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ATTENTATE Nur der Atem

Experten des Bundeskriminalamtes erschien plausibel, daß der Mord an dem hessischen Minister Heinz Herbert Karry »Teil einer Serie« war.
aus DER SPIEGEL 21/1981

Hessens Minister für Wirtschaft und Technik, Heinz Herbert Karry, 61, sorgte sich um seinen Schlaf. Nach einwöchiger Rundreise durch spanische Provinzen mit Besuchen bei Militärs und Bürgermeistern fielen ihm, auf dem Rückflug nach Frankfurt, »die ständische Anrufe zu Haus« wieder ein. »Da ist nachts als einer dran«, erinnerte sich der FDP-Politiker, der gern auf Frankfurterisch babbelte, am Donnerstag vorletzter Woche, »der meld sich net, den hört mer nur atme.«

Eine Geheimnummer, so der Freidemokrat, wolle er sich nicht zulegen, »weil mich die Leut doch erreiche müsse«. Auch hielt der Minister nichts davon, dem nächtlichen Störer mit einer Fangschaltung aufzulauern: »Des bringt doch nix.« Aufwendigen Objektschutz und ständige persönliche Bewachung gar lehnte Karry rundum ab. »Des kost nur Geld«, argumentierte der Bundesschatzmeister der FDP an Bord der DC 9, »was meine Sie, was ich dem Staat einspar.«

Vier Tage später, Montag vergangener Woche, Punkt fünf, schlichen im Dämmerlicht Gestalten mit einer Stehleiter, einer Taschenlampe und einer Pistole vom Typ »High Standard« auf Karrys Grundstück in der Hofhausstraße 51 in Frankfurt-Seckbach und stießen leise das vergitterte, nur angelehnte Fenster des Schlafzimmers auf.

Sekunden danach, um 5.02 Uhr, peitschten zwei Schüsse über die Köpfe des schlafenden Ehepaars hinweg. Karry ("Was''n los?") sprang auf, wankte in Richtung Fenster. Von vier weiteren Schüssen getroffen, brach der Minister neben dem Bett zusammen. Um 6.25 Uhr registrierte ein Notarzt den Tod.

Erstmals wurde in der Bundesrepublik ein führender Politiker ermordet, neue Dimensionen des Terrors, wie es schien. Doch es war eine Tat, die auf Anhieb nicht ins Raster bisheriger Terrorakte paßte, ob sie nun von Linksextremisten oder Rechtsradikalen verübt worden war. Und während auch Ende letzter Woche noch die Fahnder nur spekulieren konnten, welchem Kreis die Täter zuzuordnen seien, erschien Politikern wie Sicherheitsbeamten wieder mal die Frage wichtig, ob etwa Karry noch leben könnte, wäre er nur besser bewacht worden.

Nahezu 300 Millionen Mark wenden Bund und Länder für die Sicherheit ihrer Spitzenpolitiker auf; das BKA unterhält eigens zu diesem Zweck eine »Sicherungsgruppe« in Bonn, die Länder setzen ihre überörtlichen Spezialtrupps wie auch lokale Kräfte ein. Zwischen 1200 und 1400 der rund 23 000 Polizeibeamten Baden-Württembergs sind beispielsweise im Drei-Schichten-Dienst zum Personen- und Objektschutz abgestellt.

Je nach Rang und Ressort sind die Politiker in drei Gefährdungsstufen eingeteilt: In Stufe eins werden nach der »Polizeidienstvorschrift 100« ständige Begleitung und permanenter Objektschutz betrieben. Stufe zwei bedeutet: Begleitung in besonderen Fällen und zu bestimmten Zeiten. Stufe drei: Streifen und sporadischer Schutz.

Doch was für den einen Statussymbol bedeutet, ist für den anderen Belästigung. In Bayern und Baden-Württemberg etwa legen Minister mehr Wert auf Begleitschutz als in Hessen. »Bei uns«, so ein Wiesbadener Innenministerialer, »wurde von dem Schutz nicht viel gehalten. Wir müssen da jetzt nach Karry ein bißchen umdenken.«

Kein Zweifel, daß dabei der Grundgedanke unverändert bleibt: daß Attentate mit keiner noch so aufwendigen Beschützergarde zu verhindern sind, nicht zu reden von der respektablen Position solcher Politiker wie Karry, denen die Aufpasserei so sinnlos wie zuwider erscheint.

