Zur Ausgabe
Artikel 14 / 39
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

TROTIN Nur erstklassige Farben

aus DER SPIEGEL 43/1957

Ende dieses Monats wird der Münchner Kunsthändler Dr. Hans Fetscherin die Wände seines Geschäfts im Zentrum der bayerischen Metropole mit Werken eines Malers schmücken, dessen Signatur - Hector Trotin - in Deutschland noch unbekannt ist. Nicht einmal in Paris, der Heimatstadt Trotins, kennen die Kunstkritiker seinen Namen. Trotzdem glaubt der marktkundige Fetscherin, daß es ihm gelingen werde, den namenlosen Pariser Maler durch eine Ausstellung mit einem Schlage berühmt zu machen und mithin den Wert seiner Gemälde zu steigern.

Die Unternehmung des Münchner Kunsthändlers ist insofern ungewöhnlich, als mit dieser Aktion ein Künstler außerhalb seines Landes und gegen seinen Willen »gemacht« werden soll. Während normalerweise Kunsthändler und Maler sich darüber beraten, wie der Künstler am besten zu lancieren sei, zeigte Trotin an der geplanten Ausstellung keinerlei Interesse. Er weigerte sich nicht nur, seine Bilder kostenlos zur Verfügung zu stellen, er lehnte es sogar ab, den Münchner Kunsthändler beim Verkauf in irgendeiner Weise zu bevorzugen.

So bedurfte es jahrelanger, intensiver Bemühungen Fetscherins, bis er genügend Trotin-Bilder beisammen hatte, um seinen Plan zu verwirklichen. Das Oeuvre des französischen Malers ist nämlich in alle Welt verstreut; viele Bilder hängen in den Wohnungen andenkenhungriger Amerikaner und Engländer, die Trotins auf Sperrholz gepinselte Wiedergaben des Eiffelturms, des Arc de Triomphe oder der Notre-Dame-Kathedrale als Souvenir bei Montmartre-Trödlern erstanden.

Trotins Gemälde haben aber nicht nur Andenkenwert. Berühmte Kirchen und Baudenkmäler dienen dem Maler lediglich als Staffage für Szenen aus dem Pariser Alltagsleben: In purem Sonntagsmaler-Stil* gruppiert Hector Trotin Männlein und Weiblein um festlich gedeckte Tafeln; er läßt sie Jahrmarktausrufer bewundern oder auch in den Straßen umherflanieren. Der unbekümmerte Gebrauch kräftiger Farben soll dazu beitragen, daß die naiv gesehenen Motive bei dem Betrachter eine Regung echter Fröhlichkeit bewirken.

Solche heiter stimmenden Bilder mit Szenerien, die dem Touristen aus eigener Anschauung vertraut sind, blieben denn auch nie lange in den Auslagen der Pariser Trödler liegen, zumal ihre Preise jahrzehntelang den Gegenwert von 40 Mark nicht überstiegen.

Mehrere hundert Trotins zierten bereits die guten Stuben gelegentlicher Frankreich-Besucher, als der früher in Berlin und jetzt in der Schweiz lebende Maler-Professor Heinz Poreb im Jahre 1953 vor dem Fenster eines Trödlers in Saint-Germain-des-Pres gefesselt stehenblieb. Poreb erfaßte mit Kennerblick: Die bunte Naivität der Tafeln in der Auslage verriet unverkennbar künstlerische Kraft. Der Hersteller hielt sich fern von der Manier des Urgroßvaters aller Sonntagsmaler, Henri Rousseau, dessen Nachahmer in Halbtönen und Halbschatten schwelgen und menschliche Gestalten nie als Hauptthema, sondern nur als Beiwerk ihrer Kompositionen verwenden.

Näheres über Trotin zu erfahren, war dem Maler-Professor Poreb allerdings unmöglich. Er reiste wieder ab, ohne Trotin gesprochen zu haben, erzählte aber bei seinem nächsten Besuch in München dem befreundeten Kunsthändler Fetscherin, er habe einen Naiven mit ganz erstaunlichen Fähigkeiten entdeckt. Die offenkundige Begeisterung des Maler-Professors veranlaßte Fetscherin, unverzüglich nach Paris aufzubrechen.

