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»Nun werden wir selbst in Styropor verpackt«

Als »Super-Schau« der Bauindustrie war sie angekündigt worden, die »Constructa 1974«. Rund 200 000 Kaufund Schauwillige, so erwartete die Messeleitung, würden den in 14 Hallen und auf 82 000 Quadratmeter Freifläche ausgestellten Fortschritt sehen wollen. Für den SPIEGEL berichtet Architektur-Kritiker Peter M. Bode:
aus DER SPIEGEL 7/1974

Wer zur »Constructa«, zur renommiertesten deutschen Baumesse wollte, der kam mit Flugzeugen, Autos oder Zügen, die nur noch in wenigen Fabriken hergestellt werden. Ob Boeing oder Douglas, ob Opel oder Ford, ob Mercedes oder BMW, das ist den Leuten mittlerweile so ziemlich egal: Man fliegt, man fährt. Beim Bauen und Wohnen sieht es anders aus. Zehntausende von Produzenten drängeln sich auf dem zunehmend enger werdenden Markt, denn bei stagnierender Bevölkerung ist auf grenzenloses quantitatives Wachstum nicht mehr zu hoffen. In Zukunft wird es vor allem auf die Konsolidierung des Bestehenden und die Steigerung von Qualitäten ankommen.

Zur Zeit ist davon allerdings noch wenig zu spüren. Die Interessen, Ziele und Erwartungen zersplittern sich. Was sollen wir mit einer Messehalle voller Keramikplatten, warum hundert ähnliche Schwimmbäder, Dutzende von Saunen und tausend Baustoffe, die alle -- mehr oder minder gut -- dem gleichen Zweck dienen?

Am Ende summiert sich das alles doch nur zum selben Ergebnis, zu Wohnsiedlungen, die sich ausnehmen, als kämen sie alle aus einer Hand, die mit -- je nach Mode -- zwar verschiedener Gebärde, aber immer gleicher Wirkung profitbringende Einheits-Behausungen aus dem verordneten Typenbaukasten aufschichtet.

Wäre es so, könnte man ja noch verstehen, daß die Wohnungen identisch sind, doch es tummeln sich unendlich viele Unternehmer, welche die »Uniformen« unserer gebauten Umwelt schneidern. Ein Grund für die Misere ist, daß, der Staat durch seine Subventionen eine Normierung »der Wohnung als Ganzes erzwungen hat (Richtlinien für den sozialen Wohnungsbau) und nicht eine Normung von elementierten Bauteilen, aus denen man sehr verschiedene Wohnungen und Gebäude zusammensetzen könnte. Durch dieses falsche Förderungssystem wurde die gräßliche Groß-, tafelbauweise hochgepäppelt, hat der Betonboom seine kräftigsten Spritzen erhalten.

Nachträglich bemüht man sich, die zu abweisenden, unwirtlichen Formen erstarrten Vorstadt-Agglomerationen durch Schnickschnack und schicke Imitation zu entbrutalisieren. Man garniert das scheinbar Unvermeidliche, das aus »Sachzwängen« Resultierende mit den· hübschen oder kitschigen Siebensachen aus dem Füllhorn der unermüdlich kreativen Einrichtungs- und Zubehörindustrie. Weithin erscheint die Constructa, deren Name auf Wichtigeres hindeutet, eher als Fortsetzung der Kölner Möbelmesse und nicht als Forum, bei dem es um das bessere Bauen geht. Wir lächeln über die Einfaltslosigkeit und Monotonie und Ärmlichkeit der Satellitenstädte im Ostblock und sind stolz auf unser überreiches Angebot. Diese kostenfressende Einrichtungsvielfalt verhilft jedoch dem einzelnen nur dazu, seine nach Schema F gebaute Wohnung scheinindividuell zu verbrämen. Er steckt sich eine Feder an den Hut von der Stange, er glaubt an die Freiheit der Wahl und merkt gar nicht mehr, wie mies seine Umgebung ist, wie die Stadt, in der er lebt, kaputtgeht.