Der ermordete Minister hatte stets weniger Wächter um sich, als ihm zustanden. Zu Hause duldete er sie überhaupt nicht, weil »ich mich nicht selbst einsperren will«. Er fragte sich auch, »wer mir was tun sollte, ich tue ja auch niemandem was«. Nur »politische Gegner« gestand ihm Hessens FDP-Innenminister Ekkehard Gries zu, aber »keine Feinde«. Es gab aber auch, vor allem in den letzten Monaten, feindselige Haltungen gegen Karry.

Als verantwortlicher Ressortminister trieb er Projekte wie den Autobahnbau, die Startbahn West auf dem Frankfurter Flughafen, Block C des Kernkraftwerks Biblis und die geplante Wiederaufarbeitungsanlage mit Eile voran und wurde dann schon mal von Ausbaugegnern angeprangert. Eine Puppe, die den Minister zeigte, ging in Flammen auf, die Polizei fing einen Funkspruch ab mit der Forderung: »Der Lump muß ausgerottet werden.«

Doch mit solchen Drohungen, so ein Staatsschützer, »müssen viele leben«. Und auch die Bekenner, die sich nach dem Attentat zu Wort meldeten, wurden von den Fahndern in die Reihe der »Trittbrettfahrer« eingestuft. Beim »Hanauer Anzeiger« rief einer an: »Hier ist die RDU -- Rache der Umweltschützer -- Karry haben wir ermordet.« In der Wohnung Karry meldete sich die »RAF": »Dies war der erste Streich.«

Die Frankfurter »Abendpost-Nachtausgabe« registrierte einen Anrufer, der gemeinsam mit seinem Sohn den Minister umgebracht haben wollte, weil »der uns unser Grundstück weggenommen hat zur Straßensanierung«. Bei »Bild« bekannte sich eine »Bewegung Drittes Reich« zu dem Mord an dem Minister jüdischer Abstammung.

Schemenhaft auch blieb letzte Woche, was in den frühen Morgenstunden S.121 vor dem Haus des hessischen Wirtschaftsministers geschehen war. Um ein Uhr in der Nacht zum Montag hatte Frau Karry wieder einen der mysteriösen Anrufe entgegengenommen, bei denen nur ein Atmen zu hören war; sie legte den Hörer neben die Gabel, um vor weiteren Störungen bewahrt zu bleiben. Um 2.30 Uhr kam eine Funkstreife und parkte gemäß den Sicherheitsregeln 15 Minuten vor dem Haus. Auch um 4.35 Uhr war noch einmal Polizei in der Nähe; Beamte vom 6. Revier klärten, wie das Wachbuch besagt, »ca. 100 Meter« von Karrys Villa entfernt »ein Objekt« ab.

Entgangen war dieser Streife, daß spätestens von 4 Uhr an vor dem Ministerhaus eigenartige Observationen liefen. Einem Zeitungsträger zum Beispiel fiel eine Frau unter 30 Jahren auf, die energischen Schritts aus Richtung Karry-Grundstück kam und sich ans Steuer eines parkenden roten Fiats ("F-PD ...« oder »F-ED ...«, Ziffern unbekannt) setzte.

Auf dem Beifahrersitz wartete ein Mann, etwa gleich alt. Auch er wurde später in der Hofhausstraße dabei beobachtet, wie er zu Fuß offenbar Abklärungen am Karry-Haus trieb.

Möglich erschien den Fahndern, so ergaben die Lagebesprechungen in der »Sonderkommission Karry«, daß der Minister gar nicht ermordet, sondern nur geschockt werden sollte -- deshalb die ersten Schüsse in die Wand? Karry wäre nach dieser These in die Schußlinie gelaufen, hätte den Schützen mit seiner Reaktion in eine nicht einkalkulierte Panik-Situation gebracht.

Für solche Kopflosigkeit sprach, daß die Leiter unter dem Fenster liegengeblieben war. Auch die Pistole wurde zwei Straßen weiter fortgeworfen. Und daß Frau Karry nach dem Anschlag nicht telephonieren konnte, weil die Leitung blockiert war, war nicht etwa ein Zeichen besonderer Raffinesse der Täter; die Ursache der Blockade war der lange Zeit nicht aufgelegte Hörer.

