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DENUNZIATION Nun ist es aber genug

aus DER SPIEGEL 22/1951

Der Studienrat i. R. Carl Schröter, 2. Vorsitzender der CDU-Fraktion im Bundestag, hat seine liebe Not damit, sich gegen allerlei Anwürfe zu wehren. Er, der sich gegen seinen Zeitungspartner Dr. Heinrich, einen Alt-Pg, in der Entnazifizierung unbeugsam und hart erwies, steht neuerdings sogar unter dem dringenden Verdacht, eine anonyme Anzeige gegen Heinrich gestartet zu haben.

»Hitler ist für mich ein Gott. Sie werden es für eine Blasphemie halten: ich bete ihn an.« Carl Schröter habe ihm dieses Geständnis gemacht, behauptet der Zahnarzt Dr. Haart jun., Kiel, Holtenauer Straße 83. Damals war Schröter allerdings noch nicht 1. Landesvorsitzender der CDU in Schleswig-Holstein und Bundestagsabgeordneter, sondern eben nur Studienrat i. R.

Damals klapperten noch die NS-Sammelbüchsen in Großdeutschland, um echte und vorgebliche Hitler-Verehrung in klingende Münze umzuwandeln. In Kiel besorgte das unter anderem SS-Kassierer Gehler. Er melkte in regelmäßigem Turnus die fördernden Mitglieder der Förde-Stadt. Auf seiner Liste der fördernden Mitglieder der SS hat auch Carl Schröter gestanden.

Der pensionierte Studienrat sei bei Polizei und SS als Sprachlehrer empfohlen gewesen, erinnert sich Polizeimajor a. D. Jahn, Kiel, Körnerstraße 26, noch sehr genau.

Aber nicht nur aus dem Dritten Reich, sondern auch aus der Zeit nach 1945 datieren Anwürfe gegen Schröter. Fünfzehn Stunden lang mußte letzte Woche das CDU-Landes-Ehrengericht wegen derartiger Dinge tagen, ehe es mit 198 Worten den Extrakt ziehen konnte, mit dessen Hilfe Carl Schröter seine Weste reinhalten kann.

Das Verfahren hatte Dr. Walter Bartram, der Ministerpräsident Schleswig-Holsteins, gegen seinen Landesparteichef beantragt, Bartram ließ diese Tatsache alle CDU-Kreisvereine seines Landes wissen. Er befinde sich »in Uebereinstimmung mit dem Bundeskanzler und CDU-Bundesvorsitzenden Dr. Konrad Adenauer«.

Vor nicht einmal einem Jahr war Dr. Walter Bartram noch weitgehend unbekannter CDU-Kreisvorsitzender in der mittelholsteinischen Stadt Neumünster. In 9 Monaten Regierungszeit hat sich indessen der Kraftfutterfabrikant zum Schröter-Gegenpol in der schleswig-holsteinischen CDU ausgewachsen. Ueber Pfingsten fuhr Innenminister Dr. Paul Pagel zu Konrad Adenauer und klagte ihm eineinhalb Stunden lang als neutraler Dritter sein Leid über den Schröter-Bartram-Zwist. Pagels Neutralität ist dadurch gewährleistet, daß er beide Kampfhähne für rücktrittsreif hält. Sowohl Schröter von seinem Landesparteichef-Posten wie Bartram von seinem Ministerpräsidenten-Sessel.

Bartram hat bei seiner Attacke gegen Schröter tief in die Vergangenheit des Partei-Vorsitzenden gegriffen. Er beantragte beim Ehrengericht, zu untersuchen, ob Schröter

* Wahlgelder zweckentfremdet verwendet hat,

* unbefugt eine Pension als Ministerialrat i. R. bezieht (50 Prozent mehr als bei einer Studienrats-Pension),

* 1933 nicht aus politischen, sondern aus kriminellen Gründen aus seinem Amt als 14sprachiger Studienrat entfernt wurde,

* sich unkorrekt bei den Gründungsverhandlungen der CDU-nahestehenden »Kieler Nachrichten« verhalten hat.