Rückzug ins Private mit Rundbadewanne, BBC-Solarium, Trimmcenter. Schwimmbad-Jalousie und Fernsehauge an der Haustür. Wenn das alles nicht genügend verkauft wird, geht die Branche noch mehr in die Knie, lassen die Anzeigen nach, spüren es auch die Journalisten, daß anderswo die Schornsteine nicht mehr so gut rauchen. Sitzen wir alle im gleichen Boot, das erst dann zu sinken anfängt, wenn überflüssiger Ballast abgeworfen wird? Eine paradoxe Situation.

Während man bei den ästhetischen Dingen früher Zeit und Muße aufbrachte, damit sie schön wurden, muß heute alles sehr schnell und en masse auf den Markt geworfen werden. Das funktioniert nur durch konsequenten Ersatz des Echten durch Nachgemachtes aus der Fließbandhalle: Stuck zum Aufkleben aus Styropor. Antike Holzbalken (federleicht) aus Duromer, eine plastische Ziegelsteinfolie zum Verkleiden von Fassaden, fertige Backsteinwände im Großtafelformat, barocke Straßenlaternen aus Makrolon geschäumt. Außerdem Kunststoffputz, Kunststoffmarmor, Kunststoffbad, Kunststoffhaus. Die Kunststoffwelle muß zurückschwappen, wenn die Ölverknappung anhält und die Kunststoffverwendung im Hausbau wieder auf das Notwendige reduziert wird: Dichtungen, Profile, Dämmstoffe.

Gegenwärtig steht natürlich der Kunststoff als Isoliermaterial im Vordergrund des Interesses. Alle einschlägigen Fabrikate versprechen eine Überwindung der Energiekrise durch bessere Wärme-Isolationen, die Heizkosten sollen bis zu fünfzig Prozent gesenkt werden können. Das wird in den nächsten Jahren ein fröhliches Hämmern und Sägen in deutschen Wohnungen geben. Nun werden wir selbst in Styropor verpackt, nicht nur Sekt und Fernseher beim Transport. Hätte man nur früher daran gedacht.

Vormontierte Installationswände und fertige Sanitäreinheiten sind auch ein Thema, in das man sich auf der Constructa vertiefen könnte, das Angebot ist breit. Gibt es aber auch schon die entsprechenden Häuser dazu, mit adäquater Variabilität und Flexibilität? An Bausystemen ist wahrlich kein Mangel, doch viele von ihnen sind lediglich Container, Raumzellen, die nur stur übereinanderaddiert werden können: bis zu einer begrenzten Höhe und mit starren Innenwänden.

Ein neues Bausystem im umfassenden Sinne scheint mir nur die von der Firma Okal propagierte, von dem Münchner Architekten Richard J. Dietrich entwickelte »Metastadt« zu sein: Weil das System offen ist, weil seine Veränderungsmöglichkeiten praktikabel sind, weil es aufgrund seiner spezifischen Konstruktionsmerkmale (brückenartiges, elementiertes Stahltragwerk) ohne erhebliche Mehrkosten große Weiten überspannen kann; nützlich bei Straßenüberbauungen und erhaltenden Sanierungen, weil die Metastadt gemischte Stadtfunktionen ohne Zwang zu integrieren vermag, weil sie in der Gestaltung variabel und im Ausbau flexibel ist. Darüber hinaus zeigt dieses am gründlichsten durchdachte und am perfektesten geplante Bausystem keine erkennbare technische Schwäche.

Das Metastadt-Beispiel auf dem Freigelände der Constructa war wohl das einzige Signal dafür, daß auch auf dem Bausektor Erneuerung möglich ist, wenn sich geniale Einzelgänger als stark und beharrlich erweisen. Inzwischen wurde ein Verwaltungsgebäude als »Metastadt« errichtet, und in der Neuen Stadt Wulfen werden gerade die ersten Metastadtwohnungen gebaut -- zu üblichen Preisen. Der Fertighaus-Gigant Okal finanziert mit Fragwürdigem das Bessere, das einst als Utopie belächelt wurde. Immerhin ein Lichtblick.

Peter M. Bode
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