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DDR Nur eine Schramme

Ein »Stern«-Titel über ein Honecker-Attentat kostete den Korrespondenten des Blattes seinen Job in Ost-Berlin. Der Hintergrund der Affäre ist dubios.
aus DER SPIEGEL 3/1983

Die Zeremonie verlief nach eingeschliffenem Ritual: Am Mittwochmittag vergangener Woche, einen Tag nach der wöchentlichen Routinesitzung des SED-Politbüros, zitierte Botschafter Wolfgang Meyer den Ost-Berliner »Stern«-Korrespondenten Dieter Bub ins Außenministerium am Marx-Engels-Platz. Bub, so eröffnete der Hauptabteilungsleiter Presse dem keineswegs überraschten »Stern«-Mann »kurz und knackig« (Bub), habe die Bestimmungen für akkreditierte Journalisten gröblichst verletzt und müsse die DDR innerhalb von 48 Stunden verlassen.

Für DDR-Meyer war die Strafaktion gewohnte Routine: Bub ist das bislang vierte, aber wohl kaum das letzte Opfer eines Regimes, das sich die westliche Presse 1973 freiwillig ins Land geholt hat, um sein Weltniveau zu beweisen, das aber auf kritische Berichterstattung noch immer so empfindlich reagiert wie die Potentaten eines Operettenstaates.

Geübt hatte die DDR das Ritual erstmals Ende 1975 am SPIEGEL-Korrespondenten Jörg R. Mettke. Der wurde S.83 aus der Deutschen Demokratischen Republik verwiesen, nachdem im SPIEGEL ein Bericht über rechtswidrige Zwangsadoptionen im SED-Staat erschienen war.

Ein Jahr später flog ARD-Korrespondent Lothar Loewe raus. Loewe hatte in einem Fernseh-Kommentar der DDR vorgeworfen, sie lasse an ihrer Westgrenze »auf Menschen wie auf Hasen schießen«. 1979 traf das Los den ZDF-Kollegen Peter van Loyen wegen eines nicht genehmigten Interviews mit dem ostdeutschen Schriftsteller Stefan Heym.

Anders als die vor ihm gefeuerten Korrespondenten hat Bub seine Ausweisung möglicherweise durch eigene Ungeschicklichkeit verschuldet. Denn während Mettke, Loewe und van Loyen ohne weiteres Federlesen des Feldes verwiesen wurden, erhielt Bub Gelegenheit, sich zu rechtfertigen - was Bonn seit langem fordert.

Zwei Stunden vor dem Ausweisungsdekret beorderte Meyer den Korrespondenten zu einem ersten Gespräch ins Außenamt. Der »Stern«, rügte der Botschafter, habe eine Falschmeldung verbreitet, die von der Springer-Presse prompt zur Hetze gegen die DDR ausgebeutet worden sei. Bub, so forderte Meyer, solle ihm erklären, wie die »Stern«-Ente zustande gekommen sei.

Zu diesem Zeitpunkt, versichern SED-Leute, habe Ost-Berlin nur vorgehabt, Bub »hart« zu verwarnen, nicht aber, ihn auszuweisen. Denn an einem deutsch-deutschen Eklat vor dem 6. März sei die DDR nicht interessiert.

Doch der »Stern«-Mann machte einen entscheidenden Fehler. Er gab freimütig zu, er habe gegen die journalistische Arbeitsverordnung für auswärtige Korrespondenten verstoßen und ohne Genehmigung des Ministeriums in Klosterfelde und Wandlitz recherchiert. Im übrigen, so Bub, sei die Geschichte gleich nach Neujahr einem West-Kollegen gegen Geld angeboten worden.

Meyer informierte nach der Unterredung Honecker. Der verfügte daraufhin Bubs Rausschmiß.

Anlaß der Aufregung unter den hohen SED-Chargen war eine Sensationsmeldung, die der »Stern« am Dienstagmorgen letzter Woche verbreitet hatte: SED-Chef Erich Honecker sei an Silvester »nur knapp einem Attentat entkommen«. Ein 41jähriger Ofensetzer aus Klosterfelde nördlich von Berlin habe den DDR-Staatsratsvorsitzenden in dessen Dienstwagen auf der Fernstraße 109 zu erschießen versucht, sei aber mit seinem Lada von einem Wagen des Staatssicherheitsdienstes rechtzeitig abgedrängt worden.

Der Ofensetzer habe schließlich angehalten, auf einen Beamten geschossen und sich dann mit zwei Kopfschüssen selbst getötet.

Das Motiv des Attentäters laut »Stern": Der Mann habe nach Aussagen von Bekannten die »Bonzen aus dem Prominenten-Getto« Wandlitz, in dem auch Honecker wohnt, gehaßt. Er habe »in den Häusern von Honeckers engeren Mitarbeitern Öfen gesetzt und Heizungen installiert und gesehen, wie Regierungsmitglieder und Parteifunktionäre in Luxus lebten«.

Diese Sätze vor allem brachten die SED-Oberen in Rage. Denn das Privatleben der Regenten ist in der DDR tabu, Kritik am Lebensstil der Parteiführer gilt als Staatsverleumdung und Hetze gegen den sozialistischen Staat.

