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Nollau: Wie es zum Kanzler-Sturz kam

Mit Enthüllungen über den Spionagefall Guillaume und das Verhalten hoher Bonner Politiker und Beamter in den Tagen, die dem Sturz von Kanzler Brandt vorausgingen, belastet der ehemalige Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Gunther Nollau, die Koalition. In seinen Memoiren, die demnächst unter dem Titel »Des Amt« erscheinen, rückt Nollau die Rolle des Ex-Innenministers Genscher und des SPD-Fraktionschefs Wehner in neues Licht. Auf Seite 198 beginnt der SPIEGEL mit dem Abdruck der entscheidenden Kapitel des Nollau-Buchs.
aus DER SPIEGEL 50/1977

Im September 1975 quittierte der Spitzenbeamte den Dienst, vorzeitig, 64 Jahre alt. Jetzt, zwei Jahre später, packt er aus: Günther Nollau, ehemaliger Präsident des Kölner Bundesamtes für Verfassungsschutz, bekannt als der Mann, der den Kanzleramtsspion Günter Guillaume entlarvte. Drei Jahre nach dem peinlich-spektakulären Rücktritt von Bundeskanzler Willy Brandt enthüllt der einstige Agentenjäger Hintergründe und Versäumnisse in der Guillaume-Affäre.

In seinem oberbayrischen Refugium Lenggries hat der Pensionär, der sich schon zu seinen Amtszeiten durch journalistischen Fleiß ein Zubrot zu verdienen verstand, seine intimen Kenntnisse der Vorgänge mit eigenen Wertungen zu einem hochexplosiven zeitgeschichtlichen Stück aufgemischt. Sein ursprünglicher Titel: »Alle denken an sich -- nur ich denk« an mich«.

Demnächst werden viele an Nollau denken. Denn der einstige Verfassungsschützer hat alle Beteiligten jener dramatischen Ereignisse, die schließlich zum Wechsel im Bonner Palais Schaumburg führten, schwer belastet. Skrupel waren dem Autor ebenso fern wie amtsübliche Diskretion, ganz zu schweigen von Rücksichten gegenüber alten Freunden.

Hessens Ministerpräsident Holger Börner, bei Brandts Rücktritt noch Bundesgeschäftsführer der SPD, ahnte frühzeitig Schlimmes:., Das wird ein großer Rundschlag, unter dem Motto »Jetzt spreche ich.«

Was bis dahin von Journalisten -- häufig dementiert -- gefolgert worden war, was Brandt selbst in seinem Buch »Über den Tag hinaus« nur in kryptischen Formulierungen angedeutet hatte, wird jetzt von Nollau quasi amtlich festgeschrieben: Brandt mußte aufgeben, weil Adlatus Guillaume zuviel über das Privatleben seines Herrn wußte.

Vergessen ist, daß Willy Brandts Demission in jenen Tagen der nicht bewältigten Ölkrise und quälender Kabinettsstreitigkeiten ohnehin anstand, weil Wehner und der starke Mann der damaligen Regierung, Finanzminister Helmut Schmidt, ihn nicht für kompetent und tatkräftig genug hielten.

Der frühere Verfassungsschützer gibt -- ausgestattet mit dem Glaubwürdigkeitsbonus des Insiders und Staatsdieners -- nun zu Protokoll, daß

>der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt auf Grund galanter Abenteuer zu einem Sicherheitsrisiko für die Republik geworden war und daher zurücktreten mußte;

* der frühere Innen- und heutige Außenminister Hans-Dietrich Genscher seinen Kanzler leichtfertig dem Agenten überlassen hat, wodurch geheime Dossiers in DDR-Hand gerieten;

* der SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner in Kenntnis pikanter Details aus Brandts Intimbereich den Bundeskanzler zur Demission getrieben hat;

* der Präsident des Bundeskriminalamtes Horst Herold der Lieferant von Informationen aus Brandts privatem Bereich war.

Nollau hatte das Manuskript seiner Abrechnung bereits im Herbst vergangenen Jahres seiner einstigen vorgesetzten Dienststelle, dem inzwischen von Werner Maihofer geführten Bonner Innenministerium, zur Einsicht abgeliefert. Der zuständige Staatssekretär Siegfried Fröhlich ließ sich viel Zeit. Mehrere Monate wurden die vielen hundert Seiten in der Abteilung »Öfffentliche Sicherheit« hin- und herbewegt.

