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DDR / HEINRICH MANN Nur im Osten

aus DER SPIEGEL 6/1971

SED-Chef Walter Ulbricht riet zu einem Präventivschlag und berief -- in Sorge, Westdeutschlands Bourgeoisie könnte Ostdeutschlands Kommunisten den Rang ablaufen -- das Festkomitee schon zwei Monate vor dem Fest: Die DDR, »Hort des Schöpfertums, der Kultur und Kunst« (SED-Slogan), rüstet zu einem gesamtdeutschen Dichter-Jubiläum -- zur Feier des hundertsten Geburtstages von Heinrich Mann am 27. März. »Wir würden«, warnte der SED-Chef, »die Verfechter dieser Tradition

des deutschen Imperialismus ... sträflich unterschätzen, wenn wir uns nicht auch darauf vorbereiteten, ihre mit Sicherheit zu erwartenden Versuche, Heinrich Mann für ihren Alleinvertretungsanspruch zu mißbrauchen und ihn im antikommunistischen Sinne zu verfälschen, offensiv zu zerschlagen.«

Um zu verhindern, daß »antihumanistische Geschichtsklitterer und Verbreiter ihrer amerikanisierten Unkultur« (Ulbricht) Werke und Bekenntnisse des kritischen Realisten fehlinterpretieren, und um zugleich Heinrich Manns »beispielhaften Übergang vom bürgerlichen zum sozialistischen Humanismus für unsere gesellschaftliche Praxis produktiv (zu) machen« (Ulbricht), verständigte sich das Heinrich-Mann-Komitee -- Präsident: SED-Chef Ulbricht -- auf ein umfangreiches Aktionsprogramm.

Das 65köpfige Gremium bereitet für Ende März eine internationale Mann-Konferenz, eine Ausstellung und schließlich auch einen Festakt in der Ost-Berliner Staatsoper vor. Als Festredner gewannen die Planer ihren Präsidenten, den SED-Chef. Wer sich im Westen von einem zwischendeutschen Streit um das Mann-Erbe Profit versprechen sollte, ließ Walter Ulbricht freilich offen. Bislang bereitet in der Bundesrepublik allein die Lübecker »Thomas-Mann-Gesellschaft« ein Heinrich-Mann-Symposion vor.

Politischer Gewinn wäre von derlei Bemühungen wohl auch kaum zu erwarten. Denn der vor 1933 populäre Romancier, Novellist und Essayist ist durchschnittlichen westdeutschen Literatur-Konsumenten heute allenfalls noch als Autor des »Professor Unrat« und des »Untertan«, gemeinhin aber

* Mit Komitee-Vorsitzendem Walter Ulbricht (hinten, 2. v. l.).

nur als Thomas Manns Bruder bekannt, und eine Heinrich-Mann-Ausgabe erst 1958 vom Claassenverlag begonnen, fand mithin nur wenige Interessenten.

In der DDR dagegen erzielten seine Bücher hohe Auflagen, sie gehören, wie etwa sein Spätwerk, der »Henri Quatre«, seit nahezu zwanzig Jahren zum Deutsch-Pensum der Schulen, und schon 1949 schrieb Heinrich Mann einem Freund: »Wollen Sie gelesen werden -- das geht nur im Osten,«

Und in den Osten Deutschlands, in die gerade gegründete DDR, wollte er 1950 nach 17jährigem Exil -- von der DDR-Akademie der Künste bereits zum Präsidenten erwählt -- auch zurückkehren. Doch er starb wenige Tage vor dem Reise-Termin In Santa Monica in Kalifornien. In Ost-Berlin wurde er beerdigt,

Daß dieser Plan zur Rückkehr nicht allein aus der Verbitterung des Lübecker Patrizier-Sohnes Ober das geringe Interesse westdeutscher Verleger an seinen Büchern resultierte -- Heinrich Mann: »Dem Westen wird keine Gelegenheit, einen aus dem Verkehr entfernten Autor wieder kennenzulernen. Er will es auch gar nicht« -, verdeutlicht seine politische Biographie. Denn stärker als Bruder Thomas hatte sich Heinrich Mann in der Emigration mit Kommunisten wie Sozialisten verbunden, 1936 war er schließlich in Paris vom sozialistischen Emigranten-»Ausschuß zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront« zum Präsidenten gewählt worden.

Dort traf er auf den heutigen Präsidenten des Ost-Berliner Heinrich-Mann-Komitees, auf Walter Ulbricht, den seine Partei beauftragt hatte, die Volksfront auf KPD-Kurs zu bringen und der deshalb -- so Mann -- »eine eigene Volksfront, die ihm unterstehen solle, ins Werk setzen« wollte. Der Literat verärgert: »Ich bin daher gegen eine Zusammenberufung des Gesamtausschusses, solange U. als Hauptvertreter oder auch nur als Vertreter seiner Partei dort erscheinen darf ...«

Manns Unbehagen an Ulbricht galt jedoch nicht allein der Taktik des Parteifunktionärs, Per Feingeist, dessen Sympathien nach dem Urteil des SPD-Führers Rudolf Breitscheid auch nach seinen Zusammenstößen mit Ulbricht »weit mehr nach der kommunistischen Seite als nach der unsrigen« gingen, stieß sich. zudem an der Dialektik des Berufsrevolutionärs. Heinrich Mann: »Sehen Sie, ich Wann mich nicht mit einem Mann an einen Tisch setzen, der plötzlich behauptet, der Tisch, an dem wir sitzen, sei kein Tisch, sondern ein Ententeich, und der mich zwingen will, dem zuzustimmen,«

Walter Ulbricht dagegen erinnerte sich -- 33 Jahre später -- nur an harmonische Stunden: »Wir, die wir das Glück hatten, mit Heinrich Mann zusammenzuarbeiten, wissen seine edle Gesinnung, seine tiefe Überzeugung vom endlichen Sieg des Antiimperialismus, der Demokratie und des Sozialismus, hoch zu schätzen ... Heinrich Mann ist unser!«

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