Zur Ausgabe
Artikel 62 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SCHWEIZ Not am Mann

Die Armee will mehr weibliche Freiwillige zum unbewaffneten Wehrdienst verpflichten. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

»Vor Ihnen steht weder eine hochkarätige Emanze noch ein knallharter Profi«, stellte sich Hauptmann Renee Knobel aus Stansstad den Journalisten vor, »sondern eine ganz gewöhnliche Schweizerfrau.«

Der weibliche Offizier gehört gleichwohl zu einem exklusiven Kreis: der winzigen Minderheit von rund 2700 Frauen, die in der Armee den 625000 Männern nacheifern - freiwillig und unbewaffnet.

Der Einsatz von Frauen für die Landesverteidigung hat in der Eidgenossenschaft eine lange Tradition: Gegen die Invasion der napoleonischen Truppen 1798 und 1799 zogen auch Frauen mit allerlei Landwirtschaftsgeräten und Schießprügeln ins Feld: »Viele Töchter des Landes«, heißt es in einer Chronik, »hatten sich mit Gabeln, Sensen und Flinten bewaffnet, um sich dem Dienst des bedrohten Vaterlandes zu weihen.«

Ende des 19. Jahrhunderts mußten die Schweizerinnen auf Anweisung der Armee-Führung lernen, Strümpfe zu stricken, um den schlecht ausgerüsteten Wehrmännern das Marschieren zu erleichtern.

Während des Ersten Weltkriegs stieg die Wirtstochter Gilberte aus dem Juradorf Courgenay zur Volkslied-Heldin auf, weil sie den Soldaten nicht bloß Bier, Wein und Schnaps servierte, sondern auch um ihr seelisches Wohl besorgt war. Wie diese Art der Truppenbetreuung dezent umschrieben wurde.

Unbewaffnet, aber pflichtbewußt beteiligten sich die »Stauffacherinnen« _(Patrioten-Jargon in Erinnerung an ) _(Schillers »Tell«-Figur Gertrud ) _(Stauffacher, die ihren zaudernden Gatten ) _(Werner mit staatstragenden Sentenzen zum ) _(Kampf gegen die Habsburger ) _(Fremdherrschaft mobilisiert. )

auch an der Landesverteidigung, als ringsum der Zweite Weltkrieg tobte. Im »Frauenhilfsdienst« (FHD) nutzte die Armee traditionelle weibliche Fertigkeiten: Zehntausende Eidgenossinnen wuschen freiwillig Soldaten-Wäsche, flickten, nähten, kochten, pflegten und tippten.

Doch als der Krieg zu Ende war, verflog der vaterländische Überschwang der Frauen schnell: Fortan galt der freiwillige Einsatz im FHD bestenfalls als patriotische Marotte und erlebte nur in Zeiten politischer Hochspannung - zum Beispiel 1956 nach dem Ungarn-Aufstand - eine kurze Konjunktur.

1973 meldeten sich nur noch 70 Helferinnen - der absolute Tiefstand war erreicht. Gebraucht werden jährlich mindestens 400 Frauen zwischen 18 und 35.

Doch auch einige Modernisierungen im Dienstbetrieb machten den Einsatz nicht verlockender. »Die Umwelt ist gegen uns«, gibt die Public-Relations-Beraterin Mireille Saucy zu, die im Auftrag der Armee für den vaterländischen Dienst wirbt. Nur gerade elf Prozent der Frauen und Männer in der Schweiz, so

ergab letztes Jahr eine Umfrage, halten den Militärischen Frauendienst für sinnvoll.

Die Idee eines obligatorischen Frauendienstes - gegründet auf die in der Verfassung verbriefte Gleichberechtigung - scheiterte am heftigen Widerstand von Frauen-Organisationen ("Wir passen unter keinen Helm"), Gewerkschaften und linken Parteien.

Um dem Frauenmangel abzuhelfen, ließen sich die Militärs und ihre Werbeberater jetzt eine neue Attraktion einfallen: Seit Januar 1986 heißt der FHD »Militärischer Frauendienst« (MFD) und ist voll in die Armee integriert.

