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Nordirland: Protest und Boykott

Bevor die katholischen Fanatiker ihren Terror nicht einstellen, will Londons neuer Nordirland-Minister die Internierungslager nicht schließen. Bevor die Lager nicht aufgelöst sind, will die IRA das Bomben nicht lassen. Londons Mann in der Zwickmühle von Ulster hat, so scheint es, »die furchterregendste Aufgabe« übernommen, »die man einem Mann heute übertragen kann«. Nach wie vor regieren Haß und Starrsinn die Provinz.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Ich rufe alle Iren auf, innezuhalten, Nachsicht zu üben, die Hand der Versöhnung auszustrecken, zu vergeben, zu vergessen.«

Ein halbes Jahrhundert nach diesem Aufruf des britischen Königs Georg V. haben die Iren weder vergeben noch vergessen, ihre Hände umklammern noch immer Gebetbücher und Gewehre, das Parlament aber, das der Monarch am 22. Juni 1921 eröffnete, amtiert nicht mehr. Nordirlands sechster -- und vermutlich letzter -- Premier verlor am vorigen Mittwoch seine Macht.

Nicht länger kann London nach Nordwesten weisen, sich hinter dem Feigenblatt Stormont schamvoll verstecken, die Schuld für Tod und Terror allein bei den Guerrilleros der IRA und den Protestanten suchen. »Nun stehen wir in jeder Hinsicht an der vordersten Front«, erkannte der britische Publizist Peregrine Worsthorne.

Schon die Explosion einer Bombe in einer von Protestanten besuchten Kneipe, eine IRA-Kugel im Kopf eines protestantischen Kleinkindes könnten derzeit ausreichen, Nordirland in den totalen Bürgerkrieg zu stürzen. Ein Marsch von Protestanten in die Wohnviertel der Katholiken würde vermutlich in einem Massaker, »das größte Wagnis (des Briten-Premiers Edward Heath) in seiner politischen Karriere« ("Daily Mirror") -- die Machtübernahme in Ulster -- in einem Desaster enden.

Denn gelingt es der britischen Regierung nicht, die Terrorkampagne der IRA zu stoppen, reagieren die Protestanten ihrerseits mit Terror oder lehnen sie auch weiterhin jede Zusammenarbeit mit London ab, dann hätten die Briten am Ende kaum noch Alternativen: Ohne Zustimmung der Bevölkerungsmehrheit in Nordirland, so beschloß das Unterhaus am Dienstag, will London keine Wiedervereinigung der Insel anstreben.

Die Mehrheit aber ist protestantisch und lehnt sowohl eine Wiedervereinigung des Nordens mit der Südrepublik als auch eine Zusammenarbeit mit der Londoner Nordirland-Verwaltung ab. Die IRA andererseits will, so kündigten ihre Führer an, den Kampf, der bisher etwa 300 Tote und über 4000 Verletzte forderte, fortsetzen, bis die britischen Truppen abgezogen und alle politischen Gefangenen amnestiert seien. Endziel der IRA bleibt die Wiedervereinigung.

Unter diesen Voraussetzungen hat Britanniens schottischer Nordirland-Minister William Whitelaw, der in Palästina einst die jüdische Guerilla bekämpfte, in der vorletzten Woche zweifellos eine »der furchterregendsten Aufgaben übernommen, die man einem Mann heute übertragen kann« ("The Observer"). In dem halben Jahrhundert, in dem sich die Völker Europas redlich und zum Teil mit Erfolg mühten, zwei Weltkriege mit Millionen-Opfern zu vergessen, gelang es den Iren auf der grünen Insel nicht, Bürgerkrieg und Teilung, Terror und Briten-Regime zu vergessen und zu vergeben, wie es König Georg V. gefordert hatte.

