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SPIEGEL-Report über die Wiederkehr der Dialekte »Nu treckt se de Slips wedder af«

Goethes »Faust« und das Neue Testament kamen auf Platt heraus, im Badischen wird politischer Protest auf alemannisch vorgetragen, in Bayern pauken Sprachschmalen Bayrisch, und in ganz Westdeutschland dichten junge Lyriker in Dialekten: Mundart, lange als Merkmal minderer Herkunft geschmäht, ist den Deutschen wieder lieb geworden.
aus DER SPIEGEL 17/1976

Drei Tage lang trutzte das Volk in den Elbmarschen dem Orkan. Als dann die dritte Jahrhundertflut in diesem Jahrhundert vorüber war und in der Backsteinkirche von Brokdorf, direkt hinterm ausgehöhlten Deich, ein Gottesdienst gehalten wurde, dräute Pastor Hans Lohse, 64, auf Platt: »Wat brust de Storm, de Mensch is een Worm, wat brüllt de See, een Dreck is he.«

In einem Hinterzimmer der Fraunhofer-Gaststätte in Münchens City versammelten sich, wie an jedem Dienstagabend. Bürger in Gammel-Tracht. Andächtig lauschte die Runde, die einander bei Bier und selbstgedrehten Zigaretten bayrische Gedichte etwa über einen »Groobschdoa« (Grabstein) oder ein »valiabds Woiros« (verliebtes Walroß) vorzutragen pflegt, der poetischen Bilanz von Josef Wittmann, 25, tagsüber Industriekaufmann: »D Fabrik grau. D Schdraß grau. Da Himme grau. Da Dog zwischn sieme in da fruah und aufdnachd um sieme grau -- wia an Schef sei Anzug.«

Vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg veräppelte Stuttgarts sozialdemokratische Wählerinitiative den »hochverährten« Regierungschef Hans Filbinger auf schwäbisch: Aus »Protescht« gegen den »rote Onternehmer, Robert Bosch ("wo mit seinere Erfendong von dr Zendkerz schtoireich worde ischt, ond trotzdem hot der Bachel sozialdemokratisch gewählt") kündigte ein Briefschreiber an, er wolle »älle dia Zendkerze aus onserem Auto rausschraube«, denn: »Ihr Gesicht, Herr Minischterpräsident, gibt so viel Fonke, ond dia tätet langa, oms Benzin en onsere Auto z' zende.«

Pastor, Dichter und Partei-Fabulant kündeten von ein und demselben: Dem Volk wird wieder aufs Maul geschaut. »Mundart ist ganz allgemein wieder in«, sagt der Hamburger Germanistikprofessor Dieter Möhn, »wird in allen Schichten gesprochen und gilt in gewissen Kreisen der high snobiety geradezu als schick.« Der Mainzer Ordinarius für Volkskunde, Herbert Schwedt, spricht von einer »Renaissance der Dialekte«. Bert Brecht ("Ist das Volk so tümlich?") würde sich wundern: Es ist. Nicht nur im süddeutschen Raum, wo allezeit gebabbelt und gebayert wurde, sondern auch und vor allem im hochdeutschen Norden ist das Derbe wieder fein. Auf Platt kam Goethes »Faust« heraus und »Dat Niee Testament« -- »ut de griechische Uurspraak öwerdragen«. Die ersten 5000 Exemplare der Bibelubersetzung, Anfang März erschienen, waren binnen Wochen ausverkauft. Zugleich wurde, über 30 Jahre nach ihrer Vollendung, Friedrich Ernst Peters schleswig-holsteinische Dorf-Chronik »Baasdörper Krönk« gedruckt -- ein von Kennern hoch gelobtes Werk, dessen Veröffentlichung gleichwohl jahrzehntelang als verlegerisches Risiko gegolten hatte.