In dem winzigen Trödlerladen des Fernand Guionnet in der Rue de l'Echaude erwarb der Münchner Kunsthändler zunächst die vier Trotins, die gerade feilgeboten wurden, und erkundigte sich dann vorsichtig nach dem Maler. Das Ergebnis war mager. Guionnet erklärte, er kenne Trotin schon seit 30 Jahren. »Aber ich habe keine Ahnung, wo er wohnt. Er gibt mir nie seine Adresse, damit ich nicht in Versuchung komme, jemanden zu ihm zu schicken.«

Guionnet erläuterte auch bereitwillig, warum solche Versuchungen an ihn herantreten: »Es vergeht keine Woche, ohne daß sich ein Kunsthändler oder ein Journalist für Trotin interessiert. Aber er will keinen Menschen sehen. Er will keine Geschäfte machen, obwohl wir beide schon reich sein könnten.«

Drei Bilder je Woche

In der Tat gehört Trotin jener Kategorie von Künstlern an, die eine beharrliche Abneigung vor Geldgeschäften hegen. Diese Eigenschaft kostete ihn vor 30 Jahren den vom Vater ererbten Antiquitätenladen. Der junge Trotin hatte sich geweigert, einen Beruf zu erlernen; nach dem Tode seines Vaters brachte er das geerbte Vermögen mit bemerkenswerter Schnelligkeit durch. Er verkaufte den Laden und begann mit fröhlichen Gelagen einen Lebenswandel, der das Entstehen einer Leberzirrhose begünstigte.

Als ein akuter Mangel an Finanzen sein sorgenloses Dasein jäh beendete, besann sich Bohemien Trotin auf sein zeichnerisches Talent. Er kolorierte alte Landkarten, fabrizierte ehrwürdig aussehende Firmenschilder für frischgegründete Unternehmen, die damit Gediegenheit und Respektabilität vorgeben wollten, und schuf »echte« Zeichnungen aus der Zeit um 1830. Sie fanden - hauptsächlich wegen der darauf abgebildeten Luftballons - stets ihre Liebhaber.

Keinen Absatz erzielten jedoch Trotin -Werke mit den lenkbaren Luftschiffen des Brasilianers Alberto Santos-Dumont, dessen erste Flüge über dem Pariser Vorort Levallois-Perret der Knabe Hector voll Spannung beobachtet hatte. Die abenteuerlichen Ungetüme über der Stadt Paris machten auf Trotin einen starken Eindruck: Immer wieder malte er sie in einem leuchtend blauen Himmel über dem Paris seiner Kindheit, ohne daß er allerdings einen Käufer für diese Bilder gefunden hätte.

Erst als er einige seiner bunten Tafeln in einem Anfall von verzweifelter Tollkühnheit Kunsthändlern vorlegte, stieß er auf Interesse. Von einem Vorschuß oder einer Anzahlung wollte aber keiner etwas wissen; nach einem ungeschriebenen Gesetz dieser Zunft in Paris sollen unbekannte Maler durch solche Vorleistungen nicht verwöhnt werden.

In Kommission wollte der geldbedürftige Trotin seine Bilder jedoch nicht geben. So stieg er von den Kunsthändlern zu den Trödlern hinunter und landete schließlich bei Guionnet in Saint-Germain des-Pres. Erinnert sich Guionnet: »Das Zeug sah ganz nett aus, und ich nahm ihm ein Bildchen ab, weil ich ihm ansah, daß er dringend ein paar Francs brauchte. Eine halbe Stunde später hatte ich es schon verkauft.«

Als Trotin drei Wochen später mit fünf neuen Tafeln bei Guionnet vorsprach, erwarb sie der Kunsthändler ohne Bedenken. In der Zwischenzeit hatten sich nämlich mehrere Freunde des ersten Käufers bei ihm gemeldet, die ebenfalls eines der lustigen Pariser Bilder mit dem Luftschiff erstehen wollten. Auf diese Weise kam eine Geschäftsverbindung zustande, die nun schon dreißig Jahre dauert.

Guionnet: »Im Verlaufe dieser Zeit wurde Trotin auch von zahlreichen Kunsthändlern entdeckt. Sie alle wollten ihn kennenlernen, und ich konnte ihnen immer nur erzählen, ich wüßte seine Adresse nicht. In einigen Fällen wurden mir Beteiligungen angeboten, falls ich vermitteln könnte. Aber jedes Mal, wenn ich Trotin zu einem Rendezvous mit einem dieser Händler veranlaßt hatte, machte er mir hinterher einen gewaltigen Krach.«

Die Vorschläge der Kunsthändler liefen durchweg auf das gleiche hinaus: Trotin sollte eine große Ausstellung seiner Werke vorbereiten, da ein unbekannter Maler nur auf diese Weise lanciert werden könne. Trotin aber lehnte ab, obwohl mehrere der Händler sich bereit erklärten, nicht nur die erforderliche Raummiete aufzubringen, sondern sogar noch eine Anzahlung auf die Bilder zu leisten.