Ergebnis: In Absprache mit Nollau wurde eine Passage im Zusammenhang mit Willy Brandt aus Sicherheitsgründen gestrichen.

Hausherr Maihofer hatte die Ruhe weg. Erst zum Jahresbeginn 1977 las er das im Bertelsmann-Verlag erscheinende Nollau-OEuvre. Sein Urteil: »Der geltungssüchtige Beamte« habe »völlig hemmungslos und ohne Rücksicht« alle, vor allem aber Maihofers Amtsvorgänger Genscher. in die Pfanne gehauen.

Resignierend mußte sich jedoch die Maihofer-Crew eingestehen, daß Nollau die brisanten Passagen so geschickt geschrieben hatte, daß ihm eine Verletzung von Dienstgeheimnissen nicht angehängt werden konnte. »Und auf eine politische Zensur wollte ich mich auch erst gar nicht einlassen«, bekannte Maihofer später.

Diesen delikaten Part sollten gefälligst diejenigen übernehmen, die von

1973 in Bonn auf einem Spaziergang.

Nollaus Enthüllungen betroffen waren. Im Frühjahr schickte Maihofers Büroleiter Herbert Schmülling ein Exemplar der Nollau-Memoiren »formlos«, wie er sich erinnert, an den Vertrauten von Außenminister Genscher, Ministerialdirektor Klaus Kinkel. Das Resultat der AA-Prüfung: »Kein neues Wort.«

Wenig später, Anfang Juni, ließ Schmülling auch dem Leiter des Brandt-Büros im Bonner Bundeshaus, dem aus dem Kanzleramt abgestellten Juristen Klaus Henning Rosen, eine Kopie zukommen. Der Beamte strich alle relevanten Stellen an.

Nachdem auch Brandt die Seiten gelesen hatte, rief Rosen sein Pendant Schmülling an: »Von uns aus passiert nichts. Der Vorsitzende fühlt sich nicht belastet.« Am 17. Juni hielt der Referent in einem Vermerk fest: »Keine angreifbaren Ausführungen«, soweit es Brandt angehe.

Jeder Strich oder jeder Revisionswunsch im Werk des ehemaligen Verfassungsschützers hätte zudem nur neuen, wahrscheinlich öffentlichen Zwist mit dem Autor ausgelöst und das leidige Thema wieder hochgeputscht. Und was noch wichtiger war: Beide Parteivorsitzenden gingen zur Jahresmitte noch davon aus, daß der tüchtige Schriftsteller die Politbombe rechtzeitig zu den Herbst-Parteitagen von FDP und SPD zünden werde. Jede aufgeregte Reaktion der Betroffenen hätte, so das Kalkül der beiden Parteichefs, die Sprengkraft noch erhöhen müssen.

Intern zeigten die beiden Herren freilich ihren Ärger. Diplomat Genscher ließ wissen, daß er das Placet seines Vorgängers Maihofer zu den Enthüllungen des ehemaligen Geheimdienstchefs als einen ungewöhnlichen Vorgang empfindet.

Brandt wurde deutlicher: Bei einem Vertrauten aus dem Parteivorstand beklagte er sich, es sei »dreckig« von Maihofer gewesen, Nollau dieses Buch schreiben zu lassen. Brandts damaliger Kanzleramtschef, Staatssekretär Horst Grabert, hatte sich seinerzeit sehr wohl eingeschaltet, als der ehemalige BND-Chef Reinhard Gehlen anfing, seine Memoiren in der »Welt« zu publizieren.

Richtig Putz aber machte einer, von dem die anderen es am wenigsten vermutet hatten: Herbert Wehner. Bei einem Koalitionsgespräch im Frühjahr dieses Jahres polterte der SPD-Fraktionsvorsitzende plötzlich los, er habe davon vernommen, »was sich ein pensionierter Geheimdienstbeamter da geleistet hat«.