Umgekehrt wurde Fritz Reuter, der große plattdeutsche Freihheitsdichter und verehrt von Bismarck wie Thomas Mann, einem breiten Leserkreis erschlossen: Sein Hauptwerk »Ut mine Stromtid«, in Mecklenburger Platt, erschien auf hochdeutsch: »Das Leben auf dem Lande« -»etwas für die Sehnsucht nach der Seelenlage der Vergangenheit, die Heimat verspricht«, wie der Übersetzer Friedrich Minssen sagt. Unter Berufung auf Goethe hofft er, seine »Übersetzung erwecke wie eine verschleierte Schöne beim Leser die unwiderstehliche Neigung nach der unverschleierten Pracht des Originals«.

Dieser Neigung geben sich eine Million Stammhörer hin, wenn der NDR am Montag- und Freitagabend plattdeutsche Hörspiele sendet -- doppelt so viele wie bei einem hochdeutschen Stück. »Zunehmendes Interesse« meldet der WDR für sein wöchentliches Mundart-Stück, mal in- rheinischen Singsang, mal auf westfälisch Platt.

Amtlich wie privat ist ohne Kenntnis des Niederdeutschen das Durchkommen schwieriger geworden. »Dat duert nich lang, wimakt dat ak för ju, un wenn ji nix to doon hebbt, denn kiek man een beten to« -- so erläuterte Bremens Senat auf einem Schild Bauarbeiten. Ein Ostfriesen-Paar zeigte seine Heirat mit dem Satz an: »Wi hebbt uns Plünnen bin armer smäten.«

Und für die. die es nicht verstehen, empfiehlt sich die Volkshochschule. Im letzten Jahr hat das Institut für niederdeutsche Sprache in Bremen den ersten Experimentierkurs eingerichtet -- unterdessen bieten bereits 45 weitere Volkshochschulen Fremdsprachenkurse für Platt an.

In westfälischen Pinten lebt das Sprachen-Spiel wieder auf, wonach am Stammtisch oder Tresen nur Platt gesprochen werden darf -- bei Strafe einer Runde oder einer Buße in die Saufkasse. Wenn in der Wilster Marsch der Jagdverein Wewelsfleth die Strecke feiert und einer gerät aus dem Platt zurück ins hohe Deutsch, dann gilt das als Zeichen für Volltrunkenheit: »Denn het he cen in de Kist«, erläutert der Bäcker Karl Hugo Sievers, »denn kummt dat wedder rut, wat bin ick und wat bist du.«

Und wie in den Kneipen ist auch in den Kirchen wieder allenthalben Platt zu hören. Seit 1973 ruft der »Preesterkring«, Zusammenschluß von rund 150 niederdeutschen Pastoren, einmal im Jahr einen Plattdeutschen Sonntag aus, der in Hunderten von Kirchen gehalten wird. Immer mehr auch wird auf Platt getauft, getraut und beerdigt. Der Preesterkring kann den Nachfragen kaum nachkommen. »Platt in de Kark, das schafft eben Atmosphäre«, sagt der »Öllermann« vom Kring, Johannes Thies. Und wahrlich, »Veerdusend ward satt« ist eher ein Ohrwurm als die »Speisung der Viertausend«.

Die bundesweite Popularität vom Plattdeutschen aller Varianten, von Kölsch und von Gebabbele, Bajuwarischem und Alemannischem signalisiert die Auferstehung längst totgesagten Kulturguts, bedeutet Tendenzwende auch beim Mundwerk. Zwar waren die Deutschen stets ein »zweisprachiges Volk« geblieben, wie der Bonner Germanistik-Professor Werner Besch sagt. Als Allensbach vor zehn Jahren umfragte, beherrschten immerhin noch sieben von zehn Erwachsenen irgendeinen Dialekt perfekt oder ein wenig. Aber im vertrauten Idiom wurde, wenn überhaupt, fast ausschließlich im Familien- oder Freundeskreis geredet.

