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Nur eine Pistole

aus DER SPIEGEL 28/1948

Anziehen konnte er sich nicht mehr. Nur ein Köfferchen griff er noch, dann turnte er im Nachthemd durchs Fenster.

Unter dem Fenster standen Polizisten und empfingen den Mann, der den ersten Raubüberfall auf die neue Deutsche Mark inszeniert hatte. »Dann habe ich wohl verspielt,« sagte er im Hamburger Platt zu den Polizisten. »Zu dumm, dienstags habe ich immer Pech. So'n Schiet!« (Sein Komplice wurde in der selben Nacht festgenommen.)

Es war nämlich ein Dienstag gewesen, als es mittags kurz nach eins beim gemeinnützigen Wohnungsunternehmen »Freie Stadt« im Haus der Hamburger Finanzbehörde an die Tür klopfte. Der einarmige Rechnungsführer Wöhrmann und die Kassiererin Frau Fahje zählten gerade den Mietzins, den die eigennützigen Wohnungsgenossen in den Kassenstunden ("bis 13 Uhr") eingezahlt hatten. Kurz vor Schalterschluß war noch einer dagewesen, den Wöhrmann erst zu einem Sachbearbeiter in den sechsten Stock geschickt hatte. »Klopfen Sie an die Tür, wenn Sie wieder unten sind,« hatte er dazu gesagt.

Nun klopfte es. Die beiden im Kassenraum wunderten sich, daß der aus dem sechsten Stock schon wieder da war: Er kann doch nicht fliegen!« Sie öffneten nicht Da klopfte es wieder.

»Na, dann wird er es wohl sein,« sagte Wöhrmann, schob seinen Stuhl zurück, ging zur Korridortür des Vorzimmers und schloß auf. Statt des Mieters aus dem sechsten Stock standen zwei freundliche Männer vor ihm, die gern noch Miete zahlen wollten. Wöhrmann knurrte, Schalterschluß sei um eins. Aber weil sie einmal vor der Tür standen, ließ er sie auch herein.

Von dem, was dann passierte, hat Wöhrmann wenig gesehen. Nur eine Pistole. Ein Schlüssel drehte sich im Schloß, eine Stimme gab Kommandos, Wöhrmann und Frau Fahje, die vor Schreck einen ganz roten Kopf bekam, drehten sich mit dem Gesicht zur Wand und rührten sich nicht. 12413,90 Deutsche Mark steckten die freundlichen Mieter ein. 7000 ließen sie in der Eile liegen.

Als Wöhrmann dann hörte, wie von außen abgeschlossen wurde, kletterte er aus dem Fenster und alarmierte den Pförtner des großen Hauses. Frau Fahje telefonierte nach der Geschäftsleitung. An die Alarmanlage dachten sie nicht.

Die zwei mit dem Geld gingen durch einen Nebenausgang. Der war offen, weil Handwerker da rein und raus mußten.

Der Mann aus dem sechsten Stock erinnerte sich später, zwei Männer auf der Bank im Korridor gesehen zu haben, als er aus dem Kassenraum gekommen war. Richtig erkannt hatte die beiden aber keiner, und auch nach dem Verbrecheralbum konnte sie niemand identifizieren. Dabei war der eine Räuber ein alter Berufsverbrecher aus Hamburg-Rissen. Der andere hatte bei der Gesellschaft »Freie Stadt« früher selber Miete eingezahlt.

Kassierer Wöhrmann und die rotköpfige Frau Fahje waren mit ihren Mieten vorsichtshalber hinter die Gitter des großen Schalterraumes der Finanzbehörde gesetzt worden, als die 12.413.90 DM weg waren. (Dort kann so leicht niemand eindringen.)

Als Mann im Nachthemd und sein Kollege gefaßt wurden, war das vier Tage her.

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