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PAKISTAN Nobelpreis für Lügen

Nach sechs Jahren Militärdiktatur wankt das Regime des Generals Siaul Hak. *
aus DER SPIEGEL 35/1983

Als der General sich im Juli 1977 an die Macht putschte, schwor er beim Koran, daß er nach drei Monaten Wahlen abhalten werde.

Er habe, so Pakistans Armeechef Siaul Hak, die Regierung nur übernommen, um das Land vor einem Chaos zu bewahren. Davor war Pakistan wochenlang von schweren Unruhen erschüttert worden; das Volk hatte gewalttätig gegen den Präsidenten Sulfikar Ali Bhutto demonstriert.

Der General hielt seinen Schwur sowenig wie spätere Versprechen, Wahlen abzuhalten und das Land zur Demokratie zurückzuführen, obgleich er einmal ein konkretes Datum genannt hatte:

Im März 1979, wenige Tage bevor er den gestürzten Bhutto hängen ließ, sagte

Sia Wahlen für den 17. November des gleichen Jahres zu. Später fertigte er Mahner kalt ab, daß er »keine Eile« habe, die Situation im Lande noch »zu unruhig« sei, daß man »in zwei oder drei Jahren« wieder über Wahlen sprechen könne.

Am 12. August gab er sich selber noch einmal 18 Monate - bis zum März 1985 - und kündigte gleichzeitig an, daß - nach dem Beispiel der türkischen Junta - die Rechte des Präsidenten, damit also seine eigenen, nach den Wahlen zu diktatorischen Vollmachten ausgeweitet werden sollten.

Da war es den Pakistanern, die ihrem schnauzbärtigen Kommandeur bereits den »Nobelpreis für Lügen« (Bhutto-Witwe Nusrat) verliehen hatten, endgültig genug. Seit dem 14. August, Pakistans 36. Unabhängigkeitstag, erlebt das Land die gewalttätigsten Demonstrationen seit der Machtergreifung der Militärs vor über sechs Jahren.

Die Unruhen begannen in Bhuttos Heimatprovinz Sind. Trotz drakonischer Gegenmaßnahmen des Regimes - etwa 30 Menschen wurden von Polizei und Armee erschossen, 15 000 verhaftet, Hunderte öffentlich ausgepeitscht - gingen immer mehr Menschen auf die Straße.

Studenten, Arbeiter und Bauern demonstrierten, Beamte und Anwälte streikten, Banken, Offizierskasinos, Bahnhöfe, Öltanks und Polizeiwachen wurden angezündet, Gefängnisse gestürmt und deren Insassen befreit, Soldaten bespuckt und als »busdil« (feige) beschimpft. Im siebten Jahr nach der Machtergreifung wankt das Militärregime. Die über 87 Millionen Pakistaner scheinen nicht mehr bereit, sich unter Soldatenstiefeln zu ducken.

Da er sonst kaum Unterstützung im Volk fand, hatte Sia sich mit moslemischen Fundamentalisten verbündet und versucht, das Land nach dem Vorbild des persischen Zuchtmeisters Chomeini zu islamisieren.

Alkohol und Spiele, Disco-Musik und Tanzen in Hotels, schließlich Saris als Frauenkleidung wurden verboten, die Rechte der Frau drastisch beschnitten.

Nach traditionellem islamischen Scharia-Recht wurden Strafen wie Steinigen, Handabhacken und Auspeitschen eingeführt, letzteres schon für geringe Vergehen. In sechs Sia-Jahren peitschten Vollzugsbeamte in Pakistan 30 000 Menschen öffentlich aus, darunter viele Frauen, die oft schon nach zehn Hieben ohnmächtig wurden, nach einer Pause aber dann noch die zweiten zehn Schläge bekamen. Denn die Norm-Strafe sind 20 Hiebe. Bei einem Amerika-Besuch auf die Barbarei der Prügelstrafe angesprochen, antwortete Sia, das Auspeitschen sei schließlich »ein von den Briten übernommener Brauch«.