In der Öffentlichkeit Dialekt oder Platt zu sprechen, Konsonanten zu verschlucken oder Vokale zu verschieben, galt weiterhin als sozialer Makel, bezeichnend eben für Alte und Bauern. dpa verbreitete als »Faustregel": »Je höher der soziale Status, desto weniger Dialekt.« Und »Bild« bespöttelte Babbler und Schwabbler: »Sei verdibbsch« Sie sind ja unfein.«

Mit deutscher Gründlichkeit waren Germanisten allerorten, Schulmeister mit und ohne Lehramt bedacht gewesen, das Volk sprachlich gleichzuschalten. »Diese zornigen jungen Männer haben in Wildwestmanier um sich geschossen«, erinnert sich der Tübinger Professor für empirische Kulturwissenschaft Hermann Bausinger' »damit ja alle Kinder die Hochsprache lernen und keines benachteiligt ist.«

Noch immer plagt manchen der Mundart-Minderwertigkeitskomplex' gerade dann, wenn er nach Höherem strebt. So bemüht sich der rheinlandpfälzische Premier und CDU-Chef Helmut Kohl, seinen Pfälzer Einschlag, den er in der Mainzer Staatskanzlei durchaus hören läßt, in Bonn krampfhaft zu vermeiden -- wenn auch mit mäßigem Erfolg.

Wie bei dem Pfälzer, so hielt bei Bürgern jeglichen Standes zumindest die landsmannschaftliche Klangfärbung oft aller Umerziehung stand. Zwar führten in Berlins »feinen Kreisen«, so die »Morgenpost«, »Mutter, Tante, Gouvernante einen erbitterten Kleinkrieg gegen »ick« und »det'«; aber es blieb doch meist beim »Berlinan«, beim »Qogen«, »Fleesch« und »Beene«. Selbst bewußte Bayern rangen, trotz aller Freistaatstümelei' um den reinen Preußenton -- und waren doch allemal als Weiß-Blaue auszumachen.

Erfolglos wetterte der Münchner Philosophie-Professor Anton Neuhäusler gegen das »nationale Esperanto"' wie er Luthers Nachfolgelaute nannte: »Uns hängt der Irrtum an, daß Nach-der-Schrift-Sprechen, Hochdeutsch also, mit Gebildetsein gleichzusetzen sei.« Vergeblich rief in den sechziger Jahren Anton Hilckmann' Professor für vergleichende Kulturwissenschaft, zur Rettung der »Stammes-'Seele"' aus der »sprachlich standardisierten und uniformierten Masse« auf. Aber diese »seltsame seelische Entleerung«, dieses »gewisse Verdorren der Umgangssprache«, so ein Seufzer in Hamburgs konservativem »Abendblatt«, schien unaufhaltsam fortzuschreiten.

Fernsehen brachte das Deutsch der Höheren bis in den letzten Winkel der Republik und setzte sich schließlich auch in Stallknechtsohren fest. Hamburgs »Ohnsorg-Theater« und Münchens »Komödienstadl«, die auf der Bühne unverfälscht reden, mühten sich vor der TV-Kamera mit stark abgeschwächtem Idiom um Verständnis für jedermann.

Die große Stammesvermischung nach dem Kriege zwischen Ostpreußen und Holsteinern, Schlesiern und Rheinländern trug dazu bei, Mundart zu nivellieren. Und schließlich sprachen hier und da objektive Kommunikationsschwierigkeiten für den Abbau der Sprachbarrieren. Denn wer versteht schon, wenn er nicht von Frankfurt ist. was das melodische Geplänkel bedeuten soll: »Isch haach der aans uffs Aach urmuffs armern Aach aach aans.« Aufpassen heißt's, denn einer will einem eins aufs Auge hauen und aufs andere Auge auch eins.

Wem erschließt sich schon auf Anhieb, was der saarländische Dichter Alfred Gulden meint, wenn er lyrisch lallt: »Lou mol lo, lo laida.« Hingucken soll man, denn da liegt einer. So beträchtlich ist immer noch das Sprachgefälle von den Bergen bis zur Waterkant, daß die Bundesbahn, als sie unlängst achtzig bayrische Spezialisten zum Streckenbau in Ostfriesland einsetzte, eigens einen Übersetzer bestellen mußte.