Bis dahin waren alle Betroffenen, Brandt wie Genscher, fest davon ausgegangen, daß der Autor dieses Werk in voller Abstimmung mit Wehner verfaßt habe. Schließlich galten die beiden Sachsen Wehner und Nollau als enge Vertraute.

Wehner war schon früh auf den einstigen DDR-Anwalt Nollau aufmerksam geworden -- mit Sympathie. Nollau hatte sich revanchiert, indem er Wehner stets besonders früh und ausführlich alles berichtete, was er van Amts wegen erfuhr.

Nollau ließ bei jeder Gelegenheit durchblicken, wie eng er mit dem sonst so schwer zugänglichen Wehner zusammenarbeite. Auch nach der Pensionierung rühmte er noch Mitte vergangenen Jahres gegenüber Besuchern, kurze Zeit vorher hätten ihn die Wehtiers in Lenggries besucht -- zu einer Zeit also, in der er schon an dem Manuskript gearbeitet haben mußte.

»Plötzlich ein Fuß aus

dem Nebel. Das ist Wehner.«

Wie auch immer der Stand der Beziehungen zwischen Wehner und Nollau gewesen sein mag, Minister Maihofer war seinerzeit so naiv, zu glauben, ausgerechnet der SPD-Vorsitzende Brandt werde seinem Intimfeind Wehner das Nollau-Manuskript weiterreichen. Sein Gehilfe Schmülling verzichtete auf den Versand. weil er Wehner durch Nollau bestens versorgt wähnte.

Vom Bestand der Allianz Wehner! Nollau ging auch ein Präsidiumsmitglied der SPD aus. Als der Politiker von der bevorstehenden Veröffentlichung erfuhr, glaubte er endlich »den Schlußstein« einer neuen Verschwörungstheorie gefunden zu haben.

Auf einer Vorstandssitzung der SPD am 19. September hatte Herbert Wehner völlig unerwartet angekündigt, er werde in Hamburg nicht mehr für den Vorstand kandidieren. Jetzt glaubte besagter Präside den Grund für den Verzieht gefunden zu haben: Im Wissen um die Nollau-Mine habe sich Wehner rechtzeitig außerhalb der Pflicht und der Disziplin des obersten Führungszirkels der SPD stellen wollen; Wehner habe sich, so mutmaßte jener Spitzensozi, die Hände zur endgültigen Demontage seines Parteivorsitzenden freimachen wollen, Wehner wolle die »Nummer eins loswerden, die durch zuviel Nachsieht gegenüber Linken in Partei und Fraktion die Regierungsfähigkeit des Kanzlers Schmidt gefährde. War es nur wieder einer jener vielen vergeblichen Versuche, Handlungen eines Mannes zu deuten, der selbst keine Gelegenheit ausläßt, neue Fragezeichen hinter seine Person zu setzen? Mochte sich hier mal wieder einer nicht abfinden mit dem Mysterium dieser grantigen Größe der deutschen Politik?

Ein früherer Mitarbeiter hat Wehner sogar einmal magische Kräfte bescheinigt: »Man will ihn mit der linken Hand zu fassen kriegen und greift in Nebel. Nichts. Man versucht es mit der rechten. Nebel. Nichts. Man gibt auf, dreht sieh um und will gehen. Plötzlich kommt ein Fuß aus dem Nebel und tritt einem fürchterlich in den Arsch. Das ist Wehner.«

Oder sollte es tatsächlich zur Sache gehen?

Parallelen aus der Vergangenheit drängten sich auf, stützten die konspirative Theorie: Im April 1973, auf dem SPD-Parteitag in Hannover, hatte Wehner es abgelehnt, noch einmal für das Amt des Parteivize zu kandidieren. Wenig später, im September desselben Jahres. war der Fraktionsvorsitzende dann nach Moskau und Leningrad gereist, wo er seinen Kanzler annahm wie nie zuvor: »Der badet gerne lau.«

Bei seiner Ankündigung, nun in Hamburg nicht mehr zu kandidieren, waren den Vorstandskollegen noch jene gerade fünf Monate zurückliegenden Ausfälle Wehners vor der Arbeitnehmerkonferenz in Saarbrücken präsent. Dort hatte Wehner seinen ungeliebten Vormann Brandt des Sympathisantentums mit Fraktionsabweichlern bezichtigt und ihm -- wie so oft in der Vergangenheit -- vorgeworfen, er lasse die Partei verludern: »Der andere, der tut nichts.«

Doch diesmal kam alles anders. Willy Brandt brauchte Wehner nur einmal kurz zu fragen, ob er ncht doch kandidieren wolle. Wehner wollte und wurde von den Delegierten mit dem besten Ergebnis aller Kandidaten honoriert.

