hinnehmen mußte.«

Schon einen Tag nach der Nixon-Rede registrierte Moskau erste Auswirkungen auf seinem osteuropäischen Glacis. Ungarns »Magyar Nemzet« sah in Nixons Reise eine Bestätigung der »Grundwahrheit unserer Zeit -- der Grundsatz der friedlichen Koexistenz bereitet sich selbst unter den friedlichsten Bedingungen seinen Weg«.

Aus Polen klang es fast wie Erleichterung: »Zycie Warszawy« sah eine Möglichkeit -- im Fall einer wirklichen Wende der US-Politik -, »den Entscheidungen Präsident Nixons Beifall zu spenden«, und die Armeezeitung »Zolnierz Wolnoszi« die Chance für einen »ehrlichen Beweis des politischen Realismus

* Nach einem Gefecht mit den Chinesen im Märe 1969.

Schon diese Reaktionen beweisen: Die Sowjet-Union fühlt sich durch Nixons neue China-Politik bedroht. Fühlt sich aber die UdSSR bedroht, könnte sie auf Nixons Coup durchaus anders als mit Nachgiebigkeit reagieren. Moskauer Falken könnten vielmehr ihre Behauptung bestätigt sehen, daß mit den USA keine Partnerschaft möglich sei und der Kreml deshalb besser von der Politik der Entspannung zur Politik der Konfrontation zurückkehre. De Gaulle war eingeweiht.

Nixons Peking-Reise mag Präventiv Kriegs-Gelüste dieser Falkeit gegen China dämpfen; Möglichkeiten, auch einem mit China ausgesöhnten Amerika subversiv zu schaden, bleiben der Weltmacht Sowjet-Union noch genug: in Afrika, im Nahen Osten, in Südamerika, in Berlin.

Vorerst scheinen die Realisten im Kreml freilich trotz des Schlages, den sie erhielten, sich nicht verbittert von Amerikanern und Chinesen zugleich abzuwenden, sondern die alte Taktik der Gespräche mit beiden Seiten fortzusetzen -- und vielleicht weniger zaghaft als bisher.

Noch am Tage der Bekanntgabe des neuen »Flirts« ("Sowjetskaja Rossija") zwischen Washington und Peking empfing Kossygin demonstrativ amerikanische Moskau-Touristen, darunter David Rockefeller, Präsident der Chase Manhattan Bank. Diesen Kontakt meldete die Sowjetpresse sofort -- auf der ersten Seite.

Am folgenden Sonntag stimmte sieh Kossygin mit dem polnischen Parteichef Gierek ab. Am Montag traf der mongolische Außenminister in Moskau ein; Fortsetzung auf Seite 72

am Mittwoch ließ Außenminister Gromyko seinen Brief an Uno-Generalsekretär U Thant veröffentlichen, in dem er sich für Chinas Beitritt zum Weltbund stark machte.

Das offizielle Washington genoß nur wenige Tage ungetrübt, daß Richard Nixons diplomatische Geheimoffensive am Ende erfolgreich gewesen war.

Begonnen hatte sie spätestens Anfang 1969, als Nixon dem französischen Präsidenten de Gaulle innerhalb von vier Wochen gleich zweimal anvertraute, er wolle gern nach China reisen, um das Verhältnis Washington -- Peking zu bereinigen. De Gaulle, der schon 1964 diplomatische Beziehungen zu China aufgenommen hatte, gab den Wunsch weiter.

Im August 1969 zog Nixon auch Rumäniens Parteichef Ceausescu ins Vertrauen -- den ersten Ostblockchef, dem ein US-Präsident einen Staatsbesuch abstattete. Zur selben Zeit, da Ceausescu den Wunsch Nixons persönlich in Peking vortrug, signalisierte der US-Präsident den Chinesen, daß es ihm ernst war: Er lockerte das amerikanische Handelsembargo gegen China.

Im April 1971 antwortete Peking mit einer Einladung an Amerikas Pingpong-Mannschaft. Im Lincoln-Raum des Weißen Hauses, weitab von allen Büros, entstand daraufhin in wochenlangen vertraulichen Sitzungen zwischen Nixon und Kissinger ein umfangreiches Handbuch im Loseblatt-System -- Gedanken und Positionspapiere für einen ersten Direktkontakt zwischen Amerikanern und Chinesen.

Als schließlich -- vermutlich durch Henri Froment-Meurice, den Chef der Asien-Abteilung im französischen Außenministerium -- die formelle Nachricht der Chinesen kam, Nixon möge einen Vertrauten zu Vorgesprä-

* Massendemonstration vor dem Tor des Himmlischen Friedens.

chen nach Peking entsenden, fiel die Wahl des Präsidenten beinahe zwangsläufig auf Henry Kissinger. Zur Tarnung wurde dann die Asien-Reise für den Präsidenten-Berater ausgearbeitet.

