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Briefe

Noch viel, viel mehr und schärfer
aus DER SPIEGEL 39/1999

Noch viel, viel mehr und schärfer

Nr. 37/1999, Satire: »Peep«-Show erregt den Kanzler

Tucholskys »Was darf Satire? Alles« stammt aus dem Jahre 1919. Hintergrund: die Konventionen des untergegangenen Kaiserreichs, die anhaltende Auseinandersetzung mit konservativen Ständen, mit Zensur. Tucholsky war Moralist und kämpfte gegen ein unmoralisches Deutschland. Er bezahlte für seine Haltung den höchsten Preis. Ist alles Satire, was sich so nennen darf? »Peep«, eine Sendung, die sich erkennbar mit angeblich satirischen Inhalten produziert? Das Goldene Kalb Quote bedankt sich. Wer ist das nächste Opfer? Übrigens schreibt Tucholsky weiter: »Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als hier (in der Satire), nirgends zeigt sich fixer, was ein gewissenloser Hanswurst ist ...«

MAINZ JÜRGEN KESSLER

LEITER DES DEUTSCHEN KABARETTARCHIVS

Wo sich infantile Instinktjournalisten orientieren an Triebphantasien verklemmter Schlammdackel, damit die Einschaltquoten stimmen, entstehen keine Satiren, sondern Machwerke für den Geschmack des Massenpublikums. Anstatt diesem »dicken Kraken an den Leib zu gehen, der das ganze Land bedrückt und dahockt: fett, faul und lebenstötend«, so Tucholsky, wird er zum Maßstab der Medien"kultur« gemacht.

BRAUNSCHWEIG REINHARD WALZER

Geschmacklos oder nicht - entscheidend ist doch vielmehr: Es ist nicht einmal witzig. Das FKK-Video der ,,Gerd-Show« ist einfach nur vulgär, flach und ohne jeden Esprit.

MÜNCHEN FLORIAN RÖMER

Wenn »alles erlaubt« ist und die Quote es verlangt, wird dann demnächst ein Gummikardinal die keusche Moderatorin in Gretchenmaske penetrieren? Was soll das Adenauer-Histörchen mit einem harmlosen Politscherz in der Sprechblase, verglichen mit diesem obszönen schweinigelnden Farce-Bundeskanzler. »Die Leute mögen das einfach«, so Elmar Brandt. Manche Leute mögen noch viel, viel mehr, Herr Brandt, und noch viel, viel schärfer. Ist das Grund genug?

GSTAAD (SCHWEIZ) GUNTER SACHS

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