Zur Ausgabe
Artikel 19 / 71

COMPUTER Norbert Allgemeingut

Bundesdeutsche Schüler haben eine neue Nebenverdienstmöglichkeit aufgetan: das Kopieren von Computerspiel-Programmen. Die Industrie setzt sich mit einem Schutzverband zur Wehr. *
aus DER SPIEGEL 32/1984

Wann immer der 15jährige Jens aus Hannover vom Unterricht im Berufsvorbereitungsjahr wieder heimkehrte, hatte der Schüler Hausaufgaben besonderer Art zu erledigen - den bundesweiten Versand von Raubkopien gefragter Computer-Spiele, die Jens in einer Fachzeitschrift feilbot.

Beendet wurde der rege Handel mit den illegal vervielfältigten Programmen erst jüngst durch eine Hausdurchsuchung der Kriminalpolizei, die im Jugendzimmer gleich 400 Raubkopien beschlagnahmte. »Die Eltern«, erinnert sich Kriminalrat Gerd Krüger, Leiter der Abteilung Wirtschaftskriminalität, »sind aus allen Wolken gefallen.«

Die Polizeiaktion in Niedersachsen ist kein Einzelfall. Fast täglich filzen derzeit Krüger-Kollegen landesweit die Zimmer und Elternhäuser von Jugendlichen, die sich mit schwarz gezogenen Programmen von Computer-Spielen eine neue Nebenverdienstmöglichkeit geschaffen haben.

Zwar halten sich die Einnahmen der Schüler in Grenzen; mehr als 200 bis 300 Mark im Monat verdienen nur die wenigsten an dem Handel. Bei den Spieleproduzenten aber geht der Schaden in die Millionen. »Wenn Tausende von Minderjährigen einen schnellen Groschen machen wollen, zahlen wir eben drauf«, klagt Wilfried Carmincke vom Branchenführer »Atari« in Hamburg. »Besonders die 10- bis 16jährigen«, stöhnt auch der Produktmanager der Münchner »Ariolasoft«, Wolfram von Eichborn, »kopieren wie die Wilden.«

Die Programm-Piraten verderben einer Branche die Preise, die seit gut drei Jahren den deutschen Markt »erfolgreich erobert« (Atari-Sprecherin Renate Knüfer) und mittlerweile jährlich mehr als 600 Millionen Mark umsetzt: Schätzungsweise 550 000 Klein-Computer stehen bereits in den Haushalten, mehr als eine viertel Million Spiele wurden allein im letzten Weihnachtsgeschäft verkauft - hauptsächlich als Geschenk für Jugendliche, die gut 80 Prozent der Heimgeräte nutzen.

Doch die flimmernden und tönenden Freizeitfüller wie etwa das scheinbar dreidimensionale Autorennen »Pole Position« oder der 25 000mal verkaufte Atari-Renner »Donkey Kong« - ein Männlein muß in einer gefährlichen Kletterpartie ein Weiblein vor einem wilden Affen retten - sind mit Stückpreisen von rund 100 Mark nicht gerade taschengeldgerecht.

Da sie es sich »als Schüler nicht leisten« könnten, »ein Spielprogramm für über 100 Mark zu kaufen«, schreibt der Berliner Computer-Freak Winnie Halkriek in einem Leserbrief an das Fachblatt »TeleMatch«, müßten sich die Spieler eben ihre »Software anderwärtig besorgen«.

Die Vervielfältigung der kleinen braunen Scheiben aus magnetisiertem Kunststoff, auf denen die Spiele gespeichert sind, im Fachjargon Disketten oder Floppy Discs genannt, bereitet den Computer-Kids kaum Schwierigkeiten. Längst haben sich in der Jugendszene »hochbegabte Spezialisten« (Carmincke) herausgebildet, die bislang jede noch so komplizierte elektronische Kopiersperre mit ihrem Computer überwunden haben.

