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Briefe

Notwendige Differenzierung
aus DER SPIEGEL 34/1987

Notwendige Differenzierung

(Nr. 31/1987, SPIEGEL-Essay, Rudolf Augstein: »Wie man Auschwitz historisiert") *

Ich habe das Gefühl, daß hier Scholastik auf hohem Niveau betrieben wird, und vor allem Personenkult. Man hat den Eindruck, daß Weltgeschichte als Pokerspiel einiger wichtiger Männer (Friedrich, Bismarck, Stalin, Hitler und andere) betrachtet wird, die losgelöst von ihren Völkern agieren.

Adliswil (Schweiz) KLAUS RINGEL

Auffällig an Ernst Nolte, der Stalins Klassenmord zu Hitlers Auschwitz-Vorbild befördert, und seinen Kritikern, die da Entsetzliches mit Einzigartigem aufgerechnet sehen, ist der Verzicht darauf, einmal nachzuschauen, was denn Hitler selbst an Stalin so nachahmenswert fand. Noch am 26. Februar 1945 hat er sich dazu geäußert - ganz ohne Angst übrigens: _____« Die Sowjets zeigen die Langmut eines Dickhäuters nur » _____« gegenüber den verjudeten Demokratien. Sie wissen nämlich, » _____« daß diese ganz von selbst einmal ohne jeden äußerlichen » _____« Anstoß ihnen zum Opfer fallen werden. Aber sie wissen » _____« auch, daß sie darauf in einem nationalsozialistischen » _____« Reich niemals spekulieren können. Sie wissen, daß wir » _____« ihnen in jeder Beziehung, im Frieden mehr noch als im » _____« Kriege, turmhoch überlegen sind ... » _____« Während eines ganzen Jahres hatten wir uns in der » _____« Hoffnung gesonnt, eine vernünftige, wenn auch nicht » _____« gerade übermäßig freundschaftliche Zusammenarbeit mit » _____« Stalin sei möglich. Ich bildete mir ein, 15 Jahre der » _____« Macht und Verantwortung müßten einen Realisten - und » _____« Stalin ist zweifellos ein Realist - von den Eierschalen » _____« der nebulösen marxistischen Ideologie befreien, die nur » _____« als Opium weiterhin für fremde Völker in Reserve gehalten » _____« wurden. Die Brutalität, mit welcher die jüdische » _____« Intelligenz liquidiert wurde, nachdem sie den Zweck, das » _____« zaristische Reich zu zersetzen, erfüllt hatte, schien » _____« diese Annahme zu rechtfertigen. (H. R. Trevor-Roper und A » _____« Francois-Poncet, Hitlers politisches Testament. Die » _____« Bormann-Diktate vom Februar und April 1945 (1961), Knaus » _____« Verlag, Hamburg 1981, S. 115 f.). »

Im Judenliquidierer Stalin sah Hitler einen vernünftigen Ansprechpartner. Dem Kulakenmetzger hielt er »Eierschalen« zugute. Eine Rechtfertigung für Auschwitz konstruiert sich Hitler bei Begutachtung Sowjetrußlands aus der Gemeinsamkeit des Judenhasses. Um ihn müßte die Debatte gehen.

Bremen PROF. DR. GUNNAR HEINSOHN Universität Bremen

Nach Ernst Nolte erklärte der »Jüdische Weltkongreß« im September 1939 dem Deutschen Reich den Krieg? Eher wird umgekehrt ein Schuh daraus: Das Deutsche Reich erklärte bereits im November 1938 - sechs Wochen nach dem Münchner Abkommen, das die Welt die Friedensliebe Hitlers glauben machen sollte - den Juden den Krieg, als es diesen eine »Reichskontribution« - so der Name der von Göring unterzeichneten Verordnung - von einer Milliarde Reichsmark auferlegte. Nach 1945 wurde dies in den Geschichtsbüchern und von Historikern als »Geldbuße« bagatellisiert.

Eine »Kontribution« wird völkerrechtlich nur während eines Krieges von den im Lande verbliebenen Feinden erhoben!