Die Meldung vom angeblichen Honecker-Attentat verbreitete sich über West-Radio und West-Fernsehen in Windeseile, nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in der DDR. Bub selbst legte in Interviews bereitwillig nach.

Die offizielle DDR-Nachrichtenagentur ADN reagierte schnell. Am Dienstagnachmittag, unmittelbar nach der Sitzung des Politbüros, wies sie »Falschmeldungen westlicher Agenturen und Presseorgane über einen Verkehrszwischenfall am 31. Dezember in Klosterfelde« zurück.

Doch es war nur ein halbes Dementi. ADN räumte ein, daß es zur fraglichen Zeit in Klosterfelde »zu einer schweren Verkehrsgefährdung durch den Fahrer eines Pkw vom Typ Lada gekommen« sei.

Der Mann habe 2,5 Promille Alkohol im Blut gehabt. Als eine Streife der Volkspolizei versuchte, den »Volltrunkenen« zu stoppen, habe der Lada-Chauffeur zunächst Fahrerflucht begangen, dann, nachdem Polizisten ihn gestellt hätten, einen Beamten schwer verletzt und anschließend Selbstmord begangen.

Bubs Attentats-Bericht im »Stern«, der am Donnerstag, aufgemotzt als Titelgeschichte, auf den Markt kam, hielt freilich nicht, was die Illustrierte vorab versprochen hatte. Unklar bleiben zwei zentrale Punkte: ob der Ofensetzer Paul Eßling überhaupt auf Honecker schießen wollte - und ob er, selbst wenn er gewollt hätte, auch gekonnt hätte. Die Beweise des »Stern« enthalten mehr Spekulationen als Fakten.

Nach Bubs Erzählung war Eßling zuvor bei seiner Freundin Sieglinde Strietzel in Wandlitz, um sie zur gemeinsamen Silvesterfeier abzuholen. Doch die Frau ließ ihn abblitzen. Bub: »Erst vor wenigen Tagen hatte sie nach immer neuen Streitereien mit Eßling Schluß gemacht.«

Eßling setzte sich, laut Bub, daraufhin in seinen Lada und raste in Richtung Klosterfelde davon, wo er bald auf das Ende des Honecker-Konvois stieß.

»In diesem Moment«, folgert »Stern«-Bub, »muß den Ofensetzer aus Klosterfelde die kalte Wut gepackt haben.« Sein einziger Beleg: Eßling habe nach Aussagen von Bekannten häufig »unbeherrscht auf Honecker und die SED-Regierung geschimpft. Wenn er nur könnte, wollte er es denen schon zeigen« - ein Indiz, an dem gemessen es in der notorisch unzufriedenen DDR-Bevölkerung von potentiellen Attentätern nur so wimmeln müßte.

Der »Stern« weiß noch mehr. Zwar saß Eßling nach Bubs Schilderung allein im Auto, doch der Leser ist live dabei: »Ohne den Fuß vom Gaspedal zu nehmen, holt er seinen Revolver aus dem Handschuhfach und entsichert ihn.«

Ob Eßling es Honecker tatsächlich zeigen wollte oder ob der Amok-Fahrer aus privatem Kummer einfach durchdrehte und, als er gestoppt wurde, den ersten besten anschoß, bevor er sich selbst umbrachte, oder ob er in einer Kurzschlußhandlung in jedem Fall Selbstmord begehen wollte - das wußte in Wahrheit Eßling allein.

In der SED zirkuliert noch eine andere Version: Danach tötete Eßling möglicherweise sich nicht selbst, sondern wurde von Sicherheitsbeamten erschossen; S.84 unsinnig ist in jedem Fall die »Stern«-Behauptung, der Staatsratsvorsitzende sei »nur knapp einem Attentat entkommen«.

Zwar saß Honecker nach Informationen des SPIEGEL tatsächlich in seinem Dienstwagen, als Eßling auf den Konvoi stieß. Doch eine Chance, den SED-Chef zu treffen, hatte Eßling kaum: Auch die Limousinen der DDR-Prominenz sind gepanzert, eine simple Pistolenkugel macht da allenfalls eine Schramme. Und: In der Kolonne fuhren aus Sicherheitsgründen, wie üblich, zwei Citroen, um möglichen Attentätern ihr Vorhaben zu erschweren.

Merkwürdig an der »Stern«-Geschichte bleibt ein anderer Umstand. Nach Angaben Bubs hat die Stasi Verwandte und Bekannte Eßlings verpflichtet, über den Vorfall von Klosterfelde zu schweigen - eine Drohung, die auf normale DDR-Bürger in aller Regel ihre Wirkung nicht verfehlt.

Der »Stern«-Mann aber befragte ungehindert nicht nur Bekannte des Ofensetzers und Anwohner der Fernstraße 109, sondern auch Eßlings Ex-Frau. Und alle gaben ihm offenbar bereitwillig Auskunft. Bub verschaffte sich sogar Bilder von Eßling sowie von Sieglinde Strietzel und der Familie Eßling.

Wie konnte er, unter den Augen der Stasi, so intensiv und ohne aufzufallen recherchieren?

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