Moslemische Eiferer schreckten selbst vor Kindesmord nicht zurück - und taten dies ungestraft. Ende letzten Jahres fanden Betende in einer Moschee in Karatschi ein neugeborenes Baby, das jemand dort ausgesetzt hatte. Der Maulwi (Vorsteher) der Moschee erklärte das Kind für illegitim und befahl, diese Frucht der Sünde zu steinigen, was Moscheediener denn auch prompt taten.

Entsetzte Gläubige zeigten die Tat bei der nächsten Polizeiwache an. Dort wurde ihnen erklärt, der Maulwi habe im Einklang mit islamischen Gesetzen und den Wünschen des Präsidenten gehandelt.

Pakistans Frauen-Forum protestierte leidenschaftlich, Leitartikler warnten vor dem »Feuer des Fanatismus«. Der Protest wurde mit Verhaftungen und Auspeitschen unterdrückt. Sia erklärte öffentlich, er sei »von Allah auserkoren worden, Pakistan islamisch zu machen«.

Damit machte er bei den islamischen Eiferern Saudi-Arabiens Milliarden locker. Weitere Milliarden - genau 3,2 Milliarden Dollar - spendeten die USA, denen das rechte Militärregime im Nachbarstaat des von den Sowjets besetzten Afghanistan sehr zupaß kam. Pakistan wurde zur Basis und zur Waffenkammer der islamischen Rebellen, die in Afghanistan gegen Russen und die von ihnen eingesetzte Regierung kämpfen.

Im Lande selbst nützte das dem General wenig. Der Haß des Volkes auf die Armee wuchs, weil Sia fast den halben Staatshaushalt für seine Soldaten ausgab. Sie erhielten höheren Sold und zahlreiche Privilegien. Offizieren bezahlt der Staat ihre Polo-Ponys und erlaubt ihnen zollfreien Autoimport, mit dem sie lukrative Geschäfte machen.

Die Kameraden kümmern sich auch wenig um die strengen islamischen Bräuche, die ihr Chef dem gemeinen Volk verordnete. Sie wetten trotz des Spiel-Verbotes auf der Rennbahn von Karatschi auf Pferde, trinken dabei Whisky aus Cola-Flaschen.

Pensionierte Generäle, denen die Politisierung und Korrumpierung der Armee mißfällt, gehören zu den schärfsten Kritikern Sias. Der frühere Luftwaffenchef Asghar Khan steht dafür seit Jahren fast dauernd unter Hausarrest.

General Tikka Khan, ehemaliger Heeres-Chef, äußerte öffentlich, die Aufgabe der Armee sei es, das Land zu schützen und nicht zu putschen. Er nahm den Posten eines Generalsekretärs der Pakistan People's Party an, der Partei des hingerichteten Bhutto. Vorletzte Woche ließ Sia ihn verhaften.

Die Demonstranten nannte der Diktator »Verräter«, die »den Islam und das Land« haßten. Die Situation sei unter Kontrolle.

Der Londoner »Guardian« erinnerte jedoch daran, daß auch Bhutto durch die Straße gestürzt worden sei. Und die acht Parteien umfassende »Bewegung für die Wiederherstellung der Demokratie« brachte letzte Woche in einigen Städten bis zu 50 000 Menschen zu Demonstrationen zusammen, obwohl die Armee in elf Städten Sinds selbst das Kommando übernommen hat.

Die Unruhen griffen von Sind schon auf die grenznahen Provinzen Belutschistan und das Nordwest-Territorium über, die wegen des Krieges in Afghanistan und der Millionen dort hausender Flüchtlinge ohnedies labil sind.

Gelingt es der Opposition, auch noch im Herzland Pandschab Unruhen auszulösen, sind, so ein pakistanischer Diplomat in Neu-Delhi, Sias Tage gezählt. Die Witwe des hingerichteten Bhutto, Begum Nusrat, sprach bereits von einer »historischen Wende«.

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