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KONFERENZEN Notfalls ölverschmiert

Die Videokonferenz, ein neues Angebot der Bundespost, erspart Managern das Reisen. Doch nur finanzstarke Firmen können die Bildschirm-Gespräche bezahlen. *
aus DER SPIEGEL 48/1985

Die Konferenzteilnehmer, auf schweren Drehsesseln rund um den sechseckigen Tisch gruppiert, werden durch Deckenstrahler ins rechte Licht gerückt. Schilfgrüne Vorhänge, Stofftapeten und ein flauschiger Teppichboden schlucken störende Nebengeräusche. Für den guten Ton sorgen in die Tischplatte eingelassene Richtmikrophone.

So gediegen und professionell ausgestattet sind neuerdings Amtsstuben der Deutschen Bundespost. Das Monopolunternehmen hat in den vergangenen Monaten, entlang der geplanten Glasfasertrasse, ein Dutzend komfortabler Fernsehstudios eingerichtet. Es sind Demonstrationsräume für Videokonferenzen, mit denen Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling das im Sommer 1983 vorgestellte neue Medium auch in der Bundesrepublik einführen will.

Angeboten wird das Chefzimmer-Ambiente für Geschäftsleute im In- und Ausland, die sich von Angesicht zu Angesicht unterhalten wollen, obwohl der Gesprächspartner Hunderte oder Tausende von Kilometern entfernt sitzt. Die _(Bei der ersten Videokonferenz auf der ) _(Berliner Funkausstellung im September ) _(1983. )

Konferenzteilnehmer müssen sich nur in ein Videokonferenz-Studio begeben.

Die erste Sitzung gewährt das Bundesunternehmen gratis. Später kostet die Stunde innerhalb Europas zwischen 800 und 1200 Mark, eine Schaltung in außereuropäische Länder oder die Vereinigten Staaten, ab Anfang nächsten Jahres möglich, mindestens 2500 Mark.

Für die Benutzung ihrer Räume berechnet die Post zusätzlich eine Stunden-Miete von 120 Mark. Firmen, die ein eigenes Studio unterhalten, müssen neben der Einrichtung, die zwischen 100 000 und 500 000 Mark kostet, pro Monat 1500 Mark und eine Anschlußgebühr von 12 000 Mark bezahlen.

Übertragen werden die bewegten Bilder zur Zeit noch über Kupferkabel und Satellitenverbindungen. Spätestens von 1988 an, nach Ablauf des Betriebsversuchs, soll dann das neue Glasfasernetz die Tele-meetings vermitteln.

Während Schwarz-Schilling für andere neue Dienstleistungen der Post wie Bildschirmtext oder Kabelfernsehen kräftig wirbt, bleibt das Angebot der Videokonferenzen, Vorstufe des geplanten Bild-Telephons, aus Kostengründen vorerst auf einen kleinen Kundenkreis beschränkt. »Der Maler- oder Klempnermeister um die Ecke«, sagt Günther Heiler, Studio-Betreuer in Stuttgart, »gehört sicher nicht dazu.«

Technikfixierte Privatkäufer, die ihrer »Oma zu Weihnachten eine Videokonferenz schenken möchten«, müssen sich, wie sein Kollege Günter Meier vom Studio Hannover meint, »noch gedulden«. Nur 30 private Konferenzstudios sind derzeit am Netz oder im Bau.

Marketingexperten der Post haben errechnet, daß künftig allenfalls 1500 Teilnehmer in der Bundesrepublik das spektakuläre Medium nutzen werden, darunter Großunternehmen und international verflochtene Konzerne, die Zeit und Reisekosten sparen oder die Kommunikation im Betrieb verbessern wollen. Auch im Bundeskanzleramt überlegen Medienexperten, ob einzelne Ministerien durch Videokonferenzen oder Bildschirmtelephon enger aneinandergekoppelt werden können.

Um ein größeres Marktpotential zu erschließen, müßte die Post weitere Nutzungsmöglichkeiten für ihren neuen Service erarbeiten. Doch das überlassen die Bonner Kabelleger den Fachleuten von Firmen und Behörden. »Mit jedem neuen Interessenten, der unseren Raum betritt«, frohlockt Medienexperte Heiler, »wird die Anwendungspalette um eins größer.« Die Post, kritisiert Jochem Weiher, Chefnachrichtentechniker bei Ford in Köln, »stellt einfach eine Technologie hin und überläßt es dem Kunden, herauszufinden, was man damit alles anstellen kann«.