Handfeste Spuren erwarteten die Ermittler allein aus der Vita der Frankfurter Tatwaffe. Nur: Die scheint schon seit gut zehn Jahren in kriminellen Kreisen zu kursieren. Mitte November 1970 hatten zwei US-Soldaten insgesamt 17 Faustfeuerwaffen, darunter zehn »Colts«, in der »Ayers«-Kaserne in Kirch-Göns bei Butzbach gestohlen und nach und nach, so ein Protokoll der Sonderkommission, »über Mittelsmänner an Unbekannte in Frankfurt weitergegeben«. Eines dieser 17 Schießeisen war die spätere Tatwaffe Karry.

Der Fall wurde seinerzeit von der US-Militärpolizei intern erledigt, deutsche Polizeidienststellen erfuhren wenig über den tatsächlichen Hintergrund: Mitglieder der amerikanischen »Black Panther Party«, erinnern sich heute hohe Staatsschützer, hätten damals systematisch für die »Revolutionären Zellen« (RZ) Waffen besorgt. Vor allem RZ-Aktivist Wilfried Böse, späterer Mittäter bei der Flugzeugentführung nach Entebbe, gilt als Aufkäufer der Butzbacher Beute. Böse, heißt es in Verfassungsschutzberichten, habe sowohl deutschen RAF-Kadern wie der japanischen »Roten Armee Fraktion«, aber auch Palästinensern als Waffenlieferant gedient.

Sicher ist, daß vier der 17 Schußwaffen in Terroristenhände gerieten. Eine Pistole fand sich nach einer Besetzung japanischer Terroristen in der französischen Botschaft in Den Haag, ein Revolver bei dem Terroristen Rainer Hochstein, ein »Colt« wurde in einer konspirativen RAF-Wohnung in Frankfurt, ein anderer in einer aufgeplatzten Paketsendung der RAF in einem Berliner Postamt entdeckt.

Zu den wenigen Fäden, die die Fahnder letzte Woche in der Hand hielten, zählte die Analyse einiger Attentate, die Parallelen zum Karry-Mord aufwiesen. Geprüft und verglichen wurden noch einmal alle Details der Anschläge auf den Unionspolitiker Walther Leisler Kiep (1974 in Kronberg), den jüdischen Verleger Shlomo Lewin (1980 in Erlangen) und den österreichischen Stadtrat Heinz Nittel (1981 in Wien). Keiner dieser Fälle ist aufgeklärt.

Auf Leisler Kiep hatte ein Unbekannter geschossen, als der Villenbesitzer samstags aus der Sauna in seinen Garten kam; vorher hatte er -- Kiep blieb unverletzt -- mehrmals Drohanrufe erhalten. Tenor, wie er sich erinnerte: »Palästina und die Rechte des palästinensischen Volkes und ich als Vertreter der Interessen Israels«.

Lewin, Geschäftsführer der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Franken, war im Dezember in Erlangen zusammen mit seiner Lebensgefährtin mit je vier gezielten Pistolenschüssen getötet worden. Auch bei ihm gab es monatelang vorher Drohanrufe, auch bei ihm war, wie die Ermittlungen ergaben, eine Frau Haupt- oder Mittäterin. Lewins Vetter Ari Frankenthal umschrieb die Mörder in der Grabrede so: »Ein gemietetes Schwert.«

Heinz Nittel, der Wiener Stadtrat für Verkehr und Energie und Präsident der Österreichisch-Israelischen Gesellschaft, starb am Morgen des 1. Mai in seinem Dienstwagen unter dem Feuer einer sowjetischen »Makarow«-Pistole (9 Millimeter). Waffen dieser Art waren auch bei den Morden des international operierenden Terroristen »Carlos« und von RAF-Schützen verwendet worden. Nittels Chauffeur, der den Schüssen nur knapp entkam, über den Täter: »Das war kein Irrer.«

Zehn Tage später starb Heinz Herbert Karry, Mitglied der Deutsch-Israelischen Wirtschaftsvereinigung. Ob er das »Opfer militanter politischer Extremisten« wurde, wie das hessische Landeskriminalamt urteilte, oder ob ein ganz anders geartetes Motiv, etwa Nachahmung, dahintersteckte, blieb für die Sonderkommission erst mal reine Spekulation. Experten im BKA erschien sehr plausibel, daß der Mord »Teil einer Serie« war -- »dann gute Nacht«.

S.121Spurensicherung an der von den Tätern benutzten Leiter.*

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