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»Nur China ist ein sicheres Land«

aus DER SPIEGEL 43/1977

SPIEGEL: Herr Professor Eto, die japanische Regierung hat die Forderungen der Flugzeugentführer von Dakka, allesamt Mitglieder der terroristischen Roten Armee Japans, bedingungslos erfüllt. Halten Sie das für richtig?

ETO: Die Regierung hat mich über die Diskussion im Kabinett eingehend unterrichtet, auch darüber, welche Schritte wann unternommen wurden. Ich kenne den Fall also sehr gut. Zu Beginn war die Regierung fest entschlossen, eine Entscheidung hinauszuzögern, um möglichst lange mit der Roten Armee in dem entführten Flugzeug verhandeln zu können. Doch als die Regierung in Tokio davon erfuhr, daß es sich hei der ersten Geisel, welche die Entführer zu erschießen drohten, um einen Amerikaner handelte, schlug die Stimmung im Kabinett völlig um. Wissen Sie, warum?

SPIEGEL: Weil es ein Ausländer war?

ETO: So ist es. Der Weißer-Mann-Komplex der Japaner. Wären es nur japanische Geiseln gewesen, wäre die Regierung möglicherweise hart geblieben. Aber da es sich um einen weißen Amerikaner -- nicht einen schwarzen Amerikaner -- handelte, war die Regierung bereit nachzugeben.

SPIEGEL: Bei afrikanischen Geiseln oder schwarzen Amerikanern wäre die Entscheidung anders gefallen?

ETO: Ja, völlig anders. Wenn es sich beispielsweise um einen Inder gehandelt hätte, wäre die Haltung der japanischen Regierung anders gewesen.

SPIEGEL: Die Terroristen der Roten Armee haben diesen Weißer-Mann-Komplex offensichtlich nicht.

ETO: In Nikosia traf ein Mitglied der Roten Armee heimlich einen japanischen Reporter und sagte: Es ist beschämend, wie unterwürfig sich die japanische Regierung gezeigt hat. Unterwürfig vor Weißen, vor Amerikanern.

SPIEGEL: Aber dieser angebliche Komplex war ja wohl nicht der entscheidende Faktor für den Ausgang des Geiseidramas.

ETO: Nein. Die japanische Regierung hätte wohl in jedem Fall, wenn auch nicht so hastig, gewisse Konzessionen gemacht. Denn die Rote Armee hat soviel Erfahrung mit Flugzeugentführungen, daß sie weiß, wie schwach und verletzbar die Regierung ist.

SPiEGEL: Wird die Regierungsentscheidung in der Öffentlichkeit gutgeheißen?

ETO: Unsere Einstellung zu Terroristen ist anders als in Europa. Wir sind immer noch für eine sehr nachgiebige, milde Antwort auf Radikalismus. Und Journalisten hier, von denen sehr viele Absolventen der Universität Tokio sind, haben Linksradikalen gegenüber einen starken Minderwertigkeitskomplex.

SPIEGEL: Wieso denn nun dieser Komplex?

ETO: Das ist einfach zu erklären. Erstens: 60 Prozent aller japanischen Professoren sind Marxisten ... SPIEGEL: Mehr als die Hälfte, und das im konservativen Japan?

ETO: Richtig, doch müssen wir die Naturwissenschaftler davon ausnehmen -- das sind Realisten. Die Studenten werden also von marxistischen Professoren indoktriniert. Dann finden sie Arbeit in den großen Media-Konzernen, werden gut bezahlt, bürgerlich ...

SPIEGEL: Dann ist es doch wohl kein Minderwertigkeitskomplex, sondern eher eine Art Schuldgefühl.

ETO: Ja, so etwas ähnliches. Was ich meine ist: Viele Intellektuelle hier, schon in der Schule radikal und marxistisch indoktriniert, leben an den Realitäten vorbei.

SPIEGEL: Wenn das stimmt, dann müßte es in Japan ja eine gewaltige Gruppe von Sympathisanten der Roten Armee geben, die es ihr ermöglichen würde, in dieser Gesellschaft zu operieren. Warum aber ist Japans Rote Armee nur im Ausland zu finden?

ETO: Nun, die Rote Armee hatte ja versucht, sich hier eine »militärische Basis« aufzubauen. Sie versuchte auch, die Arbeiter zu radikalisieren. Aber alle Versuche schlugen fehl.

SPIEGEL: Warum schlugen sie fehl?

ETO: Die Rote Armee ist zu radikal. 70 Prozent aller Japaner halten sich für Angehörige der Mittelschicht. Das heißt, sie sind konservativ, friedliebend und schätzen am höchsten ein ruhiges Heim. Radikalismus und Gewalt haben da keinen Platz.

SPIEGEL: Ist die weiche Haltung der Regierung eine neue Linie?

ETO: Bei der ersten Flugzeugentführung in Japan durch die Rote Armee -- 1970 nach Nordkorea -- wollte der damalige Verteidigungsminister Nakasone einen ganz harten Kurs einschlagen, aber die Regierungsmehrheit war dagegen. Vor allem in den Medien wurde eine weiche Welle befürwortet. Nach mehreren blutigen Anschlägen begann die öffentliche Meinung dann umzuschlagen. Aber erst seit Dakka tritt ein großer Teil der Bevölkerung für einen harten Kurs gegen Terroristen ein. Beim nächstenmal, dessen bin ich sicher, werden viele fordern, daß Flugzeugentführer hingerichtet werden sollten und daß notfalls das Leben der Geiseln geopfert werden muß.

SPIEGEL: Halten Sie es für möglich, daß es beim nächstenmal eine Geiselnahme hier in Japan sein wird?

ETO: Ja. Unsere Polizei ist, wie ich gerade von hoher Stelle erfahren habe, sehr besorgt über diese Wahrscheinlichkeit.

SPIEGEL: Die Heimkehr der Roten Armee steht bevor?

ETO: Wenn ich ein Führer der Roten Armee wäre, würde ich wohl lieber im Ausland bleiben. Unsere Polizei ist sehr effektiv. Ein Entkommen aus dem Land ist kaum möglich. Außerdem führen die Rotarmisten in Libyen, Syrien und möglicherweise dem Sudan ein sehr angenehmes Leben. Sie bekommen Geld von zu Hause, von ihren Verwandten und Freunden ...

SPIEGEL: Haben die Terroristen noch andere Geldquellen in Japan?

ETO: Es gibt im Gebiet Osaka-Kobe eine »Unterstützungsorganisation«. SPIEGEL: Und die ist nicht illegal? ETO: Dieses ist ein freies Land. SPIEGEL: Sind diese Organisationen sehr aktiv?

ETO: Ja. Gerade jetzt wieder hat die Polizei mehrere Wandzeitungen in Osaka gefunden, in denen die Flugzeugentführung von Dakka gepriesen und der Roten Armee Unterstützung zugesagt wird.

SPIEGEL: Welche Vorkehrungen haben Regierung und Polizei getroffen, um künftige Terroranschläge zu verhindern?

ETO: Für Terrorakte im Inland ist unsere sehr wirkungsvolle Polizei hinreichend gewappnet. Und nach der jüngsten Entführung hat die Regierung hochgestellte Personen vor den möglichen Gefahren einer Auslandsreise gewarnt. SPIEGEL: Was soll das nützen?

ETO: Wohl nichts. Neulich sagte mir ein prominenter Geschäftsmann, nur halb im Spaß: »Für uns gibt es jetzt nur noch ein sicheres Land in der Welt -- die Volksrepublik China.«

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