Zur Ausgabe
Artikel 29 / 75

ZEITGESCHICHTE / TOTALER KRIEG Nun Volk

aus DER SPIEGEL 46/1967

Zwei Stunden lang redete Hitlers Propagandachef Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 auf 15 000 Zuhörer im Berliner Sportpalast ein. Er drohte mit Stentorstimme ("Es ist also an der Zeit, den Säumigen Beine zu machen") und schmeichelte pianissimo ("Unsere Frauen und Mädchen werden einmal unseren siegreich heimkehrenden Soldaten auch ohne friedensmäßige Aufmachung gefallen").

200mal unterbrach ihn tosender Beifall. Besessener Aufschrei zerhackte seine Sätze. Frauen brachen stöhnend zusammen, Männer schrien: »Ja«, »Jawohl«, »Nein«, »Niemals«, »Pfui«. Der bullige Staatsschauspieler Heinrich George ("Der Postmeister") riß sich den Schal vom Hals, kletterte auf einen Stuhl und fuchtelte mit dem Tuch durch die Luft.

Da fragte der Minister die Versammlung -- Eichenlaubträger wie Krankenschwestern, Wissenschaftler wie Rüstungsarbeiter, NS-Minister wie Mitläufer: »Wollt ihr den totalen Krieg?« Und die 15 000 schrien: »Ja.«

Goebbels: »Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt noch vorstellen können?« -- 15 000fach: »Ja.«

»Seid ihr damit einverstanden, daß, wer sich am Krieg vergeht, den Kopf verliert?« -- 15 000fach: »Ja.«

In vertrautem Kreis kommentierte Goebbels später das Ereignis:« Diese Stunde der Idiotie: Wenn ich den Leuten gesagt hätte, springt aus dem dritten Stock des Columbushauses, sie hätten es auch getan.«

Diese Stunde der Idiotie hat jetzt der Stuttgarter Historiker und Herausgeber der Protokolle von Goebbels, geheimen Ministerkonferenzen*, Dr. Willi A. Boelcke, 38, analysiert. Boelcke in einer unveröffentlichten Studie: »Das war die größte politische Massensuggestion der modernen Geschichte.«

Reichsminister Goebbels hatte sich sorgfältig vorbereitet. Er baute das propagandistische Hoch ("Feste auf die Pauke schlagen") ab und dirigierte ein Stimmungstief heran. Am 4. Januar 1943 bekannte er vor seinen engsten Mitarbeitern sogar: »Ich wünsche, daß der Gedanke, daß wir den Krieg nicht verlieren könnten, aus meinem Kopf und aus den Köpfen des Ministeriums verschwindet. Natürlich können wir den Krieg verlieren.«

Viel früher als Großdeutschlands oberster Kriegsherr und die meisten Generale erkannte der ungediente Goebbels, wie kritisch die Kriegslage war: Im Stalingrad-Kessel war die 284 000 Mann starke Paulus-Armee untergegangen, vor den Bergstellungen von El Alamein hatte sich Rom-

* Willi A. Boelcke: »Kriegspropaganda 1939 bis 1941«. 794 Seiten; 96 Mark. »Wollt ihr den totalen Krieg?« 368 Seiten; 19,80 Mark. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart.

mels Afrika-Korps festgerannt, den Alliierten dagegen war es gelungen, in Nordafrika zu landen.

Aber Goebbels wollte die von ihm erkannte Krise auch nutzen. Er litt darunter, fern vom Führerhauptquartier in Winniza (Ukraine) seinen Einfluß auf Hitler schwinden zu sehen. Er spekulierte, als Manager des totalen Krieges könnte er zum zweiten Mann im NS-Staat aufrücken.

In einer Denkschrift schlug er Hitler unter anderem vor, 750 000 der als »unabkömmlich« registrierten 5,2 Millionen Wehrtüchtigen in 30 neue Divisionen zu stopfen und eine Million Arbeiter für die Rüstungsindustrie zu mobilisieren. »Faulenzer und Parasiten« wie die »Töchter der Plutokraten« -- so Goebbels -- sollten kriegsdienstverpflichtet, Luxusgaststätten, Modesalons und Läden, die ohnedies kaum noch Ware anzubieten hatten, geschlossen werden.

Doch Goebbels verlor den Kampf hinter dem Thron. Hitler berief zwar das von ihm geforderte Gremium zur »Koordination der Totalisierungsmaßnahmen«. Aber Goebbels, der nach dem Vorsitz trachtete, wurde nicht einmal Mitglied. »Empört und aufs tiefste gekränkt«, so Goebbels selber, reiste der Minister ins Führerhauptquartier. Doch Hitler ließ ihn nicht einmal vor.

Da faßte der verletzte Propagandachef, wie ein Goebbels-Biograph später berichtete, »einen kühnen Plan": Er wollte »auf Hitler Druck ausüben«, indem er in einer Rede radikale Forderungen aufstellte, die Hitler nicht würde zurückweisen können.

Am Nachmittag des 14. Februar 1943 entwarf der Minister die Sportpalast-Rede. Vor dem Spiegel übte er Posen, Gestik und Grimassen. Dann inszenierte er den Massenauftritt.

Nach seinen Anweisungen wurde das Publikum selektiert, Sprechchöre studierten Slogans ein ("Deutsche Männer ans Gewehr, deutsche Frauen an die Arbeit«; »Führer befiehl, wir folgen dir"), eine Hundertschaft bewährter Pgs wurde instruiert, wann und wie lange zu applaudieren sei. Und um ganz sicher zu gehen, ließ Goebbels, wie Forscher Boelcke jetzt herausfand, Schallplattenbeifall in die Lautsprecheranlage des Sportpalastes einspielen.

Dann, am 18. Februar 1943, kam der Auftritt: »Es ist also jetzt die Stunde gekommen, die Glacéhandschuhe auszuziehen und die Faust zu bandagieren.« Der riesige Saal war nur karg geschmückt, der Blick der Zuhörer auf ein einziges Spruchband gelenkt: »Totaler Krieg, kürzester Krieg.«

Mit singendem Pathos drohte der eloquente Rheinländer: »Die Stunde drängt«; »Der Ansturm der Steppe ... ist losgebrochen.« Aber er tröstete auch: »Eine erkannte Gefahr ist ... eine gebannte Gefahr.« Sakrales ("heiligste Güter«, »gläubiges Vertrauen") mischte er mit Vulgärem ("Wenn der Papi nach Hause kommt, hat die Mutti nicht immer das Abendessen fertig").

Er lockte die Versammlung mit Visionen vom Endsieg ("Feinschmecker wollen wir wieder nach dem Kriege werden"), und er schreckte sie mit angeblichen Folgen eines verlorenen Krieges ("Zwangsarbeitsbataillone für die sibirischen Tundren«, »jüdische Liquidationskommandos").

Dann griff er in die Geschichte. Mit dem leicht abgewandelten Wort Theodor Körners, des Dichter-Helden der Befreiungskriege von 1813, versetzte er sein Publikum vollends in Raserei: »Nun Volk, steh auf, und Sturm, brich los.«

Das Volk stand auf -- im Saal des Sportpalastes. Die Rede brachte dem Minister zwar rhetorischen Sieg, aber keine Beförderung. Hitler beschied den Volksaufklärer, er solle Herold, nicht Manager des totalen Krieges sein, und er tröstete ihn: »Ich werde in den nächsten drei Monaten keinen empfangen, der gegen Sie stänkert.«

Zur Ausgabe
Artikel 29 / 75
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.