Die Distanz zu seinem früheren Intimus Nollau ließ sich Herbert Wehner jedoch nicht ausreden. Als er vom SPIEGEL während des Hamburger Parteitages nach dem Nollau-Buch gefragt wurde, knurrte er barsch: »Ich habe davon gehört, ich kenne es bis heute nicht.«

Was Wehner gehört hat, reicht dem alten Strategen offensichtlich, um zu erkennen, daß Nollaus Darstellung der Vorgänge seit Guillaumes Enttarnung im Mai 1973 bis zum Rücktritt von Brandt im Mai 1974 das Klima zwischen den führenden Politikern beider Koalitionsparteien zur Unzeit schwer belasten kann -- zum Schaden der Regierung Schmidt/ Genscher. Kanzleramtschef Manfred Schüler weiß: »Nollaus ungehemmten Mitteilungsdrang -- losgelöst von den politischen Zusammenhängen -- haben wir schon zu seinen Amtszeiten kennengelernt.«

Stoff für eine neue Debatte wird das politisch zentrale Kapitel »Der Fall Guillaume« liefern. Nollau zeichnet en detail nach, wie seine Spezialisten Ende Mai 1973 anhand von Funksprüchen auf Günter Guillaume gestoßen waren. Nollaus Reaktion: »Ein Spion im Bundeskanzleramt war ein Fall von politischer Tragweite. Ich war verpflichtet. den Bundesinnenminister zu unterrichten.«

Noch am gleichen Tag. es war der 29. Mai, fährt Nollau nach Bonn und berichtet dem damaligen Innenminister Genscher sowie dem Leiter des Ministerbüros, Kinkel, über die Entdeckung aufgrund der geknackten Funkkodes aus dem Ost-Berliner Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Genschers Reaktion: »Das muß der Kanzler wissen.«

Nollau bittet seinen Chef. bei Brandt die Genehmigung zur Observation des Kanzleramts-Referenten einzuholen. Der Verfassungsschützer wußte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, daß Guillaume inzwischen zum Partei- und Gewerkschaftsreferenten im Kanzlerbüro, also in unmittelbarer Nähe Brandts, avanciert war.

Dann verabschiedet sich Nollau: »Völlig zufrieden war ich nicht, weil ich der Meinung war, der Minister hätte mich zur Unterrichtung des Bundeskanzlers mitnehmen sollen. Andererseits war ich auch nicht beunruhigt, weil ich dem Verhalten des Ministers entnahm, er sei sich der Bedeutung der Sache bewußt.«

Erste Zweifel, ob sein Minister die Brisanz des Falls so richtig erfaßt hatte, kommen Nollau schon einen Tag später. Stunde um Stunde lauert der Kölner Verfassungsschützer auf den vereinbarten Anruf Genschers, der Bundeskanzler sei mit einer Kontrolle Guillaumes einverstanden. »Ich wartete und wartete, weil meine Leute mit der Observation beginnen wollten. Von Herrn Genscher hörte ich jedoch nichts.«

Am Nachmittag greift Nollau schließlich selbst zum Telephon, um die Entscheidung zu erkunden. Genscher: »Ach ja, ich wollte Sie schon anrufen, der Kanzler ist einverstanden.«

Und ein Jahr später, im Untersuchungsausschuß, erfährt Nollau, daß Genscher nicht nur ihm, sondern auch Brandt gegenüber sehr sorglos, ja nachlässig aufgetreten war. Anstatt Nollaus präzise Auskünfte über Guillaume an Brandt zu übermitteln, sei der Innenminister sehr vage geblieben: »Da ist etwas aufgetaucht, was sieh beziehen soll auf einen Mitarbeiter mit französisch klingendem Namen.«

Nollaus These:

Genscher hat nicht kapiert.

