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Nullösung

Beim Mainzer Fernsehen geht mal wieder die Angst um - vor der eigenen Courage. *
aus DER SPIEGEL 50/1987

Der dauerfröhliche Lerchenberg, Sitz des Zweiten Deutschen Fernsehens, versucht gewöhnlich mit den Oberkrainern und anderen lustigen Musikanten Bombenstimmung zu verbreiten.

Heinz Ungureit, 56, Chef der Hauptredaktion Fernsehspiel und Film, wollte es nun einmal anders. Im November annoncierte er für 1988 ein veritables Gruselprogramm: Gleich zu Beginn des Jahres, im Januar, sollten drei Atomschocker die Zuschauer das Fürchten lehren. Kinobewährte Horrorware war darunter, wie der US-Film »The day after«, der das Chaos am Tag nach dem Atomschlag zeigt, und der russische Streifen »Briefe eines Toten« mit gleicher Thematik.

Für den 4. Januar aber hatte Ungureit ein hausgemachtes Schreckenswerk vorgesehen: Der Politthriller »Die Bombe« nach einem Roman des schwedischen Autors Lars Molin, fürs Fernsehen bearbeitet und inszeniert von Christian Görlitz, sollte den Guckern zur besten Sendezeit Weihnachtsgans und Silvesterkrapfen kritisch versalzen.

»Die Bombe« beginnt ganz sacht. Ein Mann tapst barfüßig durch seine Wohnung, doch als er einen Strahlenschutzanzug anlegt, ahnt der Seher Schlimmes. Der Mann fährt frühmorgens mit einem Kranwagen auf den Hamburger Rathausmark. Unter den Augen der polizeilichen Verkehrsüberwachung beginnt er seine Arbeit, läßt einen zwei Meter hohen Metallzylinder vom Wagen, fährt Antennen und metallene Standbeine aus, stellt einen kleinen Handsender ein und weist Neugierige zurück: »Kommen Sie mir nicht näher, der Apparat ist strahlenverseucht.«

Zug um Zug kommt die Horrordramaturgie auf Touren. Die herbeigerufene Polizei ist ratlos, ihrem Chef eröffnet der Vermummte schließlich, daß im Zylinder eine Atombombe auf ihre Zündung wartet, stärker als die von Hiroschima, so daß »die Alster verdampft«.

Als übereifrige Männer eines Terroristen-Kommandos den Bombenaufsteller überwältigen, kommt neues Grauen ans Licht: Der Mann hat den Sender so programmiert, daß nur er durch dauerndes Nachstellen eine Explosion verhindern kann.

Polizei und alarmierte Politiker erkennen ihre Ohnmacht. Der Unbekannte, so finden sie heraus, ist stellvertretender Sicherheitschef eines Atomkraftwerkes. Messungen bestätigen, daß die Bombe kein Bluff ist. Dazu weiß der Täter noch ein schreckliches Staatsgeheimnis: Bonn hat früher heimlich Plutonium, den Bombensprengstoff, produziert und nach Abschluß des Sperrvertrages das Teufelszeug im Kernkraftwerk des Bombenbastlers versteckt.

Damit ist der Handlungsknoten des Grusicals perfekt geschürzt. Aus Angst vor Entdeckung seiner Machenschaften muß sich der Staat weigern, dem Willen des Terroristen nachzugeben. Um den Mann zu täuschen, gaukeln ihm die Behörden eine Veröffentlichung seiner Friedensappelle vor, während sie Hamburg evakuieren lassen. Zum Schluß bleibt der getäuschte Terrorist allein in Hamburg zurück. Finale: Der Hubschrauber mit den letzten Behördenvertretern hebt ab, plötzlich überflutet grelles Licht das Bild, der Hubschrauber gerät ins Trudeln, die Bombe hat gezündet.

Das starke Stück, eine Gemeinschaftsproduktion mehrerer europäischer TV-Anstalten, war wohl einigen Vorbetrachtern zu stark. Als es in der Schweiz Journalisten gezeigt wurde, gab es so heftige Reaktionen, daß die Programmgewaltigen in Mainz hellhörig wurden. Ungureit mußte die »Bombe« vorlegen, die Aufseher machten sich ans Entschärfen. Zunächst einmal wurde die Januar-Horror-Ballung entzerrt, »The Day after« und die »Briefe eines Toten« wurden auf Februar und März verschoben.

Der »Bombe« schließlich wurde mit Zustimmung des Regisseurs der Blitz herausgeschnitten. Nun soll der Film mit einem Countdown des Terroristensenders enden: Fünf, vier, drei ...

Ungureit der trotz des Eingriffs die Substanz des brisanten Films ungefährdet sieht, beruhigt das Fernsehpublikum: »Die Null wird noch erlebt.« Nullösungen haben eben Konjunktur. _(Mit Michael Degen als Terrorist. )

Mit Michael Degen als Terrorist.

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