Von allen diesen Vorwürfen blieb nach 15 Stunden Ehrengericht nichts übrig. »Das Landesehrengericht bedauert die leichtfertige Art und Weise, mit der in der Oeffentlichkeit vor Abschluß eines Verfahrens führende demokratische Politiker diffamiert werden«, resümierte Gerichts-Chef Dr. Lemke von Soltenitz nach der Rehabilitierung Carl Schröters.

Nach 1945 hatte Schröter (vor 1933 in Stresemanns DVP) sich Sprosse für Sprosse an der christlich-demokratischen Parteileiter hochgehangelt. Schließlich brachte ihm die CDU-Arbeit durch Pressegeschäfte sogar gewissen materiellen Nutzen.

Zahlender Teil bei diesen Geschäften war der Alt-Pg und ehemalige Ortsgruppenleiter der NSDAP, Rittmeister a. D. und mehrfacher Millionär Dr. Kurt Heinrich auf Gut Emkendorf bei Rendsburg. Er

hatte am 18. 3. 1946 mit den führenden Kieler Christ-Demokraten Willi Koch, Dr. Max Emcke und Prof. Dr. Becker ein Gentleman-Agreement abgeschlossen. Es besagte:

* Der unter Vermögenskontrolle stehende Zeitungsbesitzer Dr. Heinrich schließt sich mit den CDU-Politikern zu einer Gesellschaft zwecks Herausgabe einer demokratischen Tageszeitung in Kiel zusammen.

* Dr. Heinrich stellt Gebäude und Maschinen seines Zeitungsbetriebes sowie (zwecks Beleihung) sein Gut Emkendorf zur Verfügung. Die Einlagen der anderen - politisch einwandfreien - Gesellschafter werden aus den zu erwartenden Gewinnen des Unternehmens einbehalten.

* An Gewinn und Verlust werden Dr. Heinrich mit 70 Prozent, die anderen drei Gesellschafter mit je 10 Prozent beteiligt.

Dies Abkommen schien so vielversprechend und so risikolos, daß Dr. Heinrich wenige Monate später von seinen neuen christlich-demokratischen Geschäftsfreunden nahegelegt wurde, auch den Landesvorsitzenden Carl Schröter unter gleichen Bedingungen daran zu beteiligen. Heinrichs Anteil verringerte sich dadurch auf 60 Prozent. Mit: »Nun ist es aber genug!« war er schließlich einverstanden.

Bald nach Abschluß des Emkendorfer Vertrages erhielt Gesellschafter Willi Koch die britische Lizenz zur Herausgabe der »Kieler Nachrichten«. Das Blatt erschien und florierte. Die Auflage kletterte über 100 000. Die erste Jahresbilanz (1947/48) wies einen Gewinn von einer runden Million auf.

Dr. Heinrichs Vermögen aber war noch immer nicht entsperrt und hatte auch wenig Aussicht, entsperrt zu werden. Denn im September 1947 stufte der Entnazifizierungs-Hauptausschuß in Rendsburg den Dr. Heinrich als Aktivisten (Kategorie III) ein, welche Entscheidung am 8. 6. 1948 vom Entnazifizierungs-Berufungsausschuß in Kiel als endgültig bestätigt wurde.

Acht Tage darauf kündigten die christlich-demokratischen Gesellschafter der »Kieler Nachrichten« mit Bezug auf diese Entscheidung das Emkendorfer Abkommen. Sie wollten mit dem amtlich als Nazi-Aktivisten abgestempelten Gesellschafter nichts mehr zu tun haben. Die »Kieler Nachrichten« liefen auch ohne ihn und warfen hübsche Gewinne ab.

Ausschlaggebend für Heinrichs Einstufung in III waren zwei Leitartikel gewesen, die er kurz vor Hitlers Machtübernahme in seiner Zeitung veröffentlicht hatte. Hitler wurde darin den zur Reichspräsidentenwahl antretenden Wählern wärmstens empfohlen. Die Artikel wurden von den Entnazifizierern als wesentliche Förderung des Nationalsozialismus aufgefaßt.

