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»Nur Beweise zählen«

Alexander Lebedew, 47, Unternehmer und Miteigentümer der »Nowaja gaseta«, über den Fall Anna Politkowskaja
aus DER SPIEGEL 36/2007

SPIEGEL: Sie hatten unmittelbar nach dem Mord eine Belohnung von umgerechnet gut 700 000 Euro für die Ergreifung der Schuldigen ausgelobt. Betrachten Sie die Tat jetzt als aufgeklärt?

Lebedew: Das muss ein Gericht entscheiden. Ich zahle gern, sobald alle Zweifel ausgeräumt sind. Zudem habe ich in der Duma eine Gesetzesnovelle zum Zeugenschutz eingebracht.

SPIEGEL: Generalstaatsanwalt Tschaika sieht die Hintermänner im Ausland. Sie auch?

Lebedew: Wie zu Sowjetzeiten wird das Ausland wieder als finstere Bedrohung gesehen. Ich kenne die Beweise nicht, über die er anscheinend verfügt. Für mich sind Fakten wichtig, nicht Emotionen. Ich warne vor Spekulationen.

SPIEGEL: Tschaikas Fingerzeig zielt auf den Ex-Oligarchen Boris Beresowski.

Lebedew: Unter Russlands Politikern scheint es Mode zu werden, Beresowski an allem die Schuld zu geben. Wahrscheinlich wird er auch noch für die globale Erwärmung, Erdbeben und die Tsunamis verantwortlich gemacht. Vielleicht aber hat der Generalstaatsanwalt gar nicht ihn gemeint.

SPIEGEL: Putin selbst hat drei Tage nach Politkowskajas Tod gesagt, die Schuldigen seien im Ausland zu suchen.

Lebedew: Politkowskaja war als Regierungskritikerin bekannt. Deshalb kann man nicht ausschließen, dass irgendjemand der Regierung den Mord in die Schuhe schieben wollte. Genauso gut kann es sich um die Rache tschetschenischer Feldkommandeure oder anderer Leute handeln, denen ihre Berichte nicht passten.

SPIEGEL: Wie kann es sein, dass ein Staatschef mit Vorverurteilungen in laufende Ermittlungen eingreift?

Lebedew: Natürlich darf auch unser Präsident seine Meinung haben, wie jeder andere. Ich hoffe nur, dass sie nicht zum Leitfaden der Ermittler wird. Für die dürfen allein Beweise, Indizien und Zeugenaussagen zählen. Zum Glück schreiben wir nicht das Jahr 1937 ...

SPIEGEL: ... das Jahr der Schauprozesse unter Stalin ...

Lebedew: ... als haltlose Anklagen zu unglaublichen Verurteilungen führten.

SPIEGEL: Es fällt auf, dass aktive Offiziere aus Geheimdienst und Innenministerium unter den Verdächtigen sind.

Lebedew: Wir brauchen eine tiefgreifende Reform der Rechtsschutzorgane, die kommen ihrer Aufgabe nicht nach. In Moskau sichert die Polizei die Rechte von Baufirmen und Immobilienhaien gegen protestierende Anwohner. Kriminelle aber haben grünes Licht.

SPIEGEL: Gibt es noch Hoffnung auf Pressefreiheit in Russland?

Lebedew: Ohne die wären wir verloren. Aber die Situation ist völlig inakzeptabel: Es gibt kaum noch Unterschiede zur Propaganda der Breschnew-Zeit. Gegen den Ersten Fernsehkanal ...

SPIEGEL: ... der mehrheitlich dem russischen Staat gehört ...

Lebedew: ... würde ich gern eine Kampagne starten - um die Bürger aufzurütteln, sich von solchen Sendern nicht mehr für dumm verkaufen zu lassen. Mit der Presse steht es nicht viel besser. Sogar die »Nowaja gaseta« kann, bei allem Respekt, im Alleingang nichts Grundlegendes bewegen.

SPIEGEL: Warum halten Sie sich die kritische Zeitung?

Lebedew: Das ist meine Bürgerpflicht. Ich möchte nicht in einem Land leben, wo es so etwas wie die »Nowaja« nicht mehr gibt.

SPIEGEL: Im Kreml glauben manche, Sie wollten sich mit Hilfe des Blattes schützen - damit es Ihnen nicht an den Kragen geht wie anderen unbequemen Unternehmern.

Lebedew: Behauptet wird auch, ich hätte das Blatt im Kreml-Auftrag gekauft. Das ist lächerlich. Eine Zeitung zu finanzieren verschafft keine Immunität.

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