Um so unnachsichtiger quittiert nun der pensionierte Nollau die Fehlleistung seines Ministers: »Durch die Eröffnung des Gesprächs mit dem Hinweis auf einen Mitarbeiter, der einen französisch klingenden Namen habe, ließ Herr Genscher den Eindruck entstehen, er kenne nicht einmal den genauen Namen des Verdächtigen. Ich hatte ihm jedoch nicht nur den Namen, Vornamen und Geburtstag gesagt, sondern auch die DDR-Funksprüche mit den Geburtstagsglückwünschen zitiert! Davon scheint Brandt keine Silbe erfahren zu haben.«

Im nachhinein, so stellt es Nollau provozierend dar, hatte Genschers Lässigkeit im Umgang mit den heißen News eine schlichte Ursache: Der Bundesminister hatte nicht kapiert, was der Verfassungsschützer ihm an jenem 29. Mai 1973 gesteckt hatte.

Nollau bitter: »Wie ich erst lange nach der Festnahme Guillaumes erfahren habe, hat Herr Genscher die von mir vorgetragenen Tatsachen ganz anders bewertet als ich. Ich war der Überzeugung, aus den Funksprüchen gehe hervor, Guillaume und Frau seien vom MfS als Spione eingeschleust worden, man müsse es ihnen nur beweisen. Herr Genscher ist mir darin nicht gefolgt, ohne es mir jedoch zu sagen.«

Die härteste Attacke gegen Genscher fährt der Ex-Verfassungsschützer freilich im Zusammenhang mit des Kanzlers Urlaubsreise nach Norwegen. Damals, im Sommer 1973, hatte Brandt Guillaume als einzigen Referenten mit in sein Haus bei Hamar genommen. Folge: Der DDR-Spion konnte dort in aller Ruhe Nato-Dokumente der höchsten Geheimhaltungsstufe einsehen und weiterleiten.

Daß der Kanzler dem Ost-Berliner Spitzenagenten hilflos ausgeliefert war, ist nach der Nollau-Version eindeutig die Schuld des damaligen Innenministers. Erst »Anfang Juli 1973« -- im Ausschuß hatte er präzise die Zeit zwischen dem 6. und 10. Juli genannt -- sei er, so protokolliert Nollau, von Genscher »en passant« über die Reisepläne des Regierungschefs ins Bild gesetzt worden: »Übrigens, »die« wollen den Spion mit nach Norwegen nehmen.« »Die«, also die Brandts« waren am 2. Juli abgereist.

Genschers Aussage vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß, er habe Nollau bereits bei jenem Telephonat über Brandts Einverständnis zur Observation Guillaumes von der Reise berichtet, beruht nach Nollau »auf einem Irrtum«. Genscher habe am 30. Mai den Norwegen-Ausflug gar nicht erwähnt.

Als Nollau informiert wurde, war es -- so seine Darstellung -- zu spät. Nachträglich konnte er niemand mehr in Brandts Begleitkommando einschleusen, ohne Guillaume mißtrauisch zu machen. So will Nollau nur getan haben, was ihm Anfang Juli noch zu tun blieb: Er wies seine Leute an, die Observation einzustellen.

In seinem Buch zieht er sich pedantisch genau auf seine Kompetenzen zurUck. »Mein Amt hatte mit der persönlichen Sicherheit des Kanzlers nichts zu tun. Dafür war die Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamts verantwortlich. Für den Schutz vertraulicher Unterlagen war der Chef des Bundeskanzleramts, Herr Grabert, verantwortlich.«

Kanzleramtschef Grabert oder Brandts Bürochef Reinhard Wilke einen Tip zu geben, hielt er nicht für opportun.

Brandt: »Irgendwann hat die Selbstkasteiung ein Ende.«

Die Antwort, warum er von den Brandt-Helfern nicht konsultiert wurde, gibt Nollau seinen Lesern selbst: »Wie sollten Brandt, Grabert und Wilke eine Sache ernst nehmen, die ihnen (von Genscher) so unernst dargestellt worden war?«

Mehr als zum Kanzleramt suchte Nollau in jenen bewegten Tagen den Kontakt zu einer anderen Bonner Institution: zum SPD-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner.