Auf breiter Front aber gerieten Nuschelei und Niederdeutsch immer tiefer in Verruf. Fremdlaute anderer Art kamen ins Hochdeutsche -- Party und Power, Teamwork und Marketing. Hinzu trat der Kode der Systemveränderer: Konsumterror und repressive Toleranz. Demonstrationssprüche aus dem Lexikon des Untermenschen wurden zum Volksvermögen: »Haut dem Bullenpack auf den Sack.«

Doch als es sich ausgehauen hatte, war den Jüngern von Marx und Marcuse »die Sprache der Arbeiterklasse in den Blickwinkel gerückt«, wie Volkskundler Schwedt analysierte. Die linke Zeitschrift »Kürbiskern« zum Beispiel schwärmte in einer Sondernummer über »Heimat und Revolution«, Polit-Mundart eröffne »eine ganze weitere Dimension in der Herausbildung proletarischen Bewußtseins, bis hin zu sozialistischen Heimatromanen«. Die um Herz und Hirn der Werktätigen bemühten Revoluzzer unternahmen, so Schwedt, »regelrechte Exkursionen in die Subkultur der Sprache: Heute sprechen die linksten Studenten die breiteste Mundart«.

Nicht anders unter Bürgerlichen, und selbst Westdeutschlands Wissenschaftler entledigten sich der Sprachstelzen. Nun auf einmal gilt in den Germanistikseminaren der Dialekt »nicht mehr als eine dumme Sprache«, so berichtet Pofessor Besch. »Mundart wurde als wichtige Form der Kommunikation anerkannt«, sagt Kollege Möhn, und fortan wurden angehende Lehrer gelehrt, »die eigene Gesetzmäßigkeit der gesprochenen Sprache in den Unterricht mit einzubeziehen«.

An Göttingens Universität soll vom Sommersemester an wieder ein Niederdeutsch-Experte lesen, Professor Dieter Stellmacher. An Beschs Bonner Institut läuft derzeit das größte Dialektforschungsprogramm der Republik. Aus Zehntausenden von Aufsätzen werden jene Fehler destilliert, die mundartbedingt sind (bis zu 30 Prozent).

Die typischen Abweichungen des Dialekts vom Hochdeutschen sollen in Schulbüchern zusammengefaßt werden, von denen das erste (auf hessisch) in diesem Herbst herauskommen soll. Es geht dabei, erläutert Besch, »keinesfalls um eine Verteufelung des Dialekts, sondern um eine Sensibilisierung der Lehrer und Kinder für sprachliche Eigenheiten, damit der Reibungsverlust zwischen Hochsprache und Mundart gering bleibt«.

In einer vom niedersächsischen Kultusministerium herausgegebenen Schulzeitung wurde unlängst den Eltern zum erstenmal »dit un dat ut School op Platt« erläutert. Das bayrische Kultusministerium plädierte bereits hochoffiziell für eine »friedliche Koexistenz von Schriftdeutsch und Mundart«, weil Bayrisch »ein bisserl weniger Grau und dafür ein heiteres Weiß-Blau« sowie »G'müat« ausstrahle.

Am Frankfurter Universitätsinstitut für Volkskunde wird derzeit aus 130 000 Notizen von aufgeschnappten oder abgeschriebenen Maulwörtern ein Babbel-Lexikon zusammengestellt, das schon bis zum fünften Band ("Gedibber") gediehen ist. In Münster erarbeitet eine eigene Mundartkommission ein umfassendes westfälisches Wörterbuch. Und Wissenschaftler der Marburger Universität konservierten durch 700 Tonbandaufnahmen, was ein für allemal trotz aller Sprachpflege verlorengeht: die ostdeutschen Mundarten, das masurische »Marjellehen« oder die schlesische »Lerge«. Was wieder lebendig geworden ist in der deutschen Sprache, soll bis ins ferne Afrika oder Asien zu hören sein: »Inter Nationes« gab für Sprachkurse im Ausland eine Tonbandserie »Deutsche Dialekte« heraus.