Sehnde (Nieders.) J. C. MAHRENHOLZ

Nolte übersieht, daß es keinen »Jüdischen Weltkongreß« gegeben hat, noch gibt. Chaim Weizmann war der Präsident der Zionistischen Organisation. Diese hat keineswegs das »Weltjudentum« vertreten. Die wenigsten Juden

waren Zionisten. Viele haben sich gegen den Zionismus ausgesprochen. Alles, was Weizmann gesagt hat, ist dies: Da sich Großbritannien im Kriege gegen Hitler befindet, werden wir Zionisten gut tun, unsere eigene Auseinandersetzung mit Großbritannien zu vertagen. Ein Historiker, welcher von einem »Jüdischen Weltkongreß« spricht, übernimmt Hitlers Lehre vom Weltjudentum. Die Nazis sprechen von einer Geheimorganisation, deren Bestehen nicht zugegeben werde.

Berlin JULIUS POSENER

Alles hat eine Erklärung. Erklären ist doch nicht entschuldigen. Unsere Schuld bleibt.

Imperialismus, Nationalismus, Rassismus, Herrenwahn sind keine nazideutschen Erfindungen. Aber sie erreichten im Dritten Reich ein Ausmaß und eine

Pervertierung, die nur zu erklären sind aus deutscher Gründlichkeit und spätabendländischer Untergangsstimmung.

Neben Erklärung brauchen wir Differenzierung zwischen Führern und Verführten, Fanatikern und Gehorsamen, Sadisten und Machtlosen, SS-Einsatzgruppenmördern oder Waffen-SS-Soldaten.

Nicht allein gibt es, seit Kant, eine selbstverschuldete Unmündigkeit. Auch Unmenschlichkeit ist selbst verschuldet.

Wittingen (Nieders.) HENDRIK KORTING

Die nationalsozialistischen Verbrechen mit anderweitigen historischen Gewalttaten in Zusammenhang zu bringen oder zu vergleichen, führt zwangsläufig zu einer Verniedlichung der NS-Taten. In der Vergangenheit, wie auch gegenwärtig, werden Menschen noch unterdrückt und getötet. Dies ist allerdings keine

Rechtfertigung, von den NS-Taten abzulenken.

Witten (Nrdrh.-Westf.) MARTINA LEUSCHNER

Die Menschen lernen nicht aus der Geschichte. Leider. Vergessen dürfen sie sie nicht. Der Nationalsozialismus war ein einzigartiges Verbrechen von Menschen an Menschen. Daran sollten wir uns immer wieder erinnern.

Oberkochen (Bad.-Württ.) ANTJE U. ROWE

BRIEFE *KASTEN

Gleiches Kraftfeld *

Als »beängstigend komisch« empfindet es Rudolf Augstein, wenn »neuerdings in der 'FAZ'« (aus der Feder von Ernst Nolte) zu lesen ist, »Nationalsozialismus und Bolschewismus müßten miteinander historisiert werden«. Weil ich anderswo das gleiche geschrieben habe (Piper-Dokumentation S. 125) und andererseits weiß, daß das Wort von der »Historisierung« einige Irritation hervorgerufen hat, möchte ich dazu ein paar Bemerkungen machen.

Eine Hauptsache ist, den Nationalsozialismus in seiner Massenbasis (und nicht nur auf den Stufen der Führungshierarchie und des Gewaltapparats) als ein dramatisches Stück moderner Sozialgeschichte zu begreifen. Das ist ebenso für den Sowjetkommunismus geltend zu machen, den viele immer noch als das Produkt seiner Ideologie deuten.

Beide Sozialgeschichten gewannen ihre Dramatik und Hitze aus einem und demselben Kraftfeld des kapitalistischen Hochindustrialismus, des modernen Imperialismus und der »Katastrophen-Aussaat« (G. Kennan) des Weltkriegs.

Zwischen der sozialrevolutionären und der faschistischen Massenmobilisation bestand von Anfang eine Todfeindschaft, die für sie wechselseitig konstitutiv war und die aufzuhellen ein wichtiges Stück historischer Arbeit darstellt.

Zur »Historisierung« gehört also zumal, daß man für »Nationalsozialismus und Bolschewismus« nicht »Hitler und Stalin« sagt und deren persönlichen Pathologien nachgeht, sondern dem, wie die Bewegungen und Kollisionen in dem Gemenge von Nationen, Klassen und Schichten stellenweise »Umstände und Verhältnisse« geschaffen haben, die Ungeheuerliches »ermöglichten« - also zu begreifen, wie die Großnationen Europas im Konfliktfeld des modernen Imperialismus

in einen »Aggregatzustand« geraten sind, in dem sie sich in einen dreißigjährigen Welt- und Bürgerkrieg stürzten. Die befreite Massenbasis dieser Großmobilisation ist das Beunruhigende.