Nollau hatte schon seit Anfang der sechziger Jahre, damals war er noch Abteilungsleiter im BfV, den Auftrag, »Onkel Herbert« über alle die SPD betreffenden sicherheitspolitisch relevanten Tatbestände aufzuklären. So greift Nollau auch an jenem 30. Mai 1973 zum Telephon, um Wehner zu unterrichten. Nollau: »Auf meinen Telephonanruf in seiner Wohnung antwortete niemand.«

Einen Tag später, es war Christi Himmelfahrt, ruft er wieder auf dem Bonner Heiderhof an. Nollau: »Wieder nahm niemand den Hörer ab.« Anschließend tut Nollau etwas sehr Mysteriöses. Er schildert es so: »Ich vermutete, Wehner sei in Berlin. Daher rief ich den Leiter des dortigen Landesamtes für Verfassungsschutz an und bat ihn, »Onkel Herbert' ausfindig zu machen. Es gelang ihm jedoch nicht,« Sonst nichts. Kein Wort der Aufklärung für den Leser, wieso Nollau an jenem 31. Mai 1973 Herbert Wehner ausgerechnet in Berlin vermutet.

Denn Herbert Wehner war an diesem Tag in Berlin, genauer: in Ost-Berlin. Es war der Tag. an dem er sich zu einer Geheimkonferenz mit dem SED-Chef Erich Honecker traf. Nollau will davon erst am 1. Juni aus den Morgennachrichten, aus einer Meldung der DDR-Agentur ADN, erfahren haben.

Hatte Nollau von dem Treff gewußt? Im Ausschuß sagte er nur sibyllinisch: »Woher ich das weiß? Nun, ich verfolge die Zeitgeschichte.«

In seinem Buch teilt er unschuldig mit, Wehner habe ihn Monate zuvor gefragt, was er von einem Besuch als Fraktionschef in einem der Ostblockstaaten halte. »Nur in offizieller Mission«, hatte Nollau darauf geantwortet.

Warum legt er aber diese reichlich seltsam begründete Fahndung nach Wehner als zusätzlichen Stolperstein in die ohnehin dunkle Spur nach Ost-Berlin? Gehen so Menschen miteinander um, die befreundet sind? Nollau mußte wissen, daß er damit wieder den bösen Verdacht einiger Oppositionspolitiker neu belebt, die schon im Guillaume-Ausschuß insinuiert hatten, Wehner sei -- von Nollau informiert -- am 29. Mai nach Ost-Berlin gereist, um Honecker vor der bevorstehenden Enttarnung seines V-Mannes im Bonner Kanzleramt zu warnen.

Die Erinnerung an jene Spekulationen frischt Nollau jedenfalls beim Leser wieder auf: Das Kapitel »Ein Untersuchungsausschuß« wird eingeleitet von entsprechenden Erklärungen der CSU-Politiker Franz Heubl und Richard Stücklen. Nollau begnügt sich, amtlich straff zu konstatieren: »Wehner hat von dem gegen Guillaume entstandenen Verdacht vor seiner Abreise in die DDR weder von mir noch von sonst jemandem erfahren.« Mit großer Akribie macht der pensionierte Spitzenbeamte auch die Schlußphase von Willy Brandts Kanzlerschaft im Frühjahr 1974 transparent. Dabei bestätigt er nun zum erstenmal offiziell, daß delikate Extratouren des früheren Regierungschefs den wichtigsten Grund für die Demission am 6. Mai 1974 abgegeben haben. Und er nennt auch Drahtzieher: den BKA-Chef Herold und wiederum Wehner.

Nollaus Protokoll: Am 24. April 1974 erfährt er nach Heimkehr von einem Termin in Brüssel telephonisch durch Kriminaldirektor Schütz (Sicherungsgruppe Bonn), daß Guillaume gestanden hat.« Guillaumes Geständnis befreite mich von einigen Sorgen, weil es die Beweisführung erleichterte«, notiert der Verfassungsschützer und meint, für ihn sei der Fall jetzt erledigt.

Doch alles kam anders: Am 3. Mai sitzt Nollau in seinem Kölner Büro, als ihn ein Anruf des Präsidenten des Bundeskriminalamtes, Herold, erreicht, der ihn »in einer Angelegenheit von höchster Wichtigkeit« sprechen will.