Brian Faulkner, bis vorigen Mittwoch Nordirlands Premier, verkündete bereits vor Amtsantritt des Großgrundbesitzers und konservativen Unterhausabgeordneten Whitelaw -- der von seinen Freunden als »brillanter Versöhner« ("The Times") bezeichnet wird --, er werde die von der Londoner Administration einzusetzende Bürger-Kommission boykottieren und »diesen völlig undemokratischen Schwindel nicht mitmachen«. Der protestantische Stormont-Abgeordnete Robert Mitchell begrüßte Whitelaw als »Gauleiter«.

Die Protest-Streiks der Protestanten in der vorigen Woche, die sowohl Elektrizitäts-Versorgung wie Telephonverbindungen, Zug- und Flugverkehr sowie die gesamte Industrie lahmlegten, dokumentierten, daß ohne Mitarbeit der Bevölkerungsmehrheit Nordirland auch durch Londons Minister kaum verwaltet werden kann. »Welche politischen Lösungen auch immer vorgeschlagen werden«, frohlockte Expremier Faulkner, der nunmehr lebenslang Anspruch auf eine jährliche Rente von rund 16 000 Mark hat, »ohne unsere Unterstützung können sie nicht verwirklicht werden.«

Dazu freilich müssen auch die Katholiken beitragen, die, wie Irlands Erzbischof Kardinal Conway weiß, wohl »leidenschaftlich das Ende der Gewalt herbeisehnen«, derzeit jedoch den »backlash«, den Rückschlag der militanten Protestanten. mehr fürchten als Drohungen der IRA. Furcht vor Protestanten-Attacken bindet sie -- ungewollt -- an die Terroristen.

Ins Kreuzfeuer beider Extremisten-Gruppen gerät damit beinahe zwangsläufig jene Institution, die für Ruhe sorgen soll -- Britanniens Armee.

Dabei müssen die Briten-Soldaten jetzt jenen Teil der Bevölkerung fürchten, idem London das Privileg der Selbstregierung genommen hat: die Protestanten unter dem radikalen »Vanguard«-Führer William Craig.

Die IRA hingegen ist durch den Verlust von mehr als 60 Zentnern Sprengstoff, 250 000 Schuß Munition, 1000 Gewehren und Revolvern sowie 50 Maschinen-Pistolen, die von britischen Militärs seit Beginn der Unruhen in IRA-Verstecken entdeckt wurden, aber auch durch die Internierung und Inhaftierung von gegenwärtig rund 1000 IRA-Verdächtigen erheblich geschwächt.

Nur selten -- und meist nur in den katholischen Gettos -- wagen die Guerrilleros noch die direkte Konfrontation mit den Soldaten. Ein britisches Fallschirmjägerbatallion etwa, seit zwei Jahren im Nordeinsatz, verlor bislang nur einen Mann.

Der katholische Abgeordnete John Hume, der aus Protest gegen die Protestanten-Politik der Faulkner-Regierung seine Parlamentsarbeit in Belfast eingestellt hatte, forderte die IRA jetzt auf, ihre Terror-Kampagne völlig einzustellen, da die Fortsetzung der Aktionen nicht allein »das Todesurteil für viele Menschen«, sondern eine »Katastrophe für das ganze Land bedeuten würde«.

Denn erst an jenem Tag, an dem die Gewalttaten enden, werden auch die Internierungen enden, erklärte Londons Irland-Minister Whitelaw zu Beginn seiner Mission. Die katholischen Politiker aber wollen nur dann mit den Briten zusammenarbeiten, wenn die Internierungslager geschlossen werden.

So wird vermutlich auch Londons Eingreifen den Teufelskreis nicht beenden: Kämpft die IRA weiter, müssen die Katholiken mit Protestanten-Attacken rechnen, Die britische Armee könnte sich dann nicht aus den Gettos zurückziehen, IRA-Verdächtige würden weiterhin interniert und Unschuldige erschossen. Getreu ihrem Gelöbnis könnten katholische Politiker nicht mit London zusammenarbeiten, unabsehbar wäre das Ende des -- so der »Daily Express« -- »mittelalterlichen Unfugs«.

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