Kaum ein Bereich, kaum ein Landstrich, in dem das Phänomen nicht auftritt. In München hat der Schauspieler Philip Arp einen »Sprechkurs für Fremdlinge« eingerichtet: Als erstes wird der richtige Ton im Wirtshaus erklärt: »A Hoiwe und a Brez'n«, sodann mundartliches Vorgeplänkel für etwaige Raufereien: »Duadmaderwos?« (Tut mir der was?). »Derderfdanixdoa« (Der darf dir nichts tun). In der Schauspielschule Zerboni am Starnberger See trimmt Dialekt-Lehrer Ulrich Beiger seine Schüler auf ein so reines Bayrisch, das anderen Deutschen so fremd wie Kisuaheli klingt: »Dös is uns wurscht«, so Beiger, »wenn's not tuat, Boarisch mid Untertitel wia in am englischen Fuim.«

An der Kölner Universität hielt Dozent Heribert Hilgers bereits zweimal eine »Einführung in die kölnische Mundart«. Die Hälfte seiner Hörer waren »Imis«, wie Immigranten von den Einheimischen genannt werden. Auf hessisch wird im Regionalfernsehen für Ebbelwoi Reklame gemacht, und in der Heimatpresse etlicher Regionen werden die Käufer durch Anzeigen in der Art umworben, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. So können, so sollen sie auch auf den Ämtern reden, wie schriftliche Aufforderungen etwa beim Regierungspräsidenten in Freiburg (Südbaden) oder in Aurich (Ostfriesland) besagen.

Zu Tausenden tauchten im Norden und Süden, den Polen der Bewegung, Autoaufkleber in den eigenständigen Sprachen der Regionen auf: »Ick snack Platt, du ok?« Und: »Bi uns cha me au alemannisch schwätze.« Das badische »Bäpperli« haftet an internationalen Hotels direkt neben »On parle francais« und »We speak English«. In Bayern erwies sich ein selbstklebender Fluch von 67 Buchstaben ("Himmiherrgotzaggramentzefixallelujamilextamarschscheissglumpfaregtz") als Mundartrenner: Er wurde bislang über eine halbe Million mal verkauft.

Unter Staatsmännern und Parlamentariern ist Platt wieder Konferenzsprache. »Muß nicht allns glöben«, sagte Kanzler Schmidt seinem Publikum in der Kieler Ostseehalle, als es um die Finanzierung des Eiderdamms ging, »wat Stoltenberg seggt. Dat hebbt wi betolt.« Vor der Bonner SPD-Fraktion ging der Abgeordnete Horst Grunenberg den linken Parteifreund Norbert Gansel auf Platt an: »Du wullt jümmer in de grote Baije schieten, kannst mit'n Orsch nich övern Rand kamen und fangst 'n grodet Lamento an, wenn de Been beklackert sünd.«

Zum erstenmal in der Geschichte des Deutschen Bundestages war im letzten Dezember Platt im Parlament zu hören: Der SPD-Abgeordnete Hans Lemp suchte dem Hohen Hause zu »verklookfideln«, wie unsinnig die in Volksentscheiden begehrte Errichtung zweier Bundesländer Oldenburg und Schaumburg-Lippe wäre. Zwar bestand der Parlamentspräsident auf einer hochdeutschen Übersetzung fürs Protokoll, aber für den kommenden Bundestagswahlkampf ließ Lemp Auszüge seiner plattdeutschen Rede in Schallplatten pressen. Und nach dem Mannheimer SPD-Parteitag schmetterten Willy Brandt und Lauritz Lauritzen, mit wachem Sinn für die Zeitströmung, Arm in Arm »Sing man to, sing man ta van Herrn Pastom sin Koh ja ja.«