Trotin begründete sein Desinteresse an Ruhm und Reichtum mit der Feststellung: »Ich muß wöchentlich drei Bilder veräußern, um leben zu können, und mehr verfertige ich nicht.« Drei Bilder je Woche sind offensichtlich auch das Maximum an Arbeit, das Trotin zu leisten imstande ist, denn die Leberzirrhose macht dem heute 63jährigen zu schaffen Sie hat ihn, wie er selbst sagt, zu einem »286 Pfund schweren Ungetüm« aufschwemmen lassen. Trotin leidet außerdem an Schmerzen im rechten Schultergelenk, die das Führen des Pinsels zeitweise zur Qual machen.

Der Münchner Kunsthändler Dr. Hans Fetscherin hatte zunächst keine Gelegenheit gehabt, Trotin kennenzulernen. Er mußte sich noch mehrere Jahre lang gedulden. Jedesmal, wenn der Kunsthändler in Paris war, ging er zu dem Trödler und kaufte auf, was er an Bildern des Sonntagsmalers vorfand. Guionnet ließ sich zwar nicht dazu bewegen, seine Trotins für den Münchener zu reservieren, führte aber schließlich doch eine Zusammenkunft herbei. Auf dieser Zusammenkunft tat Fetscherin kund, er wolle in München eine Trotin-Ausstellung veranstalten.

Der Maler zeigte sich von dieser Eröffnung kaum beeindruckt: Wer seine Bilder erwerbe, so erklärte er, interessiere ihn nicht. Wenn Fetscherin eine Ausstellung sinnvoll finde - er, Trotin, könne ihn daran nicht hindern. Beitragen werde er zu dieser Unternehmung nichts; was er herstelle, gehe an Guionnet, und der brauche nicht auf Käufer zu warten.

Dem vom Plan einer Trotin-Ausstellung besessenen Fetscherin blieb nichts übrig, als Guionnet regelmäßig aufzusuchen, in der Hoffnung, Trotin etwas zugänglicher vorzufinden. Während einer Mal-Pause, die Trotin wegen seiner Schulterschmerzen einlegen mußte, gelang es Fetscherin endlich, ihn zur Ausführung eines Auftrags zu überreden. Er brauche noch ein großes Bild, das Mittelpunkt der Ausstellung werden solle; es müsse mindestens einen Quadratmeter Fläche haben. Trotin, dessen Formate sich bis dahin in Ordnungen von etwa 40 x 30 Zentimeter bewegt hatten, sagte im Hinblick auf seine Schulden bei einem Heilkünstler zu.

Das bestellte Gemälde ist jetzt bei Fetscherin in München eingetroffen. Zusammen mit zwei Dutzend im Laufe der Jahre mühsam zusammengekauften Trotin-Bildern will der Kunsthändler es nun der Öffentlichkeit präsentieren.

Inzwischen hat ihm Trotin unter lebhaften Beteuerungen mitgeteilt, er verwende nur erstklassige Farben, und die seien um zehn Prozent teurer geworden. Er sehe sich deswegen leider gezwungen, den ursprünglich ausgemachten Preis für die große Tafel ebenfalls um zehn Prozent hinaufzusetzen.

Der Kunsthändler Fetscherin hatte gegen diesen mäßigen Aufschlag nichts einzuwenden. Wenn seine Ausstellung dem unbekannten Sonntagsmaler zu Ruhm verhilft - und daran zweifelt der Kunsthändler keinen Augenblick -, ist er ein reicher Mann.

* Bilder der ersten fünf Sonntagsmaler, die Weltruhm erlangten, hatte der deutsche Sammler und Kunstkritiker Wilhelm Uhde 1928 in Paris gemeinsam ausgestellt: Bilder des Zöllners Rousseau, des Postbeamten Vivin, des Gärtners Bauchant, des Straßenarbeiters Bombois und der Putzfrau Seraphine Louis. In den letzten Jahren hat vor allem die amerikanische Sonntagsmalerin Grandma Moses, eine Farmersfrau, von sich reden gemacht.

Pariser Szenerie von Trotin: Entdeckung im Trödlerladen

Trödler Guionnet, Maler Trotin: Ein Unbekannter wird lanciert

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 14 / 39
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.