»Historisierung« heißt ferner: nicht der Vorstellung nachhängen, man könnte irgendwo in der Vorgeschichte eine »Punktquelle« auffinden, aus der sich das Nachfolgende zwangsläufig »ergeben« hätte. Für Auschwitz war weder Hitler eine solche Punktquelle, noch zielt Ernst Nolte darauf ab, statt dessen Stalin dafür zu nominieren. Der Wiener Antisemitismus ist es ebensowenig. Die Ermöglichungen kommen sukzessive zusammen. Niemand wird punktuell »Auschwitz« auf dieselbe unmögliche Weise »historisieren« wollen, wie Augstein es »personalisiert«, indem er von Hitler sagt: »Er war nicht frei, Auschwitz nicht zu veranstalten.« Die Freiheit, es auch wirklich zu tun, haben ihm leider nur zu viele Deutsche durch ihre tätige Mitwirkung verschafft, und die Staatsnation insgesamt ermöglichte es durch den Ausnahmezustand, in den sie sich 1933 bis 1941 versetzt hat.

»Historisierung« heißt endlich, daß die Verhandlung über die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts aus der bornierten Aufrechnungs-Konkurrenz der Nationalismen heraus müßte, aus der Ecke einer vulgärjuristischen Denkweise der Beschuldigungen und Rechtfertigungen und aus dem Weihrauchdunst kraftloser moralpädagogischer Beschwörungen.

Im übrigen denke ich: Die Rede von der »Vergangenheit, die nicht vergehen will«, muß sich gar nicht in erster Linie auf den Alpdruck von Erinnerungen beziehen, viel gewichtiger auf das reale Fortbestehen von epochalen Grundbedingungen und das Fortwirken von Mechanismen einer imperialen Zivilisation.

Darmstadt PROF. HELMUT FLEISCHER

BRIEFE

Auch Eltern verantwortlich

(Nr. 32/1987, Pornographie) *

Es verwundert nicht, daß die Sexunternehmerin Beate Uhse den Gesetzentwurf des Bundesrats zum Vermietverbot für jugendgefährdende Videofilme als »von der Liberalität her nicht witzig« bezeichnet.

Wenn aber der FDP-Abgeordnete Norbert Eimer in das gleiche Horn stößt, so wirft dies ein bezeichnendes Licht darauf, was Liberale unter Liberalität verstehen. Eimer und seiner Fraktion sollte der verfassungsrechtlich verankerte Schutz der Jugend mehr wert sein als das Prädikat »absoluter Schmarrn«.

Einen ebenso bezeichnenden Einblick in sein Verfassungs- und Amtsverständnis liefert der Leiter der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, Rudolf Stefen, wenn er einen Gesetzentwurf des Bundesrats als »Witz« und Videothekare als die »armen Schweine« bezeichnet und er sich in öffentlicher Umarmung mit einer Hannoveraner »Queen of Porno« ablichten läßt. Hier sind seine Dienstherrin, Rita Süssmuth, und deren Verständnis von »Liberalität« gefordert.

Tatsächlich kann der heutige Jugendschutz solcher Mißstände und Umgehungsmöglichkeiten nicht Herr werden. Das verdanken wir aber der FDP, die sich noch damit brüstet, bei der Novellierung des Jugendschutzrechts 1985 das Vermietverbot für indizierte Videos verhindert zu haben.

Nur ein Vermietverbot für jugendgefährdende Videofilme kann aber der weiten und kostengünstigen Verbreitung solcher Schundprodukte Einhalt gebieten. Richtig ist zwar, daß gekaufte Videokassetten nicht wie gemietete nach wenigen Tagen zurückgegeben werden, dafür wird aber die Anzahl erheblich geringer sein.

Selbstverständlich wird die Staatsregierung mit einer gezielten Medienpädagogik auch darauf hinwirken, daß die Eltern ihrer Verantwortung, die ihnen der Staat nicht abnimmt, gerecht werden und die Schundprodukte aus ihrer Wohnung verbannen.

München DR. EDMUND STOIBER Staatsminister

BRIEFE

Raketen statt Mätressen

(Nr. 32/1987, Raumfahrt: Teurer Aufbruch ins All) *

Wir schreiben das Jahr 2015: Auf einer von mehreren europäischen Industrieplattformen im Weltraum macht ein 28 Jahre altes SPIEGEL-Magazin die Runde. Deutsche Arbeitsexperten übersetzen ihren Kollegen einige Passagen eines Artikels über Kosten-Nutzen-Verhältnis der Weltraumforschung. Nach entspannender Heiterkeit über die damaligen borniert-kurzsichtigen Aussagen wird das Papier-Relikt mittels schwerkraftminimalem Diffusionsverfahren zu neuartigen Grundstoffen verarbeitet.

