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Bombendrohungen Nur aus Jux

Auf die Welle der anonymen Bombendrohungen folgt die Welle der harten Urteile. Aber nur ein Bruchteil der Anrufer konnte ermittelt werden.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Stundenlang stand der Koffer mit dem handgemalten Etikett »Vorsicht Bombe« im Flur der zehnten Etage des Gesundheitsamtes in Kassel. Alarmiert von einer Putzfrau, ließ die Polizei schließlich öffnen. Inhalt: ausrangierte medizinische Instrumente.

Auf dem Höhepunkt der bundesweiten Welle anonymer Bombendrohungen. die im Mai und Juni den Bombenwürfen in mehreren Orten der Bundesrepublik gefolgt waren, hatte die Medizinalrätin Rosemarie Schmidt. 34, die »unglückselige Idee« mit dem Koffer gehabt, obwohl sie von Kollegen und Vorgesetzten gewarnt worden war.

Ein Kasseler Schöffengericht meinte denn auch, »daß es kein guter Scherz war« (Schmidt), und verurteilte die beamtete Zahnärztin zu sechs Monaten Freiheitsstrafe ohne Bewährung -- wegen Landzwangs (Störung des öffentlichen Friedens durch »Androhung eines gemeingefährlichen Verbrechens"), Nötigung und Vortäuschung einer Straftat.

Während der Schmidt-Prozeß ohne Unterrichtung der lokalen Presse terminiert worden war, wurden Photographen und Reporter eigens gebeten, als wegen des gleichen Delikts gegen den Bundeswehr-Gefreiten Matthias Fedke, 20, verhandelt wurde.

Angestiftet von Kameraden. hatte der »betrunkene Lausejunge« (so der Schöffen-Vorsitzende) telephonisch die Sprengung der Wittichkaserne in Kassel angekündigt. Das Urteil: Ebenfalls sechs Monate; für einen der Anstifter. den wehrpflichtigen Studenten Gustav Heinen, 21, sieben Monate ohne Bewährung.

Zu zehn Monaten Freiheitsentzug ohne Bewährung wurde in Düsseldorf ein Dachdecker verurteilt, der bei einem Blutalkoholgehalt von 1,76 Promille einer Kneipe und der Philipshalle Bombenexplosionen angekündigt hatte. Acht Monate bekam in Ulm ein Arbeitsloser aufgebrummt. der -- vermindert zurechnungsfähig und »nur aus Jux« -- die Ulmer Polizei ("In dreißig Minuten fliegt der Omnibusbahnhof in die Luft"), das Fernmeldeamt und das Rote Kreuz alarmiert hatte -- um zu sehen. »ob die Polizei spurt«. Schlußwort des Angeklagten: »Acht Monate für einen Jux -- jetzt bereue ich, daß keine Bombe hochgegangen ist.«

Von Kiel bis Konstanz werden derzeit Bomben-Anrufer abgeurteilt, die -- vorwiegend per Fangschaltung* ermittelt -- in vielen Städten den Verwaltungs- und Schulbetrieb zeitweilig lahmgelegt, Kneipen und Kaufhäuser zu schneller Schließung, Polizei und Feuerwehr zu vielhundertfachem Sondereinsatz getrieben hatten: Penner und Pennäler, Verrückte und Verärgerte. »Es war«, so analysierte der Frankfurter Staatsanwalt Hans Hermann Eckert, »die Stunde der Psychopathen. die etwas in Bewegung bringen wollten.«

Das gelang den meisten Anrufern auch. Als »Rekordhalter« (Eckert) investierte zum Beispiel ein 25jähriger Hilfsarbeiter in Frankfurt mehr als 300 Telephon-Groschen für Bombendrohungen, mit denen er Oper und Hauptbahnhof, Polizei und Banken bedachte. Er wurde festgenommen, als er über eine Polizei-Notrufsäule Bombenalarm für das Stadtbad Mitte ausgelöst und auf einer nahen Parkbank den Einsatz beobachtet hatte.