Längst auch bedient sich der professionelle Gesang alter Mundart. Die Saubrette Marianne Mendt, die als erste Schlager in Dialekt sang, hält dafür. daß es »im Dialekt keine kitschigen Sachen gibt, weil alles echt klingt«. Der Stamm der Hitparadenhörer lernte Mannheimerisch, als Joy Fleming mit dem »Neckarbrücken-Blues« loslegte: »Isch weeß, der kummt aach wieder z'rick, der kummt scho wieder, wann er Hunger hat. Yeah.«

Den Moritaten der Fleming folgten nicht nur deutsche Ersatzmänner für Jonny und Jimmy, »Mein Gott, Walther« und »Harry Schmidt«, es zog etwa auch »de Wunderdraken« vom friesischen Sänger und Kneipier Fiede Kay durchs U-Programm. Der Lieder-

* Molières »Tartuffe auf hessisch im ZDF mit Richard Münch. Petra-Maria Grühn und Erni Wilhelmi.

macher Hannes Wader, der einst für die Revolution klampfte, fiel ab ins Folkloristische und entdeckte, wie auch der Jazzinterpret Knut Kiesewetter,. alte niederdeutsche Balladen, die zwischen love und love in den Schlagersendungen ertönen.

Kulturelle Weihen erteilten der Volkssprache schließlich die Dramatiker Franz Xaver Kroetz, Wolfgang Deichsel und Martin Sperr. Der Bayer Sperr probierte Dialekt ausgerechnet für eine Shakespeare-Übersetzung von »Maß für Maß« erstmalig aus. Seine bayrische Trilogie reicht van den »Jagdszenen aus Niederbayern«, einer Homosexuellen-Hatz auf dem Lande, über die »Landshuter Erzählungen«, dem Krieg zweier bayrischer Bauunternehmer, bis zur »Münchner Freiheit«, einem Stück über die Münchner Grundstücksspekulation.

Wie Sperr hat auch sein Landsmann Kroetz nicht so sehr den unverfälschten Dialekt, sondern -- auf den Spuren des österreichischen Dramatikers Ödön von Horvath -- den sogenannten Bildungsjargon im Sinn: eine Kleinbürgersprache, in der die Klischees der offiziellen Sprache der Politik, der Werbung und der Massenmedien mit dem Dialekt zusammenstoßen. Die Sprache erweist sich dabei in der Nachfolge von Nestroy, Anzengruber, Horvath und Karl Valentin als Mittel, das enteignete Bewußtsein von ohnehin besitzlosen Leuten zu demonstrieren. In kritischen Volksstücken wie »Heimarbeit« oder »Stallerhof« zeigt Kroetz Außenseiter am Rande der Gesellschaft, deren Sprache, eine Mischung aus Phrase und Dialekt, ihre Unfähigkeit, sich noch gesellschaftlich zu artikulieren, belegt.

Mit der Mundart-Mode am Theater entwickelte sich ein neues Phänomen: Übersetzungen von einem Dialekt in den anderen oder von Hoch- in Niederdeutsch. Deichsels hessisches Erfolgsstück »Bleiwe lasse« etwa wurde von dem Schauspieler Philip Arp eingebayrischt: »Lass ma's bleibn«. Heinrich Henkels »Eisenwichser«, die ursprünglich Hochdeutsches stammelten, kündeten schließlich auch auf Platt von ihrem Arbeiterelend.

Selbst Französisches, speziell Molière, wurde auf deutschen Dialekt gebracht. Dramatiker Deichsel ließ einen hessischen »Menschenfeind« an den Weibern und der Welt verzweifeln und im »Tartuffe« den Organ rasannieren: »Un wenn mei Fraa, mei Kinner sterbe date, ich reech mich net mehr uff.« »Der Geizige« wurde unter der Feder des schwäbischen Schriftstellers Thaddäus Troll zum habgierigen Stuttgarter Unternehmer: »Der Entaklemmer.«

