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LUFTFAHRT Null Bock

Viele bewerben sich, wenige werden auserwählt, und auch über deren Leistungen gibt es Klagen: der Stewardessen-Beruf - ein »Traumjob« mit Webfehlern. *
aus DER SPIEGEL 39/1984

Wie weiland Adam und Eva sollen sie sein: jung und schön, nicht zu klein und keinesfalls übergewichtig. Erwünscht sind »Höflichkeit und Liebenswürdigkeit«, als verpönt gelten »Akne« und »sichtbare Narben«. Alle ihre Angaben, vom exakten Körpergewicht bis zum einwandfreien »Gesundheitszustand im Ohrbereich«, werden peinlich überprüft - notfalls sogar, heißt es warnend, durch die »Behörden des Staatsschutzes«.

Über solche Qualifikationshürden müssen Anwärter und Anwärterinnen, die sich um einen Arbeitsplatz in einigen tausend Meter Höhe bewerben. Dort oben, irgendwo über Palma oder Pinneberg, dürfen sie dann als »Flugbegleiter« der Deutschen Lufthansa (Anfangsgehalt: rund 2600 Mark) Tomatensaft servieren,

Fragen hilfesuchender Passagiere beantworten, die »Sicherheits-Instruktionen« vortragen (zweisprachig) und zollfreies After Shave verkaufen. Mitunter gilt es auch, ein abgekipptes Gulasch vom Sitzpolster zu kratzen oder gar - nach Turbulenzen - das Malheur vom Fußboden zu wischen.

Merkwürdigerweise gilt der Job über den Wolken - eine Mischung aus angestauntem Sex-Objekt, Kellner(in), Konversationspartner und Reinmachefrau - noch immer als Traumberuf mit hohem Prestigewert. Allein bei der Deutschen Lufthansa meldeten sich 1983 rund 55 000 Interessenten, angelockt von der Aussicht auf jährlich einen kostenlosen und jede Menge ermäßigte Flüge um die Welt. Rund 4000 Bewerber wurden zum Einstellungsgespräch nach Frankfurt eingeladen. Gerade noch 900 von ihnen wurden als schlank, schön und intelligent genug für den Beruf als Flugbegleiter herausgefiltert.

Das eklatante Mißverhältnis zwischen Wollen und Können - zu Beginn dieses Sommers fehlten der Lufthansa (LH) rund 400 Stewards und Stewardessen, derzeit sind 140 Planstellen unbesetzt - wirkt in vielen Fällen auch dann noch fort, wenn der Anstellungsvertrag unterschrieben ist. Zahlreiche Lufthansa-Vielflieger sind mit den Service-Leistungen an Bord nicht zufrieden. Typische Klagen über das Kabinenpersonal: *___patzige Antworten, wenn ein Fluggast nachts auf ____Langstrecken um Getränke bittet; *___durch Privatgepäck der Stewardessen blockierte Plätze, ____die oft nur nach wiederholter Aufforderung widerwillig ____freigemacht werden; *___gelangweiltes Achselzucken der Flugbegleiter, etwa wenn ____sie um Auskunft _("Playboy«-Titel 11/1982. )

gebeten werden, warum sich ein Abflug verzögert.

Vor allem bemängeln Fluggäste die Arroganz vieler Flugbegleiter. »Die marschieren mit null Bock durch die Maschine«, bewertet ein 747-Pilot mit 25 Jahren Flugerfahrung die Arbeit einiger seiner Lufthansa-Kollegen in der Passagierkabine. Auch Michael Helbing, Lufthansa-Personalchef für die Kabinen-Crews, räumt ein: »Ich mache ähnlich schlechte Erfahrungen beim Fliegen, wenn ich nicht erkannt werde.«

Einer der Gründe für die nachlassende Service-Qualität liegt sicher beim derzeitigen Schulungsverfahren der Gesellschaft. Während sich Neulinge in der Verwaltung des Unternehmens zwei bis drei Jahre lang ausbilden lassen müssen, werden Flugbegleiter schon nach nur sechswöchigem Schnellkurs auf die Passagiere losgelassen.

Bei diesem Blitztraining üben die angehenden Stewardessen nicht nur die Evakuierung eines vollbesetzten Flugzeugs über Notrutschen, sie erhalten auch »Unterricht über Haarpflege« und dürfen stundenlang »verschiedene Kosmetika ausprobieren, bis sie ein geeignetes Make-up gefunden haben«. Für das Erlernen des richtigen Umgangs mit ihrer künftigen Kundschaft, den »Paxen« (Fliegerjargon), bleibt dabei offenbar zu wenig Zeit.

Ein komplizierter Einstellungstest von LH-Psychologen soll Fehlgriffe vermeiden. Bewerber müssen Auskunft geben, ob sie »eher für die Sterilisation von Geisteskranken oder für die Todesstrafe von Mördern« plädieren. Ein Kandidat, Abiturnote 1,6, wurde gefragt: »Sind Sie dafür, daß man lieber Vegetarier werden sollte oder daß man mit Schädlingsbekämpfungsmitteln Kaninchen und Hasen vernichtet, um die Ernte zu retten?« Doch das Seelen-Quiz zielt offenbar nicht auf den Kern des Problems.

Seit langem kursiert bei der Lufthansa der Vorschlag, die Flugbegleiter möglichst aus sogenannten Service-Berufen zu rekrutieren, beispielsweise der Hotel- oder der Reisebüro-Branche. Bei der Anregung blieb es - die weitaus meisten Stewardessen und Stewards (nur jeder sechste Bewerber ist ein Mann) werden direkt von den Oberschulen weg in die blaugelbe Uniform gesteckt.

Beim Training in maßstabgerechten Flugzeugattrappen sind Kleines Latinum oder Mathe-Formeln aber wenig hilfreich. Diverse Ausbilder mühen sich ab, den Neulingen »Grundkenntnisse der Psychologie« zu vermitteln, damit sie im »Umgang mit problematischen Passagieren« nicht versagen. Gleichwohl sind unerfahrene Flugbegleiter zumeist überfordert, wenn es an Bord zu überraschenden Zwischenfällen, etwa mit betrunkenen Passagieren, kommt.

Stewards und Stewardessen können sich ihre Fluggäste nicht aussuchen. Da sind die Passagiere besser dran - jedenfalls wenn sie mit Lufthansa reisen. Eine

kleine Schar von LH-Vielfliegern macht gern von einem Angebot Gebrauch, für das Deutschlands Luftlinie freilich nicht laut die Werbetrommel rührt: die Wunsch-Stewardeß.

Jeder Lufthansa-Passagier, gleichgültig ob er einen First-Class- oder einen Tourist-Sessel bucht, kann bei rechtzeitiger Reservierung um einen Flugbegleiter seiner Wahl bitten; die Lufthansa bemüht sich dann, die Dienstpläne entsprechend einzurichten, einen Anspruch auf die Erfüllung des Fluggast-Wunsches gibt es allerdings nicht.

Zur Auswahl stehen 4572 Stewards und Stewardessen aus 32 Ländern, darunter auch die 26jährige Gaby Annicette, nach Meinung der Münchner »Playboy«-Redaktion »das Schönste, was die Lufthansa zu bieten hat«.

Daß die ehemalige Klosterschülerin aus Hessen bei ihrer Einstellung vor sieben Jahren alle Fragen nach Pickeln und Narben korrekt beantwortet hat, bewies sie - ohne Uniform - auf mehreren Farbseiten des Männer-Magazins.

»Playboy«-Titel 11/1982.

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