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»Nur eine Nase noch«

Der Schriftsteller Eckhart Nickel über Kokspartys
aus DER SPIEGEL 44/2000

Nickel, 34, hat ein Buch über den modernen Dandy geschrieben. Gerade ist sein Erzählungsband »Was ich davon halte« erschienen. Er lebt in Heidelberg. -------------------------------------------------------------------

Einen besonders gelungenen Freitagabend beschreibt Martin, 34, erfolgreicher Immobilienmakler in Berlin, wie folgt: Kühlschrank voll mit Champagner bis oben hin, Freunde vor der Tür und auf dem Tisch eine frische Prise Kokain.

Wo die Ware herkommt, bleibt für die meisten seiner Gäste ein Geheimnis. Sie zahlen, schnupfen und fragen nicht nach. Martin ist, wie es im Jargon heißt, nahe dran am Ursprung. An Stoff, der 80 Prozent Reinheitsgehalt hat - wie in Bolivien und Kolumbien üblich. Er ist der Mann mit den unglaublichen Verbindungen. Bei ihm, so sagt er, gibt es keine Briefchen, sondern Rocks, gut abgewogen. 200 Mark das Gramm.

Darüber gesprochen wird nur in Chiffren. Wenn besonders gute Qualität angesagt ist, spricht Martin von Helgolandfelsen. Wie von altem Parmigiano Reggiano wird am Tisch abgehobelt, jedes Stück selbst noch einmal durch ein feines Pulverzuckersieb getrieben, bis sich der Staub sauber in Linien verteilen lässt.

Für Martin und seine Freunde, Ärzte, Rechtsanwälte und Medienleute, alles Menschen in gehobener gesellschaftlicher Stellung, hat der Konsum der Droge kulinarische Qualität erreicht. Getrunken werden Jahrgangscuvées, »ich biete Zigarren aus dem Schrankhumidor, vorneweg Fingerfood vom Feinkostlieferanten«, sagt Martin. Was passiert dann, wenn alle ihre Lines schnupfen? »Die Kunst des intelligenten Gesprächs. Gedanken-Pingpong. Austausch, Ausschweifung und Amüsement.«

In Martins Kreis hineinzugelangen ist nicht leicht. Der Vorgang, wie Martin ihn schildert, erinnert an Geheimlogen aus der Zeit der Freimaurer oder die superreiche Festgemeinde aus Stanley Kubricks Film »Eyes Wide Shut«. Wer Freunde einführen will, muss sie eingehend vorstellen, die so genannte weiße Weste wird geprüft. Es gibt ja schließlich V-Männer.

Die Wochenenden der Mitglieder laufen meist ähnlich ab. Die Treffen, die sich bis ins Morgengrauen ziehen, sind gekennzeichnet von Martins sadistischem Bedürfnis: »Ich will sehen, wie weit die Leute gehen«, sagt er. Martins Geschenk ist das Ereignis, die Entgleisungen der Gäste sein Lustgewinn: »Ich zeichne gerne auf und filme, lasse Bänder laufen. Bei uns gibt es keine Grenzen. Es wird geredet, getanzt, man schläft miteinander.« Die meisten Mitglieder der Runde würden sich am nächsten Tag nur ungern in die Augen sehen. Ab einer bestimmten Menge Kokain wird nur noch Mist erzählt. Lügen und Heuchelei. Aber das weiß ja jeder.

Für Martin bedeutet Kokain Abwechslung in der Langeweile seines saturierten Lebens. Er will sehen, wie Kokain die Menschen klein macht, ihre Gier, den Geiz, mit dem sie ihre Ration verteidigen. »Wenn nicht mehr viel auf dem Tisch liegt, sagt jeder, er wäre noch nicht drangewesen«, erzählt Martin, »ich sehe dann in den starren Blicken den einzigen Wunsch, eine Nase zu nehmen, nur eine Nase noch.« Die Frage, woher er das Kokain bezieht, lässt er bewusst offen. Wer das Gesetz des Schweigens bricht, entgeht seiner Strafe nicht.

Eckhart Nickel
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