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»Nordvietnam an einem Nachmittag erledigen«

Über tausend Bomben hätten US-Flugzeuge auf Deiche im Delta des Roten Flusses abgeworfen, behauptet die Regierung in Hanoi und beschuldigt die USA des geplanten Völkermordes. Denn die Dämme -- insgesamt 4000 Kilometer lang -- schützen 15 Millionen Menschen vor der Flut, die alljährlich zur Monsunzeit im August über Nordvietnam hereinbricht. Nixon vorige Woche: »Wir könnten Nordvietnam an einem Nachmittag erledigen.«
aus DER SPIEGEL 32/1972

Wenn Radio Hanoi Sturm-Warnung gibt, schlagen die Bauern in den Mündungs-Marschen des Roten Flusses die Tam-Tams und Gongs, die Dörfler hasten zu den Deichen. Dort haken sie einander unter, formieren sich in mehreren Reihen, waten den Wellen entgegen und versuchen, die Gewalt des Wassers mit ihren Leibern zu brechen, bevor das Wasser die Dämme zerbricht, die sie in jahrzehntelangem Robot mit Spaten und Tragekörben aufgeschüttet haben.

Denn die Dämme, die Dutzende Flußufer im Delta sichern, die Deiche an den Mündungen im Südchinesischen Meer, die Stauwerke und Schleusen an den Zusammenflüssen im oberen Deltagebiet haben überhaupt erst das Leben im einst öden Sumpfland des Roten Flusses ermöglicht. Erst sie verwandelten das Delta in eine der ergiebigsten Reiskammern Asiens, in der dreimal pro Jahr geerntet werden kann. Sie erstanden zum Teil schon vor 2000 Jahren; »Deichmandarine« wachten über sie.

4000 Kilometer solcher Dämme, Tausende Kilometer Kanäle sichern das Delta, ein Gebiet knapp so groß wie Schleswig-Holstein, auf dem 15 der 22 Millionen Einwohner Nordvietnams siedeln, oft tausend Menschen pro Quadratkilometer. Das Delta des Roten Flusses ist eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Erde.

Bersten die Deiche unter der Gewalt der Monsunhochwässer im Spätsommer, bringt das den Delta-Bewohnern fast sicher den Tod: Zur Monsun-Zeit führen die Flüsse das 40fache ihrer Normalwassermenge. Die Reisfelder, Dörfer und Städte liegen dann ein bis 14 Meter unter dem Wasserspiegel der eingedämmten Ströme.

1944 starben bei einer Flutkatastrophe im Delta mehr als eine Million der damals etwa sechs Millionen Bewohner.

Im letzten Jahr vernichtete Hochwasser eine Ernte. Die Hafenstadt Haiphong stand wochenlang unter Wasser. In diesem Jahr sehen sich die Nordvietnamesen durch eine Katastrophe von Menschenhand bedroht: Amerikas totaler Bombenkrieg gegen Nordvietnam, Nixons Antwort auf die Osteroffensive des Generals Giap in Südvietnam, macht, so die Regierung in Hanoi, auch vor den Deichen nicht halt.

Und die apokalyptische Vorstellung eines ertränkten Landes mit Millionen Toten rüttelte die Vietnam-müde Weltöffentlichkeit noch einmal auf. Denn wenn Amerika die Wasserschutzanlagen tatsächlich gezielt zerstört, wäre eine solche Handlung als Kriegsverbrechen zu qualifizieren: Das Nürnberger Tribunal erhob Anklage gegen jene Deutschen, die während des Zweiten Weltkriegs die holländischen Schleusen zerstörten.

Daß sich Amerika in Vietnam Ähnliches zuschulden kommen lasse, behaupten nicht nur die Nordvietnamesen. Als Zeugen meldeten sich auch Neutrale zu Wort:

  • Schwedens Botschafter in Hanoi, Jean-Christophe Öberg, bekräftigte mehrfach, er habe bombenzerstörte Deiche selbst gesehen.

