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»Nur durch Kernenergie politisch frei«

Der sowjetische Atomphysiker Sacharow, 1950 einer der Väter der russischen Wasserstoffbombe und Moskaus populärster Dissiderit, ist in einer wichtigen Frage anderer Meinung als seine Freunde im Westen: die friedliche Nutzung der Atomkraft sei die einzige Chance der Industrienationen, die Freiheit auch für ihre Enkel zu sichern.
aus DER SPIEGEL 52/1977

Sehr lange Zeit schon habe ich mich gewundert über die stürmischen, nach Tausenden von Menschen zählenden Demonstrationen, über die Reden von bekannten und unbekannten Politikern, über alle möglichen Kampagnen in den westlichen Ländern, die gegen die Entwicklung der Kernenergie, gegen den Bau von Kernkraftwerken und »schnellen Brütern« gerichtet sind. Ich war auch etwas erzürnt, habe mich aber von öffentlichen Auftritten ferngehalten, um so mehr als in der UdSSR etwas Ähnliches natürlich nicht vorkommt. Allmählich aber bin ich zu der Meinung gekommen, daß dieses Thema Aufmerksamkeit verdient und daß ich einiges dazu zu sagen habe.

Der Grund für die Anti-Atom-Stimmung ist wahrscheinlich die mangelhafte Information der Leute über komplizierte Spezialfragen. Es ist sehr schwierig, dem Laien zu erklären, daß ein Kernreaktor keine Atombombe ist, daß ein Kohle- und Erdölkraftwerk

* In seiner Moskauer Wohnung mit Ehefrau Jelena und Enkelkind.

** Amerikanischer Atomphysiker, 1967 Nobelpreisträger.

*** 1974 als Regimegegner aus der CSSR emigriert.

eine viel größere Gefahr für die Umwelt und die Gesundheit der Menschen darstellt als ein Kernkraftwerk der gleichen Kapazität oder ein »schneller Brüter«.

Jetzt haben viele verantwortliche Politiker des Westens, viele Leiter der Industrie und die Atomforscher mit einiger Verspätung die Notwendigkeit erkannt, die technischen Grunddaten auf diesem Gebiet einer breiten Öffentlichkeit klarzumachen.

Sie haben die Notwendigkeit einer breiten wissenschaftlich-technischen Information erkannt; dies ist in der Tat lehr wichtig. Einen wunderbaren, gut argumentierten Artikel unter dem Titel »Die Notwendigkeit der Kernenergie« hat Nobelpreisträger Hans Bethe** geschrieben. Er ist der Autor von bedeutenden theoretischen Arbeiten über Kernreaktionen im Innern der Sterne, ober Quanten-Elektrodynamik und über Kernphysik. Möglicherweise ist dem europäischen Leser auch der Name des heute in Schweden tätigen Physikers Frantisek Janouch*** bekannt, der sich wiederholt mit dieser Problematik beschäftigte. Ich bin mit den Argumenten dieser und vieler anderer kompetenten Autoren voll einverstanden.

Die Entwicklung der Kernenergie beanspruchte eine größere Aufmerksamkeit, was die Fragen der Sicherheitstechnik und des Umweltschutzes anbelangt, als die Entwicklung solcher Zweige der Technik wie Metallurgie und Kokschemie, Bergbau, Chemische Industrie, Kohlekraftwerke, moderner Transport und Agrarchemie.

Der grundsätzliche Unterschied zwischen Kernenergie und Energie aus konventionellen Brennstoffen ist einmal die höchste Konzentration des Kernbrennstoffs und zum anderen der kleine Umfang der gefährlichen Abfälle und des ganzen Prozesses. Dies erleichtert und verbilligt die Lösung der Sicherheitsaufgaben und den Umweltschutz im Vergleich zu Kohle- oder Erdölenergie.

Gleichzeitig ist ein beschleunigter Ausbau der Kernenergie offensichtlich lebensnotwendig, denn sie ist der einzige wirtschaftliche Ersatz für Erdöl in den nächsten Jahrzehnten. Nach den meisten Schätzungen wird Erdöl schon zum Ende des Jahrhunderts knapp.

Dabei ist nicht nur der Bau der »normalen« Kernkraftwerke auf der Grundlage des angereicherten Urans wichtig, in denen das seltene Isotop-Uran U-235 benutzt wird. Wichtig ist auch die Lösung des Problems der Produktion von Spaltmaterial aus dem Grund-Isotop des Urans (U-238) und in der Zukunft auch aus Thorium. Dies gibt einmal die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Nutzung von Erzen mit geringem Urananteil, von denen es sehr viele in der Erde gibt, in Zukunft aber auch die Nutzung von Thorium-Vorkommen, die noch reichlicher vorhanden sind.

Es ist bekannt, daß die Reaktoren, die auf den schnellen Neutronen aufgebaut sind (die sogenannten »Brüter"), eine der möglichen Lösungen dieses Problems darstellen. Sie sind auch in Hinsicht auf die Sicherheitstechnik weit gediehen. Möglicherweise wird es notwendig sein, in den nächsten Jahren Industrie-Reaktoren auf dieser Basis zu bauen, natürlich unter größter Beachtung der Sicherheitsfragen.

Über eine andere Alternative zur Lösung des Problems der Vermehrung, von Spalt-Material habe ich früher bereits den Bau einer großen unterirdischen Kammer vorgeschlagen -- ich bin keineswegs der Urheber dieser Idee -, einer Kammer mit einer hermetisch abgeschlossenen hitzefesten Hülle, in der periodisch Explosionen von besonders konstruierten Kleinst-Atombomben stattfinden. Bei solchen Sprengungen kann man mit hohem Wirkungsgrad die Vermehrung von Spaltmaterial erreichen, das sich beim Auffangen der Neutronen aus der Explosion im Uran oder im Thorium bildet. Sicher gibt es aber auch noch viele ernsthafte Schwierigkeiten für die Verwirklichung dieser Idee.

