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Italien Noch im Rausch

Roms Modell-Versuch mit dem Nulltarif schlug fehl: Die auto-verliebten Römer wollen trotz täglichem Verkehrschaos lieber im Pkw als im Bus fahren.
aus DER SPIEGEL 3/1972

»Ist das ein Geschenk von unserem neuen Präsidenten Leone?«, fragten römische Bus-Passagiere, als die Schaffner erstmals Gratisfahrscheine verteilten. Autobusbenutzer Giuseppe Pasquali, 62, vermutete: »Da ist doch bestimmt ein fauler Trick dabei. Vielleicht überrascht man uns am Ende mit einer Fahrpreiserhöhung.«

Verwirrt, ungläubig, mißtrauisch -- so reagierten Tausende von Römern auf den Nulltarif-Test in der Ewigen Stadt. Es schien ihnen unbegreiflich, daß ausgerechnet die fast bankrotte Gemeinde Rom -- Schulden: 7,7 Milliarden Mark -- ihren Bürgern neun Tage lang Gratisfahrten spendierte.

Die Verkehrsplaner indes nahmen ein zusätzliches Millionen-Defizit bewußt in Kauf. Denn sie sahen gerade im Nulltarif ein mögliches Rezept gegen die chronische Pkw-Verstopfung der Innenstadt: Legionen römischer Automobilisten, so hofften sie. würden vom eigenen Wagen auf Bus oder Straßenbahn umsteigen.

Doch die Hoffnung trog. Nur wenige der auto-verliebten Römer ließen sich zum Busfahren bekehren -- und auch sie womöglich nur, weil sie nach Weihnachtseinkäufen und Silvesterfeiern am Benzingeld sparen mußten. Fazit: Roms Versuch mit dem Nulltarif, von vielen verkehrskranken Großstädten außerhalb Italiens aufmerksam verfolgt, ist gescheitert.

Zwar stieg während der Probezeit, vom 30. Dezember bis zum 7. Januar, die Zahl der Fahrgäste in den öffentlichen Transportmitteln. Am 31. Dezember beispielsweise zählten die Busschaffner der städtischen Verkehrsgesellschaft Atac 1,2 Millionen Passagiere -- 400 000 mehr als am gleichen Tag des Vorjahres. Doch diese neuen Kunden kamen außerhalb der Stoßzeiten: Rentner, Hausfrauen, Kinder. Da der Gratistransport in die Schulferien fiel, karriolten ganze Scharen von Teenagern stundenlang per Atac-Bus umher.

In den Hauptverkehrszeiten war -trotz Nulltarifs -- alles wie gehabt. Wieder kämpften sich Hunderttausende von Autos durch die engen Straßen des historischen Stadtkerns. Und wieder zwang das Pkw-Gewusel den überfüllten Atac-Bussen Schleichfahrt auf.

»Wir taten, was wir konnten«. beteuerte Atac-Chef Giorgio la Morgia vorige Woche. Die Stadtverwaltung habe aber nicht genügend geholfen. Und in der Tat müßte eine Stadt wie Rom weit mehr tun als nur den Nulltarif beschließen. Sie müßte Parkplätze am Rand der City schaffen, die City selbst größtenteils für den Privatverkehr sperren -- und schließlich mehr Busse einsetzen.

Derzeit bietet Rom für seine 2.9 Millionen Bürger nur 1600 Autobusse. wenige Straßenbahnen und eine einzige U-Bahn-Linie. Der Metro-Ausbau stockt. Denn immer wieder stoßen die Arbeiter auf antike Trümmer; prompt melden sich dann die Denkmalschützer, und die Gruben werden wieder zugeschüttet.

Mehr städtische Busse einzusetzen hat nur Sinn, wenn sie schneller fahren können. Dies aber läßt sich nur erreichen, wenn man die Privat-Pkw aus der City vertreibt. Und gerade das wollen Roms Autobesitzer nicht.

Zumal die Kaufleute im Stadtzentrum wehren sich gegen eine Verbannung der Pkw -- aus verständlichen Gründen: In Marseille verloren unlängst wegen eines zwanzigtägigen Parkverbots in der City die Luxusläden bis zu 50 Prozent ihrer Kundschaft.

Roms Gewerkschaften drängen zwar auf Entmotorisierung der City wie auf den ständigen Nulltarif. Doch auch zahllose Arbeiter nehmen lieber Verkehrsgewühl und Parknot in Kauf, als daß sie auf die tägliche, statusverleihende Stadttour im eigenen Wagen verzichten.

Ein Beamter des Verkehrsdezernats über die Autoleidenschaft der Römer: »Noch befinden wir uns im Rauschzustand. Wir warten darauf, daß anschließend der Kater kommt.«

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