  • Jean Thoraval, in Hanoi akkreditierter Korrespondent der französischen Nachrichtenagentur AFP, erlebte einen, wie er schilderte, »gezielten Angriff« von US-Bombern auf eine Deich-Anlage nahe dem Ort Nam Sach am Roten Fluß, als er gerade frühere Bombenschäden an den Dämmen besichtigen wollte.

  • Amerikas kämpferische Darstellerin (und Oscar-Preisträgerin) Jane Fonda filmte während ihrer Vietnam-Reise vor zwei Wochen Zerstörungen im Deich-System -- unter anderem eine Bresche genau im Mittelstück eines Zentraldammes, am Zusammenfluß von fünf Strom-Armen.

Die wachsende Zahl solcher Anschuldigungen und »privates Material«, das ihm während seines Moskau-Besuches übergeben worden war, bewogen UN-Generalsekretär Kurt Waldheim letzten Montag zu einem öffentlichen Appell an die Regierung der USA, die Deich-Bombardements einzustellen.

Washington reagierte hart. Solche Erklärungen, polterte US-Außenminister Rogers, seien »wenig nützlich«. Nixon selbst kanzelte den ranghöchsten Welt-Diplomaten ab, dieser falle, wie schon sein Vorgänger U Thant, »auf feindliche Propaganda herein«.

Äußerst detailliert sind die Anschuldigungen der Regierung in Hanoi, die auch nordvietnamesische Delegierte bei den Friedensgesprächen in Paris auf den Tisch legten.

Danach sollen US-Bomber bisher 58 wichtige Deich-Abschnitte bombardiert und dabei mehr als tausend Sprengbomben abgeworfen haben. Große Teile des Deich-Systems seien gefährdet, obwohl die Breschen in Tag- und Nacht-Einsätzen wieder aufgefüllt würden. Mehrmals hätten US-Piloten sogar versucht, Reparatur-Arbeiten durch Angriffe zu verhindern -- in der Provinz Than Hoa seien bei einem solchen Angriff am 14. Juni über hundert Menschen getötet oder verletzt worden.

Washington wies die Beschuldigungen jedesmal zurück: Deiche seien keine Bombenziele, versicherte das Pentagon kategorisch. Sprecher des Weißen Hauses, der Streitkräfte und des Außenministeriums wiederholten immer wieder, kein Damm sei absichtlich getroffen worden; falls es überhaupt Bombenschäden an Deichen gäbe, seien es zufällige Treffer gewesen.

Doch in Sachen Vietnam genießt Washington in der Welt kaum noch Glaubwürdigkeit. Nicht nur frühere, von der US-Regierung stets bestrittene Ereignisse, die sich später als wahr erwiesen, wecken Zweifel an der Lauterkeit der amerikanischen Deich-Dementis: Schon zu Johnsons Zeiten hielten sich die Piloten wenig an die Ziel-Listen ihrer Befehlshaber. Sie bombardierten oft, was ihnen persönlich als lohnendes Ziel erschien. Und erst vor wenigen Wochen mußte sich Amerikas Kongreß mit einem privaten Bombenkrieg des Luftwaffengenerals Lavelle befassen, der zwischen November 1971 und März 1972 nordvietnamesische Ziele ohne Autorisierung seines obersten Befehlshabers Nixon bombardieren ließ. Auch damals tat Washington die Beschwerden Hanois als pure Propaganda ab.

Näher führt eine Analyse, wem »Zufallstreffer« (so Verteidigungsminister Laird) nützen, an die Wahrheit über die Deich-Bombardements: Seit fast vier Monaten zertrümmert die bisher mächtigste Bomber-Armada der Kriegsgeschichte die Städte Nordvietnams. Fabriken, Brücken, Kraftwerke, Straßen, Eisenbahnen, Häfen, Pipelines werden systematisch zerstört. Dennoch kämpft Nordvietnam weiter, fließt weiterhin Nachschub nach Südvietnam, stoppten Giaps Bataillone, offenbar noch immer hinreichend versorgt, den Gegenangriff der zwei besten südvietnamesischen Divisionen auf die vor drei Monaten besetzte Provinzhauptstadt Quang In.