Bedroht und zum Teil geräumt wurden in Frankfurt. wo über 400 anonyme Anrufe (München: 340) registriert wurden, auch Börse und Brenninkmeyer,

* Zwischen dem Fernmeldeamt und dem Betroffeneu wird eine Ziffer zwischen 0 und 9 vereinbart, die der angerufene Teilnehmer sofort wählt, während der Anrufer mit ihm spricht. Dadurch wird eine Relaissperre ausgelöst, die es dem überwachenden Beamten im Fernmeldeamt ermöglicht, den Standort des Anrufers festzustellen.

Woolworth und Dresdner Bank, IBM. Redaktionen und Schulen.

Landauf, landab sorgten Bomben-Anrufer für Behörden-Freistunden und Betriebsstörungen. So waren in Hamm das Oberlandes- und in Göttingen das Landgericht betroffen, in Hannover die Parteihäuser von SPD, CDU und NPD, in Berlin Springer-Hochhaus und Sender Freies Berlin, in München das Eros-Center »Leier-Kasten« und das Olympiastadion. in Nürnberg Justizbauten und das US-Hotel am Hauptbahnhof.

Alte und Junge reagierten per Telephon Rausch- oder Rache-, Lust- oder Machtgefühle ab- Dabei wurden bedenkenlos Arbeitsplätze und Abschlußzeugnisse aufs Spiel gesetzt.

Der Münchner Staatsanwalt Rainer Weiß identifizierte wie Eckert nur »Troublemaker« und »Leute mit subversivem Denken« -- aber weder Anarchisten noch Vietnam-Fanatiker, nicht einmal Randfiguren des Baader-Meinhof-Komplexes. Und die Bombenexplosionen in Frankfurt (US-Hauptquartier), Augsburg (Polizeidirektion), München (Landeskriminalamt). Karlsruhe (Auto des Baader-Meinhof-Ermittlungsrichters Buddenberg) und Hamburg (Springer-Verlagsgebäude) -- mit insgesamt vier Todesopfern, 41 Verletzten und Sachschaden in Millionenhöhe -- waren vorher nicht avisiert worden; nur bei Springer hatte ein Mann mit einer Knabenstimme angerufen.

Den telephonischen Bombenterror, der nach der Festnahme des »harten Kerns« der Baader-Meinhof-Gruppe »rapid abnahm« (Eckert), ahnden die Gerichte nun mit besonderer Härte. st« wird denn auch fast überall nicht wegen groben Unfugs, sondern wegen Landzwangs, Nötigung und Bedrohung -- meist in Tateinheit -- angeklagt und gerichtet: neun Monate für einen 26jährigen, der das Polizeipräsidium in Mainz, sieben Monate für einen Bundesbahnschaffner, der eine Gaststätte in Mülheim/Ruhr, dreißig Tage für einen Feuerungsmaurer, der bei 2,11 Promille Blutalkoholgehalt sein Stammlokal »Onkel Theo« in Duisburg mit Bombendrohungen aufgeschreckt hatte.

In Freiburg wurde ein 69jähriger zu vier Monaten Knast verurteilt, nachdem er die Sprengung des Polizeisenders angedroht hatte -- »aus Langeweile und Verärgerung«, weil er 1946 wegen Waffenbesitzes von der Polizei an die französische Besatzungsmacht überstellt worden sei.

Freilich wurde nur ein Bruchteil der vielen hundert anonymen Anrufer erwischt. Die Jubelmeldung der Frankfurter Lokalpresse etwa, daß über 60 Ermittlungsverfahren anhängig seien, ließ Staatsanwalt Eckert auf Anfrage schrumpfen: »Pro forma müssen wir jedem gemeldeten Fall nachgehen, aber wir konnten nur sieben Verdächtige ermitteln.«

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