Zur selben Zeit, da Kissinger noch auf dem Weg nach China war, erklärte sein Chef in Kansas City -- offenkundig für chinesische Ohren bestimmt -, solange China nicht aus seiner Isolierung herausgelockt und mitten hineingeholt werde in diese Welt, bestehe für die nächsten 15 bis 20 Jahre die große Gefahr eines Atomkrieges. »Deshalb hielt ich es für wichtig, daß diese Regierung die ersten Schritte unternahm, um die Isolierung Festlandchinas von der übrigen Welt zu beenden. Wir mußten diese Schritte unternehmen, denn die Sowjet-Union konnte es nicht.«

Mit anderen Worten: Der Präsident gab offen zu, daß Washington sich in die sowjetische Interessensphäre eingemischt hatte.

Schon wenige Tage nach dem Coup aber zog in Washington Ernüchterung ein. Außenminister Rogers versuchte, dem Sowjet-Botschafter Dobrynin Nixons Peking-Reise verständlich zu machen. Die Regierung erklärte dämpfend: Die Reise sei durchaus mit »gewissen Risiken« verbunden. »Gipfel zwischen Gott und Teufel.«

So droht vor allem eine Verschlechterung des ohnehin schon delikaten Verhältnisses zwischen Amerika und Japan. Die Japaner. von Washington jahrelang als Pazifik-Polizisten umworben und so indirekt in ihrem Führungsanspruch für Asien unterstützt, fühlten sich düpiert, weil Nixon nun ausgerechnet die andere asiatische Großmacht hofierte. Washington kann jetzt nicht mehr ausschließen, daß Japan sich entweder selbst stärker den Chinesen zuwendet oder aber eine eigene Machtpolitik beschließt und sich am Ende sogar atomar bewaffnet.

Die Operation Peking ist für Nixon schließlich sogar innenpolitisch riskant -- wegen Taiwan. Denn zieht Peking, von Nixon aufgewertet, im Herbst in die Uno ein, dürfte Taiwan wahrscheinlich ausziehen. Die Insel-Chinesen, die in den vergangenen Jahrzehnten über vier Milliarden Dollar Wirtschafts- und Militärhilfe von den USA kassierten, fühlen sich von ihrem langjährigen Schutzpatron verlassen.

»Der Versuch, Frieden mit den chinesischen Kommunisten zu schließen«, so warnten aus Formosa 120 Firmen und Verbände den US-Präsidenten, »ist dasselbe, als wollte man einen Tiger um sein Fell bitten.«

Ein Ausmarsch der Nationalchinesen aus der Uno würde weite Kreise des konservativen Amerika, die nach wie vor hinter dem Antikommunisten Tschiang stehen, gegen ihren bisherigen Kandidaten Nixon aufbringen, ohne daß der Präsident dafür eine entsprechende Zahl liberaler Wähler gewinnt.

»Franklin D. Roosevelt hätte gezögert«, so tadelte etwa der Kolumnist William Buckley jr » »bevor er nach Berlin gegangen wäre, um mit Adolf Hitler zu dinieren -- aber wir sind kurz davor, das zu tun? Und der Reverend Carl McIntire, rechtsextremer Prediger und Anführer des »Marsches für den Sieg« in Vietnam, erregte sich: »Es ist, als träfen sich Gott und der Teufel zu einem Gipfelgespräch.«

So könnte Richard Nixon letztlich, wenn auch nicht in Peking, so doch an Peking scheitern. »Der Gipfel erweist sich oft als rutschige Bahn«, warnte denn auch »Newsweek«. Und tatsächlich haben amerikanische Präsidenten keine guten Erfahrungen mit Gipfeltreffen im kommunistischen Ausland:

1959, in der Friedensstimmung von Camp David, vereinbarten Dwight D. Eisenhower und Nikita Chruschtschow einen Besuch des Amerikaners in Moskau, wo (bis heute) noch nie ein US-Präsident war. Der Gipfel platzte, denn kurz vorm vereinbarten Termin holten die Sowjets über Swerdlowsk eine amerikanische Spionage-U-2 vom Himmel.

1967, beim improvisierten Gipfel zwischen Lyndon B. Johnson und Alexej Kossygin im amerikanischen Glassboro, sprachen die beiden Regierungschefs über einen Gegenbesuch des Amerikaners. Auch dieser Gipfel platzte, denn Johnson verstrickte sich immer tiefer in den Vietnamkrieg.

Nixon will eine dritte Pleite verhindern -- durch Ausschluß der Öffentlichkeit. »Da während der komplizierten Verhandlungen, die dem tatsächlichen Gipfel vorausgehen, immer die Gefahr einer Panne besteht« ("Newsweek"), verhängte der Präsident am vorigen Mittwoch über seinen Jahrhundert-Trip nach Peking eine totale Nachrichtensperre.

Zur Ausgabe
Artikel 42 / 86
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.