Günter Graß führte sowohl die Sprache seiner Kinder ("Was issen das?«, »Was sollichen machen?") in die Literatur ein als auch, »ei wei, schalle machei«, sein Danziger Deutsch: »Von wegen Mansch. Abjemurkst ham se dem, ond rinngewurracht innen Sack, janz säkeilt.« Siegfried Lenz sprenkelte in seine »Deutschstunde« auch Plattdeutsches ("Hei mutt wat to äten hebben"). Der bayrische Surrealismus von Herbert Achternbusch drückt sich im Originalton aus: Da widerfährt es einem verliebten Mönch, daß »ihn da Sturm an Steinhang hinuntergeworfen hat«, und einem Jäger, daß er die Wildsau nicht trifft, »weil i so a Sau bin«. Außer solcher Literatur können Münchner Buchhandlungen in »Bayrischen Bücherwochen« an die hundert Bavarici anbieten, von der »Liebe in Bajern« bis zur »Bajerischen Weltgeschicht« von Michl Ehbauer, der die göttliche Schöpfung ins Münchner Stadtviertel »Berg am Loam« verlegt.

Als die seltsamste aller »sprachlichen Zeitströmungen unter dem Stichwort Nostalgie« aber erscheint dem Kulturexperten Bausinger die Dialekt-Dichtung: »Was jahrzehntelang ein Privileg alter Leute war, hat nun eine junge Generation aufgenommen.« Der größte Mundartverlag J. P. Peter Gebr. Holstein in Rothenburg veröffentlichte neue Lyrik »ernsthaft und progressiv arbeitender Mundart-Autoren« in Frankfurterisch, in Kölsch und Saarländisch, in verschiedenen Dialekten des Fränkischen wie des Niederdeutschen.

Der Unterton ist zeitkritisch wie bei dem niederdeutschen Lyriker Oswald Andrae ("Noordwind draagt Gestank un Schuum van de neje Kläranlag. . .") oder dem Frankfurter Babbel-Poeten Kurt Sigel: »Merr hawwe nix un / merr gewwe nix / uns hat aach kanner was gewwe wie merr / nix hadde.«

»Das schlechte Odeur, das die Mundart hatte«, resümiert der Volkskunde-Professor Schwedt, »ist stark abgebaut worden.« Woran es liegt, ob es von Dauer ist oder nichts denn als eine flüchtige Erscheinung, sieht vorerst jeder anders.

Für den Mundartpfleger der »Freunde Frankfurts«, Günter Vogt, ist es ein Aufbruch »ins Sprachgrüne"' wieder mal ein Spritzer der Nostalgiewelle -- »wie Barfußgehen«, so Bonns Germanistikprofessor Besch. So betrachtet, würde es sich fügen in die Stadtflucht der Blumenkinder und Besitzbürger, die in Bauernhäusern und Mühlen das Leben auf dem Lande zelebrieren. Es würde hineinpassen in den Großmütterchen-Trend, dem sich selbst Emanzen nicht entziehen können -- die nun wieder Häkeln und Stricken, beim Brotbacken und Nudeldrehen Selbstverwirklichung suchen.

Platt paßt eben, wenn Städter am offenen Feuer schwärmerisch schwitzen, wenn sie wieder Boßeln und Tauziehen. Dialekt gehört dazu, wenn Tuten und Blasen von der Alm millionenfach in Platten gepreßt wird oder Tomi Ungerer, auch er nun ein Landmann, Volkslieder auf Alterväterweise illustriert.

Sehnen nach Vergangenem, Angst in der Gegenwart -- »Sprachänderungen entlarven«, sagt Friedrich Dürrenmatt; denn wenn das Gemeinwesen in Gefahr gerate, gebe es »seine juristische Sprache auf und wendet sich an das Volk, ... fällt in die »Volkssprache' zurück«.