Eine weitere technische Frage, die in der Literatur viel behandelt wird, ist die Möglichkeit des Diebstahls von Spaltmaterial aus dem Kernkraftwerk oder aus einem chemischen Metallurgie-Werk und seiner Benutzung zur Herstellung von primitiven Atombomben. Was die Möglichkeit des Diebstahls anbetrifft, so denke ich, daß mit Hilfe entsprechender organisatorischer und technischer Maßnahmen ihre Wahrscheinlichkeit auf ein Minimum zurückgeführt werden kann. Das in einem Brennstab enthaltene Plutonium aber wird auf keinen Fall für die Herstellung eines Atomsprengsatzes ausreichen. Außerdem braucht man den Dieb nicht zu beneiden, der sich entschließt, einen bestrahlten Stab aus dem Kernreaktor zu stehlen; er selbst wird durch die Strahlung als erster umkommen.

Was die Möglichkeit der Herstellung einer »selbstgebastelten« Atombombe (durch kleine Länder) anbetrifft, so bin ich in dieser Frage wie wahrscheinlich auch Bethe durch Geheimhaltungsvorschriften gebunden. Wie aber auch er kann ich dem Leser versichern, daß das eine außerordentlich schwierige Sache ist, nicht leichter als zum Beispiel der Bau einer selbstgebastelten kosmischen Rakete. Die Herstellung eines funktionierenden Sprengsatzes wird höchstwahrscheinlich zusätzlich durch »Denaturierung« des Plutoniums erschwert.

Das Kernenergie-Problem hat nicht nur technische und wirtschaftliche Aspekte, sondern auch politische. Die Staatsmänner gehen immer -- und nicht ohne Grund -- von der Voraussetzung aus, daß die Qualität der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes und seine wirtschaftliche Souveränität einer der Hauptfaktoren sind, die seine politische Souveränität sowie seine militärische und diplomatische Macht und seinen internationalen Einfluß bestimmen.

Eine solche Meinung muß um so bedeutsamer sein, wenn sich zwei Weltsysteme gegenüberstehen. Das Niveau der Wirtschaft aber wird seinerseits durch die Energie, das heißt durch die Benutzung von Erdöl, Gas und Kohle in der Gegenwart, durch Uran und Thorium, möglicherweise sogar durch Deuterium und Lithium in der Zukunft bestimmt.

Deswegen behaupte ich: die Entwicklung der Kernenergie ist eine der notwendigen Voraussetzungen für die Bewahrung der wirtschaftlichen und politischen Unabhängigkeit eines jeden Landes, sowohl eines solchen, das ein hohes Entwicklungsniveau erreicht hat, als auch eines Entwicklungslandes.

Besonders groß ist die Bedeutung der Kernenergie für Japan und die Länder Westeuropas. Wenn die Wirtschaft dieser Länder auch in der Zukunft in einem mehr oder weniger wesentlichen Teil von der Lieferung des Brennmaterials aus der UdSSR und den unter ihrem Einfluß befindlichen Ländern abhängt, dann wird der Westen unter der ständigen Drohung leben, daß diese Lieferungen gesperrt werden. Dies wird eine erniedrigende politische Abhängigkeit zur Folge haben. Ein Nachgeben in der Politik zieht immer das nächste Nachgeben nach sich. Wohin das führen wird, ist letzten Endes schwer vorauszusagen.

Ich habe schon einmal die Möglichkeit gehabt, in dem Buch »Mein Land und die Welt« eine Voraussage eines der bedeutendsten sowjetischen Beamten wiederzugeben, die ich 1955 hörte, als man mich noch als »loyal« betrachtete. Die Rede war von einer Umorientierung der Sowjet-Politik im Nahen Osten. Nasser sollte mit dem Ziel unterstützt werden, in Westeuropa einen Erdölhunger herbeizuführen. Damit wollten wir über einen wirksamen Hebel verfügen. Die jetzige Situation ist viel komplizierter und nuancenreicher. Trotzdem gibt es unzweifelhaft einige Parallelen. Es gibt ein politisches Interesse der UdSSR, die Energie-Schwierigkeiten des Westens auszunutzen.

Gehen die derzeitigen Kampagnen gegen die Entwicklung der Kernenergie von der UdSSR oder anderen Ländern Osteuropas aus? Irgendwelche glaubwürdigen Tatsachen dieser Art sind mir nicht bekannt. Wenn ja, dann genügt schon wenig, um bei der weiten Verbreitung der anti-atomaren Vorurteile und beim Unverständnis für die Notwendigkeit der Kernenergie, diese Kampagne wesentlich zu verstärken.

Die Menschen müssen die Möglichkeit haben, aber auch die Kenntnisse und die Rechte, um die zusammenhängenden wirtschaftlichen, politischen und ökologischen Probleme nüchtern und verantwortlich gegeneinander abzuwägen. Probleme, die die Entwicklung der Kernenergie und die Alternativen der Wirtschaftsentwicklung betreffen, müssen ohne grundlose Emotionen und Vorurteile gelöst werden. Es geht nicht nur um Komfort, nicht nur um Erhaltung der sogenannten »Lebensqualität«. Es geht um eine weit wichtigere Frage -- über die wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit, über die Bewahrung der Freiheit für unsere Kinder und Enkel. Ich bin davon überzeugt, daß die richtige Lösung letzten Endes erreicht wird.

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