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JAPAN Notstand bei Hofe

Steigerung im Drama um Kronprinzessin Masako: Krank und erschöpft, sucht die kaiserliche Schwiegertochter Zuflucht bei ihrer bürgerlichen Familie.
aus DER SPIEGEL 18/2004

Vergebens warteten Nippons Hofreporter auf das huldvolle Winken der Kaiserlichen Hoheit - die schwarze Limousine verließ das ummauerte Areal des Kronprinzen-Palais in Tokio ohne Halt. Hinter zugezogenen Gardinen war nur ein Schatten sichtbar: Prinzessin Masako, 40.

Die Abreise der zarten Dame Ende März war ein beispielloser Bruch mit Japans ehernen Traditionen. Um sich von Krankheit und seelischer Erschöpfung zu erholen, hatte Masako eine Auszeit von majestätischen Pflichten genommen und sich in den Schoß ihrer bürgerlichen Familie abgesetzt. Fernab kaiserlicher Residenzen weilt sie derzeit in einer privaten Villa im Ferienort Karuizawa nordwestlich Tokios.

Die Flucht aus höfischer Enge wurde der Prinzessin von ihren Leibärzten verordnet. Selbst dem 70. Geburtstag von Tenno Akihito durfte sie fernbleiben. Verständlich, dass die Untertanen zutiefst beunruhigt sind: Masakos »ernster Zustand« werde verheimlicht, argwöhnt das Magazin »Shukan Shincho«, das Frauenblatt »Josei Seven« rief gar den »Notstand« aus.

Die Abwesenheit der Prinzessin ist ein Zeichen der Niederlage: Japans mächtige, konservative Beamte, die den Alltag der Kaiserfamilie regeln, haben kapituliert. Anfangs war Masakos Genesungsurlaub nur für knapp zwei Wochen geplant; inzwischen mussten die strengen Zeremonienmeister sogar einwilligen, ihn auf unbestimmte Zeit zu verlängern. Aus Sorge um das Befinden der Prinzessin blieb den Hofschranzen keine Wahl.

Verblichen sind die märchenhaften Bilder, als Masako, geborene Owada, und Kronprinz Naruhito vor elf Jahren im offenen Wagen durch Tokio fuhren. Die weltläufige Harvard-Absolventin und Karriere-Diplomatin würde helfen, Nippons Kaiserhof kraft ihrer Jugend zu modernisieren, glaubte die Welt damals.

Doch ihre Landsleute erwarteten von der bürgerlichen Prinzessin anderes und - aus japanischer Sicht - Wichtigeres: Durch die Geburt eines männlichen Thronfolgers sollte Masako die über 2600 Jahre alte Kaiserdynastie vor dem Aussterben bewahren. Nach acht Jahren Ehe, einer Fehlgeburt, wachsender Ungeduld der Presse und hohem Aufwand ärztlicher Kunst kam 2001 endlich Nachwuchs - Tochter Aiko.

Spätestens jetzt hätten Japans Politiker Masako von dem Druck befreien können, auch noch einen Sohn gebären zu müssen. Doch halbherzige Vorstöße, die weibliche Thronfolge wieder einzuführen - die es in Japan früher einmal gab -, verstummten schnell. Stattdessen spekulierten Hofchronisten über neuerliche kaiserliche Versuche, auch den ersehnten männlichen Nachwuchs noch zu zeugen.

Masako ließ sich die Anspannung zunächst nicht anmerken. Stets lächelte sie, wie man es von einer Prinzessin erwartet, traditionell ging sie oft mit gesenktem Blick drei Schritte hinter ihrem Gemahl: eine Ex-

Diplomatin in der Rolle der japanischen Mustergattin. Tapfer, aber wenig erfolgreich bemühte sie sich, Töchterchen Aiko durch Spaziergänge außerhalb des Hofes mit nichtadligen Kindern in Kontakt zu bringen. Doch sie traf meist nur auf Heerscharen aufdringlicher Kameraleute.

Eines Tages fiel Insidern auf, dass die Prinzessin aufgehört hatte zu lächeln. Im Dezember wurde sie in das Hof-Hospital eingeliefert. Die Ärzte diagnostizierten ein Leiden, das meist durch Stress ausgelöst wird: Gürtelrose. Seitdem nimmt Masako öffentliche Aufgaben nicht mehr wahr.

Reichlich spät erinnert sich die Nation jetzt an das ähnliche Schicksal von Kaiserin Michiko, 69, Japans erster bürgerlicher Prinzessin. Ebenfalls nach einer Fehlgeburt und gequält von ihrer intriganten Schwiegermutter wich Michiko 1963 in die Einsamkeit einer kaiserlichen Strand-Residenz aus. Gesellschaft leistete ihr lediglich der eigene Vater; der damalige Kronprinz und jetzige Tenno besuchte sie nur ein einziges Mal.

In dieser Hinsicht ergeht es Masako zwar besser: In Karuizawa kann sie mit Mutter und Vater entspannen, mit Tochter Aiko und dem geliebten Hündchen »Chocolat«, selbst Gemahl Naruhito ist bisweilen vor Ort. Doch wie einst Kaiserin Michiko, die unter den höfischen Strapazen vorzeitig alterte und zeitweilig gar in Sprachlosigkeit verfiel, dürfte auch Masako dem Prinzessinnen-Schicksal nicht entkommen.

Denn die modern erzogene Bürgerstochter heiratete in eine der traditionellsten Familien der Welt ein. Das kaiserliche Anwesen in Tokio gleicht einer Insel, auf der die Zeit stillsteht.

Nach der Verfassung von 1947 muss sich das »Symbol des Staates« aus der Politik heraushalten. So forscht der Tenno in seiner Freizeit an Meerestieren, der Kronprinz erkundete die Historie englischer Wasserstraßen, und der jüngste Sohn, Prinz Akishino, promovierte über Hühner.

Gleichwohl bleibt Masako ein Trost: Anders als einst die britische Prinzessin Diana kann sich Nippons zukünftige Kaiserin offenbar auf die eheliche Treue ihres Gemahls verlassen. Auch sein vor der Hochzeit gegebenes Versprechen, Masako in Schutz zu nehmen, erfüllte der Kronprinz mit einer für japanische Blaublüter geradezu krassen Warnung: Er verstehe die Bedeutung eines Thronerben, mahnte Naruhito. Aber er wünsche, seine Frau könne »in Ruhe leben, ohne Druck: Nehmt Rücksicht auf sie!« WIELAND WAGNER

* Offizielles Foto zur Vermählung von Kronprinz Naruhito undPrinzessin Masako am 9. Juni 1993 in Tokio.

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