Schließt sich da womöglich -- durch Ölkrise und Arbeitslosigkeit, Umweltrisiken und Städtezerstörung -- zwischen Rechten und Linken ein Kreis um neue Blut-und-Boden-Ideen? Denn auch den Nazis waren die Volkssprachen, wie alles Völkische, lieb und teuer. Da sollte das Volk Kraft durch Freude in staatlich geförderten Dialekttheatern und Speeldeelen schöpfen. »Damals war die Begeisterung groß«, sagt Wolfgang Lindow' Leiter des Niederdeutschen Instituts, »dann kam die Verdammung, und nun haben wir eindeutig eine Entkrampfung.«

Kulturwissenschaftler Bausinger sieht in der Mundartbewegung jedoch mehr als eine Befreiung von Nachkriegstabus, ganz das Gegenteil von Faschistisch-Folkloristischem: »Die volkstümlichen Sprachen wurden in der Nazizeit ja nur halbherzig gefördert, weil ihr föderalistischer Charakter der großdeutschen Idee widersprach. Das neue Dialektbewußtsein hingegen steht in Beziehung zu den Prinzipien der Partizipation, zum Bedürfnis nach direkter Demokratie.«

Vielleicht liegt es daran, daß der Bürgerprotest gegen das Atomkraftwerk in Wyhl sich fast ausschließlich in Alemannisch artikulierte: »Mir wenn lebe ün werde us wehre«; oder: »Ihr Stuttgarter Herre, gaen bloß acht, daß ihr üs Kaiserstühler keini Radikali macht.« Im schleswig-holsteinischen Brokdorf, wo sich ein zweites Wyhl andeutet und zum Sommer ein Sit-in am Standort des geplanten Meilers angekündigt ist, wurde das Marschenvolk mit plattdeutschen Plakaten sowie dem »Märken vun den Fischer und siner Fru« zum Widerstand gegen das Atomkraftwerk und gegen die Industrialisierung der Unterelbe aufgerufen.

Auf Platt soziologisch deutet Hein Clausen in der Gaststätte »Zur Schleuse« im holsteinischen Kasenort die Erscheinung: »Mit dat Schiet-Geld is dat Hochdütsch kamen, nu hefft de Buern ehm Mercedes, nu kummt ne annere Tied, nu treckt se de Slips wedder af un dat Platt wedder voer as de ollen Klamotten.« In Neuß am Rhein sagt der Mundartdichter Ludwig Soumagne es ähnlich: »Beim Emporkommen ha-

* Auf bayrisch in der Schauspielschule Zerboni ans Staruberger See.

ben die Leute den Dialekt in die Ecke gedrängt und verteufelt, und wenn sie dann oben sind, dann glauben sie, nun könnten sie es sich wieder erlauben.«

Gefühliges, darin sind alle sich einig, schwingt immer mit, wenn einer auf Altdeutsch spricht oder hört oder auch nur darüber redet. »Anschaulichkeit, Sinnlichkeit und unverwechselbare Schönheit« empfindet der südbadische Regierungspräsident Hermann Person im Alemannischen. Das ZDF-»Journal« schwärmt davon, was das Plattdeutsche, »jümmerto un jümmerto«, so alles vermag: »Schwergewichtig hämmern, quick und heiter sprudeln, gefühlvoll säuseln.« Im niederbayrischen Idiom hat der Kirchengeschichtler Professor Benno Hubensteiner »den breiten Atem von Land und Landschaft ausgemacht«.

»Falscher Traditionalismus, sehr viel idyllische Landschaft brechen wieder durch«, merkt kritisch der Kulturwissenschaftler Bausinger an. Mag wohl sein, aber ein Bedürfnis muß schon dahinterstecken: Von niemandem wurde manipuliert.

Für den, der damit groß geworden ist und es nur verdrängt hatte, ist die deftige Sprache des Vatersoder die zärtliche Mundart der Mutter eben »diejenige Sprache, in der ein Mensch auch träumt« (Besch). Vielleicht drückt sich darin, im Sinne Ernst Blochs, ein bißchen das »Prinzip Hoffnung« aus, auf das »in der Welt etwas« entstehe, »das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat«.

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