Diese Artikel waren dem Entnazifizierungs-Ausschuß mit einem anonymen Begleitschreiben zugestellt worden, in dem Dr. Heinrich als »einer der schlimmsten Aktivisten« bezeichnet wurde, der »nach dem gesunden Volksempfinden sogar in die Kategorie II« gehöre.

Dieser anonyme Brief wurde später vom »Kriminaltechnischen Institut beim Kriminalpolizeiamt für die britische Zone« in Hamburg untersucht. Es gutachtete am 7. März 1940 unter Tagebuch Nr. 1529/50 KTI, daß der zu untersuchende Brief »mit Sicherheit auf der in Verdacht genommenen Schreibmaschine geschrieben worden sei«. Die verdächtigte Schreibmaschine gehörte dem CDU-Landesvorsitzenden Carl Schröter.

Das sei noch kein Beweis, daß er den anonymen Denunzier-Brief auch selbst geschrieben

habe, sagte Schröter. Die Maschine habe offen bei seiner Sekretärin, Fräulein Krohn, in Kiels Schillerstraße 24 gestanden.

Immerhin war der Kreis der möglichen Briefverfasser durch die Feststellung des Kriminaltechnischen Institutes sehr eng begrenzt.

Er wird noch enger durch die Tatsache, daß das verwendete Papier aus den Beständen der »Kieler Nachrichten« stammt.

Der Schreiber muß also

* Zugang zu Schröters Schreibmaschine,

* Beziehungen zu den »Kieler Nachrichten« und

* ein lebhaftes Interesse an Dr. Heinrichs politischer Belastung haben.

Neuere Erkentnisse ziehen den Kreis um den Verfasser der anonymen Denunziation noch enger:

* Der Schreiber wendet nicht das Zehn-Finger-System an. Beweis: Punkt, Komma und Semikolon sind so hart angeschlagen, daß das Papier häufig durchlöchert ist. Das kommt beim Anschlag mit dem Ring-Finger (Zehn-Finger-System) kaum vor.

* Der Schreiber ist ein »Tipper«. Beweis: Oft über den Rand geschrieben. Worte am Zeilenende abgebrochen, überflüssige Buchstaben aber nicht wegradiert oder gestrichen.

* Dem Schreiber fehlt Büropraxis. Beweis: Keine Zwischenräume nach Interpunktionszeichen. Ungenügende Einzüge bei Absätzen. Keine erweiterten Zeilenabstände zwischen den Absätzen.

* Der Schreiber hat eine ganz ungewöhnliche Absonderheit: er verwendet stets statt der arabischen Ziffer »eins« die römische, d. h. die große Schreibmaschinen-Type »I« (siehe Bild oben rechts).

Was bisher noch nicht bekannt war: Der Schreiber der anonymen Denunziation muß schon 1943 und 1944 Zugang zu Carl Schröters Schreibmaschine gehabt haben. Denn alle die Schrifteigenarten des Anzeige-Briefes finden sich auch in zwei Schreiben,

die am 22. August 1943 und am 13. Februar 1944 getippt wurden und beim Wehrmachtfürsorge- und Versorgungsamt Hamburg-Süd eingingen (siehe Bilder).

Und diese beiden Briefe, deren Schreiber gleiche ungewöhnliche Schreibmerkmale aufweist wie der anonyme Tipper von Dr. Heinrichs Denunziation, kamen von Studienrat i. R. C. Schröter, Kiel, Schillerstraße 11, mit »Heil Hitler!« und eigenhändiger Unterschrift.

Das CDU-Ehrengericht stellte zu dieser Angelegenheit in der vorigen Woche fest:

»In der KN-Affäre mußte der Fall 'Erika' (anonymer Brief) einer erneuten Prüfung unterzogen werden. Das Ehrengericht ist zu der Ueberzeugung gelangt, daß Herr Schröter keinen Anlaß hatte, diesen Brief zu schreiben oder anzuregen. Es hat sich auch nach Prüfung der in jüngster Zeit vorgebrachten Indizien in keiner Weise ergeben, daß Herr Schröter in Frage kommt.«

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