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GENERALE Noch drin

aus DER SPIEGEL 29/1970

Bonns Generale stehen rechts. Linke Ausnahmen bestätigen die Regel. Auch SPD-Verteidigungsminister Helmut Schmidt wird das nicht ändern; denn er will bei Beförderungen ohne Ansehen der Partei verfahren: »Mich interessiert nur, ob einer tüchtig ist oder nicht.«

Darum schoß auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Egon Klepsch, einer von zahlreichen Wehrexperten seiner Fraktion, eine Fahrkarte, als er wissen ließ: »Ich habe die begründete Vermutung, daß in der Personalpolitik der Bundeswehr politische Gesichtspunkte eine Rolle spielen.«

Schmidt: »Was ein Mann namens Klappsch verbreitet, ist mir zu dumm. um darauf einzugehen.«

Klepsch präzisierte seinen Tadel, indem er ihn entschärfte: »Ich habe nicht gesagt, daß Herr Schmidt sich von parteipolitischen Gesichtspunkten leiten läßt, sondern von politischen.«

In. der Tat hat Schmidt nichts gegen CDU-Generale, wohl aber bremst er den Aufstieg von hohen Militärs, die sich besonders reaktionär hervorgetan haben.

Zum Beispiel: Brigadegeneral Wolfgang Schall, Unterabteilungsleiter »Führung« im Heeres-Stab, macht sich bislang vergebens Hoffnungen auf den zweiten Generalsstern. Nicht daß Schall CDU-Mitglied ist, stoppte seine Karriere, sondern daß er zum Autorenteam der restaurativen Studie des Heeres-Inspekteurs Albert Schnez über Umgestaltung von Armee und Gesellschaft »an Haupt und Gliedern« gehört. Und da Schall nun mit seinem Schicksal hadert, leiden die Christenunion und Egon Klepsch mit.

Früher hatten andere gelitten. Die Partei-Couleur von Soldaten verführte die Personaltaktiker der Bundeswehr unter fünf zehnjährigem CDU/CSU-Regiment nicht selten zu parteiischen Entscheidungen.

Im Juli 1963 holte der christkatholische CDU-Personalchef auf der Hardthöhe, Karl Gumbel, den christkatholischen CDU-Landrat a. D. und vorzeitig zum Brigadegeneral beförderten Karl-Theodor Molinari als Personal-Unterabteilungsleiter ins Verteidigungsressort. Molinari, heute Befehlshaber im Wehrbereich IV in Mainz und beschuldigt, während des Krieges in Frankreich für Erschießung von Geiseln mitverantwortlich zu sein: »Ich bin nach wie vor meiner politischen Gesinnung treu und noch aktives Mitglied der CDU.«

Personal-Molinari (Bundeswehr-Slang: »Abt von Duisdorf") sicherte im Herbst 1963 den Militärattachés in Ankara und Neu-Delhi zu, beide würden nach ihrer Attachézeit zum Brigadekommandeur avancieren. Der eine war Oberst Oskar Hubert Dennhardt, vorher CDU-Landtagsabgeordneter in Kiel, der andere Oberst Friedrich Beermann, vorher militärpolitischer Berater der SPD-Bundestagsfraktion. Dennhardt bekam die 16. Panzergrenadierbrigade in Flensburg und das Generalsgold. Beermann blieb Oberst ohne Aussicht auf Beförderung.

Nachdem CDU und SPD sich im Dezember 1966 zur Großen Koalition formiert hatten, klopfte der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende Helmut Schmidt bei CDU-Verteidigungsminister Gerhard Schröder an: Beermann sei doch wohl Unrecht geschehen. Schröder beförderte ihn zum Brigadegeneral, und Beermann, heute SPD-Bundestagsabgeordneter aus Schleswig-Holstein, erinnert sich: »Ich hatte immer das Gefühl, daß ich ein Produkt der Großen Koalition war.«

Im Herbst 1966 wies CDU-Gumbel einen Unterabteilungsleiter im Führungsstab der Streitkräfte an, seinen Hilfsreferenten« den Oberstleutnant Richard Büchner, alsbald zum Oberst vorzuschlagen. Grund: Ein parlamentarischer Geschäftsführer habe ihm, Gumbel, geschrieben, der förderungswürdige Büchner zähle zu den Gründungsmitgliedern der CDU.

Briefschreiber war der christdemokratische Fraktionsgeschäftsführer Will Rasner aus Flensburg, wo Büchner nach Kriegsende als Lehrer amtiert und der CDU Freizeit und Ferien gewidmet hatte. Der von Gumbel bedrängte Unterabteilungsleiter weigerte sich, dem CDU-Oberstleutnant die Obristen-Eignung zu attestieren. Gumbels Untergebener wurde zu einem Brigadeführer-Kurs verschickt, Büchner zum Oberst befördert.