Nur der am Bildschirm sitzende CAM-Bediener erinnert sich: Damals waren No-Future-Propheten salonfähig.

Emsbüren (Nieders.) HEINRICH KRÖGER

Unser Forschungsminister hat die neuen Weltraumvorhaben (Columbus, Hermes, Ariane-5) auch mit dem Nutzen für die Weltraumforschung begründet. Dieser Begründung möchte ich widersprechen. Alles, was bisher in der bemannten Weltraumfahrt erforscht wurde (vielleicht ausgenommen der Sektor Medizin), kann man insgesamt wesentlich preiswerter durch unbemannte Missionen erhalten.

Zwar kostet die Automatisierung der einzelnen Experimente mehr, aber der ganze enorme Aufwand, der für die bemannte Weltraumforschung notwendig ist, entfällt. Außerdem ist eine Raumstation für astrophysikalische Probleme ohnehin nur sehr beschränkt einsetzbar. Eine Erforschung anderer Himmelskörper ist ganz ausgeschlossen.

Insgesamt ist die bemannte Raumstation ein milliardenteures politisches Prestigeprodukt, wogegen interessante Raummissionen, wie etwa die Mission Giotto zum Kometen Halley, gegenüber den hohen Kosten für die bemannte Raumfahrt zu einem Trinkgeld zu haben sind.

Wie das alles bezahlt werden soll, wo doch schon die vorgesehene Steuerreform und die Europäische Gemeinschaft kaum finanzierbar zu sein scheinen, bleibt eine offene Frage.

Heidelberg PROFESSOR H. FECHTIG Max-Planck-Institut für Kernphysik Abt. Kosmophysik

Sie schreiben es selbst: »In Wahrheit sind die Entscheidungen schon gefallen.« Hat das Volk zugestimmt? Hat die Volksvertretung zugestimmt? Wer war es denn, der die Entscheidung getroffen hat? Wir wissen alle, wer entschieden hat. Herr Reagan. Beim Geldausgeben haben wir offensichtlich weniger Demokratie als ehemalige Kolonialgebiete.

Dabei entstand die Demokratie gerade beim Geld. Wir hier in Württemberg wissen es. Es waren die Landstände, die damals die Herzöge und sonstige Fürsten dazu gezwungen haben, das Geld nur im Einvernehmen mit eben diesen Landständen

auszugeben, und das war, wie es allgemein hieß, der Anfang der Demokratie in deutschen Landen.

Die Milliarden gingen damals auch an volksfremde Institutionen. Die Atome und die Raketen hießen allerdings: Mätressen. Sie wurden dann abgeschafft, von den eigenen Demokraten des eigenen Volkes, ebenfalls mit einer Null-Lösung. Die Geldfrage, das heißt, die entscheidende Mitbestimmung beim Geldausgeben, war der Ursprung der Demokratie. Keine hohe Philosophie oder sonstiges Spintisieren über diese Institution, sondern ein ganz einfacher, typisch schwäbischer Sparsamkeits- und Ordnungsgesichtspunkt.

Stuttgart DR. JUR. LUDWIG WEMMER

BRIEFE

A Schmarrn is dös

(Nr. 32/1987, Kommentar, Rudolf Augstein: Wir Bayern oder »Mir san mir") *

Was san mir denn? Gott schuf Kluge, Dumme, ganz Dumme und genügend bayrische Deppen! Das ist auch der Grund dafür, daß die CSU seit Jahren die absolute Mehrheit bei Wahlen erzielt hat. Den 8. Juni 1814 halte ich für einen »Trauertag«. An diesem Tag wurde Unterfranken Bayern zugeordnet!

Würzburg KARL KIRCHNER

Und wer seids Ees? Zur Klärung für Herrn Augstein und alle Freien Hansestädtler: Bayern besteht aus Altbayern, Schwaben und Franken. Diese Vielfalt dreier Kulturen ist unsere Stärke, nicht die Parteienlandschaft. Die Sudetendeutschen sind längst integriert, während die Preußenschwemme unvermindert anschwillt.

Es ist alles leichter zu verstehen, wenn man die Bundesrepublik korrekt definiert. Sie besteht aus zehn Bundesländern und einem Freistaat. Host mi?

Litzldorf (Bayern) JOHANN HÖFER Bayer

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