Es dauert nicht lange, und Herold erscheint bei Nollau, voll mit Neuigkeiten. Herold fragt, ob der Kollege »schon etwas von den peinlichen Details« wisse, die ans Tageslicht gekommen seien. Die Bundesanwaltschaft habe Kriminalbeamte vernommen, die zu Brandts Begleitkommando gehörten.

Zur Erinnerung: Vernehmer der Sicherungsgruppe Bonn hatten unter anderen auch Brandts Leibwächter Ulrich Bauhaus verhört, der -- von seinen Vorgesetzten unter Druck gesetzt -- allerlei Erlebnisse seines Chefs mit Damen ausgeplaudert hatte. Brandt beklagte sich danach bitter, er sei das Opfer von Beamten geworden, die »mehr an der Untersuchung meines Privatlebens als am Hintergrund des Spions« interessiert gewesen seien.

Kürzlich noch beschwerte sich Brandt bei einem Freund, er sei inzwischen der Überzeugung, daß die Vernehmungspraxis damals »illegal« gewesen set. Bauhaus hätte nicht von Angehörigen der gleichen Behörde, schon gar nicht aber ohne Rechtsbeistand, vernommen werden dürfen.

Als Herold nun auspackt, erinnert sich Nollau an ein Gespräch, das er ein Jahr zuvor, 1973, geführt hatte: »Vor etwa einem Jahr hatte mich Dr. Fritsch, der damalige Leiter der Sicherungsgruppe, zu deren Aufgabe der persönliche Schutz von Politikern gehörte, gefragt: »Herr Nollau, geht uns das Privatleben unserer Schützlinge etwas an?« Ich ahnte nicht, auf wen sich die Frage Dr. Fritschs bezog, und antwortete mit »Nein.«

Seltsam: Fritsch, heute Polizeipräsident in Bonn, schließt aus, daß er diese Frage je an Nollau gerichtet habe. Zudem: Die Quelle Bauhaus begann erst im Jahre 1974 zu sprudeln.

Für Nollau jedenfalls paßt der Gedankenblitz genau ins Bild, das Herold jetzt mit »Namen und Details« ausschmückt.

Als der Gast seinen Vortrag beendet hat, beratschlagen die beiden Beamten erst mal, was sie mit ihrem Wissen anfangen sollen. Zunächst verständigen sich die Herren, daß sie für Brandts Erlebnisse nur insoweit zuständig sind, als sie mit dem Spionagefall Guillaume zusammenhängen.

»In diesem Zusammenhang war es allerdings höchst brisant«, notiert Nollau. Dann spricht der Beamte gegenüber Herold das Urteil über Bundeskanzler Willy Brandt:

»Wenn Guillaume diese pikanten Details in der Hauptverhandlung auftischt, sind Bundesregierung und Bundesrepublik blamiert bis auf die Knochen. Sagt er aber nichts, dann hat die Regierung der DDR, der Guillaume natürlich auch das berichtet hat, ein Mittel, jedes Kabinett Brandt und die SPD zu demütigen.«

Nollau fragt, ob Herold den gemeinsamen Chef, Innenminister Genscher, unterrichtet habe. Herold bejaht, kann jedoch nicht sagen, ob Genscher schon etwas unternommen hat.

Der Verfassungsschützer kennt jemand, von dem er, angesichts der delikaten Faktenlage, sicher ist, daß er etwa unternimmt: »Darauf entschließe ich mich, sofort Herbert Wehner zu unterrichten.«

Herold, der um die besonderen Beziehungen seines Gegenübers zu Brandt-Feind Wehner wußte, ist einverstanden: »Das hatte ich von Ihnen erwartet.«

Nollau ruft Wehners Stieftochter Greta Burmeester an, er müsse »ihn« in einer »höchst wichtigen Angelegenheit sofort« sprechen. Greta versteht.

Wenig später sitzt Nollau seinem ehemaligen Sponsor Wehner in dessen Wohnung gegenüber. Er lädt alles ab, was Herold angeschleppt hatte: Namen, Szenen und Details aus dem In- und Ausland. Er spricht ohne Vorlage, denn Herold hatte ihm nichts Schriftliches, weder Protokoll noch Notizen, überlassen. Zudem kannte er einige Namen schon vorher.