Für Frauen gelten nunmehr dieselben Regeln wie für Männer. Dienstgrade, Ausdrucksweise und Umgangsformen unterscheiden sich nicht mehr von denen der männlichen Wehrpflichtigen.

Johanna Hurni, 53, oberste Frauendienstlerin im Rang eines Brigadiers (Ein-Stern-General), freut sich in einem farbenfrohen Prospekt über die »vollwertige Partnerschaft mit den Wehrmännern« und behauptet, daß die »Idee des MFD im Schweizer Volk weithin akzeptiert wird«.

Das scheint zweifelhaft. Denn auch in den neuen Uniformen und mit den neuen Rangabzeichen dienen die weiblichen Soldaten in Hilfsfunktionen wie früher: als Sekretärinnen, Telephonistinnen und Fahrerinnen; als Sozialarbeiterinnen in Lazaretten oder Interniertenlagern, als Helferinnen im Brieftauben- und Postdienst oder bei der Luftraum-Überwachung.

Der Auftrag, den Frauen den richtigen militärischen Ton anzugewöhnen, obliegt nach wie vor einem Mann: Oberst Joseph Bührer, Ausbildungschef des MFD. »Die männlichen Grad-Bezeichnungen«, sagt er, »sind kein Problem. Viel mehr machen uns die Schwierigkeiten männlicher Soldaten zu schaffen, die mit weiblichen Vorgesetzten zu tun haben. Da muß mancher Leutnant zweimal leer schlucken, wenn er vor einem weiblichen Hauptmann strammstehen soll.«

Und Hauptmann wird eine Schweizerfrau leicht. Bis ein junger Eidgenosse als Leutnant Dienst tun darf, muß er über ein Jahr lang Uniform tragen. Ein weiblicher Hauptmann erhält sein Rangabzeichen dagegen schon wesentlich früher.

Den schnelleren Aufstieg erklärt die Armeeführung mit der fehlenden Schießausbildung und der besseren Motivation der Frauen: Leistungswille, Arbeitsdisziplin und Ausdauer der weiblichen Soldaten gelten als überdurchschnittlich.

Tatsächlich sind die Frauen, die sich - oft gegen den Widerstand von Freunden, Bekannten und Arbeitgebern - für eine Dienstzeit von mindestens 117 Tagen im Laufe von 15 Jahren verpflichten, meist überengagierte Patriotinnen.

Die meisten von ihnen stammen aus ländlichen Gebieten, wo Armee, Demokratie und Heimatliebe als heilige Dreieinigkeit gelten. Andere kommen aus Kleinstädten mit dem festen Willen, die im Zivilberuf nicht vorhandenen Karriere-Chancen in der Armee zu nutzen. Ganz wenige sind höhere Töchter aus konservativem Elternhaus, die den MFD als eine Art moralische Bewährungsprobe auffassen.

Renee Knobel, seit 22 Jahren begeistert dabei und jetzt als Miliz-Hauptmann Schulkommandant einer MFD-Rekrutenschule, gehört zur zweiten Gruppe: Verheiratet mit einem Instruktions-Unteroffizier, der Milizsoldaten zu Lkw-Fahrern ausbildet, glaubt sie zwar an die Floskeln von der »Not am Mann« und der »Frau, die ihren Mann stehen« müsse. Sie hat aber deswegen die Hausfrauen-Rolle nicht aus ihrem Bewußtsein verdrängt: Als der Kellner nach ihrem patriotischen Referat vergaß, den Journalisten zum Kaffee Zucker zu reichen, sprang Hauptmann Renee Knobel wie selbstverständlich ein und bediente selbst.

Patrioten-Jargon in Erinnerung an Schillers »Tell«-Figur GertrudStauffacher, die ihren zaudernden Gatten Werner mit staatstragendenSentenzen zum Kampf gegen die Habsburger Fremdherrschaftmobilisiert.

Zur Ausgabe
Artikel 62 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.