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Noch zehn Minuten

Global Village: Ein deutscher Wissenschaftler bringt jungen Russen die Europäische Union und die Diplomatie nahe.
aus DER SPIEGEL 4/2007

Der russische Außenminister Sergej Lawrow ist heute eine Frau, 22 Jahre alt, mit blonden Haaren und betörend langen Beinen. Galina Turischewa verkörpert die Rolle des geschliffenen Diplomaten perfekt, eine halbe Stunde schon: Mit ernster Miene verbittet sie sich gerade die »Belehrungen« der österreichischen Außenministerin Ursula Plassnik, deren Part Polina übernommen hat. Galinas 19-jährige Kommilitonin trägt Designer-Jeans von Dolce & Gabbana und will später in die PR.

Galina als Außenminister Lawrow möchte nichts hören vom Polonium-Mord am Überläufer Alexander Litwinenko und schon gar nichts von angeblichen Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien. Langatmig reiht sie Satz an Satz, bedeutungsschwer und nichtssagend: Der Rahmenvertrag für Energie und die »Beziehungen zwischen der Europäischen Union und Russland sind nicht nur für unsere Länder, sondern für die ganze Welt von Bedeutung«.

Cornelius Ochmann, 42, ein Berliner Politikwissenschaftler, lächelt zufrieden. Seit drei Monaten lehrt er am Freien Russisch-Deutschen Institut für Publizistik an der Moskauer Lomonossow-Universität, der ältesten Lehranstalt des Landes. Ein Werbefilm preist das Institut als »Brücke der Freundschaft und Freiheit«.

Ochmanns Stimme hallt durch den Konzertsaal-hohen Vorlesungsraum. »Wir können von hier aus die Fahne des Kreml sehen, aber wir können nur spekulieren, was hinter den hohen Mauern vorgeht«, sagt er. Er will seinen Studenten beibringen, »sich in Regierungen, andere Politiker und Staaten hineinzuversetzen und Kompromisse zu schließen«. Dies sei eine Kunst, sagt er.

Heute lässt Ochmann ein Rollenspiel einüben, das die Verhandlungen zwischen Russland und der EU über ein neues Partnerschaftsabkommen simuliert. Das alte läuft noch dieses Jahr aus. Hoffnungen auf einen großen Wurf sind verflogen. Das selbstbewusst-lärmende Auftreten Russlands irritiert den Westen. Es hilft nicht, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel, anders als ihr Vorgänger, mehr nach Washington als nach Moskau schaut.

Plötzlich fällt Galina ebenso unerwartet wie undiplomatisch aus ihrer Lawrow-Rolle. »Natürlich gibt es bei uns keine wirkliche Pressefreiheit«, blafft sie ihre österreichische Kollegin alias Polina an. Polina hatte gerade zu einer Philippika wegen des immer noch nicht aufgeklärten Mordes an der Enthüllungsjournalistin Anna Politkowskaja angesetzt.

Tony Blair, mit bürgerlichem Namen Olga Tschtirkina, fragt: »Herr Lawrow, wollen Sie etwa sagen, dass Ihr Land in die Anarchie abgleitet?« Stille. »Ja, so ist das bei uns«, zuckt Galina mit den Schultern. Manchmal lassen Rollenspiele eine tiefere Wahrheit zutage treten.

Vielleicht ist Putin gar nicht mehr der starke Mann. Vielleicht entgleitet ihm allmählich die Kontrolle. Zeit für den Gastprofessor, seine Studenten zu ermahnen, sie sollten sich an die Vorgaben halten. »Meine Damen und Herren, Sie haben nur noch zehn Minuten, sonst gibt es keinen Vertrag«, droht Ochmann. »Wenn Russland der EU beitreten will, benachrichtigen wir sofort Brüssel«, sagt er und lacht. »Wenn Sie keine Zusammenarbeit wollen, diskutieren wir über die Konsequenzen.«

Galina findet in ihre Lawrow-Rolle zurück, sie gibt wieder ganz den Moskauer Außenamtschef. »Niemand zwingt euch Europäer, unser Gas zu kaufen«, erklärt sie. Einige ihrer Kommilitonen schütteln den Kopf, ihnen geht die Politik der Stärke zu weit. Putin, der in Umfragen auf stolze 70 Prozent kommt, hätte in ihren Ländern allenfalls eine knappe Mehrheit, und selbst Jacques Chirac, gespielt von der besonders aparten Anna, lehnt eine dritte Amtszeit für den Kreml-Chef entschieden ab, »weil solch ein Verfassungsbruch die autoritären Tendenzen in Russland nur noch verstärken« würde.

Es sind schwierige Verhandlungen. Weil die Fenster sich nicht öffnen lassen, steht die Luft im Saal. Bei irgendjemandem in der EU-Delegation knurrt der Magen.

Maja, 20, sitzt in der letzten Reihe, sie hat eine durchsichtige Spitzenbluse an. Sie will Unternehmerin werden und ist an den komplizierten Entscheidungsprozessen der EU nicht wirklich interessiert. Sorgfältig, den Taschenspiegel in der Linken, zieht sie ihre Lippen nach.

In einer Ecke reden, angeführt von Lena, die Angela Merkel spielt, ein Dutzend Studenten auf den polnischen Präsidenten ein. Der blockiert hartnäckig den Beginn der Verhandlungen: Polen fühlt sich ausgebootet, weil die geplante Ostsee-Pipeline Gas aus Russland direkt und unter Umgehung der Nachbarn nach Deutschland transportieren soll. Zudem sinnt Warschau auf Revanche, weil Moskau polnisches Fleisch nicht mehr ins Land lässt, wegen angeblich schlechter Qualität.

»Die Polen versauen mal wieder alles«, murmelt ein Student. Es klingt nicht nur wie ein Spaß.

Polina, die Österreich vertritt, versucht die angespannte Atmosphäre mit einem Scherz aufzulockern: »Vergesst den Streit ums Fleisch. Wir werden alle Vegetarier.« Tony Blair, in der Realität ein treuer Freund Washingtons und Warschaus, schlägt vor, »Polen einfach aus der EU auszuschließen«.

Wahrscheinlich haben Schröder und Chirac für einen stillen Moment ähnlich gedacht, als sich Polen im Irak-Krieg rückhaltlos hinter Bush stellte.

»Noch fünf Minuten«, ruft Ochmann. Dann stellen die Verhandlungsführer das Ergebnis vor. In letzter Minute haben sie eine Einigung erzielt, die Verhandlungen zwischen EU und Russland können beginnen. Alle sind froh, dass es doch noch einen Kompromiss gibt, aber irgendwie kann ihn keiner genau erklären - ganz wie in der wirklichen Politik, ganz wie im realen Brüssel. MATTHIAS SCHEPP

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