Und wenn die kleinen Genies, wie der 17jährige Kölner Gymnasiast Rüdiger, der in jeden von ihm geknackten Überspiel-Schutz sein Pseudonym »invincible brain« hineinprogrammiert, und seine Kollegen »Bitbeißer«, »Norbert Allgemeingut«, »Knackarsch« oder »Robin Bytewood« erst einmal eine Diskette oder Cassette »gecrackt« haben, können sie beliebig viele Kopien ziehen.

Vervielfältigt wurden die Piraten-Produkte bislang hauptsächlich in den Computer-Shops der Kaufhäuser. Ganz ungeniert überspielen die Jugendlichen dort die begehrten Spiele. Carmincke: »Eine Angelegenheit von wenigen Sekunden.«

Seit die Zahl der programmsüchtigen Atari-Junkies in die Hunderttausende geht, haben sich jedoch mehr und mehr Jugendliche auf die direkte Offerte in den gut dreißig Computer-Zeitschriften verlegt. Im Branchenblatt »Happy Computer« rät etwa ein Frank aus Erftstadt, der »über achtzig Programme auf Cassette« hat: »Also anrufen.«

Im Konkurrenzheft »Chip« bietet ein anderer Dealer gleich »alle meine Cassetten mit 500 Top-Programmen (auch die allerneuesten) für nur 500 Mark« an. Auf jedes im Laden verkaufte Spiel, glauben Experten wie der Düsseldorfer Computer-Händler Achim Becker, kommen mittlerweile gut zehn Raubkopien.

Das eigentliche »Cracken« des Kopierschutzes, von den Jugendlichen unter eher sportlichen Aspekten betrieben, kann rechtlich nicht geahndet werden. Die Vervielfältiger und Vertreiber der Raubprogramme jedoch machen sich durchaus strafbar - im Kleingedruckten des Kaufvertrages wird derlei von den Herstellern ausdrücklich untersagt.

Gegen die unliebsame Konkurrenz, die »ihre Ware dreist gleich seitenweise in den Spezialzeitschriften anbietet« (Carmincke), geht die Branche denn auch massiv vor. Eigens eingestellte Mitarbeiter durchforsten seit einigen Wochen die Blätter auf verdächtige Inserate und ordern unter Tarnadressen. Atari ist auf diese Weise schon 250 Piraten auf die Schliche gekommen, Ariolasoft hat in knapp drei Monaten 300 Schwarzhändler ausgemacht.

Wer geständig ist und eine Unterlassungserklärung unterzeichnet, kommt mit der Erstattung der Anwaltskosten (zwischen 200 und 1800 Mark) davon. Ataris Carmincke: »Wir wollen da niemanden kriminalisieren.« Nur bei »besonders dicken Fischen« wie etwa jenem hannoverschen Gymnasiasten, der 500 feste Kunden beliefert haben soll, erstatten die Firmen Strafanzeige wegen Verletzung des Urheberrechts (Höchststrafe: ein Jahr) und schalten die Polizei ein. »Zur fachlichen und sachlichen Unterstützung der Kripo und Staatsanwaltschaften vor Ort« hat sich in München bereits das Landeskriminalamt (LKA) der Annoncen-Aufgeber angenommen. LKA-Sprecher Scherm: »Der Programm-Klau ist kein harmloser Apfeldiebstahl.« Rechtskräftige Urteile gegen Jugendliche sind aber noch nicht gefällt worden.

Weil für Insider wie Wilfried Carmincke »der Raubkopierer-Boom noch lange nicht gebrochen« ist, schlägt nun auch die Branche eine härtere Gangart ein. Zur »Wahrung der Urheberrechtsinteressen« (Satzungsentwurf) soll ein »Bundesverband der Computerprogrammhersteller« gegründet werden.

Vordringlichste Aufgabe des Schutz-Zusammenschlusses: Aufbau einer bundesweiten Ermittlungsabteilung.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 19 / 71
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.