Schwarz-Schilling vertraut auf die Lockwirkung seiner modernen Studios. Bis zu einer Million Mark hat die Post in ihre Vorzeige-Räume in Bremen, Hamburg, Hannover, Berlin, Dortmund, Düsseldorf, Bonn, Köln, Frankfurt, Stuttgart, München und Nürnberg investiert. Um die Angebote der rund ein Dutzend Hersteller zu erproben, ließen die Postmanager jedes Studio von einer anderen Firma einrichten, die Grundausstattung ist jedoch weitgehend identisch.

Zwei elektronische Kameras erfassen die um den Konferenztisch versammelten Personen, eine weitere Kamera nimmt Bilder, Skizzen oder Zeichnungen auf, eine elektronische Schautafel überträgt Zeichnungen, noch während sie entstehen. Auf zwei kleinen Monitoren an der Frontseite des Raumes können die Teilnehmer kontrollieren, wie ihr Konterfei auf der Gegenseite ankommt. Zwei weitere, großformatige Bildschirme zeigen die Gesprächspartner im anderen Studio.

Die anfängliche Unsicherheit in der High-tech-Atmosphäre, versichern Videokonferenz-Teilnehmer, löst sich schnell. »Spätestens bei der zweiten Sitzung«, so Studiobetreuer Heiler, »hat man sich daran gewöhnt.«

Die Videokonferenzen erfordern eine höhere Konzentration als herkömmliche Gesprächsrunden, und auch das wirkt sich positiv aus. »Weil die Leute gezwungen sind, sich anständig vorzubereiten«, behauptet Friedrich-Heinz Wichards vom Bonner Postministerium, »laufen die Konferenzen disziplinierter ab.« Außerdem, weiß Jürgen Zschernitz, Projektleiter in Hannover, »unterbleibt das Gemauschel mit dem Nachbarn«.

Kunden, die mit den Videotalks arbeiten, wollen die neue Technik schon nach kurzer Zeit nicht mehr missen. Ende Oktober erst fand bei Daimler-Benz in Sindelfingen die erste Videokonferenz mit dem Werk in Bremen statt. Seither nutzen die Schwaben ihre neuen Studios vor allem, um Produktionsdetails mit ihrem Zweigbetrieb im Norden abzustimmen.

Beim Kölner Automobilriesen Ford diskutieren schon seit anderthalb Jahren Techniker und Ingenieure in betriebseigenen Konferenzstudios mit ihren Kollegen im Werk Dunton bei London. Zweimal täglich, jeweils um zehn Uhr früh und um drei Uhr nachmittags, sind die Ford-Mitarbeiter eine Stunde lang »auf Sendung«, um Konstruktions- und Produktionsprobleme zu besprechen. Mit einer Spezialkamera können sogar Gegenstände und Bauteile abgebildet werden.

Da die Zeit begrenzt ist, hat Ford-Kommunikationsexperte Jörn Turner beobachtet, »kommen die Leute schneller auf den Punkt«. Es werden, bestätigt Ford-Techniker Weiher, »auch qualitativ bessere Entscheidungen« getroffen.

Während früher meist nur ein leitender Angestellter zu Verhandlungen und Besprechungen fuhr, »der vorher von einem Stab von Leuten vorbereitet werden mußte« (Weiher), kann jetzt der Fachmann per Video, notfalls im blauen Anton und mit ölverschmierten Händen, an den Konferenztisch geholt werden. Nebenbei sparen die Kölner auch noch hohe Reisekosten.

Bis zu 60mal pro Woche mußte in den vergangenen Jahren die hauseigene Fluglinie starten, um Techniker, Designer oder Konstrukteure zwischen Köln und London hin- und herzutransportieren. Mit 2550 Flugbewegungen war die Ford-Airline hinter der Lufthansa und British Airways der drittgrößte Kunde des Köln-Bonner Flughafens.

Heute gehen die Kollegen in Dunton einfach eine Treppe tiefer, die Kollegen

in Köln fahren von der Entwicklungsabteilung im Stadtteil Merkenich zur Zentrale an den Rhein. »Auf diese Weise«, freut sich ein ehemaliger Vielflieger, »sehe ich meine Frau und meine Kinder jetzt viel öfter.«

Andere Ford-Mitarbeiter vermissen allerdings die häufigen Auslandsflüge. »In vielen Unternehmen«, weiß Weiher, »gilt Fliegen immer noch als Privileg für die Führungs-Crew.«

Vielleicht, spekuliert er, trauern seine Kollegen aber auch anderen entgangenen Reisefreuden nach: Bei ihren London-Trips konnten die Ford-Werker jedesmal zollfrei im Duty-free-Shop einkaufen.

Bei der ersten Videokonferenz auf der Berliner Funkausstellung imSeptember 1983.

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