Die Nordvietnamesen, in fast 30 Jahren Partisanenkrieg gehärtet, kämpften entgegen allen amerikanischen Voraussagen weiter: ohne Fabriken, ohne Kraftwerke, ohne Bahn, Straßen und Häfen. Doch ohne Dämme im Delta des Roten Flusses könnten auch die Nordvietnamesen nicht mehr leben, geschweige denn kämpfen.

Deshalb verlangten Pentagon-Strategen schon 1967, zur Zeit des ersten Bombenkrieges, die Zerstörung der Deiche. Eine Forderung, die damals an Verteidigungsminister McNamara scheiterte.

Deshalb aber ließ auch Richard Nixon Angriffe auf die Dämme als letzte Drohung über den Häuptern der Feinde schweben: Am 30. April, bei einer Barbecue-Party auf der Ranch des einstigen Texas-Gouverneurs und Finanzministers Connally, befragten Gäste den Präsidenten, ob er Nordvietnams Dämme zerstören lassen wolle.

Nixons Antwort: »Nun, das Problem dabei ist, daß die Dämme und Deiche zwar strategische, indirekt sogar militärische Ziele sind, daß ihre Zerstörung aber enorme Menschenopfer fordern würde. Das wollen wir vermeiden. Außerdem meinen wir, daß es nicht nötig ist.« Der Präsident ließ mithin offen, ob und wann solche Angriffe einmal »nötig« werden könnten. Letzte Woche prahlte Nixon auf einer improvisierten Pressekonferenz, wenn Amerika die Deiche wirklich zerstören wolle, »könnten wir dies innerhalb einer Woche tun« -- und: »Wir könnten Nordvietnam an einem Nachmittag erledigen, aber wir werden es nicht tun.«

Unzweifelhaft haben die Amerikaner die Deiche bislang nicht systematisch zerstört. Unzweifelhaft aber auch werden Nixons kaum verhüllte Drohungen in der Praxis des täglichen Bombenkriegs, in dem die Piloten freie Hand bei Angriffen auf »militärische Ziele« haben, bereits heute stückweise vollzogen.

Auf oder nahe bei den Dämmen gibt es bei freier Auslegung allemal »militärische Ziele«: An Brücken, Schleusen und Kraftwerken haben die Nordvietnamesen Flak und Raketen installiert. Brücken, Kraftwerke, Bahnstationen liegen an Flüssen und Kanälen -- somit auch an Dämmen. Auf den größten Deichen beiderseits des Roten Flusses führen 700 Kilometer asphaltierte Straßen -- unzweifelhaft wichtige Nachschubwege.

Zur Versorgung der Bevölkerung wie auch der Armee wichen die Nordvietnamesen nach Zerstörung der Landverbindungen auf das Wasser aus. Schiffe, Lastkähne und Flußboote gelten als militärische Ziele, nicht leicht zu treffen -- aber der Damm liegt nebenbei.

In diesen Wochen erreichen die Monsunwolken das Delta, wenig später die Quellgebiete des Roten Flusses und seiner Nebenadern. Haben die Regenstürme erst in voller Stärke eingesetzt, steigt der Strom bis zu einem Meter pro Tag.

»Unsagbare Zerstörungen« befürchtet der Direktor des Staatsinstituts für Wasserwirtschaft in Hanoi« Tran Dang Khoa, falls die angeschlagenen, an vielen Stellen nur notdürftig geflickten Dämme bersten.

So ähnlich sehen es die Amerikaner auch, nur weisen sie für die mögliche Katastrophe heute schon jede Schuld von sich: Die Deiche, so strickte das Außenministerium vorsorglich eine Legende, seien nach der letztjährigen Flutkatastrophe nur ungenügend ausgebessert worden. Wenn es in den nächsten Wochen, was zu erwarten sei, eine schlimmere Flut als normal gebe, dann seien mitnichten Amerikas Bomber daran schuld.

Nach tatsächlich und wörtlich geäußerter Ansicht des Pentagon-Sprechers Daniel Henkin käme das Unglück dann von noch höher oben: »Wenn es eine Überschwemmung gibt, dann war sie ein Akt Gottes und nicht eine Folge von gezielten Bombenwürfen.«

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