Der SPD-Minister Helmut Schmidt dagegen umgibt seine Personalpolitik wenigstens mit der Aura des unparteiischen und loyalen Dienstherren.

Gleich bei Amtsantritt entschied er, der CDU-Senior und Ministerialdirektor Ernst Wirmer, Bruder des nach dem 20. Juli 1944 hingerichteten Zen-

* Bei der Besichtigung von Panzerabwehrwaffen im Münsterlager.

trumspolitikers Joseph Wirmer, selbst Nazi-Verfolgter und in Bonn lebens- und dienstältester Militärbürokrat, bleibe auf seinem Posten.

Schmidt-Kumpel Karl Wilhelm Berkhan, Parlamentarischer Verteidigungsstaatssekretär« wies damals Kritik der Genossen ab: »Einen Mann zu feuern, der im KZ saß, das bringt ein Sozialdemokrat nicht fertig.«

Dem Planungsstab, der Schmidt persönlich zuarbeitet, präsidiert seit Anfang dieses Monats Ministerialdirektor Hans-Georg Wieck, eingeschriebenes Mitglied der CDU und vordem Chef des Ministerbüros bei CDU-Schröder.

Für eine Errungenschaft neuzeitlicher Menschenführung hält Schmidt den von ihm erfundenen Job eines Erziehungsgenerals für alle Soldaten. Intensiv fahndete er nach dem rechten Mann für das hohe Amt. Zwei Generale und ein Admiral kamen in die engere Wahl, jeder von ihnen Mitglied einer Partei.

SPD-Generalmajor Franz Pöschl, Kommandeur der Luftlande-Division. wollte lieber Truppenführer bleiben. Von den beiden anderen Kandidaten zog Schmidt den CDU-Brigadegeneral Karl Hermann Friedrich, »Gastmitglied« im CDU-Arbeitskreis für Wehrpolitik und unter Schmidt bislang ohne Gewissensnot ausgerechnet Unterabteilungsleiter »Offentlichkeitsarbeit«, dem Flottillen-Admiral Herwig Collmann (SPD), Marineinspizient für Erziehung und Bildung, vor.

Auch im Gerangel um die Kommandeurstelle der Stabsakademie in Hamburg-Osdorf« auf der Majors-Anwärter weitergebildet werden, behielt ein CDU-Soldat die Oberhand. Die Stellenverwalter präsentierten Schmidt für diesen Posten den quicken Oberst Peter Buhl, der das Ernennungspapier schon in Händen hielt. Aber Staatssekretär Berkhan machte sich für den Gründungskommandeur Oberst Will stark, der im vergangenen Herbst erfolglos auf der Hamburger CDU-Liste für den Bundestag kandidiert hatte. Schmidt wählte Will.

Politische Kriterien ließ der Minister bisher nur für den goldbetreßten Christenanhang gelten, der als Autorengruppe die Schnez-Studie verfaßt und damit dem SPD-Minister den ersten handfesten Skandal eingebrockt hatte. Schmidt zog die Notbremse: »Keiner von den Schreibern bekommt eine Division.«

Freilich, Mitautor Horst Hildebrandt (Schmidt: »Überaus tüchtig") war bereits zum Kommandeur der 1. Panzergrenadier-Division bestellt worden. Hauptautor Heinz Karst, der auch als Erziehungs-Inspizient des Heeres vehemente Angriffe gegen das Konzept des Staatsbürgers In Uniform vorgetragen hatte, zog selber Konsequenzen und nahm seinen Hut. SPD-Berkhan bedauert den Verlust: »Ich halte Karst immer noch für einen hochbefähigten Offizier.«

Mitautor Schall hatte es bei der Schriftstellerei nicht bewenden lassen. Als Handlanger des pensionierten CDU-Generals Artur ("Heulender Derwisch") Weber drehte Schall »zehn offene Briefe« Webers gegen den Reformgrafen Baudissin in hoher Auflage durch die Frankiermaschine des Bundesministeriums der Verteidigung.

Der CSU-Bundestagsabgeordnete Friedrich Zimmermann, Vorsitzender des Wehrausschusses im Bonner Parlament, sprach den Staatssekretär Berkhan schon Anfang Mai auf den »gut qualifizierten« Schall an. Der Sozialdemokrat wußte auch im Fall Schall Trost: Für eine Division sei der General (Jahrgang 1916) zwar schon zu alt, aber ein zweiter goldener Stern »Ist immer noch drin«.

Dem Studien-Unterzeichner Schnez indes, der ein Wiederaufleben der Diskussion über das Papier fürchtet. eilt die Beförderung Schalls »zur Zeit noch nicht«.

Dennoch attackierte CDU-Klepsch die politische Spitze des Ministeriums: »Herr Berkhan hat uns Zusicherungen gemacht, die er nicht einhält.« Dazu Minister Schmidt: »Von uns hat niemand Zusicherungen bekommen.«

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