Nollau erinnert sich: »Herbert Wehner war beeindruckt.« Als Nollau dann dem »Onkel« die Konsequenzen für Brandt wiederholt, die er eine knappe Stunde zuvor BKA-Chef Herold vorgetragen hatte, stimmt Wehner zu.

Nach Nollaus, im Innenministerium vorgelegten Urtext beendete Wehner die Unterhaltung mit dem Doppelsatz: »Ich sehe »ihn« morgen in Münstereifel. da werde ich was tun.«

Die zweite Hälfte des Zitats wurde später gestrichen, ebenso wie einige andere Passagen, an denen der Autor nach dem Gefühl von Maihofer-Prüfern »zu dick aufgetragen« (ein Bonner Spitzenbeamter) hatte.

Was Wehner dann »tat«, erfährt Frühaufsteher Nollau vier Tage später: »Am 7. Mai hörte ich morgens sechs Uhr im Radio die Nachricht, Willy Brandt habe dem Bundespräsidenten seinen Rücktritt mit der Begründung erklärt, er übernehme die politische Verantwortung für »Fahrlässigkeiten« im Zusammenhang mit der Agentenaffäre Guillaume.« Den launigen Nachruf »Aha, Fahrlässigkeiten nennt man »das neuerdings« muß Nollau später wieder aus dem Manuskript streichen. Maihofer fand den Zusatz nicht schicklich.

Nach dieser offiziösen Darstellung des ehemaligen Abwehrchefs war also Herbert Wehner der Mann, der Brandt gestürzt hat. Gewiß, keine Sensation für den zeitgeschichtlich informierten Beobachter. Denn an jenem Wochenende am 4. und 5. Mai 1974 im Haus der »Friedrich-Ebert-Stiftung« in Bad Münstereifel hatte Brandt die entscheidenden Gespräche mit Wehner sowie dem damaligen SPD-Bundesgeschäftsführer Holger Börner geführt.

Damals soll besonders Börner seinen Vorsitzenden bekniet haben, im Amt zu bleiben. Frauengeschichten alleine dürften kein Rücktrittsgrund sein. Im Gegenteil, Manager Börner wollte aus den Affären des Chefs sogar noch politischen Nutzen ziehen, frei nach dem tief psychologischen Lehrsatz: Ein Kanzler, der es macht, imponiert den Leuten mehr als ein Kanzler-Kandidat, der nur davon redet. So versprach er, auf dem Bonner Marktplatz 20 000 Männer zu versammeln und zu fragen, wer schon mal fremdgegangen sei. Börner: »Dann heben selbst die Impotenten den Arm.«

Wehner, so wurde berichtet, sei damals jedoch unerbittlich gewesen. Unter Hinweis auf das peinliche Wissen der Sicherungsgruppe soll Wehner jeden Rettungsversuch verworfen haben: »Wenn einer ein Protokoll schreibt, wissen das schon zwölf Leute.«

Zu Protokoll gegeben hat vor Nollau diesen Sachverhalt bisher noch keiner der Beteiligten, selbst Willy Brandt nicht in seinem Buch »Über den Tag hinaus«.

Ausgerechnet Wehners langjähriger Spezi Nollau klopft damit die Version fest, die Wehner selber nach Brandts Rücktritt vor der Fraktion energisch dementiert hat·. »Wir haben Willy Brandt vom Rücktritt abgeraten, speziell ich selber, ich sage das mit besonderer Betonung.«

Nur einer kann wahrscheinlich die Widersprüche aufklären, Ex-Kanzler Brandt selber. Vertraute ließ er wissen, daß er vollständige Aufzeichnungen jener dramatischen Tage und Stunden bereits angelegt hat. Eine Kopie habe ei im Ausland deponiert.

Wann er sich endlich offenbart, behält er vorläufig noch für sich. Doch langsam schwindet seine Zurückhaltung: »Ich bin jetzt drei Jahre raus aus der Regierung. Irgendwann kommt bei jedem der Punkt, wo die Phase der Selbstkasteiung ein Ende hat.«

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